Inhalt
1. Einleitung
2. Hauptteil
a) Ostranenje - das ursprüngliche Konzept durch Viktor
Sklovskij
b) Defamiliarization - der neoformalistische Ansatz
c) Vergleich
3. Bewertung und Fazit
4. Anhang: Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Was macht Kunst zur Kunst? Laut dem russischen Formalisten Viktor Sklovskij und der Neoformalistin Kristin Thomson ist es das Prinzip der Verfremdung. Der Künstler greift sich den Aspekt, den er darstellen will, heraus und stellt ihn in eine andere Umgebung, in einen anderen Zusammenhang, auf nicht gängiges Terrain. Somit wird das Vertraute verfremdet. Dies wiederum erweckt die erhöhte Aufmerksamkeit des Rezipienten; er sieht nun das Vertraute in einem neuen Kontext. Auf diese Art und Weise wird der Aspekt tatsächlich gesehen, anstatt bloß wiedererkannt. Dies sei die Motivation eines jeden Künstlers und nur die Dinge, die verfremdet wurden, könne man als Kunst bezeichnen. So weit es diese Definition von Kunst betrifft, stimmen die beiden Konzeptionen des Verfremdungsprinzips der beiden Vertreter der jeweiligen Theorien überein. Doch es bleibt die Frage, welche anderen Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen dem Verfremdungsbegriff der russischen Formalisten des frühen 20. Jahrhunderts und dem der neoformalistischen Filmtheoretiker des späten 20. Jahrhunderts erkennen lassen. War die formalistische Theorie der Russen, wie beispielsweise Viktor Sklovskij, vornehmlich auf die Kunst der Literatur geeicht, so beziehen sich die Neoformalisten (wie David Bordwell und Kristin Thompson) in ihren Ausführungen ausschließlich auf das Medium Film. Wo sich bereits Schwächen in Sklovskijs Konzept der Verfremdung (ostranenie) befinden, wie die Neoformalisten das Konzept (defamiliarization) übernommen und weiterentwickelt haben und wo die Lücken in Ihrer Argumentation sind, werde ich versuchen im Folgenden aufzuzeigen.
Zu diesem Zweck werde ich zunächst den Verfremdungsbegriff der russischen Formalisten beleuchten (bes. Viktor Sklovskij), danach den der Neoformalisten (bes. Kristin Thompson). Es folgen ein Vergleich und eine Bewertung.
2.a. Ostranenie - Das ursprüngliche Konzept durch Viktor Sklovskij
Um den Begriff ostranenie bzw. Verfremdung zu erklären, muss man zunächst den russischen Formalismus kurz beschreiben und einordnen.
Der russische Formalismus war eine Strömung in der Literaturwissenschaft der 1910er und 1920er Jahre. Er unterscheid sich von den vorherigen Theorien dadurch, dass er sich in seiner Analyse ausschließlich auf den literarischen Text und dessen Formen bezog, anstatt ein
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vorgefertigtes Schema dem jeweiligen Werk überzustülpen, wie es beispielsweise die psychoanalytische und die soziologische Methode handhabten.
Einer der bekanntesten und bedeutendsten Vertreter dieser Bewegung war Viktor Sklovskij, oft auch als Wortführer und Repräsentant ebendieser bezeichnet (Lachmann 1970, S. 238). Er war es auch, der das Verfremdungsprinzip begründete; von ihm stammt der Begriff „ostranenie“ (russisch für „fremd machen“, „seltsam machen“), den ich im Folgenden verwende, wenn von diesem Prinzip der Verfremdung die Rede ist.
Sklovskij veröffentlicht 1916 seinen Aufsatz Kunst als Verfahren, den er später seinem Buch Theorie der Prosa voranstellt (vgl. Kessler 1996, S. 53). Ich zitiere im Folgenden aus der 1966 erschienenen Ausgabe von Theorie der Prosa, in der der Titel des Aufsatzes mit „Kunst als Kunstgriff“ übersetzt wurde.
Sklovskij sieht das zu lösende Problem der Kunst darin, dass die Menschen zu dem „Erlebnis des Nicht-Mehr-Erleben-Könnens“ (Lachmann 1970, S. 226) kommen. Alle Dinge und Vorgänge des Alltags werden selbstverständlich; sie erstarren und werden leblos. Es ist der Prozess der „Automatisation“ (Sklovskij 1966, S. 14). Sklovskij stellt fest, dass sich „alle unsere Gewohnheiten in den Bereich des Unbewussten und Automatischen zurückziehen“ (1966, S.12). Demnach sei es nun Aufgabe der Kunst (und darüber definiert er den Begriff „Kunst“ auch), diese Erstarrung aufzuheben, die bestehe nden Normen zu negieren und Konventionen zu zersetzen (Lachmann 1970, S. 226).
