Inhaltsverzeichnis
I. Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
1. 1 Biografisches zu Hans Paul Bahrdt 4
2. 1 Was ist eine Stadt? 5
2. 2 Zur Wort- und Begriffsgeschichte von Öffentlichkeit 7
3. Öffentlichkeit und Privatheit als Grundformen städtischer Vergesellschaftung
bei Bahrdt 10
4. Was versteht Habermas unter „Öffentlichkeit“? 16
4. 1 Öffentlichkeit in der Antike 16
4. 2 Repräsentative Öffentlichkeit 17
4. 3. 1 Voraussetzungen zu Herausbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit 18
4. 3. 2 Bürgerliche Öffentlichkeit - Der Grundriss 19
5. 1 Politische Öffentlichkeit bei Bahrdt 21
5. 2 Politische Öffentlichkeit bei Habermas 24
6. Bahrdts und Habermas´ Öffentlichkeitskonzepte im Vergleich mit dem
Schwerpunkt „politische Öffentlichkeit“ 28
7. Resümee: Ist Bahrdt heute noch aktuell? 36
II. Literaturverzeichnis 41
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1. Einleitung
Im Laufe der Vorbereitungen für unsere Hausarbeit zu „Stadt und Öffentlichkeit“ standen wir vor dem Problem, unser Thema eingrenzen und konkretisieren zu müssen. Obwohl (oder gerade weil?) wir schon viel recherchiert und gelesen hatten, konnten wir keinen roten Faden finden. Klar war allerdings, dass Hans-Paul Bahrdts zentrale These aus der Schrift zur modernen Großstadt im Mittelpunkt stehen sollte: Die Polarität zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bringt die urbane Lebensweise hervor.
Da es sich bei „Öffentlichkeit“ nicht nur um ein rein stadtsoziologisches Phänomen handelt, suchten wir auch unter den Schlagwörtern Stadt, Urbanität, Öffentlichkeit und Privatheit. Diese Recherche brachte eine Fülle verschiedener Themen zum Vorschein, denn stadtsoziologische Arbeiten sind oftmals zugleich übergreifende, in denen andere spezielle Soziologien wie Familiensoziologie, Schichtungs- oder politische Soziologie berücksichtigt werden müssen. Auch Bahrdts Sichtweise kann man kaum auf einen soziologischen Bereich begrenzen, weshalb es sinnvoll scheint, einen kurzen biographischen Abriss, der seinen Ansatz verdeutlichten soll, voranzustellen.
Im Anschluss werden wir insbesondere der Frage nachgehen, in welchem Verhältnis Öffentlichkeit und Stadt zueinander stehen: Braucht die Stadt Öffentlichkeit? Und braucht Öffentlichkeit in umgekehrter Weise auch Stadt?
Um dies zu beantworten und auch um die Begriffe selbst zu konkretisieren, wollen wir einige Definitionen zu Stadt vorstellen und die Wort- und Begriffsgeschichte von Öffentlichkeit genauer untersuchen. In unserem Hauptteil werden wir das Konzept von Bahrdt und erweiternd das zur bürgerlichen Öffentlichkeit von Jürgen Habermas gegeneinanderstellen, um anschließend die verschiedenen Herangehens- und Sichtweisen auf das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Stadt und Öffentlichkeit zu vergleichen. Zur Eingrenzung beziehen wir uns dabei hauptsächlich auf die politische Öffentlichkeit. Resümierend soll überprüft werden, in wie weit Bahrdts Begriffspaar auch unter heutigen Bedingungen noch zur Erklärung für die Konstituierung urbanen Lebens geeignet ist.
