Inhalt
I. Einleitung S.2
II. Die Bedeutung Ägyptens für die USA und Großbritannien 1952 S.3
III. Von der Amtsübernahme Eisenhowers im Januar 1953 bis zum britisch-ägyptischen
Vertrag über den Suezkanalstützpunkt bis Juli 1954 - die Orientierungsphase S.7
IV. Herbst 1954 bis September 1955: Das Projekt Alpha und der Bagdad-Pakt bis zum
Bekanntwerden des ägyptisch-tschechoslowakischen Waffenhandels S.13
V. September 1955 bis Juli 1956: Die Reaktion auf den Waffenhandel und das Projekt Omega
bis zur Verstaatlichung der Suezkanalgesellschaft S.18
VI. Resümee S.24
VII. Literaturliste S.25
1
I. Einleitung
Die Suezkrise von 1956 ist nach fast 50 Jahren immer noch ein faszinierendes Thema. Die außergewöhnliche Konstellation und die weitreichenden Folgen dieser Krise halten das Interesse an den Vorgängen im Oktober und November 1956 wach.
Am 29.10.1956 griff die israelische Armee Ägypten an, 2 Tage später eröffneten Großbritannien und Frankreich ebenfalls die Feindseligkeiten gegen den Staat am Nil. Die gemeinsame Aktion empörte die Welt. Die USA und die Sowjetunion fanden sich plötzlich in einer ungewollten Kooperation gegen die Aggression wieder. Unter dem Druck der beiden und dem der Weltöffentlichkeit mußten die Aggressoren schließlich einlenken. Die Folgen vor allem für Großbritannien tiefgreifend. Der traditionelle Einfluß im Nahen Osten ging verloren, und die Beziehungen zu den USA, dem wichtigsten Verbündeten, waren zunächst tief gestört. 1
Die Suezkrise ist ausgezeichnet erforscht. Hervorzuheben ist besonders die Darstellung von Keith Kyle "Suez" 2 , aber auch die Arbeiten von W. Scott Lucas "Divided We Stand" 3 , sowie Peter Hahn "The United States, Great Britain and Egypt, 1945-1965" 4 , die teilweise minutiös die Ereignisse erläutern. Im Vordergrund dieser Arbeit soll die Frage nach dem Entstehen des Dissenz zwischen Großbritannien und den USA und die Stufen der Entfremdung zwischen Ägypten auf der einen Seite und Großbritannien und der USA auf der anderen Seite stehen, sowie die Position, die Israel dabei einnahm. Die Krise selbst, die in der Verstaatlichung der Suezkanalgesellschaft durch Nasser am 26.7.1956 ihren Ursprung hatte, steht nicht im Mittelpunkt dieser Arbeit.
Die Arbeit ist gegliedert in einen Überblick über die Interessen der drei Nationen und den Beziehungen untereinander in Teil II., dem Zeitraum der Übernahme der US-Präsidentschaft Dwight D. Eisenhowers im Januar 1953 bis zum britisch-ägyptischen Vertrag über die Suezkanalbasis im Juli 1954, in der eine Orientierung der Parteien stattfand in Teil III. In Teil IV. wird die Zeit von Herbst 1954 bis September 1955 dargestellt, in der die Interessen der drei Staaten sich zunehmend voneinander entfernten. Teil V.
1 Moharram, Mohamed Reda: Die Suezkrise 1956. Gründe-Ereignisse-Konsequenzen. In: Das internationale
Krisenjahr 1956: Polen, Ungarn, Suez. Hrsg.: W. Heinemann/ N. Wiggershaus. Oldenbourg, 1999. S.209/210.
2 Kyle, Keith: Suez. London, 1991.
3 Lucas, W. Scott: Divided We Stand: Britain, the U.S. and the Suez Crisis. London, 1991.
4 Hahn, Peter: The United States, Great Britain and Egypt, 1945-1965. London, 1991.
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behandelt die Phase von Oktober 1955 bis zum Juli 1956, in der sich die Konstellation der Suezkrise abzeichnet. In Teil VI. folgen die Schlußfolgerungen.
Die Planungen und Strategien der Sowjetunion können hier nur angeschnitten werde, ein zusätzliches Eingehen auf Frankreich hätte den Rahmen einer Hausarbeit unter der oben dargelegten Fragestellung gesprengt. Ohnehin ist dies ein äußerst komplexes Thema, das zu einer tieferen Bearbeitung einlädt.
