Inhalt
Einleitung 3
Philosophische Traditionen in Österreich oder Ein Versuch darüber, wie das Ich in die Krise
kam. 5
Die „Geburtsstunde“ der österreichischen Philosophie oder Wie Franz Brentano versuchte das
Ich zu retten. 10
Philosophische Dilemmata im Fin de Siècle oder Wie Ernst Mach das Ich für unrettbar
erkl ärte 15
Zusammenfassung 22
Bibliographie 23
2
Einleitung
Österreichische Philosophie. Das klingt für manche immer noch verdächtig nach philosophiegeschichtlichem Exotentum oder gar nach einer leeren Kategorie. Und lange Zeit war es ja wirklich so, dass die Eigenständigkeit der österreichischen Philosophie nicht wahr-und schon gar nicht ernstgenommen wurde, ehe sich der Begriff im Kielwasser engagierter Studien etablieren konnte. In gewissem Sinne ist vielleicht gerade dieses Vergessen- und Vernachlässigtwerden am österreichischsten an der österreichischen Philosophie und es erging ihr damit kaum besser wie anderen Wissenschaften (und auch Künsten), an die man sich in Österreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie und dann des Faschismus nicht mehr erinnern konnte oder wollte. Die Makel an der Kategorie Österreichische Philosophie schwinden jedoch, seit man sich wieder erinnern kann: Kontur gewann die Philosophie in Österreich zur Zeit der Wie ner Moderne (auch wenn manche Weichen schon früher gestellt wurden) und später durch das Wirken des Wiener Kreises und seines Umfelds, ehe ihre Wirksamkeit am Ursprung durch das Exil verebbte und anderswo (wie im angloamerikanischen und früher schon im osteuropäischen Raum) erst richtig erwachte. Dass die österreichische Philosophie (genau wie jede andere Nationalphilosophie) ein Konstrukt ist und zahllose heterogene Elemente in sich zusammenfasst, ist zwar eine notwendige Annahme, doch sind manche Traditio nslinien und Charakteristika eben unverkennbar. (Die Frage nach Sinn und Unsinn und Abgrenzungen von Nationalphilosophien ist wiederum eine andere.) Beschäftigt man sich also mit der Philosophie der Wiener Moderne, so betreibt man zugleich Spurensuche der österreichischen Philosophie. Die eine als Entwicklungsphase der anderen zu sehen, ist eine Voraussetzung meiner kulturgeschichtlichen Analyse und hilft, Traditionen und Brüche klarer zu Tage treten zu lassen.
Es ist klar, dass es die (akademische) Philosophie der Wiener Moderne nicht gab. Vielmehr gab es unterschiedliche philosophische Strömungen und Philosophen, die in Österreich mehr oder minder bedeutsam und in den Zentren der Monarchie (Wien, Prag, Budapest, Graz...) wirksam waren. Eine Darstellung der Philosophie der Wiener Moderne ist daher dazu herausgefordert, eine Auswahl zu treffen und diese zu begründen, was im Verlauf meiner Darstellung auch geschehen wird. Der Fokus auf Wien darf dabei nicht darüber
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hinwegtäuschen oder ausklammern, dass sich die Philosophie im habsburgischen Vielvölkerstaat dezentral entwickelte und manche ihrer Protagonisten (wie etwa Ernst Mach) z. B. sowohl in Prag als auch in Wien tätig waren. Diese Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen philosophischen Zentren, zu dene n natürlich noch Einflüsse von außen hinzuzunehmen sind, lassen bereits die Breite der philosophischen Traditionen und Orientierungen, die für die Philosophie der Jahrhundertwende bestimmend wurden, erahnen. Für den kulturgeschichtlichen Ansatz meiner Darstellung ist dabei weniger relevant, wie sich philosophische Systeme und Theorien gleichsam auf einer autonomen wissenschaftsinternen Ebene entwickelten und beeinflussten (obwohl davon natürlich auch zu sprechen sein wird), sondern vielmehr, wie Philosophie und Kultur der Wiener Moderne zusammenhängen, wie die Philosophie diese Zeit prägte oder diese Zeit die Philosophie. Deshalb muss notwendigerweise auf Theorien der Wiener Moderne Bezug genommen werden. Dass die Wiener Moderne allerdings nicht in einer einzigen Theorie erfasst werden kann, ist augenscheinlich, da komplexe historische Zusammenhänge für uns kaum überschaubar sind. Und weil