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1.1 Biografisches zu Hans Paul Bahrdt
Hans Paul Bahrdt wurde als Sohn eines Arztes am 3.12.1918 in Dresden geboren. Nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium und einer achtjährigen Militärzeit begann er 1945 Philosophie und Germanistik in Göttingen und Heidelberg zu studieren. 1952 beendete er sein Studium, das auch die Nebenfächer Soziologie und Volkswirtschaftslehre umfasste, mit einer Dissertation zur Geschichtsphilosophie Herders bei H elmuth Plessner. Seine berufliche Laufbahn begann er zusammen mit seinem Studienfreund Heinrich Popitz an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster in Dortmund, wo er als Assistent bis 1955 tätig war. Dort hatte er auch erstmals die Gelegenheit an industriesoziologischen Forschungen teilzunehmen. Bis zu seiner Habilitation über Industriebürokratie 1958 in Mainz arbeitete er als freier Mitarbeiter bei der BASF in Ludwigshafen. Während dieser Zeit entstand auch die Studie „Das Gesellschaftsbild des Arbeiters“ (1957), deren Bedeutung als fundamental für die Konstituierung der westdeutschen Industriesoziologie nach dem Krieg eingeschätzt wird. 1959, nach Gastvorlesungen an der Uni Heidelberg, übernahm er bis 1962 eine außerordentliche Professur an der T U Hannover. Danach trat er an der Georg-August Universität in Göttingen als Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie die Nachfolge von Helmuth Plessner an.
Bis in die 60er Jahre hinein galt Bahrdts Hauptinteresse der Industriesoziologie. Mit seinen ersten Publikationen in diesem Bereich regte er auch die Diskussion um den neuen sozialen Standort und das Selbstverständnis der Angestellten im Nachkriegsdeutschland an. (vgl: Hillmann 1994: 69) Er bemühte sich weiterhin um den theoretischen Ansatz einer phänomeno logisch arbeitenden Soziologie und hinterließ zahlreiche Analysen im Bereich der Wissens-/ Wissenschaftssoziologie und Stadt- und Regionalsoziologie, die seit den 60er Jahren zu einem seiner weiteren Interessensgebiete geworden war. 1961 erschien „Die moderne Großstadt“, die als Grundlagenwerk der modernen Stadt- und Regionalsoziologie gilt. Mit seiner 1968 veröffentlichten Schrift „Humaner Städtebau“ wandte er sich auch ganz direkt und mit praktischen Vorschlägen an die Stadtplanung. Seine hervorragenden Leistungen, wie z.B. sein politisches Engagement für die Aufnahme von Sozialplanbestimmungen in das Städtebauförderungsgesetz von 1971, brachten Bahrdt 1979 den Preis für Stadtforschung und Städtebau der Fritz-Schumacher- Stiftung ein. 1994 stirbt er in Göttingen.
Gewürdigt wird besonders die ungewöhnliche Breite und Intensität von Bahrdts Forschungs-und Lehrtätigkeiten, sowie sein umfangreiches und inhaltlich differenziertes Werk an Büchern, Beiträgen, Manuskripten und Aufsätzen. Er hätte, so Herlyn, seinen eigenen
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Anspruch, nämlich kritische Gesellschaftsanalyse zu betreiben, niemals aus den Augen verloren. Wegen seiner Offenheit und Interdisziplinarität im Denken sei er „[…] noch einer der wenigen Generalisten in der deutschen Nachkriegssoziologie, ein ´ Spezialist der Unspezialisiertheit` […]“(Herlyn 1998: 241f) gewesen.
2. 1 Was ist eine Stadt?
Was charakterisiert im speziellen die Stadtsoziologie? Wie wird die Stadt definiert? Ist eine solche Definition überhaupt möglich?