II. Die Bedeutung Ägyptens für die USA und Großbritannien 1952
Die "Freien Offiziere" um Oberst Gamal Abdul Nasser übernahmen am 22.7.52 die Macht in Ägypten. Ein Revolutionsrat unter dem Vorsitz des vorgeschobenem General Neguib bestimmte nun die Politik. 5 Die geographische Lage am Schnittpunkt von Afrika und Asien, der Suez-Kanal und der Stellenwert als führende arabische Nation, ließen jede Machtverschiebung in Ägypten für die im Nahen Osten engagierten USA und Großbritannien von größter Bedeutung sein. Besonders Großbitannien hatte signifikantes Interesse an Ägypten. 80.000 Soldaten waren am Suez-Kanal stationiert, der als "swing-door" 6 des britischen Empires oder als "keystone of the architecture of imperial defence" 7 bezeichnet werden konnte.
Spätestens nach der Unabhängigkeit Indiens, dem Kern des britischen Empires, nahm diese Region in den strategischen Planungen eine immer größere Rolle ein: "It was not longer only a place to go through on the way to somewhere else: now it was a destination of its own right" 8 Die britische Wirtschaft bedurfte des im Nahen Osten geförderten Erdöls. Schon 1955 wurden 62 Millionen metrische Tonnen Erdöl durch den Kanal Richtung Europa transportiert, 1968, so die Vorhersage, sollten es 254 Millionen, 1972 335 Millionen sein. 9
5 Mahr, Horst: Die Rolle Ägyptens in der amerikanischen und sowjetischen Außenpolitik. Baden-Baden, 1993. S.45.
6 Kyle, Keith: Suez. London, 1991. S.8.
7 Takeyh, Ray: The Origins of the Eisenhower Doctrine: The U.S., Britain and Nasser´s Egypt. New York, 2000. S.29.
8 Kyle: S.9.
9 ebd: S.121.
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Die britische Machtstellung in Ägypten beruhte auf einem 1936 geschlossenen Vertrag, in dem sich Großbritannien weitreichende Rechte sichern ließ. Geregelt wurde in dem 20 Jahre gültigen Vertragswerk unter anderem die Präsenz von britischen Streitkräften am Suez-Kanal-Stützpunkt und die Verpflichtungen Ägyptens, im Kriegsfall "sämtliche Transportwege einschließlich Häfen und Flughäfen zur Verfügung zu stellen und weitere Hilfestellungen zu erbringen." 10 Der Vertrag schränkte somit ägyptische Souveränitätsrechte in der Sicherheits- und Außenpolitik weitreichend ein. Die Regierung unter Premierminister Nahas Pasha verkündete am 8.10.1951 die Aufhebung des Vertrags, der einzig legitimen Grundlage der britischen Streitkräftepräsenz auf ägyptischen Boden. 11 Großbritannien zog seine Kräfte jedoch nicht ab, sondern erhöhte sogar das Kontingent auf 120.000 Soldaten; die Reaktion darauf erfolgte in Form eines Guerillakampfes gegen die britische Präsenz. 12
Der Ablösung der korrupten Monarchie König Farouks durch die "Freien Offiziere" stand die Regierung Churchills nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Obwohl die Option bestand, griffen britische Truppen nicht in den ägyptischen Machtkampf ein. 13 Churchill äußerte: "I am not opposed to a policy of giving Neguib a good chance provided he shows himself to be a friend" und "The more I read the news from Egypt the more I like the Neguib programme". 14 London hoffte auf ein tieferes Verständnis der neuen Regierung für die strategischen Problemstellungen des Ost-West-Konflikts und auf die Lösung des britisch-ägyptischen Disputs über die Zukunft des Sudans. 15
10
Borowy, Iris: Diplomatie als Balanceakt: Die Nahostpolitik der Eisenhoweradministration 1953/57 im Schatten der
Suezkrise. Rostock, 1998. S.32.
11 Kyle S.9.
12 Orlow, A.: Die Suezkrise: Ihre Rolle in der sowjetisch-amerikanischen Konfrontation. In: Das international Krisenjahr
1956. Hrsg.: W. Heinemann/ N. Wiggershaus. Oldenbourg, 1999.
13 Sayed-Ahmed, Muhammed Abd el-Wahad: Nasser and American Foreign Policy 1952-1956. London, 1989. S.55.
14 zit. nach: Kyle: S.42.
