Auswirkungen kritischer Lebensereignisse als Ansatzpunkt in der Sprachtherapie
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
1 Einleitung 3
2 Theorie 3
2.1 Begriffsbestimmung (kritische Lebensereignisse, Stress, Bewältigung) 3
2.2 Überblick über Modelle der Lebenslaufforschung (Lazarus, Filipp und
Grohnfeldt ) 7
2.3 Wohlbefinden als Ziel der Bewältigung kritischer Lebensereignisse 11
2.4 Intervention und Relevanz für das Selbstverständnis der Sprachheilpädagogik. 12
3 Resümee 14
4 Poltern - eine Einführung 16
4.1 Definition 16
4.2 Ursachen 17
4.3 Verwandtschaft von Poltern und Stottern. 18
4.4 Diagnostik und Symptomatik 19
5 Kasuistik - ein fiktiver Lebenslauf mit individuellen Bewältigungsformen. 19
5.1 Personmerkmale 20
5.2 Personmerkmale der Eltern 20
5.3 Kontextmerkmale 21
5.4 Belastung 21
5.5 Subjektive Bewertung 22
5.6 Bewältigung 22
6 Fazit 23
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1 Einleitung
Leben ohne Kommunikation oder mit eingeschränkter Kommunikation - sich dies vorzustellen fällt den meisten Menschen schwer. Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis. In kommunikativen Prozessen gestalten Menschen Beziehungen, erleben ihre soziale Umwelt, arrangieren individuelle Lebensqualität, bringen ihre Individualität zum Ausdruck u. v. m..
Sprach- und Kommunikationsstörungen können deshalb wesentliche Phasen im Leben eines Menschen mehr oder weniger stark beeinflussen oder aber auch signifikant verändern. Die subjektive Wahrnehmung der Störung kann im Leben des Einzelnen große Lebensbedeutsamkeit erhalten.
Davon ausgehend wird diese Arbeit versuchen zu erläutern, was hinter dem Konzept der Lebensbedeutsamkeit steckt. In den folgenden Ausführungen sollen zunächst elementare Begriffe aus der Lebenslaufforschung dargelegt werden. Anschließend werden zunächst das Bewältigungsmodell von LAZARUS und folgend eine Erweiterung von FILIPP vorgestellt. Bezug nehmend auf das Kernfach dieser Arbeit (Sprachheilpädagogik) wird diesem das Modell nach Grohnfeldt ergänzt und Merkmale zur Analyse in der Therapie aufgezeigt. Weiterhin werden Effekte bzw. Ziele der Bewältigungsmodelle kritischer Lebensereignisse erläutert, die vor allem aus der Perspektive der Stressforschung betrachtet werden und als Folge dessen mögliche Wege der Intervention im Bereich der Sprachheilpädagogik vorgestellt.
TEIL A
2 Theorie
2.1 Begriffsbestimmung (kritische Lebensereignisse, Stress, Bewältigung)
Die Lebenslaufforschung befasst sich primär mit dem Lebenslauf der einzelnen Menschen. Dieser ist nicht nur durch bei spielsweise kulturelle Umstände geprägt, sondern auch durch die individuellen Merkmale der Personen und der einzelnen Situationen.
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Da die Phasen des Lebens aber nicht nur von Kontinuität und Harmonie geprägt sind, sondern auch durch Phasen von Veränderungen und Belastungen (Grohnfeldt, 1996a) werden in den folgenden Ausführungen Begriffe zur Erklärung und Definition benannt, die im Alltag gegenwärtig sind und selbstverständlich verwendet werden. Für eine gemeinsame Basis ist es jedoch notwendig, sie im Sinne der Autoren und der Modelle vorab zu erläutern. Belastung
Hierbei handelt es sich nach GROHNFELDT (1996b, S. 205) um „objektiv vorhandene bzw. subjektiv empfundene Erschwernisse... , die auf das Lebensgefühl einen negativen Einfluss nehmen“. Auslöser kann dabei sowohl eine dauerhafte oder akute Beeinträchtigung sein, aber auch ein plötzlich eintretendes Ereignis. Krise
Entsprechend dem griechischen Ursprung (crisis = Wendepunkt) bezeichnen Krisen eine zeitlich begrenzte emotionale Belastung, die im Verlauf nicht vorhersagbar sind, mit emotionalen Erschütterungen einhergehen können und sich auf einen Höhepunkt zuspitzen. Nach diesem Höhepunkt können im positiven Fall diese Anforderungen als Herausforderungen angenommen werden oder sich aber auch als Destabilisierungen und/oder Depressionen manifestieren (Grohnfeldt, 1996b).
