Inhaltsverzeichnis
THEORETISCHE GRUNDLAGEN 4
Einleitung und Problemdarlegung 4
Sozialstruktureller Ansatz 5
Sozialpsychologischer Ansatz 7
Rational Choice Ansatz 8
Schlussfolgerungen 10
WECHSELWAHL 11
Einleitung 11
Der Wechselwähler 12
Die Bundestagswahl 2002 14
Schlussbemerkungen 17
NICHTWAHL 18
Einleitung und Fragestellung 18
Motive der Nichtwahl 18
Generelle Motive und Sozialstrukturen 20
Soziale Partizipation 21
Qualifizierungsgrad und Milieuzugehörigkeit 22
Typen von Nichtwählern 23
Fazit 25
PROTESTWAHL 26
Einleitung 26
Unzufriedenheit 26
Extremwahl 27
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Die Rechtsextremisten 28 Fazit 30 ZUSAMMENFASSUNG 31
Teil 1 - Theoretische Grundlagen 31 Teil 2 - Wechselwahl 33 Teil 3 - Nichtwahl 34 Te il 4 - Protestwahl 35 Ausblick 36 Anhang 37 Literaturliste 45
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THEORETISCHE GRUNDLAGEN
Einleitung und Problemdarlegung
Für den weitaus größten Teil der wahlberechtigten deutschen Staatsbürger ist die konkret getroffene Wahlentscheidung eine Art ultima ratio. Wenn auch meist eine Wahl zwischen mehreren Übeln, so versteht der Wähler es nicht (diskutierend oder sich medial informierend herauszufinden), wie man hätte sich anders entscheiden können. Für Politiker hingege n ist er das unbekannte Wesen; sind doch Wähler einer jeden Partei aus sämtlichen sozialen Gruppen und Schichten stammend; der türkische Bauarbeiter wählt seit eh und je CSU, die BAföG-Empfängerin aus Berlin- Hohenschönhausen ist FDP-Mitglied, der 30jährige Millionenerbe ist Gysi-Sympathisant. Für den professionellen, aber in dieser Hinsicht irritierten Politiker scheint es da nur ein Patentrezept zu geben, um den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren: Der Drang zur Mitte - um die Vorteile des universal gültigen Marktwirtschaftsprinzips (und dieses ist sicherlich wiederum eines der Hauptursachen für die zunehmende Beliebigkeit der Wählerschaften) eines „Geschmacks der Massen“ nutzen zu können. Hat es doch auch politisch seine Rechtfertigung im Gedanken der Demokratie, der Herrschaft der Massen. Für den Politikwissenschaftler ist es jedoch Aufgabe, Muster und Strukturen zu erkennen; Theorien und Modelle zu bilden und zu diskutieren; diese den aktuellen Entwicklungen und Erkenntnissen anzupassen. In der immer noch jungen Disziplin der empirischen Wahlforschung setzte die systematische Untersuchung des Phänomens Wahlentscheidung erst in den 1940er Jahren ein, zudem auch zunächst nur im Mutterland der Demokratie, den Vereinigten Staaten. Gerade in diesem riesigen „melting pot“ aus Menschen verschiedenster geografischer, religiöser sowie sozialer Herkunft waren die Wählergruppen zu einem für heutige Verhältnisse erstaunlichem Maße segmentiert - und zudem, mit Republikanern auf der einen und Demokraten auf der anderen Seite, minimalst parteilich ausdifferenziert. So ist die erste nennenswerte Auswertung von Wählerbefragungen aus dem Jahre 1944 von Lazarsfeld u.a. stark geprägt von einer Theorie der vorrangigen Beeinflussung des Wählers durch die
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Eingebundenheit in seine sozialen Strukturen. Wahlentscheidung und Milieukontext waren getrennt nicht denkbar; die stark vorhandene Parteiidentifikation wurde geschaffen und aufrechterhalten durch die Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen, empirisch nachweisbaren, Gruppen. „A person thinks, politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preference” (Lazarsfeld zitiert nach Bürklin/Klein 1998: 53). Die politische Wissenschaft reagierte auf die Frage nach der fehlenden Berücksichtigung der Wähler-Rationalität in solchen Modellen mit dem Erklärungskonzept des „rational choice“. „Einstweilen wird der sich anbahnende Paradigmenwechsel vom sozialpsychologischen Ansatz […] zum Rational-Choice-Ansatz für vollzogen erklärt […]“ (Shahla 2001: 647). Kann aber ein Erklärungs modell, dass den rational vorgehenden, das heißt nach rein sachlicher Kosten-Nutzen-Optimierung strebenden, souveränen Wähler unterstellt, wirklich einer politischen Willensäußerung zu Grunde liegen? Ist bei solch einer mit sozialem Kontext eng verknüpften Handlung ein Handelnder denkbar, der sich keinem gesellschaftlichen Schicksal unterwirft, keinen sozialen Drang verspürt, sondern stets das für ihn, rational erschließbare, profitabelste zu erwartende Resultat anstrebt? Oder sind die Leitfäden für das Wählerverhalten eher schlicht irrational? Um diese Frage n zu beantworten, sollen in dieser Arbeit die bisherigen Modelle knapp erläutert und verglichen und deren Fähigkeit, Wahlverhalten zu erklären herausgestellt werden.