In einem Artikel von Thomas Krämer-Badoni, in dem er die Stadt als sozialwissenschaftlichen Gegenstand und dessen Theoriebildung nachzeichnen möchte, finden sich entscheidende Hinweise auf unser Annäherungsproblem 1 : Darin beschreibt er die Schwierigkeit, das spezifisch Städtische in eine sozialwissenschaftlich relevante, einfache Definition zu verwandeln. „Ich vermute, dass der Versuch einer soziologischen Bestimmung der Stadt weder räumlich noch sozial definierbar und gegenüber Gesellschaft abgrenzbar ist. (...) Eine allgemeine soziologische Theorie „der Stadt“ existiert folglich nicht, unbeschadet aller Versuche, eine solche zu konstruieren.“(Krämer-Badoni, in: Häussermann 2000, 163f ) Für Krämer-Badoni he ißt dies aber nicht, dass man die Frage nach dem Stadtbegriff einfach umgehen kann, indem man ihn undefiniert lässt. Er entwirft unter Berücksichtigung des jeweiligen zeitlichen Kontextes der Gesellschaften einen historischen Stadtbegriff, um damit zu zeigen, warum sozialwissenschaftliche Stadttheorien zu verschiedenen Zeiten ihren Gegenstand unterschiedlich bestimmen.
Eine weitere Quelle, die uns dem Typischen der Stadt näher bringen soll, beruft sich auf statistische Angaben: „Als Stadt gelten (dabei) Gemeinden von einer bestimmten Größe, Bevölkerungszahl (in Deutschland 2000 Einwohner) oder anderen Kennzeichen (z.B. Markt, Befestigung).“ (Lexikon zur Soziologie 1995: 640)
Walter Siebels Überlegungen zur europäischen Stadt stellen andere Charakteristika i n den Mittelpunkt: anlehnend an Max Weber nennt er fünf Merkmale, welche die Besonderheiten der europäischen im Gegensatz zu asiatischen oder amerikanischen Städten zusammenfasst: Selbstverwaltung, kleinteilige Eigentumsverhältnisse, lokale Handlungsspielräume, die Stadt als Marktort, die Präsenz von Geschichte im Stadtbild. Weber sieht in diesen Bedingungen (neben der protestantischen Ethik) den Grund für die Entstehung von Rationalismus, Kapitalismus und Bürokratie und bezeichnet die europäische Stadt als „Keimzelle der westlichen Moderne“. (Siebel in: Häussermann 2000: 264) Interessanterweise nehmen dabei
1 vgl. Krämer-Badoni, in Häussermann 2000: 162-173
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Größe und Bevölkerungszahl eine eher untergeordnete Rolle ein. Bahrdt lehnt sich an Webers Definition an und so stehen auch in seiner Theorie andere Merkmale im Vordergrund, die es erlauben, Orte als mehr oder weniger „städtisch“ einzustufen. Eine letzte Definition, die uns im Hinblick auf Bahrdts Überlegungen interessant, da ähnlich erscheint, lautet wie folgt: „Die Stadt ist der soziale Ort, an dem die Unterscheidung zwischen vertraut und unvertraut, die für alle “Lebenswelt” elementar ist, in den Raum, der mithilfe dieser Unterscheidung sortiert wird, wiedereingeführt wird. Das heißt, die Stadt ist der Ort, an dem Übergänge zwischen den Zuständen des Vertrautseins und des Unvertrautseins entwickelt und erprobt werden“(Baecker, a.a.O.)
