Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Parsifal und Parzival. 4
2.1. Analyse des ersten Aktes. 4
2.2. Analyse des zweiten Aktes. 7
2.3. Analyse des dritten Aktes. 9
2.4. Zusammenfassung. 10
3. Wagners literarische Verarbeitung der Vorlage Parzival von
Wolfram von Eschenbach 11
3.1. Die Figur Parsifal. 11
3.1.1 Musikalische Extravaganzen. 12
3.1.2 Parsifals Welthellsichtigkeit 13
3.2. Die Figur Amfortas. 24
3.3. Die Figur des Zauberers Klingsors. 25
3.4. Die Figur der Kundry 26
3.5. Die Figur des Gurnemanz 30
3.6. Die Gralsgesellschaft. 31
3.7. Zusammenfassung. 32
4. Erlösung dem Erlöser 36
4.1. Kundrys Lachen und Weinen 37
4.2. Kundrys Erlösung. 40
4.3. Kundrys „musikalische Erlösung“ 42
5. Abschlussbetrachtung. 46
6. Literaturverzeichnis. 48
1
1. Einleitung
Parsifal, Wagners letztes Werk vor seinem Tod im Jahre 1883, bildet einen krönenden und einzigartigen Abschluss seiner musikalischen und dichterischen Künstlerlaufbahn. Vom ersten Kontakt im Jahre 1845 mit dem umfangreichen Stoff des Parzival von Wolfram von Eschenbach bis zur Vollendung seines Bühnenweihfestspiels Parsifal im Jahre 1882, liegen insgesamt 37 Jahre. Das ist mehr als Wagners halbes Leben - schon aus diesem Grunde verdient dieses Werk große Aufmerksamkeit.
Während Wagner noch im „Marienbader Sommer“ im Jahre 1845 Wolfram von Eschenbach sehr positiv gegenüberstand, so entwickelte sich seine Verehrung zur Abneigung, die darin begründet ist, dass er an ihm eine Fülle von Schwächen entdeckte. So wendet er sich gegen Wolframs Auffassungen und sagt, dass er vom eigentlichen Inhalt rein gar nichts verstanden habe....Was müßte ich nun mit dem Parzival Alles anfangen! Denn mit dem weiß Wolfram nun auch gar nichts...Und dazu kann ich mir keinen breiten Plan wählen, wie er dem Wolfram zu Gebote stand: ich muß alles in drei Hauptsituationen von drastischem Gehalt so zusammendrängen, daß doch der tiefe und verzweigte Inhalt klar und deutlich hervortritt; denn so zu wirken und darzustellen, das ist nun einmal meine Kunst. Und - solch eine Arbeit soll ich mir noch vornehmen? Gott soll mich bewahren! Heute nehme ich Abschied von diesem unsinnigen Vorhaben; das mag Geibel machen und Liszt mag´s komponieren! 1 In diesem Zitat wird auch die stark paradoxe Einstellung Wagners zu diesem Werk deutlich: auf der einen Seite möchte er den Gehalt des Stoffes untersuchen und klare Linien und Gedanken ausarbeiten und auf der anderen steht seine absolute Abkehr und Verweigerung von diesem Vorhaben.
Die Änderung von Parzival zu Parsifal ergibt sich aus der Ableitung des Namens aus dem arabisch - perisischen Fal parsi, was der reine Tor bedeutet. „Also ein Mensch ohne Bildung doch genial“ 2 .
Auch wenn die Gralsthematik unerschöpflich ist, und Wagner sowohl die Darstellung von Wolfram und von Chrétien de Troyes kannte, so kann man doch sagen, dass er deutlich von der ersteren beeinflusst wurde. Ebenfalls erhält die Gralslegende bei Wagner eine christliche Grundlage, in dem der Gral nach seiner Auffassung eine Trinkschale des Abendmahles ist, in welcher Joseph von Arimathia das Blut des Heilands am Kreuze auffing. Diesem christlichen