es eben diese eine Theorie der Wiener Moderne nicht gibt, die gleichsam als Grundgerüst für die Einordnung der Philosophie dienen könnte, ich aber Philosophisches nicht im leeren Raum hängen lassen will, werde ich immer wieder versuchen, den Bezug zum vielfältigen Ganzen herzustellen (auch wenn das nicht immer leicht sein wird). Das erste Kapitel dieser Arbeit setzt beim beginnenden 19. Jahrhundert ein und spürt (philosophischen) Traditionen und Entwicklungen nach, die für die Jahrhundertwende bedeutsam wurden. Die folgenden beiden Kapitel konzentrieren sich auf Franz Brentano und Ernst Mach, weil sie für die Epoche am prominentesten und wirksamsten erscheinen, ehe ich abschließend noch kurz einen Blick über den Tellerrand der Wiener Moderne hinaus werfen möchte. Im Zentrum meiner Darstellung der Philosophie der Wiener Moderne stehen die Disziplinen der Erkenntnistheorie, damals enger als heute der gerade als Disziplin sich entwickelnden Psychologie verbunden, und (oder eben gerade nicht) der Metaphysik, sowie immer wieder Sprachphilosophie und Logik. Der allgemeinere Aspekt, auf den ich mich beziehen will, ist die Ich- und Identitätsproblematik, die sich in der Wiener Moderne besonders eindringlich manifestiert und in einem interessanten Spannungsverhältnis zur Philosophie steht. Der Entwicklungskontext der österreichischen (analytischen) Philosophie stellte die Stabilität des Ich und von Identitäten nämlich auf eine harte Probe.
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Philosophische Traditionen in Österreich oder Ein Versuch
darüber, wie das Ich in die Krise kam
Will man die Zusammenhänge von Philosophie und Wiener Moderne erhellen, ist es unumgänglich, einen Blick zurück in die philosophische Vergangenheit der Donaumonarchie zu werfen. Diese Vergangenheit ist durch eine fundamentale Auslese charakterisiert: Kant oder Leibniz? Aus unterschiedlichen Gründen fiel die Wahl eindeutig aus; man verwarf Kant und seine idealistischen Nachfolger und versuchte, der Philosophie von Leibniz zu folgen. Diese philosophische Tradition ist für die Philosophie der Wiener Moderne so wesentlich (und im weitesten Sinn vielleicht sogar für das Verständnis der gesamten Epoche), dass es sich lohnt, sie hier zu skizzieren.
Als in der Historiographie der Philosophie so etwas wie eine österreichische Philosophie noch nicht wahrgenommen und anerkannt wurde, wurde ihr Fehlen meist auf die Zurückweisung der Philosophie Kants und der deutschen Idealisten zurückgeführt (und erst später sah man gerade darin ihren Anfang). Diese Zurückweisung war zuallererst politisch motiviert: Den Mächtigen der Monarchie war wenig daran gelegen, den aufklärerischen und nationalistischen Tendenzen der deutschen Philosophie auch im labilen Gleichgewicht des habsburgischen Vielvölkerstaats freien Lauf zu lassen. 1 Was als potentiell revolutionär oder staatsgefährdend angesehen wurde (wie etwa die Idee der Aufklärung bei Kant oder die Geschichtsphilosophie Hegels), wurde vom System Metternich zurückgeschmettert und als philosophia non grata gebrandmarkt. 2 Dadurch wurde das Wirken der Aufklärung zwar erheblich behindert und konnten Restauration und Katholizismus zu gesellschaftlichen Determinanten des beginnenden 19. Jahrhunderts werden, doch erwies sich das Zusammenwirken der Leibnizschen Tradition mit dem multinationalen und multilingualen Umfeld der Philosophie im Habsburgerreich, letztlich als fruchtbar für neue Fragestellungen, eben durch die ganz anderen Anforderungen an das philosophische Denken wie im Deutschen Reich: „German philosophy had the live option of being expressive, first of German national aspirations and later of the raison d’être of the Reich. No such option was available for philosophy in Austria. (…) On the other hand, the Austrian scene offered a spectacle of unparalleled complexity and
1 So weist etwa William M. Johnston darauf hin, wie sehr Aristokratie und Kirche noch das gesamte 19.
Jahrhundert hindurch darum bemüht waren, Kontrolle und Zensur von Neuerungsbewegungen durchzusetzen.
