Gliederung
I P r o l o g 2
II Was ist Aphasie 3
III Linguistische Merkmale der Sprachstörung 5
IV Aphasietypen 7
V Agrammatismus und Paragrammatismus 11
VI Das sprachliche Zeichen bei Aphasie 14
VII Wörter im Kopf die Struktur des mentalen Lexikon 16
VIII Semantische Störungen 19
I X F a z i t 2 1
X L i t e r a t u r 2 2
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I. Prolog
„Wörter (sind) von größter Wichtigkeit. Jeder braucht sie, und ein normaler Mensch begegnet im Laufe eines normalen Tages Tausenden von ihnen. Ohne sie wären wir verloren“ (Aitchison 1997, S. 3). Menschen, die jedoch einen Schlaganfall o.ä. erlitten haben, können uns vor Augen führen, was es bedeutet, einfachste Wörter nicht mehr benennen zu können.
In dieser Hausarbeit soll die Sprachstörung Aphasie den Gegenstand der Untersuchung bilden. Nach einer allgemeinen Beschreibung des Phänomens mit seinen Ursachen und Merkmalen, befasst sich das nachfolgende Kapitel mit den Auswirkungen von Aphasie, d.h. wie sich die Sprachstörung auf den linguistischen Ebenen bemerkbar macht. Im vierten Kapitel werden darauf aufbauend die verschiedenen Typen von Aphasie dargestellt. Die Phänomene Agrammatismus und Paragrammatismus, die dabei auftreten können, sollen anschließend mit Beispielen beschrieben werden. Um die Sprachdefizite jedoch noch besser zum Ausdruck zu bringen und zu erklären, befasst sich das darauffolgende Kapitel mit dem sprachlichen Zeichen bzw. mit der Beziehung von signifié und signifiant bei Aphasikern.
Den letzten Teil der Hausarbeit bildet speziell die aphasische Störung auf semantischer Ebene, welche vor dem Hintergrund des mentalen Lexikons dargestellt werden soll. Mit Hilfe von Sprachfehlern kann somit u. a. deutlich gemacht werden, wie Wörter in unserem Kopf gespeichert werden. Denn die „Aphasiologieforschung geht davon aus, daß die Analyse des geschädigten kognitiven Systems Einblick in die Struktur des normalen Systems geben kann, da die aphasischen Störungen relevante Schnittstellen des komplexen Sprachsystems freilegen.“ (Schwarz 1996, S. 71) Demzufolge „leistet die Neurolinguistik einen wichtigen Beitrag für die Erforschung der modularen Organisation unserer sprachlichen Fähigkeiten und hilft bei der Charakterisierung der Prozesse, denen tatsächliche Sprachverarbeitung folgt. (Zeh 1988, S. 148)
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Die Bezeichnung Aphasie wurde ursprünglich aus dem Griechischen abgeleitet, und setzt sich aus der Vorsilbe ’a-’ für ’fehlend’ und ’-phasiz’ für ’Sprache’ zusammen. „Die wörtliche Übersetzung ’fehlende Sprache’ ist jedoch irreführend: Ebenso wie „Anämie“ keinen völligen Blutverlust, sondern eine Blutarmut bezeichnet, bedeutet „Aphasie“ in der Regel keinen kompletten Sprachverlust.“ (Schöler 2002, S. 6) Es ist vielmehr eine ’Sprachstörung’, d.h. es fehlt einem Aphasiker nicht die Sprache, sondern es kann zu einer Störung der vier Sprachmodalitäten - Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben - kommen.
„Ursache solch einer Schädigung ist in vielen Fällen ein Schlaganfall (80%). Andere mögliche Ursachen sind Hirnblutungen, Hirntumore, entzündliche Prozesse oder Schädel-Hirn-Verletzungen (etwa nach einem Unfall).“ (Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V.) Meistens handelt es sich dabei um eine Verletzung (Läsion) der linken Großhirnhälfte. „Entgegen den Erkenntnissen aus Studien mit sprachgestörten Patienten zeigen die Untersuchungen, dass auch die entsprechenden Areale der rechten Hirnhälfte stets mit aktiviert werden - wenn auch schwächer. Das Gehirn bringt seine rechte Hemisphäre offenbar ins Spiel, um (z.B.) die Prosodie ("Sprachmelodie") zu verarbeiten.“ (Friederici – Max Planck Institut) In diesem Zusammenhang erwähnt auch Schwarz: „Offensichtlich sind die beiden Gehirnhälften auf bestimmte Funktionen spezialisiert. Bei den Menschen, die Rechtshänder sind, steuert die linke Hemisphäre alle wesentlichen Aspekte des Sprachvermögens, während die rechte Hemisphäre nicht-sprachliche Leistungen (z.B. das Erkennen von bildlich-räumlichen Beziehungen) determiniert.“ (Schwarz 1996, S. 65) Da bei Aphasikern die Ursache gut zu lokalisieren ist und daraus ableitend bei ihnen nur das neuronale Fundament der sprachlichen Kompetenz betroffen ist, unterscheiden sie sich beträchtlich von anderen Sprachstörungen wie z.B. das Stottern, welches man nicht lokalisieren kann und das somit als psychisch bedingt gilt. (Vgl. Linke, Nussbaumer, Portmann 1996 S. 337) „Je nach Ausmaß und Lokalisation der Schädigung tritt die Sprachstörung Aphasie in unterschiedlichen Arten und Schweregraden auf.“ (Bundesverband für Aphasie) In Anbetracht des Denkens bei Sprachstörung gibt es überwiegend die Auffassung,
