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1 Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Verfolgung der Esperantisten unter Hitler. Als E rstes muss geklärt werden, was man unter „Esperantisten“ versteht. „Esperantist kann sich jeder nennen, der Esperanto kann und zu welc hem Zweck auch immer benutzt.“ 1 Bei Esperanto handelt es sich um eine Plansprache. Plansprachen sind erfundene Sprachen, die bewusst geschaffen worden sind. Sie werden auch als Welthilfssprachen bezeichnet. Somit sollen Plansprachen eine „Verständigung zwischen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ermöglichen“ 2 . Esperanto gilt heute als bekannteste Plansprache. Sie hat sich am besten durchgesetzt und ist die am weitesten verbreitete Plansprache. Esperanto baut auf natürlichen Sprachen auf und wird aus diesem Grund als Aposteriori-Sprache bezeichnet. 3 Es ist wichtig, dass man Esperanto mit lebenden Sprachen vergleicht, da Esperanto nun schon seit mehr als hundert Jahren existiert und sogar die beiden Weltkriege „überlebt“ hat. In dieser Hausarbeit wird vor allem die Verfolgung der Esperantisten in Deutschland während des Dritten Reiches behandelt.
Lazarus Ludwig Zamenhof ist der Autor des Esperanto. Er wird im ersten Teil dieser Hausarbeit vorgestellt und außerdem werden noch seine Ziele und Ideale dargestellt. Dies ist notwendig für die daraufhin folgenden Kapitel der Hausarbeit, da man ohne diesen Hintergrund nicht verstehen kann, warum Esperantisten, vor allem im Dritten Reich, verfolgt wurden. Im Weiteren wird auf die Situation der Esperantisten vor 1933 eingegangen. Es werden die einzelnen Organisationen vorgestellt und die Unterschiede zwischen der neutralen, bürgerlichen Esperanto-Bewegung und der Arbeiter-Esperanto-Bewegung verdeutlicht. Außerdem wird die Verfolgung der Esperantisten vor 1933 dargestellt, um in den nächsten Kapiteln die Unterschiede zwischen der Verfolgung vor 1933 und im Dritten Reich zu erkennen.
Der Hauptteil dieser Hausarbeit beschäftigt sich dann mit der Situation der Esperantisten im Dritten Reich. Die vorherigen Kapitel sind notwendig gewesen, um zu verstehen, warum die Esperantisten überhaupt im Dritten Reich verfolgt wurden und wie sich auch das Verhalten der Esperanto-Bewegung ändert. In dem Hauptteil wird zunächst näher auf die Nationalsozialisten eingegangen, die sich als ne ue Feinde der Esperantisten darstellten. Auch sollen die Unterschiede der Arbeiter-Bewegung und der
1 Janton, Pierre: Einführung in die Esperantologie. 2. Auflage. Hildesheim: Georg Olms Verlag 1993. S.
30.
2 http://de.wikipedia.org/wiki/Plansprache (19.03.2005).
3 Vgl. Janton: Einführung in die Esperantologie. S. 7.
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bürgerlichen Bewegung im Hinblick auf das unterschiedliche Verhalten gegenüber dem NS-Regime herausgestellt werden, um dann den Weg zum Verbot der Esperanto-Organisationen ausführlich zu erläutern. Auch auf die Ausmaße der Verfolgung wird eingegangen und im letzten Schritt wird dargestellt, welche Lehren die neutrale Esperanto-Bewegung aus der Erfahrung mit dem Faschismus ziehen musste. Es handelt sich also um ein sehr komplexes Thema, zu dem es aber bisher nur wenig Literatur gibt. Dies liegt vor allem daran, dass während und auch nach dem Zweiten Weltkrieg viele Materialien abhanden gekommen sind. Als Hauptquelle diente mir das Buch von Ulrich Lins.