Sozialstruktureller Ansatz
Das mikrosoziologische „Columbia-School-Modell“, das in der Studie „The People’s Choice“ von Lazarsfeld, Berelson, Gaudet dargelegt ist, geht zurück auf die ältere „Theorie der sozialen Kreise“ von Georg Simmel und Studien von André Siegfried, der analysierte, dass in homogen besiedelten Gebieten soziopolitische Einflüsse sehr stark das Wahlverhalten erklären, während großstädtische Zuzugsgebiete einen Schwund dieser Möglichkeit darstellten. Simmels Theorie, in der eine Wahlverhaltensänderung nur durch Bruch mit dem gewohnten Milieu eines Wählers stattfinden konnte, wurde ergänzt zu der Theorie der „cross pressures“. Nicht mehr konzentrische Kreise von sozialen Gruppen, die als immer
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umfassendere Gruppen kleinere Gruppen mit einschlossen, einander aufbauten, sich nicht gegenseitig ausschlossen, prägten den politischen Kontext; vielmehr konnten politisch widersprechende Zugehörigkeiten (z.B. Katholik und gleichzeitig Gewerkschafter) einem einzigen Wähler zugeschrieben werden. Die Wahlentscheidung war also auch eine Entscheidung für oder gegen gesellschaftliche Gruppen (beziehungsweise deren Erwartungen an das Wahlverhalten), denen man angehörte. Bei diesen Untersuchungen wurde auch der Wechselwähler nicht als besonders abwägender Demokrat, sondern viel eher der Stammwähler als der politisch gebildete Staatsbürger „entdeckt“. Auch sprachen Lazarsfeld u.a. dem Wahlkampf die Fähigkeit ab, den Wähler zum Wechsel der Wahlabsicht zu gewinnen, da die langfristigen politischen Prädispositionen nur ein selektives Wahrnehmen der politischen Argumente zulassen, somit jeder sich nur in seiner, wenn auch schwach oder unbewusst ausgeprägten, Wahlabsicht bestätigt fühlt.
Die Studie „Voting“ von Berelsen, Lazarsfeld u. McPhee aus dem Jahre 1954 beschäftigte sich unter anderem mit diesem Problem, welches Leon Festinger später als „Theorie der kognitiven Dissonanz“ veröffentlichte. Hierin wird das in „Voting“ herausgefundene Phänomen, dass Befragte in Sachfragen zwar konträre politische Lösungsvorstellungen als die von ihnen favorisierte Partei bzw. favorisierten Kandidaten haben, sie jedoch subjektiv beides in Einklang brachten durch objektiv falsche Zuordnungen. Die Studie verfolgte auch das Sozialverhalten bezüglich der Freundeskreisauswahl, wobei festgestellt wurde, dass nach und nach der Freundeskreis zugunsten einer widerspruchsfreien subjektiven Realität aufgebaut wurde. Das Verlangen nach einer sachthemenorientiert erlangten politische n Einstellung wird dem amerikanischen Wähler der 50er Jahre somit nicht zuerkannt.
