INHALTSVERZEICHNIS
A : EINLEITUNG 1
B : HAUPTTEIL 4
1. Der Beginn der Bekanntschaft zwischen Spinell und Gabriele 4
2. Die weitere Entwicklung der Beziehung zwischen Spinell und
Gabriele S. 6
3. Spinells Einflussnahme auf Gabriele und ihre Folgen 9
4. Spinells „Triumph über das Leben“: Gabrieles Wandlung
13
4.1 Die Umdeutung der Erinnerung Gabrieles
(Springbrunnenszene)
13
4.2 Die Verführung durch Wagners Tristan und Isolde
(Klavierszene)
19
5. Spinell Prophezeiung und Gabrieles Tod
(Spinells Brief an Herrn Klöterjahn)
27
C : SCHLUSSBETRACHTUNG
30
BIBLIOGRAPHIE S.
32
1. Primärliteratur.
32
2. Sekundärliteratur 3
2
Das Sehnsuchtsmotiv, eine einsame und irrende Stimme in der Nacht, ließ leise seine bange Frage vernehmen. Eine Stille und ein Warten. Und siehe, es antwortet: derselbe zage und einsame Klang, nur heller, nur zarter. 1
Gabriele Klöterjahn hat soeben begonnen, Richard Wagners Oper Tristan und Isolde 2 am Klavier anzustimmen. Ihr Verführer Detlev Spinell sitzt schweigend neben ihr. Ist die Schilderung des Sehnsuchtsmotivs zugleich ein Sinnbild der Beziehung zwischen den beiden Figuren? Harrt seine „einsame und irrende Stimme“ (S. 116) auf eine Antwort, auf denselben „zage[n] und einsame[n] Klang“ (S. 116)? Keineswegs. Das Zitat ist ein imposantes Beispiel dafür, wie Thomas Mann die Musik Richard Wagners literarisch gestaltet. 3
Dennoch verweist die Passage auf ein zentrales Thema der Novelle. Ähnlich wie in Wagners Oper steht auch in Manns Tristan eine zwischenmenschliche Beziehung im Mittelpunkt der Handlung. Allerdings lässt sich die Verbindung zwischen der Bremer Kaufmannsgattin Gabriele einerseits und dem Künstler und Ästheten Detlev Spinell andererseits keinesfalls mit der leidenschaftlichen Liebe Tristans und Isoldes vergleichen. Die Beziehung, die sich im Sanatorium „Einfried“ 4 abspielt, ist von gänzlich anderer Art. Gleichwohl handelt es sich jedoch um eine Beziehung, eine Verbindung, die zweier Seiten bedarf.
In Anbetracht der aktuellen Ausrichtung der Tristan-Forschung, die überwiegend die Figur des Detlev Spinell unter verschiedenen Gesichtspunkten thematisiert 5 oder dem Einfluss
1 Thomas Mann: Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a. M. 59 2003, S. 116. Im Folgenden zitiere ich aus dieser Quelle durch Angabe der Seitenzahl im laufenden Text. In den Fußnoten wird zur besseren Abgrenzung von der Sekundärliteratur weiterhin der verkürzte Werktitel angegeben.
2 Richard Wagner: Tristan und Isolde. In drei Aufzügen, hg. und eingel. von Wilhelm Zentner, Stuttgart 1978.
3 Vgl. Vaget, Hans Rudolf: Die Erzählungen, in: Koopmann, Helmut (Hg.): Thomas-Mann-Handbuch, Stuttgart 1990, S.534-618, hier S. 559. Nach Vaget ist der Tristan Manns „der erste große Versuch, Wagnersche Musik mit Worten zu vergegenwärtigen.“ (S. 559).