Beschäftigt man sich mit der Stadt bzw. dem Leben in Städten, stößt man unweigerlich auf den Begriff der „Urbanität“. Auch dazu sollen im Vorfeld mehrere Definitionen vergleichend betrachtet werden: Bei der etymologischen Herangehensweise fällt auf, dass der Begriff zunächst gleichbedeutend war mit „gebildet, weltgewandt“ und ihm erst sehr viel später, Ende des 19.Jh. die heutige Bedeutung „städtisch“ zukam. Größe, Dicht e und Heterogenität sind für Simmel die drei maßgeblichen Merkmale, die die Urbanität bestimmen. Je größer, dichter und heterogener eine Ansiedlung, desto urbaner ist diese. Es reicht jedoch nicht aus, in der Stadt zu leben, um von Urbanität sprechen zu können. Mit dem Begriff der Urbanität ist auch eine normative Vorstellung von der Qualität städtischen Lebens verknüpft. Es befreit von Zwängen, was in der Redensart „Stadtluft macht frei“ zum Ausdruck gebracht wird. Die Stadt wird zum Ort der Emanzipation. In Hinsicht auf Bahrdts Verständnis von Urbanität erscheint uns wiederum Walter Siebels Definition geeignet: „Urbanität heißt städtische Lebensweise, das, was die Lebensart des Stadtbewohners von der der Landbevölkerung unterscheidet. [...] Was jeweils die urbane Lebensweise charakterisiert, kann nur bezogen auf eine bestimmte historische Epoche und damit auf eine bestimmte Gesellschaftsformation beschrieben werden.“ (Siebel in: Häussermann 2000: 264ff) Zum einen wird deutlich, dass Urbanität über statis tische Angaben hinaus auch die daraus resultierende bestimmte Lebensweise meint und zweitens wird auch hier auf die Notwendigkeit der historischen Bezugnahme verwiesen. Bei Siebel findet sich außerdem eine weitere wichtige Komponente der Urbanität: die Begegnung mit Fremden und Fremdem, sprich mit unbekannten Personen, aber auch unbekannten Lebens- und Kleidungsstilen etc. „Der Prototyp des Städters ist der Fremde. Die Figur des Fremden ist der Kern aller soziologischen Definitionen von Urbanität. Die Stadt ist der Ort, wo Fremde zusammenleben.“(Siebel in: Bollmann 1999: 60) Die urbane Stadt wird somit zu einem Ort, der Rückzugsmöglichkeiten bietet, auch oder gerade für Außenseiter. „Dort leben Fremde dicht und friedlich mit Einheimischen zusammen, einander
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achtend und doch achtlos aneinander vorbeischlendernd, freilich allesamt als Citoyens ums gemeine Wohl besorgt.“ (Siebel a.a.O.: 63) Diese kurze Auseinandersetzung mit dem Begriff der Urbanität, soll auf dessen breit gefächerte Bedeutung hinweisen; für unsere Beschäftigung mit Bahrdts Theorie wollen wir Urbanität als eigentümlich städtische Lebensweise verstanden wissen.
Bahrdt selbst schreibt zur Urbanität folgendes: „Es wird jener Verhaltensstil entwickelt, den wir Urbanität nennen und der den Charakter einer echten Tugend annimmt. Der urbane Mensch setzt in jedem Falle voraus, dass der andere - mag dessen Verhalten noch so sonderbar sein - eine Individualität besitzt, von der her sein Verhalten sinnvoll sein kann.“ (Bahrdt 1962: 103) An dieser Stelle deutet sich bereits an, welchen Schwerpunkt Bahrdt in seinen Überlegungen wählt. Er scheint sich insbesondere auf das Verhalten der Menschen und ihre Kommunikation zu konzentrieren, was ein Blick auf seine Publikationsliste bestätigt. 2
2. 2 Zur Wort- und Begriffsgeschichte von Öffentlichkeit
Im folgenden Abschnitt sollen der Ursprung des Wortes „Öffentlichkeit“ und seine Begriffsgeschichte kurz nachgezeichnet werden. Sie war durch viele
Bedeutungserweiterungen gekennzeichnet und wurde auch durch andere Wörter und Begriffe beeinflusst. Der Fokus wird hier besonders auf dem 18. Jh. und auf Deutschland (bzw. seinen politischen Vorformen) liegen.
„Der Sprachgebrauch von `öffentlich´ und ´Öffentlichkeit´ verrät eine Mannigfaltigkeit konkurrierender Bedeutungen. Sie stammen aus verschiedenen geschichtlichen Phasen […]“ (Habermas 1990: 54) Bei dem Versuch der Historisierung von Öffentlichkeit muss man also klar zwischen dem Phänomen als solchem, dem Wort und seiner begrifflichen Bedeutung unterscheiden.