Gerade Kant galt vielen als einer der Philosophen der französischen Revolution und zudem standen seine
Schriften auf dem Index der katholischen Kirche. Vgl. Johnston, William M.: Österreichische Kultur- und
Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938, Graz 1974, S. 54-59; 71-77.
2 Vgl. Stachel, Peter: “Ein Kapitel der intellektuellen Entwicklung in Europa…” Theorienbildung in der Wiener
Moderne und ihre Wurzeln in den österreichischen Traditionen philosophischen Denkens im 19. Jahrhundert, in:
S. Rinofner-Kreidl (Hg.): Zwischen Orientierung und Krise. Zum Umgang mit Wissen in der Moderne, Wien -
Köln - Weimar 1998, S. 125.
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richness, almost a natural invitation to alienated analysis.” 3 Die Zurückweisung Kants und der deutschen Idealisten gilt demnach heute gewissermaßen als Grundsteinlegung der österreichischen Philosophie, doch will ich auf das, was als kennzeichnend für diese Philosophie und als prägend für die Philosophie der Wiener Moderne gelten kann, erst ein wenig später zurückkommen.
Natürlich gilt es, die Zurückweisung Kants, d er Aufklärung und der Idealistischen Philosophie differenziert zu betrachten, denn wie (fast) immer ist die geistige Landschaft vielschichtig und nicht eindeutig. So trug nicht zuletzt gerade der von aufklärerischen Ideen getragene und um Rationalität bemühte böhmische Reformkatholizismus (abseits aller Restaurations- und Repressionsbestrebungen) wesentlich zur Erneuerung des Leibnizschen Denkens bei; der Leitgedanke des herausragenden Philosophen dieser Bewegung - nämlich Bernhard Bolzanos (1781-1848) - war allerdings nicht die Unterdrückung (wie in Politik und Religion), sondern die Überbrückung. Bolzano war zeitlebens in Prag tätig, wo er als katholischer Priester auf Grund seiner rationalen Argumentation einen hartnäckigen Konflikt mit der katholischen Kirche auszutragen hatte, der ihn Ansehen und Lehrstuhl kostete. Dennoch sollte er auf die Entwicklung des philosophischen Denkens in Österreich einen maßgeblichen Einfluss ausüben.
Bolzano, obwohl aus religiösen Gründen offiziell verpönt, entwarf in Anlehnung an Leibniz eine Philosophie, die mit dem Wunsch nach Erhalt und Bestehen des Habsburgerreichs beinahe harmonisch korreliert. Wider das dialektische Geschichtsverständnis Hegels, greift Bolzano die Vorstellung von der prästabilisierten Harmonie und dieser Welt als der besten aller möglichen auf und gibt so eine Rechtfertigung des status quo. Ins Politische übertragen (aber auch in ihrem reinen Rationalismus) ist Bolzanos Philosophie durch und durch konservativ und spiegelt in ihrem bemerkenswerten Verhältnis zur politischen Situation im habsburgischen Vielvölkerstaat die Wechselwirkung von Kontext und Gedanke. Die pluralistische Grundtendenz der Anschauungen Bolzanos, in denen jedem Teil ein gleichwertiger Rang im harmonischen Gesamtsystem zugestanden wird, darf dabei nicht außer Acht gelassen werden und bezeugt die politische Sensibilität des Prager Philosophen. 4 Was Bolzano zudem von Leibniz übernimmt, ist die Wertschätzung der Logik: Die Logik als Instrument der Vernunft ermöglicht das Erfassen objektiver Wahrheit, die als losgelöst vom
3 Weiler, Gershon: In Search of What is Austrian in Austrian Philosophy, in: J. C. Nyíri (Hg.): Von Bolzano zu
Wittgenstein. Zur Tradition der österreichischen Philosophie, Wien 1986, S. 38.