2 Lazarus Ludwig Zamenhof
2.1 Entstehung des Esperanto
Lazarus Ludwig Zamenhof ist der Autor des Esperanto. Er wurde 1859 im russischen Reich, in der Stadt Bialystok, geboren. In dieser Stadt lebten Juden, Russen, Deutsche, Polen und Weißrussen, wobei die Juden ca. 67 Prozent der Bürger Bialystoks ausmachten. Zamenhof selbst war Jude und erlebte im russischen Reich die Unterdrückung und Verfolgung der Juden, wie sie in Westeuropa zu der Zeit nicht mehr üblich waren. Schon in seiner Kindheit und Jugend bemerkte Zamenhof das Problem der Sprachenvielfalt, da in Bialystok die Juden, Russen, Deutschen, Polen und Weißrussen voneinander getrennt lebten, jeweils ihre eigene Sprache hatten und in gegenseitigem Misstrauen lebten. 4 Weil alle ihre eigene Sprache hatten, kam es zu keinem Kontakt zwischen den ethnischen Gruppen. 5 An dem folgenden Zitat lassen sich besonders gut die Motive Zamenhofs für die Notwendigkeit des Esperanto, einer internationalen, neutralen Sprache, erkennen.
Ein empfindsamer Charakter fühlt in einer solchen Stadt mehr als irgendwo sonst das schwere Unglück der Sprachenvielfalt und wird bei jedem Schritt aufs neue davon überzeugt, daß die Verschiedenheit der Sprachen als einziger oder doch zumindest hauptsächlicher Grund für die Spaltung der menschlichen
6 Familie in feindliche Teile angesehen werden muß.
Zamenhof sah somit in der Sprachenverschiedenheit den Grund dafür, dass sich die Menschheit in „feindliche Teile“ spaltet. Aufgrund dieser Erfahrungen, die Zamenhof
4 Vgl. Ulrich Lins: Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin.
Gerlingen: Bleicher Verlag 1988. S. 13.
5 Vgl. Sebastian Hoffmann: Was ist Esperanto? http://esperanto.uni-paderborn.de/eo.php (19.03.2005).
6 Lins: Die gefährliche Sprache. S.13.
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mit der Verschiedenheit der Sprachen in seiner Kindheit und Jugend gemacht hatte, beschloss er, dieses Problem im Erwachsenenalter zu beseitigen. T atsächlich veröffentlichte Zamenhof 1887 unter dem Pseudonym Dr. Esperanto sein Projekt einer internationalen Sprache.
Im Folgenden soll noch etwas genauer die Entstehung des Esperanto beleuchtet werden. Zamenhof galt als hervorragender Schüler, der auch Kenntnisse sehr vieler Sprachen besaß. Er sprach z.B. Russisch, Deutsch, Französisch und Polnisch, um nur einige Sprachen zu erwähnen. Schon mit fünfzehn Jahren begann Zamenhof eine Sprache zu entwerfen, die sehr leicht erlernbar sein sollte. 1878 entstand Pra-Esperanto. Diese Sprache besaß schon eine Grammatik und wurde von ihm und einigen Mitschülern erprobt. Doch Zamenhofs Vater, ein jüdischer Zensor, verbrannte die Sprachunterlagen und Zamenhof musste daraufhin die Sprache aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Nach einem abgeschlossenen Studium wird Zamenhof schließlich Augenarzt. Er arbeitete aber während der ganzen Zeit weiter an seinem Sprachenprojekt. 1887 wird dann das Unua Libro gedruckt. Dies ist das erste Lehrbuch für die neue Sprache, die zuerst „Lingvo Internacia“ genannt wurde. Später wurde die Sprache dann in Esperanto umbenannt. Das besondere an dem Lehrbuch war, dass es einen „Verpflichtungsabschnitt“ enthielt. Derjenige, der diesen Abschnitt an Zamenhof zurückschickte, verpflichtete sich die Sprache zu lernen, wenn zehn Millionen andere Menschen diesen Abschnitt zurückgeschickt haben. Bis zum Oktober 1888 hatten diesen Abschnitt bereit s 1000 Menschen an Zamenhof zurückgeschickt. Und viele dieser Menschen begannen die Sprache zu lernen. Schon 1889, zwei Jahre nach der ersten Veröffentlichung des Sprachenprojektes, ist in Nürnberg die erste Esperanto-Zeitung, die La Esperantisto, erschienen. 7
Es ist deutlich geworden, dass in Zamenhofs Leben Sprachen für ihn eine große Rolle spielten und er schon sehr früh an einem Sprachenprojekt arbeitete, so dass schließlich die Plansprache Esperanto entstand. Wie schon erwähnt, spielten die Erfahrungen, die Zamenhof in seiner Kindheit und Jugend mit der Sprachenvielfalt machte, eine große Rolle bei der Entwicklung der Sprache Esperanto. Dieser kurze Überblick über die Entstehung des Esperanto und seine Anfänge ist notwendig, um im nächsten Schritt auf Zamenhofs Ideale und seine Ziele, die er mit Esperanto verfolgte, einzugehen.