Öffentlichkeit als reale Erscheinung gibt es, im Gegensatz zu Wort und Begriff, in unterschiedlichen Formen und auch im Zusammenhang mit einem Publikum schon immer. Die Antike z.B., kannte Öffentlichkeit hergestellt durch Redner und Rhetoriker im Senat, auf öffentlichen Plätzen oder im Gericht. Im Mittelalter konstituierte sich Öffentlichkeit besonders in Kirchen oder Universitäten. Im absolutistischen Staat blieb Öffentlichkeit auf
2 Unter dem Titel Soziologische Überlegungen zum Begriff der Distanz setzt er sich mit dem Distanzverhalten
von Menschen im Alltag auseinander, welches für ihn die Voraussetzung für urbanes Leben darstellt. Ähnliche
Gedanken bearbeitet der Aufsatz: Öffentlichkeit und Privatheit. Überlegungen zu ihrer Kommunikations- und
Interaktionsstruktur, in welchem seine zentrale These der Polarität bzw. dem Spannungsverhältnis zwischen
Öffentlichkeit und Privatheit erneut aufgegriffen und weitergeführt wird.
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den Hof beschränkt. Parallel zu dessen Einflussverlust bildete sich dann im 18.Jh. die sogenannte „bürgerliche Öffentlichkeit“ heraus, die sich anfangs vor allem als „Publikum“ in Salons, im Theater oder in den Lesegesellschaften traf. Später, im Zuge des Liberalismus in Deutschland, dehnte sie sich auch auf den politischen Bereich aus. 3 Aber wie soll man Öffentlichkeit eigentlich verstehen? Wann ist das Wort entstanden? Bedeutete der Begriff immer schon das, was wir heute darunter verstehen? Das Wort „öffentlich“ entwickelte sich schon i m Mittelalter und trat aus dem althochdeutschen über den mittelhochdeutschen in den oberdeutschen Sprachraum als „offentlich“, dann „öffentlich“ ein. 4
Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1889 bezeichnet „öffentlich“ eine Sache, die „ offenbar, aufrichtig, nicht geheim, zugänglich, nicht privat [und] das Gemeinwesen betreffend“ ist. (Schiewe 2004: 60) Diese Bedeutung galt bis ins 17.Jh. hinein. „Öffentlich“ bezog sich anfangs also ganz konkret auf das „Sichtbare“ im Gegensatz zum „Geheimen“. Das galt auch für das Rechtswesen in Deutschland. Mit dessen Veränderung, durch die Rezeption des römischen Rechtes und die Verlagerung der Gerichtsbarkeit in die Hände der Obrigkeit, als Vertretung des öffentlichen Rechts, ging auch eine Bedeutungsveränderung des Wortes einher. Sein ursprünglicher Sinn ging von einer Tatsachenbezeichnung - das etwas bekannt, klar und offensichtlich ist - ab dem 16.Jh. zu einer Zweckbezeichnung - das etwas bekannt sein soll - über.
Im 17. Jh. erfuhr „öffentlich“ dann eine nochmalige Bedeutungserweiterung. Es wurde nun als Übersetzung für das lateinische „publicus“ verwendet und bedeutete somit „staatlichauch „ staatliche Herrschaft“, „ dem souveränen Herrscher zugehörig“ und „ die soziale Gemeinschaft betreffend“. (Schiewe 2004: 30) Das Gegenteil dazu bildete jetzt nicht mehr „geheim“, sondern die lateinische Bezeichnung „privatus“ - mit der Bedeutung, dass etwas nicht mehr „jedermann [z]ugänglich“ oder „dem Volk [z]ugehörig“ (Schiewe, a.a.O.: 30) ist. Zwei Sphären wurden also jetzt klar gegeneinander abgrenzt: die öffentlich-staatliche („publicus“) gegen die privat- zwischenmenschliche („privatus“).
