Inhalt
1 Einleitung: Punk - Ost wie West? 1
2 Was war Punk? 2
3.1 DDR: Von Rock zu Punk 5
3.2 Staatliche Kontrolle 10
3.3 Der Untergrund 13
3.4 Kirchliche Unterstützung 15
4 Bewertung: Wahre Rebellion oder Spaßnische? 16
Anhang :
Songtexte
Literatur
II
1 Einleitung : Punk - Ost wie West?
Punk : englisch, eigentlich „Abfall“, „Mist“. Name einer Musikrichtung und damit verbundenen Bewegung, die in den westlichen Ländern entstand und auch dort in erster Linie stattfand. Juge ndliche fanden ab ca. 1975 im Punk ihre Befreiung aus ihrem tristen, perspektivlosen Dasein. Bis in die Achtziger hinein (mit Überbleibseln bis heute) stellten sie sich gegen Normalität, Wettbewerbsdruck und den verlogenen Glanz der Konsumwelt. Anlass waren gesellschaftliche Missstände, wie Jugendarbeitslosigkeit und stärkeres soziales Gefälle. Sicherlich lebte die Bewegung aber auch zu einem großen Teil davon sich gegen den schillernden Mainstream des Diskozeitalters abzugrenzen. Laut, ungehobelt und schmutzig sollte es sein. Die politischen Hintergründe waren nicht immer zentral, etliche Punks sehen sich selbst als unpolitisch oder können so angesehen werden. Zwar identifizieren sie sich mit dem extrem linken Lager, handeln jedoch bei Weitem nicht immer nach politischen Vorsätzen.
Auch in der DDR gab es die Punkbewegung, wenngleich freilich unter anderen Vorzeichen. Die Dinge, gegen die es zu rebellieren galt, unterschieden sich deutlich von denen der westlichen Punks.
Die rotzfreche Art, die westlichen wie DDR-Punks eigen war, ließ sie mutige Texte gegen das vorherrschende System schreiben (einige Beispiele von Vertretern des DDR-Punk im Anhang), die Arbeit verweigern, Regeln und Gesetze missachten. Dies konnte in der DDR drastischere Folgen haben als in der BRD.
Die Literatur zu Rockmusik und speziell Punk in der DDR ist nicht gerade üppig, was laut Rauhut u.a. auf ideologische Restriktionen und einen Mangel an aussagekräftigen Quellen zurückzuführen ist 1 . Wenn etwas über Rock geschrieben wurde, so findet Punk oft nur am Rande Erwähnung. Allerdings wird durchgängig dem Rock eine nicht unbeträchtliche Bedeutung zugesprochen, insofern das Auflehnen gegen die Staatsmacht und das Ignorieren bestimmter Gesetze betroffen ist. Das wurde jedoch einem Großteil der westlichen Öffentlichkeit erst nach dem Mauerfall bewusst. Die Reglementierungs- und Zensurmaschinerie der DDR arbeitete eben gewissenhaft; und die Rebellion suchte man eher bei den Intellektuellen.
1 Rauhut 1994/1995, S. 77
1
Ich werde im Folgenden untersuchen, was Punk in West und Ost eigentlich war, wie die DDR-Punker überhaupt agieren konnten, inwiefern sie wirklich rebelliert haben oder nur eine vom System für sie geschaffene Nische wahrnahmen, um Vorbilder aus dem Westen zu kopieren.
Die Begriffe Rock und Punk tauchen beide in meinen folgenden Aus führungen sehr oft auf. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Punk - in Ost wie West - aus dem Rock heraus entstanden, weshalb man seine Wurzeln beachten muss. In vielerlei Hinsicht ergeben sich Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten; Auftreten, Schwierigkeiten, etc. Auch in der von mir verwendeten Literatur sind die Begriffe nicht immer eindeutig voneinander getrennt. So werden oft unter dem Begriff „Rock“ sowohl der klassische DDR-Rock, Punk, Heavy Metal und New Wave geführt. Der Begriff Rock ist also überordnend zu verstehen, wenn ich ihn verwende, so schließt er Punk mit ein, es sei denn, dies ist deutlich anders formuliert (zum Beispiel durch DDR-Rock) oder bezieht sich auf die Zeit vor Punk in der DDR, d.h. vor 1979.
2 Was war Punk?
Um zu verstehen, was Punk in der DDR war, muss man zunächst verstehen, was Punk im Westen - der BRD und anderen europäischen Ländern - war, welche Teile die DDR-Punks sich zum Vorbild machten, aber auch, wo die Unterschiede lagen. Deshalb nun hier eine allgemeine Betrachtung des Punk 2 .