4 Vgl. Stachel, Peter: Die Bedeutung von Bolzanos “Wissenschaftslehre” für die österreichische
Philosophiegeschichte. Ein Baustein zu einer Geschichte der pluralistischen Tradition österreichischer
Philosophie, in: H. Ganthaler / O. Neumaier (Hg.): Bolzano und die österreichische Geistesgeschichte, Sankt
Augustin 1997, S. 98.
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Subjekt, ja sogar als denkunabhängig postuliert wird. Bolzano vertrat die ontologische Position, dass der Satzinhalt (bei ihm Satz an sich genannt) objektiv besteht und Wahrheit dann eben nichts anderes als ein wahrer Satz sei; damit stellte sich Bolzano vehement Kant und der auf Kant folgenden Idealistischen Philosophie entgegen. Dass in Österreich (und zwar nicht zuletzt unter dem indirekten Einfluss Bolzanos, wie gleich zu zeigen sein wird) subjektivistische Positionen bis zur Epoche der Wiener Moderne nicht erwachten, ist vor dem Hintergrund der um die Jahrhundertwende besonders virulent werdenden Ich-Krise ein äußerst interessantes Phänomen.
Bolzanos Beschäftigung mit der Logik steht ganz im Bann der Faszination der Le ibnizschen Vision einer idealen Universalsprache, die den Anspruch erhebt, die Mehrdeutigkeiten und Unzulänglichkeiten der Alltagssprachen zu tilgen. Durch Logik gereinigt soll sie als ideales Instrument der Kommunikation (vor allem den Wissenschaften) dienen und zudem humanistischen Ansprüchen genügen (was dann vor allem von den Protagonisten des Wiener Kreises betont wurde, doch wird uns die vorliegende Untersuchung nicht so weit führen). Jedenfalls bezeugt sich der hohe Stellenwert, der der Analyse und der Kritik der Sprache in der österreichischen Geistesgeschichte zukommt, auch bei Bolzano und es erweist sich wohl kaum als zu weit hergeholt, dieses besondere Interesse an der Sprache zumindest zum Teil auf die Erfahrung des mehrsprachigen sozialen Umfeldes der Donaumonarchie zurückzuführen. 5 Akzeptiert man zudem „die enge Verknüpfung sprachlicher Probleme mit Fragen der individuellen und kollektiven Identität“ 6 , so lassen sich daraus interessante Erkenntnisse gewinnen: Während die Idee einer Universalsprache ganz klar der Vorstellung von Sprache als der „Essenz der Nationalität“ 7 und damit der Formung kollektiver Identitäten Vorschub leistete, behinderte die einsetzende Wertschätzung von Analyse und Kritik der Sprache (und zwar als einer formalen und denk handwerklichen Fähigkeit, die subjektzentrierten Positionen keinen Platz ließ) auch die Konsolidierung der individuellen Identität bis hin zum radikalen Sprach- und Selbstzweifel der Wiener Moderne.
Bolzano gelangte auf Grund seiner Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche kaum zu direkter Wirksamkeit (und es sollte bis Edmund Husserl dauern, dass man sich für den
5 Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner etwa erachtete sein mehrsprachiges Umfeld als höchst bedeutsam für
seine philosophische Orientierung. Vgl. ebd. S. 112. In der Wiener Moderne wurde die Auseinandersetzung mit
dem Phänomen Sprache so vielfältig, dass ich mich in meiner Darstellung auf solche philosophische Positionen
und allenfalls ihre Einflüsse beschränken muss, die der Ich- und Identitätsproblematik am nächsten stehen (und
daher z. B. die Sprachkritik bei Karl Kraus, der diese ja vor allem auch als Gesellschaftskritik verstanden wissen
wollte, außer Acht lassen werde).
6 Stachel, Peter: Ein Staat, der an einem Sprachfehler zugrunde ging. Die „Vielsprachigkeit“ des
Habsburgerreiches und ihre Auswirkungen, in: J. Feichtinger / P. Stachel (Hg.): Das Gewebe der Kultur.
Kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne, Innsbruck 2001,
S. 34.
7 Ebd. S. 20.
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Hari Schmiderer, 2004, Das "Ich" ist unrettbar - Zur Philosophie der Wiener Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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