Das Wort „Öffentlichkeit“ entstand dann im 18.Jh. als Subjektivierung von „öffentlich“ und enthält im metaphorischen Sinn auch die Elemente Licht und Sonne. Zum Begriff, nämlich einer „Beschreibungskategorie für bestimmte soziale und politische Strukturen“ (Hölscher 1979: 8f), wurde das Wort in Deutschland erst im Zuge des Liberalismus nach 1815. Es erhielt die Zusatzbedeutung von „ Raum, in dem sich Öffentlichkeit bildet […] mit dem Anspruch ein Gegengewicht zur staatlichen Herrschaft [darzustellen].“ (Hölscher 1979: 9)
3 vgl. Faulstich in Szyszka 1999: 69
4 vgl. Schiewe 2004: 60
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Bedeutsam für das Verständnis des Öffentlichkeitsbegriffes sind auch zwei weitere Wörter: Zum Einen das lateinische Wort „publicum“, das sich mit seinen eher unspezifischen Bedeutungen bis ins 18.Jh. auf den Staat, seine Einrichtungen und das „Staatspublikum“, im Sinne der „Empfänger obrigkeitlicher Verordnungen“ bezog und erst mit dem zunehmenden literarischen Verkehr des 18.Jh. und unter dem Einfluss der Aufklärung immer stärker auf ein lesendes Publikum angewendet wurde. 5 „Publikum“ wurde dadurch zur Bezeichnung einer neuen sozialen Schicht, die sich nicht mehr über die Standeszugehörigkeit, sondern über Bildung, Geld und die Partizipation an den ebenfalls neuen Geselligkeitsformen der Epoche selbst definierte bzw. definieren lässt. Die Bezeichnung „Publikum“ für eine literarische Leserschaft löste also im Laufe des 18.Jh. die ursprüngliche Bedeutung von „publicum“ als staatlichen Befehlsempfänger ab. Dieses Publikum war aber nicht nur stummer Rezipient, sondern ihm wurde auch die Urteilsfähigkeit über literarische Produktionen zugesprochen. Diese Art von Mitspracherecht wurde dann ab den 80er Jahren des Jahrhunderts auch bei politischen Entscheidungen gefordert.
Zum Zweiten brauchte es zur Herausbildung solcher, im aufklärerischen Sinne, vernünftigen und urteilsfähigen Menschen Zugang zu den b ildenden und vermittelnden Geselligkeitsformen und -orten. Dieser gesellschaftliche Rahmen wurde ab Mitte des 18.Jh. „Publizität“ genannt, was dem Französischen „publicité“ entlehnt war. 6 Um 1800 bezeichnet „Öffentlichkeit“ also bloß eine Eigenschaft von Sacheverhalten und Dingen, entsprach der Übersetzung von „publicus“ und „Publizität“, war nur im Plural gebräuchlich und als Begriff noch relativ unscharf. Mit der zunehmenden Politisierung der Gesellschaft bzw. des Publikums i n Folge der Französischen Revolution erfolgte dann auch die Politisierung von „Öffentlichkeit“, im Sinne der Herausbildung einer „öffentlichen Meinung“, d.h. die eigentliche Begriffsbildung.
Im 19.Jh. wurde der bis dahin eindeutig positiv konnotierte Begriff durch Marx und die Arbeiterbewegung kritisiert. Mit Aufkommen der Massenpresse um 1900 und durch die elektronischen Massenmedien im 20.Jh. wird „Öffentlichkeit“ um das Bedeutungselement der „Beeinflussbarkeit“ erweitert und zum Objekt von Institutionen, auf die sie via Medien einwirken wollen. 7
Resümierend lässt sich festhalten, dass wir das, was wir heute unter „Öffentlichkeit“ verstehen, nicht auf frühere Zeiten übertragen dürfen, da sich die Bedeutung von „Öffentlichkeit“ mehrfach gewandelt hat. Trotzdem kann man auch schon vor der Entstehung
5 vgl. Schiewe 2004: 34
6 vgl. Schiewe 2004: 60, 52
7 ebd., 61
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Arbeit zitieren:
Claudia Meiling, Silke Baudendistel, 2005, Die Stadt und die Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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