Makrosoziologisch geprägt sind die Erklärungsversuche von Lipset und Rokkan, sie gehen von einer Vorbestimmung des Wählerverhaltens durch sozialhistorische und politikgeschichtliche Einflüsse aus. Dieses „cleavage-Modell“ erklärt Parteianhängerschaft durch existierende Konfliktlinien innerhalb von Gesellschaften, womit also Organisierungs- und Identitätsmöglichkeiten geschaffen werden. Klassischerweise entstehen solche Konflikte aufgrund von
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Peripherie-Zentrum- und Ideologie-Ökonomie-Gegensätzen. Im modernen Deutschland existieren diese Spannungen konkret vor allem zwischen stark religiös gebundenen (Unionswählern) und schwach bis gar nicht religiös gebundenen Wählerschaften sowie zwischen Arbeiterschaft (SPD-Wähler) und Bürgertum (Union/FDP).
Die „Theorie der Sozialmilieus“ wurde von Lepsius 1966 entwickelt, in der verschiedene Wählertypen herausgearbeitet wurden, die nicht durch die genannten cleavages charakterisierbar sind, sondern durch später entstandene Interessengegensätze. Nach dem „Sozialmilieu-Ansatz besteht somit eine Wechselwirkung zwischen den auf den Konfliktdimensionen definierten sozialstrukturell relevanten Gruppen und den sie vertretenden Parteien. Erstere wählen Parteien, um ihre gruppenspezifischen Interessen, Normen und Werte politisch durchzusetzen; letztere gestalten politische Konflikte aktiv mit, um dadurch bei Wahlen ihre typischen Wählergruppen zu mobilisieren und ihren Stimmenanteil zu maximieren" (Lepsius 1966: 30).
Sozialpsychologischer Ansatz
Während das Columbia-School- Modell aus Regionalstudien entstand, beruhen „The Voter Decides“ (Campbell, Gurin, Miller 1954) und „The American Voter“ (Campbell, Converse, Miller, Stokes 1960), entwickelt an der University of Michigan, auf Stichproben aus den gesamten Vereinigten Staaten. In dem entstandenen sozialpsychologischen Ann-Arbor- oder Michigan-Modell wurde ein „funnel of causality“ eingeführt, der jegliche objektive Realität durch die subjektiven Vergangenheitserfahrungen „destilliert“. Da eine sehr starke wechselseitige Beeinflussung von eben diesen Erfahrungen und dem sozioökonomischen Status des Wählers besteht, kann dieser als Erklärungsvariable wegfallen. Bestimmend für das Wahlverhalten, unter Einfluss des vorausgesetzten Kausalitätstrichters, sind demnach „party identification“, „candidate partisanship“ und „issue partisanship“; je mehr diese drei Größen kongruieren, desto sicherer ist die Wahlentscheidung. In „The American Voter“ wurden leichte Modifikationen des Modells vorgenommen, dergestalt, dass die „party identificatio n“ als langfristige Einflussgröße auf die beiden anderen Größen, ähnlich der politischen
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Prädisposition Lazarsfelds, aufgefasst wurde und dass weitere ausdifferenzierte Einflussfaktoren hinzugefügt wurden. Kritiker entwickelten jedoch schon bald ein nicht-rekursives Modell, da die qualitativ und quantitativ unzureichenden, sowie nur monokausal ausgerichteten Einflusszusammenhänge nicht die in der Realität wirkenden Kräfte angemessen darstellten.