15 Kyle: S.42.
4
In der Strategie der USA nahm Ägypten eine andere Rolle ein. Der Suez-Kanal als Transportweg besaß für die USA nicht die Bedeutung, die er für den britischen Verbündeten hatte; arabisches Erdöl war für die USA nur von indirektem Interesse. Seitens der US-Ökonomie bestand zu dieser Zeit keine Abhängigkeit von arabischem Erdöl, die Gesundung der europäischen Wirtschaft nach dem 2.Weltkrieg, die vom Erdöl abhing, war jedoch im vitalen Interesse der USA. 16 17
Das Interesse der USA an Ägypten bestand hauptsächlich im Kontext des Ost-West-Konflikts. Der Nahe Osten als Aufmarschgebiet bzw. Angriffsziel in einem Konflikt mit der Sowjetunion war von originärer Bedeutung. Nach dem Scheitern der Verteidigungsorganisation Middle East Command (MEC) durch eine Verweigerung der Teilnahme seitens Ägyptens 1951 stellte der arabische Raum in der Eindämmungsstrategie der USA ein Vakuum östlich der North-Atlantic Treaty Organisation (NATO) dar. 18 Die Hoffnungen, die in MEC gesetzt wurden, waren groß; nicht nur die Eindämmung der Sowjetunion im Süden war von Bedeutung, MEC hätte auch die Beziehungen Großbritanniens zu Ägypten auf eine neue, feste Grundlage gestellt. 19 Der einseitige Vertrag des Empires von 1936 wäre ersetzt worden durch ein Bündnis- und Vertragssystem, das auf Freiwilligkeit beruhte. Die USA sahen diesen ägyptisch-britischen Vertrag mit Besorgnis, da dieser, zunehmenden Widerstand provozierend, die westliche Position in der strategisch bedeutenden Suezregion gefährdete. 20 MEC sollte nicht nur mögliche sowjetische Expansionsbestrebungen eindämmen, sondern auch Stabilität in den Nahen Osten bringen. Eine neue ägyptische Regierung stellte somit eine Möglichkeit dar, diese beiden Leitideen, Eindämmung und Stabilität, zu verwirklichen.
16 Borowy: S.457.
17 Dennoch existierte außerordentliches Interesse seitens der USA am arabischen Öl. Mit dem 1950 zwischen der us-
amerikanischen Gesellschaft Aramco und König Ibn Saud geschlossenen Ölförderungsvertrag, der vor allem politisch
von größter Bedeutung war, (Kyle: S.44.), und dem Engagement in der Ölförderung in u.a. Iran war die US-Ölindustrie
stark engagiert, eine ökonomische Abhängigkeit entstand aber erst in den folgenden Jahren.
18 Hahn, Peter: National Security Concerns in U.S. Policy Toward Egypt, 1949-1956. In: The Middle East and the
United States. Hrsg.: David W. Lesch. Boulder, 1996. S.93.
19 Borowy: S.56.
20 ebd: S.56.
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Seitens des US-Geheimdienstes CIA gab es schon früh Kontakte zu den Putschisten, und womöglich griff die USA zu deren Gunsten in die ägyptische Innenpolitik ein: "the US played a covert role behind the scenes in holding up the IMF`s loan to Egypt and in reducing American investments there." 21 Zwei Tage vor der Machtübernahme der Gruppe um Nasser wurde darüber hinaus der Botschafter der USA in der britischen Botschaft vorstellig, um die offizielle Position der Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes darzulegen. 22 Ein bemerkenswerter Schritt, der die Aufgeschlossenheit der USA gegenüber den Putschisten verdeutlichte. Diese Aufgeschlossenheit kommt auch in einem Memorandum des State Departments vom Dezember zum Ausdruck: " We are convinced that Egypt is the key to the establishment of a Middle East Defence Organisation and to a new relationship between the West and the Arab states. ... General Naguib has shown himself both reasonable and skillful and we believe that he represents our best chance to establish a relationship of confidence between his country and the West. 23
Auch auf Seiten der neuen Regierung Ägyptens sah man die USA als potentiellen Partner, schon kurz nach der Machtübernahme drückte man den Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen aus. 24
21 Sayed-Ahmed, Muhammed Abd el-Wahad: Nasser and American Foreign Policy 1952-1956. London, 1989. S.49.
22 ebd: S.50.
23 zit. nach: Borowy: S.70.
24 Borowy: S. 70
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Arbeit zitieren:
Alexander Lurz, 2002, Der Weg in die Suezkrise - Großbritannien, die USA und Ägypten 1952-56, München, GRIN Verlag GmbH
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