4 Vgl. Virchow, Christian: Das Sanatorium als Lebensform. Über einschlägige Erfahrungen Thomas Manns, in: Sprecher, Thomas (Hg.): Literatur und Krankheit im Fin-de-siècle (1890-1914). Thomas Mann im europäischen Kontext. Die Davoser Literaturtage 2000 (Thomas-Mann-Studien 26), Frankfurt a. M. 2002. Virchow, der in seinem Aufsatz die Sanatoriumserfahrung Thomas Manns sowie deren literarische Verabeitung behandelt, kommt bzgl. der Tristan-Novelle zu dem Ergebnis, dass Mann „beim Schreiben der Novelle keine eigenen Sanatoriumserfahrung besaß“ (S. 173). Dies erstaunt v.a. angesichts der detailreichen Schilderung der alltäglichen Abläufe, der Krankheitsfälle oder der Behandlungsmöglichkeiten in der Heilanstalt.
5 Vgl. Jost, Hermand: Peter Spinell, in: MLN 79 (1964), S. 439-447; McConnell, Winder: Detlev Spinell und die „Kunst“ der Projektion. Bilder der Verzweiflung in Thomas Manns Tristan, in: Bartl, Andrea (Hg.): „In Spuren gehen…“. Festschrift für Helmut Koopmann, Tübingen 1998, S. 279-300; Rilla, Paul: Essays, Berlin 1955; Wapnewski, Peter: Tristan der Held Richard Wagners, Berlin 2001; Woinowa, Ludmilla: Die Figur des Spinell als ironisches Portrait eines Dichters der Décadence in Thomas Manns Novelle Tristan, in: Klussmann, Paul Gerhard (Hg.): Entwürfe. Russische Studien zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts (Schriften zur Europa- und Deutschlandforschung 9), Frankfurt a. M. / Berlin / Bern 2003, S. 59-68. Zur Bedeutung der Figur Spinells konstatiert Paul Rilla: „Es muß wohl nicht ausdrücklich gesagt werden, daß im ´Tristan´ der Schriftsteller Detlev Spinell die Hauptfigur ist. Die Figur, auf die es ankommt. Die Figur um derentwillen die Erzählung geschrieben wurde“ (S. 273).
3
Wagners, 6 Nietzsches 7 und Schopenhauers in der Erzählung nachgeht, möchte die vorliegende Untersuchung sich einem weniger ausführlich behandelten Aspekt widmen - der Beziehung zwischen Spinell und Gabriele Klöterjahn als einer gegenseitigen Verbindung. Dabei soll in Annäherung an die älteren Arbeiten von Lida Kirchberger 8 und Wolfdietrich Rasch 9 und die neure Untersuchung Andreas Kablitz 10 vor allem die Rolle der Gabriele stärker berücksichtigt werden. Dass der Ausgang der Novelle mit dem tragischen Tod der jungen Frau nicht auf einen unvorhersehbaren Schicksalsschlag zurückzuführen ist, sondern aus ihrer Beziehung zu Spinell resultiert, soll sukzessive aufgezeigt werden. Seit Beginn ihrer gegenseitigen Bekanntschaft vollzieht sich in dieser Beziehung eine Entwicklung, die sich in unterschiedlicher Weise auf die Beteiligten auswirkt. In mehreren Phasen, angefangen bei der ersten Begegnung Spinells und Gabrieles (Kapitel 1), über das allmähliche Kennenlernen (Kapitel 2), die gesteigerten Einflussnahme Spinells (Kapitel 3) sowie die Verleitung zum Klavierspiel (Kapitel 4), die Höhepunkt und Ende der Beziehung zugleich markiert, gelingt es Spinell zunehmend auf Gabriele einzuwirken. Obwohl nach der Musikszene im Konversationszimmer kein weiteres Treffen stattfindet und die Beziehung somit als beendet gelten kann, wird in einem letzten Schritt Spinells Brief an Herrn Klöterjahn herangezogen (Kapitel 5). Da in diesem die Ansichten Spinells bezüglich Gabriele artikuliert werden, kann er als Schlüssel für die gesamte Seins- und Denkweise seines Verfassers angesehen werden.