In Kunst als Verfahren definiert Sklovskij das „Kunstwerk als Technik, die unsere Wahrnehmung entautomatisieren“ soll und so „einen fremden Blick auf das scheinbar Vertraute ermöglichen“ soll (Herv. i.O., Hartmann/Wulff 2002, S. 199). Ebenfalls in diesem Aufsatz findet sich Sklovskijs oft zitierte Definition des ostranenie, in der es heißt:
„Wenn wir die allgemeinen Gesetze der Wahrnehmung genauer studieren, sehen wir, dass gewohnheitsmäßige Handlungen zu automatischen Handlungen werden. [...] Bei dieser algebraischen Denkmethode werden die Dinge als Zahl und Raum begriffen, wir sehen sie nicht, sondern erkennen sie an ihren ersten besten Merkmalen wieder. Das Ding geht gleichsam in einer Verpackung an uns vorüber, wir wissen, dass es existiert, da es Raum einnimmt, aber wir sehen nur seine Oberfläche. Unter dem Einfluss einer solchen Wahrnehmung schwindet das Ding, es wird nicht mehr wahrgenommen und ist darum nicht mehr reproduzierbar. [...] So geht das Leben dahin, wird zum Nichts. Die Automatisation verschlingt alles, die Dinge, die Kleider, die Möbel, die Frau und die Angst vor dem Krieg. [...] Um für uns die Wahrnehmung
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des Lebens wiederherzustellen, die Dinge fühlbar, den Stein steinig zu machen, gibt es das, was wir Kunst nennen. Das Ziel der Kunst ist, uns ein Empfinden für das Ding zu geben, ein Empfinden, das Sehen und nicht nur wieder erkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: Die Verfremdung der Dinge und die Komplizierung der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern. Denn in der Kunst ist der Wahrnehmungsprozess ein Ziel in sich und muss verlängert werden“ (1966, S. 12-14).
Kunst wird demnach als eine Möglichkeit angesehen, mit Hilfe ästhetischer Strukturen „gegen die Routinen des Alltagslebens wirksam zu werden“ (Hartmann/Wulff 2002, S. 200). Um einen Gegenstand also aus seiner Erstarrung zu lösen, muss man ihm seine Selbstverständlichkeit, seine Vertrautheit nehmen (Lachmann 1970, S. 227). Es muss also auch eine erschwerte Form der Darstellung gewählt werden; eine Form, die „Widerstand leistet und Wahrnehmung provoziert“ (ebd.).
Um dieses Prinzip besser verstehen zu können, muss man sich einige der Beispiele vor Augen halten, die Sklovskij herangezogen hat. Starken Bezug nimmt er u.a. auf den russischen Schriftsteller Lev Tolstoj, dessen Tagebucheintrag von 1897 wesentlich zur Formulierung des ostranenie-Ansatzes beigetragen haben dürfte. Darin beschreibt Tolstoj unter anderem wie er Staub wischt und sich nach Verrichten dieser Tätigkeit nicht mehr daran erinnern kann, ob er es schon getan hat oder nicht, da diese Tätigkeit vollkommen alltäglich für ihn geworden war. Weiter heißt es:
„Wenn ich Staub gewischt und es vergessen, das heißt unbewusst gehandelt habe, dann ist es genau so, als wäre es nicht geschehen. […] Wenn aber niemand es gesehen oder es nur unbewusst gesehen hat, wenn das ganze komplexe Leben vieler Menschen unbewusst verläuft, dann ist es, als wäre dieses Leben nicht gewesen“ (zitiert nach: Sklovskij 1966, S.13).
Auch weiterhin waren Tolstojs Werke eines der beliebtsten Untersuchungsobjekte Sklovskijs (z.B. in „Theorie der Prosa“), da sich Tolstojs Stil gerade dadurch auszeichnet, dass er die Dinge nicht auf herkömmliche Art und Weise beschreibt, sondern sie aus einem anderen Blickwinkel zeigt - eine 1:1-Umsetzung des ostranenie. So beschreibt Tolstoj beispielsweise den Umstand eines Besitzverhältnisses aus der Sicht eines Pferdes (nach Sklovskij 1966, S.15-16), was dem Leser neue Perspektiven ermöglicht und Denkanstöße gibt. Tolstoj nutzt in der Regel das Prinzip der „inadäquaten Perspektive“ (Lachmann 1970, S. 233) oder beschreibt die Dinge so, als ob sie zum ersten Mal gesehen würden. Daran anknüpfend lässt
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Arbeit zitieren:
Julia Rehkopf, 2003, Ostranenie - defamiliarization: Das Prinzip der Verfremdung, München, GRIN Verlag GmbH
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