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dass das Wissen unbeeinflusst von diesem Defekt ist. Denn laut Schöler spricht die „häufige Erfahrung, dass sich sprachgestörte Patienten in vielen Situationen adäquat verhalten, (…) dagegen, Aphasien als Folge einer Denkstörung zu interpretieren. Zwar ist es richtig, dass jede Hirnschädigung zu einer Minderung des Intelligenzquotienten führt (Huber et al. 1997), Patienten mit einer Aphasie können jedoch durchaus neue Dinge lernen und sich an Vergangenes erinnern. Wenn diese Leistungen als Teile einer erhaltenen Intelligenz definiert werden, dann ist eine Gleichsetzung von Aphasie und Denkstörung nicht möglich.“ (Schöler 2002, S. 8) Auch Lutz erwähnt: „Falsche Wortwahl, falscher, sogar unsinniger Inhalt der Sätze dürfen bei Aphasie nicht als Störung des Wissens oder des Verstandes angesehen werden, sondern zeigen eine Entgleisung bzw. Hemmung der Sprachprozesse an. (Lutz 1992: 81)“ (Lindner 1994, S. 26) Deutlicher wird dies vielleicht noch in einem Beispiel von Luria. Dieser beschrieb einen „Fall eines sowjetischen Komponisten, der unter völliger Aphasie litt – also seine Sprache weder aktiv noch passiv benutzen konnte -, aber weiterhin komponierte.“ (Linke, Nussbaumer, Portmann 1996, S. 337) Diese Illustration erklärt man damit: „Offenbar funktioniert unser Hirn nicht als Einheit; verschiedene Aufgaben können unabhängig voneinander bewältigt, verschiedenen Fähigkeiten unabhängig voneinander gestört werden.“ (Ebd.) Aus dieser Erklärung heraus ergibt sich die Annahme, das Sprechen und Denken in zwei voneinander getrennten Hirnregionen lokalisiert sind und ablaufen.
Die Aphasiologie basiert auf der Wissenschaft der Neurolinguistik, der es „um die Erforschung der Beziehungen zwischen Sprache und den relevanten Anteilen des Nervensystems (geht), die der Sprache beziehungsweise Sprachverarbeitung zugrunde liegen.“ (Blanken 1991, S. 1)
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III. Linguistische Merkmale der Sprachstörung
Aphasie kann nicht nur alle Sprachmodalitäten betreffen, sondern sich auch auf allen linguistischen Ebenen bemerkbar machen, d.h. Phonologie, Morphologie, Semantik, Syntax und Pragmatik können von der Sprachstörung betroffen sein. „Alle Abweichungen auf der Wortebene werden als Paraphasie bezeichnet. […] Lautliche Abweichungen nennt man „phonematische Paraphasie“.“ (Kotten 1984, S. 83) Diese phonematischen Paraphasien sind dadurch gekennzeichnet, dass einzelne Laute hinzugefügt (Tinsch statt Tisch), ausgelassen (Bume statt Blume), umgestellt (Türgel statt Gürtel) oder ersetzt werden (Bosen statt Besen). (Vgl. Schöler 2002, S. 7) Es kann aber auch vorkommen, dass mehrere Fehler in einem Wort auftreten, sodass das eigentlich gemeinte Wort nicht mehr erkennbar ist. „Wenn die lautliche Abweichung von einem Zielwort so groß ist, daß keine Beziehung mehr zwischen Zielwort und Abweichung zu erkennen ist, spricht man von „phonematischem“ Neologismus.“ (Kotten 1984, S. 83) Auf der Ebene der Morphologie lassen sich Störungen an falschen oder fehlenden Deklinations- oder Konjugationsendungen erkennen, wie z.B. „Ich weiß nicht, was mit mir so plötzlich gewordet ist.“ (Ebd.) Fehler treten aber auch bei Ableitungen auf wie das folgende Beispiel zeigt: „Ich muss noch die Waschung erledigen.“ (Ebd.) Es kann aber auch vorkommen, dass Verben mit falschen Präfixen kombiniert werden wie z.B. „Da konnte ich nicht mehr vom Bett hochstehen.“ (Ebd.) Ist die semantische Ebene gestört, treten beim aphasischen Menschen oft Verwechslungen von assoziativ verwandten (z.B. Sommer statt Winter) oder nicht assoziativ verwandten Wörtern auf (Bäcker statt Specht). (Vgl. Ebd.) Es ist aber auch möglich, dass Wortneuschöpfungen entstehen. Tritt dies ein, fällt es den Mitmenschen oft schwer die Bedeutung des eigentlich gemeinten Wortes herzustellen. Bezüglich der Semantik entstehen aber auch Fehler, die nicht so schwerwiegend sind, wie z.B. die Reduktion von Nomina-Composita. Ein zusammengesetztes Wort wird dann verkürzt genannt „(z.B. „Eisen“ statt „Bügeleisen“)“ (Ebd.) Defizite im Satzbau machen sich durch fehlende oder falsch verwendete Funktionswörter bemerkbar. Syntaktische Störungen sind aber auch an Satzabbrüchen oder Satzverschränkungen bzw. -verschmelzungen erkennbar. Dies
Arbeit zitieren:
M.A. Germanistik, Soziologie, Interkulturelle Kommunikation Nadja Becher, 2004, Sprachstörung Aphasie, München, GRIN Verlag GmbH
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