In den jeweiligen Kapiteln wird gemäß der Aufgabenstellung versucht, sowohl Spinells als auch Gabrieles Haltung und ihre jeweiligen Perspektiven zu bestimmten Zeitpunkten der Handlung zu untersuchen, um die Entwicklung ihrer Beziehung von beiden Seiten aus nachvollziehen zu können. Mit Blick auf den Ausgang der Novelle wird zudem nach jedem Kapi-
6 Vgl.Gregor-Dellin, Martin: „Tristan“ - Faszination für einen Dichter, in: Wagner, Wieland (Hg.): Hundert Jahre Tristan. Neunzehn Essays, Emsdetten (Westfalen) 1965, S. 33-40; Hörisch, Jochen: „Eines nur will ich noch: das Ende.“ Todesfaszination bei Richard Wagner und Thomas Mann, in: Athenäum 12 (2002), S. 189-198.; Kaiser, Joachim: Thomas Mann, die Musik und Wagner, in: Dahlhaus, Carl / Miller, Norbert (Hgg.): Beziehungszauber. Musik in der modernen Dichtung (Dichtung und Sprache 7), München / Wien 1988; Mittenzwei, Johannes: Das Musikalische in der Literatur. Ein Überblick von Gottfried von Straßburg bis Brecht, Halle (Saale) 1962; Reinke, Claudius: Musik als Schicksal. Zur Rezeptions- und Interpretationsproblematik der Wagnerbetrachtung Thomas Manns, Osnabrück 2002.
7 Vgl. Liaoyu, Huang: Thomas Manns Künstlergestalten: perspektivisch gesehen, in: Literaturstraße 3 (2002), S. 187-206.
8 Kirchberger, Lida: Thomas Mann´s „Tristan“, in: The Germanic Review 36 (1961), S. 282-297. Lida Kirchberger vertritt die These, dass die Tristan-Novelle Manns unter anderem auch eine Biographie Gabriele Eckhofs sei (S. 183). Demgegenüber erfahre der Leser über Detlev Spinells Leben, der als eigentliche Hauptfigur und Interessenschwerpunkt der Forschung gilt, kaum etwas. Kirchbergers Grundüberlegung entspricht der Aufgabe dieser Arbeit, ihre Auseinandersetzung mit E.T.A. Hoffmanns Rat Krespel als Vorläufer des Tristan wird hingegen nicht berücksichtigt.
9 Rasch, Wolfdietrich: Zur deutschen Literatur seit der Jahrhundertwende. Gesammelte Aufsätze, Stuttgart 1967.
10 Kablitz, Andreas: Jenseits der Décadence: Thomas Manns Tristan. (Mit einem Nachwort zur Funktion der Ironie in realistischem und nach-realistischem Erzählen: Gustave Flaubert - Thomas Mann), in: Warning, Rainer / Wehle, Winfried (Hgg.): Fin de Siècle, München 2002, S. 89-122.
Kablitz geht in seiner Arbeit von zwei sich entgegengesetzten Konzepten aus, dem Konzept Nietzsches und dem Konzept Schopenhauers. Beide sind durch Klötjerjahn und Spinell im Tristan vertreten, besitzen jedoch durch ihre gegenseitige Einschränkung nur partielle Gültigkeit. Da sich jedoch in Gabriele beide Konzepte überkreuzen, ist sie nach Kablitz „die zentrale Gestalt im Personal von Manns Erzählung“ (S. 99).