„Jeder individuelle Lebenslauf ist gekennzeichnet durch eine kaum übersehbare Fülle von Ereignissen, die mehr oder minder abrupt und unvorhergesehen eintreten, die mehr oder minder gravierend in alltägliche Handlungsvollzüge eingreifen, die mehr oder minder dramatisch verlaufen und der Person Umorientierungen in ihrem Handeln und Denken, in ihren Überzeugungen und Verpflichtungen abverlangen“ (Filipp, 1990, S. 3). FILIPP beschreibt hier, wie die beiden oben genannten Ereignisse auf verschiedenen Wegen in das Leben der Betroffenen eintreten können: schleichend, als Dauerbelastungen, d.h. chronisch aufgrund bleibender Beeinträchtigung oder als plötzliche kritische Lebensereignisse.
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Stress
Nach BRÜDERL (1988) können zwei Stressdefinitionen gegeben werden: a) „Situationsorientierte Stressdefinition“: hier wird davon ausgegangen, dass bei Stress eine externe Anforderungssituation an eine Person gestellt wird und die Bewältigung als eine bestimmte Reaktion darauf zu verstehen ist. b) „Reaktionsorientierte Stressdefinition“: die auslösenden Bedingungen bzw. die Art des auslösenden Reizes werden vernachlässigt, jedoch wird hier die Bewältigung als allgemein typische Reaktion einer Person gesehen (Brüderl, 1988). LAZARUS führte außerdem den Begriff der „transaktionalen Stressdefinition“ ein. Demnach wird Stress als eine bestimmte Art der Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umgebung gesehen. Bei Stress werden bestimmte Umgebungsbedingungen oder interne Bedingungen von einer Person als Bedrohung ihres Wohlbefi ndens wahrgenommen. Im Mittelpunkt steht die Anpassungsfähigkeit eines Individuums an die Anforderungen, die jedoch nicht nur von der Umwelt, sondern auch von der Person selbst gesetzt werden können (Brüderl, 1988). Besonderer Bedeutung kommt der Tatsache zu, wie die betreffende Person die Anforderungssituation wahrnimmt und bewertet, was eben dadurch bestimmt wird, wie die beiden Determinanten Person und Umwelt interagieren (Lazarus, 1990). U nter Punkt 2.2 wird im Zusammenhang mit den Modellen zum Belastungs-Bewältigungsprozess näher darauf eingegangen. Kritische Lebensereignisse
Lebensereignisse reichen von vermeintlich unbedeutenden Alltagsereignissen bis zu „persönlichen Katastrophen“. In den verschiedenen Konzepten ist übereinstimmend eine Veränderung der Lebenssituation einer Person festzustellen, die mit einer Neuanpassung des Verhaltens einhergeht. Die Entwicklungspsychologie - die zusammen mit der klinischen Psychologie am stärksten mit dem Konzept der kritischen Lebensereignisse verknüpft ist - erweitert die Situation um die dynamische Komponente, in der die Abfolge von Ereignissen über die Zeit betrachtet wird.
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Vor allem die Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters beschäftigt sic h mit diesem Bereich, dessen Konzept sich „in hervorragender Weise dazu eignet, als organisierendes Erklärungsprinzip für ontogenetischen Wandel über die Lebensspanne hinweg betrachtet zu werden“ (Filipp, 1990, S.8f). GROHNFELDT sieht als Kennzeichen kriti scher Lebensereignisse, dass sie „schlagartig und unverhofft auftreten und im Leben der betroffenen Person eine entscheidende Weichenstellung markieren“ (Grohnfeldt, 1996b, S. 205).