7 Vgl. Rudolf Fischer: Zamenhof, der Initiator des Esperanto. Konkurrierende Plansprachen. Handout aus
dem Seminar „Esperanto für Linguisten“ vom 18.10.2004.
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2.2 Zamenhofs Ideal
Zamenhofs Ziel war es, jeden nationalen Hass durch Esperanto zum Verschwinden zu bringen. Durch diese neutrale Sprache, die die ganze Menschheit umfassen sollte, wollte er nicht nur den Judenhass zum Verschwinden bringen, den er in seiner Kindheit und Jugend am eigenen Leib erfahren musste. 8
In dem Unua Libro, Zamenhofs erstem Lehrbuch, betonte er vor allem die praktischen Gründe Esperanto zu lernen. Seiner Meinung nach erfordert es viel weniger Zeit und Aufwand, wenn jeder Mensch anstatt mehrerer Fremdsprachen nur seine Muttersprache und Esperanto beherrscht. 9 Dies ist auch aus heutiger Sicht zutreffend. Natürlich ist es nicht so zeitaufwendig nur Esperanto zu lernen anstatt mehrere Fremdsprachen zu lernen, wie dies in der heutigen Zeit vor allem auf dem Gymnasium üblich ist. Im Laufe der Jahre erfolgte auch immer wieder der Versuch Esperanto an Schulen einzuführen. Aber Zamenhof betont in dem Unua Libro auch noch mal, dass die neutrale Sprache in Vielvölkerstaaten einen besonderen Nutzen hätte, weil die Sprachverschiedenheit den „Kern des Gegensatzes und der Feindschaft zwischen den Völkern“ 10 darstelle. Zamenhof wollte Kriege und Konflikte mit Hilfe von Esperanto verhindern, weil er der Meinung war, dass durch die internationale Sprache Esperanto Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen den Menschen verschiedener Völker und Rassen erreicht werden kann. 11
Natürlich ist aus heutiger Sicht zu sage n, dass Esperanto oder auch jede andere Sprache nicht alle Kriege und Kämpfe verhindern kann. Dies lässt sich am Beispiel der Rosenkriege in England deutlich machen. In England kämpften im 15. Jahrhundert zwei englische Adelshäuser gegeneinander. Daran lässt sich erkennen, dass die beiden Gegner zwar die gleiche Sprache gesprochen haben, es aber trotzdem zu Kämpfen gekommen ist. Eine gemeinsame Sprache kann also nicht Kriege und Kämpfe verhindern. Natürlich ist diese Motivation Zamenhofs, durch die Sprache Esperanto Kriege zu verhindern, unrealistisch. Aber trotzdem ist diese Motivation nicht als völlig verfehlt zu betrachten. Es lassen sich zwar nicht alle Kriege durch eine gemeinsame Sprache verhindern, aber es gibt mit Sicherheit auch Beispiele, in denen eine
8 Vgl. Lins: Die gefährliche Sprache. S. 18.
9 Vgl. Ebd. S. 6.
10 Ebd. S. 19.
11 Mattusch, Edeltraud und Max Hans-Jürgen: Esperanto - ein Ausweg aus Babylon? 95 Jahre Esperanto
in Düsseldorf. Düsseldorf: Verlag videel OHG 2002. S. 28.