4
tel ein Resümee über Gabrieles jeweiligen Zustand angefügt sein. Die gesundheitlichen und persönlichen Veränderungen, die sie durchläuft, sollen dabei kontinuierlich im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Beziehung gesehen werden. Gabrieles gesundheitliche Schwächung vollzieht sich folglich nicht willkürlich, sie unterliegt einem kontinuierlichen Prozess - dem Prozess der Beeinflussung durch Spinell. Ihre eigene Veränderung, die sie unter diesem Einfluss erleidet, soll jedoch nicht nur als Konsequenz, sondern zugleich als Bedingung der Weiterentwicklung der Beziehung betrachtet werden. Über die Ansicht, dass Spinell sich an Gabriele als Verführer schuldig macht, ist sich die Forschung weitgehend einig. 11 Dass diese Verführung jedoch nur möglich ist, weil Gabriele sie auch zulässt, wurde aufgrund der geringen Beachtung ihrer Rolle in der Forschung bisher außer Acht gelassen. Ihre Haltung in der Beziehung und damit ihr indirekter „Anteil“ an der Verführung, gilt es im Folgenden näher zu erörtern. Spinell wird als dem traditionellen Verführer somit eine Figur gegenübergestellt, die ihm in förderlicher Weise die Verführung zu erleichtern scheinteine Konstellation, auf die der Titel der Arbeit in überspitzter Formulierung verweist: Verführt Spinell oder wird gar er selbst „zur Verführung verführt“?
11 Vgl. Rilla, S. 275; Wiegemann, Hermann: Die Erzählungen Thomas Manns. Interpretationen und Realien, Bielefeld 1992.S. 130-131; Witte, Karsten: „Das ist echt! Eine Burleske!“ Zur Tristan-Novelle von Thomas Mann, in: The German Quarterly 41 (1968), S.660-672, hier S. 666. Nach Rilla führt die Bekanntschaft Gabrieles mit Spinell unausweichlich zu ihrem Tod: „Sie stirbt daran, daß der Schriftsteller ihrem simplen bürgerlichen Leben mit romantisch vergeistigenden Ansprüchen zugesetzt hat“ (S. 275). Witte bettet Gabrieles Tod in eine christliche Symbolik ein. So repräsentiere Spinell den „teufliche[n] Verführer, der in Gabrieles heile Welt einbricht und sie zerstört“ (S. 666).
5
1. Der Beginn der Bekanntschaft zwischen Spinell und Gabriele
Obwohl sich die erste bewusste Begegnung zwischen Detlev Spinell und Gabriele Klöterjahn erst in der fünften Szene, im Rahmen des gemeinsamen Mittagessens in „Einfried“, ergibt, lassen sich bereits zuvor anhand bestimmter Reaktionen Aussagen über das Verhältnis der beiden Protagonisten treffen.
So führt der erste Anblick Gabrieles auf Seiten Spinells, noch bevor ein gegenseitiges Gespräch stattgefunden hat bzw. er nähere Kenntnis über sie erlangen konnte, 12 offenbar zu einer heftigen Gemütsbewegung, denn „er verfärbte sich geradezu, als sie auf dem Korridor an ihm vorüberging, blieb stehen und stand noch immer wie angewurzelt, als sie schon längst entschwunden war.“ (S. 94) Gabriele besitzt demgegenüber bis zu ihrer gemeinsamen Begegnung bei Tisch keinerlei Kenntnis über Spinell. 13 Sie tritt ihm in neutral-höflicher Weise gegenüber.
Während des Mittagessens selbst scheint sich Spinells erste Reaktion beim Anblick Gabrieles durch eine gewisse Verlegenheit den neuen Gästen gegenüber fortzusetzen, denn er begann „offenbar ein wenig verlegen, zu essen, indem er Messer und Gabel […] in ziemlich affektierter Weise bewegte.“ (S. 98) Jedoch überwindet Spinell seine Befangenheit im Verlauf des Essens und erweist sich dem Ehepaar Klöterjahn durchaus als höflicher, interessierter Tischpartner, der die Fragen des Paares zuvorkommend beantwortet. Lediglich seine „etwas behinderte und schlürfende Art zu sprechen“ (S. 98) scheint mit dem nun gefestigten äußeren Auftreten nicht überein zu stimmen und gibt dem Leser Anlass, Spinells Verhalten künftig genauer zu prüfen.