Die Punk-Bewegung startete Mitte der siebziger Jahre in England, gerne wird 1975 als Geburtsstunde gefeiert. Schnell (noch in den Siebzigern) verbreitete sich das Phänomen über Ländergrenzen hinweg. Wachsende soziale Unterschiede und Arbeitslosigkeit waren die Grundlage für die aufkommende rebellische Jugendbewegung. Langweile und Apathie des Arbeitslosenalltags galt es zu brechen, so organisierten sie sich selbst 3 .
2 Wenn ich das Präteritum wähle, so tue ich dies, um deutlich zu machen, dass es sich in der stattfindenden Beschreibung um Phänomene handelt, wie sie sich vor allem zu Beginn der Punkbewegung fanden und heute - wenn überhaupt - nicht mehr in dieser ausgeprägten Form zu finden sind.
3 Lilienthal “Rockmusik in der DDR” 2002, S. 9
2
Neben den sozialen Umständen gab es noch weitere Beweggründe für Jugendliche ein unangepassteres Dasein zu führen. Die Popkultur der siebziger Jahre steuerte immer mehr auf ein makelloses Endprodukt hin, blank und anstandslos. Selbst die Rockmusik wetteiferte um die saubersten und gewandtesten Soli. Punk stellte sich alldem nun entgegen und brachte das Makelhafte und Schlechte ein. Die Moral dahinter: Nur das Fehlerhafte und Unperfekte verdient es menschlich genannt zu werden. Neben der aggressiven Musik kam dies in Wut, genereller Aggression, Schweiß, zerrissene Kleidung, gewollt hässlichen Frisuren und Fratzen zum Ausdruck. Im Gegensatz zu den Hippies glaubten die Vertreter des Punk nicht an Unvergängliches und dauerhafte Werte, die eine friedliche Welt herbeiführen könnten. Punks betrachteten es als sinnlos und verlogen einen Wettkampf gegen unsere eigene, dem Tod geweihten Existenz antreten zu wollen. Das Prinzip des Wettbewerbs war ihnen zutiefst zuwider. Für sie war sowieso alles wertlos, was sie zur Systemkritik am Kapitalismus führte. Sie akzeptierten und verherrlichten hingegen das Unvollkommene und Fehlerhafte, manchmal destruktiv, aber nicht depressiv. Daraus ergab sich der Verweis auf ein neues, vielleicht besseres gesellschaftliches Prinzip 4 .
Die ersten Vertreter des Punk kamen - stark vereinfacht ausgedrückt - aus einer miesen Gegend und waren „sozial ‚unten’“ 5 . Martin Büsser stellt fest, dass dies nicht automatisch mit einer linken Haltung im eigentlichen Sinne gleichgesetzt werden kann. Vie lmehr macht er klar, dass sich nur wenige Bands tatsächlich einer „linken Terminologie bedienten“, wohingegen der überwiegende Teil sich „einfach nur Platz verschaffte gegen eine allgemeine, schwer lokalisierbare Unlust und Enge “ 6 . Arbeitslos zu sein, ohne qualifizierten Schulabschluss, aus einer niedrigen sozialen Schicht zu kommen, keine Perspektive zu haben und das bürgerliche Leben zu verabscheuen wurde karikiert und „zur selbstbewussten Attitüde stilisiert“. In Songs wurden häufig die Floskeln „No Future“ und „I’m bored“ gebraucht 7 .
Eine nicht unwesentliche Rolle spielte auch das Outfit. In den Ursprüngen Mitte der Siebziger traten beispielsweise die Clique um die Sex Pistols verwahrlost auf; es war kein
4 Büsser „If the kids are united“ 1998, S. 82 f.
5 Lindner „Punk Rock“ 1980, S. 13
6 Büsser 1998, S.15 f.
7 Lindner 1980, S. 13, 14
3
Geld für neue Kleider da, also wurde „aus der Not eine Tugend, nämlich ein Stil“ gemacht 8∗ . Die Haare wurden selbst und kurz geschnitten, was laut Büsser 1976 zur Provokation schon reichte. Später aber kam der teils gefärbte Irokesenschnitt auf und wird seitdem unwillkürlich mit Punk assoziiert. Allerdings ist Punk seit den frühen Achtzigern nicht mehr einer strengen Kleiderordnung unterworfen, was besonders Jugendlichen den Zugang erleichtert.