Grundlegend dabei ist keine prinzipiell pathogene Wirkung von solchen Erei gnissen, da diese auch zu persönlichem Wachstum beitragen können und so nötige Voraussetzung für entwicklungsmäßigen Wandel sind. Abgesehen davon, ob ein kritisches Lebensereignis als grundsätzlich positiv (wie z. B. eine Heirat) oder negativ empfunden wird, geht mit diesem eine Unterbrechung habitualisierter Handlungsabläufe und die Veränderung oder der Abbau bisheriger Verhaltensmuster einher, das prinzipiell als „stressreich“ angesehen wird (Filipp, 1990). FILIPP (1990) entnimmt den gängigen Konzepten die Vorstellung, dass die Person als passiv-reaktiv und die Umwelt als aktiv-verändernd wirkt. Da damit aber nur Änderungen der dinglich-sozialen Umwelt beachtet werden, sollten sie auf Ereignisse erweitert werden, die sich in der Person selbst vollzi ehen. FILIPP (1990) merkt dazu aber ebenso an, dass dies eine definitorische Unschärfe mit sich bringt, alle heterogenen Arten kritischer Lebensereignisse zu subsumieren. Sie schlägt folgende Kennzeichen von solchen kritischen Lebensereignissen vor:
1. die raumzeitliche, punktuelle Verdichtung eines Geschehensablaufs 2. Stadien des relativen Ungleichgewichts 3. Tatsache der emotionalen Nicht-Gleichgültigkeit.
Die vorausgehenden Erläuterungen stellen dar, dass kritische Lebensereignisse plötzlich und unvorhergesehen eintreten, zu Veränderungen habitualisierter Lebensumstände führen können und somit meist entscheidende Weichenstellungen im Leben einer Person darstellen. Dabei spielen sowohl externe Veränderungen, durch die Umweltfaktoren ausgelöst, als auch interne Veränderungen, durch die betroffene Person selbst ausgelöst, eine herausragende Rolle.
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Bewältigung (coping)
Nach LAZARUS und FOLKMAN (1984, S.15) wird Bewältigung definiert als „sich ständig verändernde, kognitive und verhaltensmäßige Bemühungen einer P erson, die darauf ausgerichtet sind, sich mit spezifischen externen und/oder internen Anforderungen auseinander zusetzen, die ihre adaptiven Ressourcen stark beanspruchen oder übersteigen“. Anders und stark vereinfacht kann man also sagen, dass der Prozess, in dem sich eine Person mit einer Belastung auseinandersetzt, als Bewältigung bezeichnet wird. Dabei steht im Vordergrund, dass nicht das Ergebnis dieses Prozesses von Bedeutung ist, sondern der Vorgang selbst (Brüderl, 1988; Grohnfeldt, 1996b). Das wiederum bedeutet dann jedoch, dass die Störung zum „Daseinsthema“ des Betroffenen werden kann, auch wenn der subjektive Leidensdruck sich über die Zeit verändern mag (Grohnfeldt, 1996a). Ergänzend betont GROHNFELDT (1996b), dass die Fachliteratur - anders als umgangssprachlichden Begriff Bewältigung wertneutral versteht.
Überblick über Modelle der Lebenslaufforschung (Lazarus, Filipp und Grohnfeldt) 2.2
Der Schwerpunkt dieses Kapitels wird auf das transaktionale Stressmodell nach LAZARUS gelegt. Als Erweiterung durch die Bedeutung von kritischen Lebensereignissen wird das Modell nach FILIPP gezeigt. Zum Ende soll dann das Belastungs-Bewältigungs-Modell von GROHNFELDT ergänzend vorgestellt werden.
Im bereits kurz angerissenen Stressmodell (Punkt 2.1) von LAZARUS stehen insbesondere die Begriffe Transaktion und Prozess im Mittelpunkt. Psychischer Stress ist abhängig vom Wechselspiel zwischen den Merkmalen der Situation (Anforderungen, Beschränkungen, Ressourcen) und den Merkmalen der Person (sowohl die genetisch determinierte physische Konstitution als auch die über die Zeit entwickelten Überzeugungen, Wertvorstellungen, Fertigkeiten und Bindungen). Transaktion ist dabei die Beziehung zwischen der Einschätzung der Situation durch die Person und den genannten Merkmalen. Formen der Wahrnehmung und Bewertung können Bedrohung oder Verlust wie auch Herausforderung darstellen. Solche psychischen Vorgänge stehen unter einem ständigen Wandel: so kann Ärger in Angst oder Schuld übergehen, wie er ebenso vergehen oder sich verstärken kann.
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Arbeit zitieren:
Nicole Hoffmann, 2004, Auswirkungen kritischer Lebensereignisse auf die Sprachtherapie (Kasuistik Poltern), München, GRIN Verlag GmbH
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