Es wurden unter anderem von Jackson und Converse in den 1970er Jahren Modelle entwickelt, die die Parteiidentifikation zwar weiterhin als stabile Größe die Issue- und Kandidatenwahrnehmung einfärben lassen, jedoch den Wähler mehr und mehr als kandidaten- und sachthemenabwägenden Entscheider darstellen. Rational-Choice-Ansatz
Nötig wurde eine stärkere Berücksichtigung dieses Aspekts durch das in den Mittelpunkt rückende Phänomens des Dealignment und Realignment - dem kurzfristigen Lösen von und Zurückfinden zu bestimmten Wahlabsichten. In dem Rational-Choice-Ansatz ist der Wähler am wenigsten vorbestimmt von langfristigen Prägungen, wie seinem (gesellschaftlich vorgegebenen oder individual-psychologisch angestrebten) Lebensumfeld oder seine organisatorische Eingebundenheit. Bereits in den 1950er Jahren entwickelte Antho ny Downs das rationalistische Modell, dass - ursprünglich aus den Wirtschaftswissenschaften stammend - stärker Rücksicht auf die subjektiven Entscheidungsfähigkeiten des Wählers nahm. „Public Choice can be defined as the economic study of nonmarket decision making, or simply the application of economics to political science“ (Mueller 1989, zit. nach Thurner). Bei der Sachabwägung wird unterschieden einerseits zwischen Valenzissues; Grundanforderungen der Gesellschaft, die jedoch unterschiedlich stark durch die einzelnen Parteien umgesetzt werden können, und andererseits Positionsissues; Themen, bei denen die Wähler gegensätzlicher Meinung sein können. Bei ersteren ist es relativ schwierig für den rationalen Entscheider, herauszufinden, welche Partei am ehesten zu seinem Vorteil Politik gestalten wird; hier sind häufig doch langfristige Beobachtungen und dadurch entstehende Ideologien ausschlaggebend. Bei den Positionsissues kann er jedoch die Tagespolitik sowie Parteiprogramme nutzen. Generell ist die Informationsbeschaffung in den Mittelpunkt der Diskussion um den rationalen
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Ansatz gerückt. Denn hieraus erwächst das Problem der Kosten, die ja ein rational entscheidender Akteur zu minimieren versucht. Da der Wahlakt mehr Kosten verursacht als ein eventueller Nutzen zu erwarten ist, führt sich der engere Rational-Choice-Ansatz in dieser Frage ad absurdum, denn das zu erklärende Verhalten dürfte eigentlich gar nicht stattfinden. Um dieses Problem aufzulösen, wurde von Downs selbst unterstellt, dass die Wähler der langfristige Nutzen, in einer Demokratie zu leben, zur Urne treibtsicherlich nicht zufriedenstellend, wenn man doch die „free rider“-Problematik damit nicht geklärt hat. Auch andere darauf folgende Erklärungsansätze können hier keine Ergebnisse liefern; Beispiel ist die Einführung einer „civic duty“, die zur Theorie des expressiven Wählens führt. Die Schlussfolgerung, dass die Wähler „wählen weil sie es wollen […] verlagert das theoretische Problem aber nur einen Schritt zurück auf die Frage „Warum wollen die Wähler wählen?“ (Bürklin/Klein 1998: 128)
Interessant in dieser Debatte sind auch die Überlegungen von Brennan und Lomasky, die das Konzept des rationalen Wählers dergestalt angreifen, dass sie die Eigennutzenmaximierung des Wählers stark relativieren. Wenn nämlich der Wert der einzelnen Stimme unter Millionen von anderen praktisch nicht existiert, ist es auch unstimmig anzunehmen, dass sich der Wähler wirklich nach strikten Marktgesetzen orientiert, die nur Eigennutzenmaximierung zulassen. Viel eher wird er das expressive Wählen dem instrumentellen vorziehen und nach rein moralischen Ansprüchen (die er von seiner gesellschaftlichen Umgebung als von ihm in Handlungen umgesetzt erwartet annimmt) sein Kreuz vergeben. Verglichen werden kann es mit der Erwartung eines Fußballfanclubs von seinem Mitglied, bei Spielen des Vereins enorme Kosten zu tragen, um der Mannschaft zuzujubelngleich, ob diese Mannschaft dadurch höhere Chancen hat, zu gewinnen oder nicht. Kühnel/Fuchs versuchen dem instrumentellen Handeln mehr Gewicht zu verleihen, indem sie es als „Kollektivleistung“ „im Sinne der Beeinflussung der Politik“ (Kühnel/Fuchs 200: 358) darzustellen versuchen. (Fraglich dabei ist, ob das taktische Wählen an sich nicht auch als Expression zu verstehen ist, denn politische Ziele, die in Wahlen ausgedrückt werden, können nie zu voller
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Arbeit zitieren:
Robert Gabel, 2003, Aspekte des Wahlverhaltens in der BRD: Politikverdrossenheit, Protestwahl, Wechselwahl, Nichtwahl, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
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Der Text von der Stellungnahme
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