Politisch gesehen steht der Punk extrem links, allerdings ist hier eine differenzierte Betrachtung notwendig. In England, dem Geburtsland des Punk, war die politische Ausrichtung fast von Band zu Band verschieden; so ging es von Situationismus (Sex Pistols), über anarchische Destruktion (ebenfalls Sex Pistols) bis hin zu purem Nonsens (Damned). In Deutschland waren die frühen Punkbands wie Mittagspause, Slime, Razzia, Middle Class Fantasies und Ton Steine Scherben höchst politisch, bis hin zu „einer Verhärtung in Sachen Ausschließlichkeit, die ziemlich humorlos gewesen ist“ 9 . Es galt alles einer Radikalisierung ge gen „Bullen, Staat, Justiz“ und Nazis. Damit fand auch eine ästhetische Abwendung von der Öko- und Friedensbewegung statt 10 . Eine neue Musikbewegung, Hardcore, auf den ich hier nicht näher eingehen werde, warf dem Punk Mitte der Achtziger Jahre nicht ganz unberechtigt vor, dass „der Antifaschismus […] zu floskelhaft und undifferenziert“ sei und dass Punk teilweise von „abgewrackten Alkoholikern und Biercombos bestimmt“ werde. Man kann Punk also keineswegs als ausschließlich politische Bewegung mit musikalischer und modischer Untermalung sehen. Vielmehr fanden und finden viele junge Jugendliche, die noch kein gefestigtes politisches Bewusstsein haben, ihren Platz im verwahrlosten wilden Aussehen, im chaotischen Lebensstil und der Musik des Punk. Dabei wird ihnen oft erst nach und nach klar, welche politische Tragweite hinter dem Ganzen steht 11 . Trotzdem bleiben große Teile weitestgehend unpolitisch.
Ideologisch liegt dem Punk die viel erwähnte „Do it yourself“- Mentalität zu Grunde. Musik, Gesang, Fanzines (Fan-Magazine), Aufnahmen (Kassettentapes und Schallplatten-Singles) - alles war selbst gemacht und dementsprechend unprofessionell, unpoliert, dafür
8 Büsser 1998, S. 20 f.
∗ Man muss allerdings erwähnen, dass dieser Stil maßgeblich von der Londoner Designerin Vivienne Westwood geprägt wurde. So stammt einige der bis heute für Punk so typischen Aussehensweisen von ihr: Sicherheitsnadeln, der eingefärbte Irokesenhaarschnitt, Lederjacke, kaputte Jeans.
9 Büsser 1998, S. 27 f.
10 ebd.
11 Büsser 1998, S. 24
4
echt und individuell. Fehler und Mängel wurden nicht nur hingenommen, sondern waren sogar gewollter Bestandteil der Produkte. Sie sollten sich klar von denen der Kaufhäuser unterscheiden. Das brachte die Möglichkeit mit sich, dass sich viele Musiker, Kreative, etc. beteiligen konnten. Jeder konnte mitmachen, unabhängig von Talent und Vorbildung.
Musikalisch entwickelte Punk die Rockmusik weiter, war „Punkrock“ schon vor Entstehen der Bewegung eine Beschimpfung für unsauber gespielten, chaotisch klingenden Rock. Neben den teilweise politischen Botschaften in den Texten war die Musik, besonders Konzerte, die ideale Möglichkeit seinen Hass und Ekel auszuleben.
Will man Punk als Kunst- oder Kulturform betrachten, so muss man ihm allein schon deshalb Bedeutung zusprechen, weil er durch seine „kaputte Form“ den „Wert beständiger Kunstwerke in Frage stellte“ 12 . Außerdem provozierte er das bürgerliche Kunstverständnis, die hier stets angestrebte „Vollendung im makellos- ungebrochenen Industrieprodukt“ wird negiert. Dennoch muss festgehalten werden, dass sich gerade die bekannten Punkbands mit den großen Plattenfirmen einließen (The Clash, The Jam) 13 . Allerdings taten das auch viele gerade nicht, und so entstand die Kultur der Independent Labels.
3.1 DDR: Von Rock zu Punk
Punk in der DDR hatte selbstverständlich einige Gemeinsamkeiten mit dem West-Punk, waren seine Vertreter doch Vorbild und gewissermaßen Vordenker. Doch in einem kommunistischen System müssen vor allem die politischen ideologischen Überlegungen unter anderen Vorzeichen stehen, allein da Wettbewerb und Konsum so nicht vorhanden waren.
Rockgruppen hatten in der DDR in den Sechzigern und Siebzigern zwei Prämissen zu erfüllen: Sie sollten eine hohe Professionalität entwickeln (was auch immer damit gemeint war) und in deutscher Sprache singen. Erfüllten sie diese Kriterien, so wurden sie unterstützt; sie erhielten Auftrittgenehmigungen und ihre Platten wurden von der dem Ministerium für Kultur unterstellten Plattenfirma AMIGA produziert. Übten die Musiker jedoch Kritik am System, so kam es zu Konflikten. Viele Rockmusiker reisten aus der
12 Büsser 1998, S. 81
13 Lindner 1980, S. 17
5
Arbeit zitieren:
Julia Rehkopf, 2005, Punk in der DDR. Wahre Rebellion oder Spaßnische, München, GRIN Verlag GmbH
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