Die Möglichkeit der Erkundigung nach dem jeweiligen Tischpartner nutzen indes beide Seiten. Sowohl Detlev Spinell als auch das Ehepaar Klöterjahn wenden sich an Doktor Leander, um Näheres zu erfahren. Während Gabrieles Interesse für Herrn Spinell auf dessen Schriftstellerberuf und dem damit verbundenen Reiz der Rarität beruht, denn „sie hatte noch nie ei-
12 Vgl. DerTod in Venedig, S. 93, S. 94, S. 99. Zwar heißt es in Szene 3, dass „die Persönlichkeit der neuen Patientin […] ungewöhnliches Aufsehen in „Einfried“ ” (S. 93) erregte, und dass bereits zwei Tage nach ihrer Ankunft „die ganze Kurgesellschaft mit ihrer Geschichte vertraut war“ (S. 94), allerdings scheinen diese In-formationen zu Herrn Spinell nicht durchgedrungen zu sein. Darauf deutet nicht nur seine Daseinsform als Außenseiterexistenz, die ihn strikt von der übrigen Kurgesellschaft trennt, sondern auch sein mehrmaliges Nachfragen bzgl. des Namens bei Dr. Leander im Anschluss an das erste gemeinsame Mittagessen (S. 99).
13 Vgl. Der Tod in Venedig, S. 90, S. 93, S. 96; Szabó, László V.: Von Mythos zu Ironie und Humor in Thomas Manns Tristan, in: Jahrbuch der ungarischen Germanistik 1996, S.181-191, hier S. 186-190. Obwohl die Novelle fast unmittelbar mit der Ankunft des Ehepaares Klöterjahn in „Einfried“ einsetzt, besitzt der Leser gegenüber Gabriele in Bezug auf die Figur Spinells einen deutlichen Informationsvorsprung, was äußerliche und charakterliche Merkmale, Beruf und Eigenart des Namens betrifft, die jedoch aufgrund der ironischen Färbung durch den Autor zunächst mit Zurückhaltung zu behandeln sind. Interessante Bemerkungen zur Mannschen Ironie im Allgemeinen sowie der ironischen Zeichung Spinells macht u.a. László V. Szabó.
6
nen Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gesehen“ (S. 99), bleibt Spinells Motivation im Unklaren. Allein die Kuriosität des Namens „Klöterjahn“ scheint ihn zu mehrmaligem Nachfragen zu nötigen. 14
Gabrieles Gesundheitszustand ist zu diesem Zeitpunkt der Handlung zwar angeschlagen, wie ihre ganze äußerliche Erscheinung vermuten lässt, denn ihr Auftreten zeugt von „schwache[r] Grazie und zarte[m] Liebreiz“ (S. 91) und sie hätte „keinen holderen und veredelteren, keinen entrückteren und unstofflicheren Anblick gewähren könnten“ (S. 92), doch keineswegs aussichtslos. Laut dem Anmeldeschreiben des Hausarztes leidet die junge Frau an einer langwierigen Erkrankung der Luftröhre, die sich als Folge der schwierigen Geburt ihres ersten Kindes eingestellt habe und zur rascheren Kurierung nun in „Einfried“ 15 behandelt werden solle. Dass es sich bei Gabrieles Leiden jedoch wahrscheinlich nicht um einen Luftröhrendefekt, sondern um eine Schädigung der Lunge handelt, zeigen nicht nur die beschriebenen Krankheitssymptome, sondern auch das Verhalten Doktor Leanders. Dieser reagiert auf die Diagnosestellung Herrn Klöterjahns „es ist nicht die Lunge, nee, Deubel noch mal, auf so was lassen wir uns nicht ein, was Gabriele? hö, hö!“ (S. 93) mit einem distanzierten „zweifelsohne“ (S. 93), das vielmehr Vorsicht und Zurückhaltung als Übereinstimmung mit Herrn Klöterjahn ausdrückt. Ebenso mahnt die Erwähnung des blauen Äderchens, das „auf eine beunruhigende Art das ganze feine Oval des Gesichts“ (S. 92) der Patientin beherrschte, allzu leichtfertig der bisherigen Diagnose Glauben zu schenken.