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gemeinsame Sprache Missverständnisse und Kämpfe verhindert hat und verhindern wird. Esperanto trägt bestimmt einen Teil zur Völkerverständigung bei. Auch Zamenhof erkannte schließlich, dass eine gemeinsame Sprache nicht ausreicht, um das Misstrauen z wischen den Menschen unterschiedlicher Gruppen zu beseitigen und aus diesem Grund begann er mit dem Entwurf einer Universalreligion. 12 Die Ziele, die Zamenhof mit Esperanto verband, werden unter dem Begriff „interna ideo“ zusammengefasst. Die „interna ideo“ steht also für die „friedensstiftenden, menschenverbrüdernden Ziele des Esperanto“ 13 . Zwischen den Bevölkerungsgruppen sollten Gerechtigkeit und Brüderlichkeit vorherrschend sein. Auch heute werden von vielen Esperantisten noch Ideale mit Esperanto verbunden. Diese Ideale stehen meist mit der sprachlichen Kommunikation in Zusammenhang und beinhalten z.B. den Wunsch, dass die Sprachbarrieren zwischen den Menschen beseitigt werden. 14 Die „interna ideo“ stellt heutzutage einen wichtigen Grund dar, Esperanto zu lernen. Die sprachlichen Interessen und die idealistischen Gründe stellen zusammen ca. 66 Prozent der Gründe dar, warum Menschen Esperanto lernen. Die praktischen Gründe, die auch Zamenhof oft anführte, spielen heutzutage nur eine kleine Rolle. 15 Zamenhof wollte, dass Esperanto nicht nur von Minderheiten, sondern von der Mehrheit eingesetzt wird. Hierbei dachte er vor allem an die Arbeiter. Esperanto kann von allen Menschen verwendet werden, dabei ist es unerheblich, welche religiöse oder politische Überzeugung sie haben oder aus welchem Land sie stammen. Trotzdem muss an dieser Stelle nochmals daran erinnert werden, dass Zamenhof Esperanto ursprünglich geschaffen hatte als „Protest gegen die Diskriminierung einer Minderheit“ 16 . Somit wird deutlich, dass Esperanto den Juden einen besonderen Nutzen bringen, aber gleichzeitig neutral sein sollte. In Briefen Zamenhofs zeigt sich, wie wichtig für Zamenhof die „Lösung der Judenfrage“ 17 ist. Doch in der Öffentlichkeit spricht er nie darüber, welchen Wert Esperanto für die Juden hat, weil er Angst hatte, die Verbreitung des Esperanto zu gefährden. Zamenhof befand sich also immer im Zwiespalt zwischen „seiner Solidarität mit den Juden und seiner Zuneigung zur ganzen Menschheit“ 18 . Es wurde oft versucht, Zamenhofs jüdische Abstammung zu vertuschen und nicht zu erwähnen. Nach dem ersten Esperanto-Weltkongress in Boulogne-sur-Mer erschienen
12 Vgl. Janton: Einführung in die Esperantologie. S. 22.
13 Mattusch: Esperanto - ein Ausweg aus Babylon? S. 30.
14 Vgl. Ebd.
15 Vgl. Mariola Olesniewicz: Soziologische Aspekte - La „interna ideo”. Handout aus dem Seminar
„Esperanto für Linguisten“ vom 10.01.2005.
16 Lins: Die gefährliche Sprache. S. 32.
17 Ebd.
18 Ebd. S. 33.
Arbeit zitieren:
Heike Imken, 2005, Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler, München, GRIN Verlag GmbH
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