Dennoch verweist die Übernahme der Behandlung durch Doktor Leander, der im Gegensatz zu Dr. Müller diejenigen Kranken betreut, die noch Chancen auf eine Genesung haben, auf einen erhofften positiven Ausgang der Erkrankung Gabrieles. Zu diesem Zeitpunkt der
14 Vgl. Der Tod in Venedig, S. 99; Kurzke, Hermann: Nachwort, in: Thomas Mann: Tristan. Novelle, mit einem Nachwort von Hermann Kurzke, Stuttgart 1988, S.51-63, hier S. 53; Wiegemann, S. 118. Im Hinblick auf Spinells Formulierung der Frage fällt auf, dass er, nachdem Doktor Leander den Namen „Klöterjahn“ zum ersten Mal nannte, eine Umformulierung vornimmt. Aus der Frage „Wie ist der Name des Paares?“ (S. 99) wird die Wendung „Wie heißt der Mann?“ (S. 99). Durch die Eigenart und die damit verbundenen Assoziationen scheint ihm der Name allein noch für Herrn Klöterjahn passend zu sein, nicht mehr jedoch für seine Gattin. Da die „Klöten“, wie Kurzke erklärt, niederdeutsch die männlichen Hoden bezeichnen, ist ein „Klöterjahn“ eigentlich ein „Hodenhans“, was den Aspekt der Vitalität und der Stärke bei Vater und Sohn betont.
15 Vgl.: Dittmann, Ulrich: Thomas Mann. Tristan (Erläuterungen und Dokumente), bibliogr. erg. Aufl., Stuttgart 1999, S. 5; McConnell, S. 282-284; Young, Frank W.: Montage und Motif in Thomas Mann´s „Tristan“ (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft 183), Bonn 1975, S. 22; Kablitz, S. 94. Der Tod in Venedig, S. 90. Besonders Young macht durch die detaillierte Aufschlüsselung der Bedeutungsmöglichkeiten des Namens “Einfried” auf dessen vorausdeutende Funktion aufmerksam. Den neben „Friede“, „Ruhe“ und „Schutz“ kann das mittelhochdeutsche „vride“, das Young als Kernwort annimmt, auch „Einfriedung“ bedeuten. Ein „eingefriedigtes Grundstück“ bezeichnet wiederum in ursprünglicher Form den heutigen „Friedhof“. Neben den positiven Eigenschaften des Sanatoriums klingt folglich bereits an dieser Stelle ein möglicher negativer Ausgang der Behandlung in Form des Todes an. Und dass dieser das Alltagsleben des Sanatoriums in keiner Weise beeinträchtigen soll, zeigt der Umgang mit den Toten, von denen es heißt: „Dann und wann stirbt jemand von den „Schweren“ […] und niemand, selbst der Zimmernachbar erfährt etwas davon. In stiller Nacht wird der wächserne Gast beiseite geschafft, und ungestört nimmt das Treiben in „Einfried“ seinen Fortgang.“ (S. 90). Kablitz weist zudem auf den eigentlichen Gegensatz der Begriffe „Einfried“ und „Sanatorium“ hin. Während „Einfried“ - wie soeben erläutert - die Gefahr des Todes assoziiert, soll ja das „Sanatorium“ (lat. sanus = gesund) gerade die Patienten davor bewahren.
7
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Julia Ilgner, 2005, Zur Verführung verführt? Die Beziehung zwischen Detlev Spinell und Gabriele Klöterjahn in Thomas Manns "Tristan", München, GRIN Verlag GmbH
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