1 Kurt Pahlen: Richard Wagner: Parsifal. Mainz 2001. S. 191-192.
2 Ebd., S. 208.
2
Element steht die Gestalt Kundry gegenüber, die ein sündiges Element darstellt. Und tatsächlich ist die Figur Kundry bei Wagner eine ganz andere als bei Wolfram von Eschenbach. Ein Unterschied, auf den ich im Laufe dieser Belegarbeit noch intensiver eingehen werde. So schreibt Wagner an seine Freundin Mathilde Wesendonck August 1862: „Sagte ich Ihnen schon einmal, dass die fabelhafte wilde Gralsbotin ein und dasselbe Wesen mit dem verführerischen Weibe des zweiten Aktes sein soll?...Dies Weib ist in einer unsäglichen Unruhe und Erregung...“ 3
In Wagners Werk bilden die Schale und die Lanze die Wahrzeichen der Gralslegende, die am Ende seines Bühnenweihfestspiels wieder vereint werden. Ein weiteres wichtiges Element bei Wagner ist der Karfreitag. Höchst wahrscheinlich vom warmen und aufblühenden Frühling im Jahre 1857 inspiriert, trifft Parsifal am Karfreitag nach Jahre langer Irrfahrt in der Gralsgesellschaft ein, erlöst Amfortas von seinen Qualen und wird selbst zum neuen Gralskönig. Hierzu ein Zitat aus Wagners „mein Leben“: „Nun brach auch schönes Frühlingswetter herein; am Karfreitag erwachte ich zum ersten Male in diesem Hause bei vollem Sonnenschein: Das Gärtchen war ergrünt, die Vögel sangen.... Hiervon erfüllt, sagte ich mir plötzlich, dass heute ja „Karfreitag“ sei, und entsann mich, wie bedeutungsvoll diese Mahnung mir schon einmal in Wolframs Parzival aufgefallen war. Seit jenem Aufenthalte in Marienbad...hatte ich mich nie wieder mit jenem Gedicht beschäftigt; jetzt trat sein idealer Gehalt in überwältigender Form an mich heran, und von dem Karfreitags - Gedanken aus konzipierte ich schnell ein ganzes Drama, welches ich, in drei Akte geteilt, sofort mit wenigen Zügen flüchtig skizzierte.“ 4 Allerdings sollte man den Karfreitags- Gedanken mehr als ein Symbol auffassen, als eine bloße Datumsangabe.
Neben der Auseinandersetzung mit der Verarbeitung Eschenbachs literarischer Vorlage durch Wagner, der Betrachtung und Analyse einzelner Figuren, der intensiveren musikalischen Darstellung während Parsifals Wandel zur Welthellsichtigkeit, beschäftigt sich die vorliegende Belegarbeit insbesondere mit der Neuschöpfung Kundrys, welcher in einer reinen Männergesellschaft eine wichtige Rolle und Bedeutung zugeschrieben wird.
3 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 193/194.
4 Ebd., S. 188
3
2. Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Parsifal und Parzival
Zu Beginn möchte ich kurz auf den von Wagner stammenden Begriff Bühnenweihfestspiel eingehen, der einen kleinen Einblick in die Bedeutung des Parsifal gibt. Zum einen bedeutet Spiel eine theatralische Aktion in Form eines Dramas, eines Lustspiels, einer Komödie oder einer Oper. Eine Bedeutung des Prädikats spielen ist mit darstellen oder verwirklichen gleichzustellen, d.h. man spielt für eine begrenzte Zeit eine fremde Figur. Der Zusatz Fest bedeutet, dass dieses Spiel in einem festlichen Ambiente dargestellt wird und damit nichts Alltägliches ist. Darin spiegelt sich schon Wagners frühe Idee eines utopischen Theaters wider. Er wollte ein eigenes Festspielhaus für den noch in der Entwicklung stehenden Parsifal. Um den sakralen Charakter seines Parsifal zu unterstreichen, fügte er den Begriff Weihe hinzu, d.h. die Hinwendung zum Ur - Theater, dessen Darstellungen zu Ehren Gottes oder der Götter dient.
Wie schon erwähnt, konzentriert sich die Handlung des Parsifal auf drei Akte, was bedeutet, dass Wagner nicht den umfangreichen Stoff des Parzival in seiner Komplexität und Intensität ergreifen konnte. Stattdessen versuchte Wagner klare Gedanken und Aussagen heraus zu kristallisieren und zu komprimieren. Diese sind in drei Teile (Akte) gegliedert, welche in der folgenden Analyse genauer betrachtet werden.
2.1. Analyse des ersten Aktes
Der erste Aufzug spielt in einem Wald. Im Hintergrund befindet sich ein Waldsee, von dem aus ein Weg zur Gralsburg führt. Der alte Gralshüter Gurnemanz sorgt sich mit zwei Jünglingen um das Bad für den Gralskönig Amfortas in dem nahen Waldsee. Gurnemanz erfährt, dass das Heilkraut, welches der Ritter Gawan aus fernen Ländern gebracht hat, dem Gralskönig nicht geholfen hat. Plötzlich taucht Kundry auf einem Pferd auf. “Stürzt hastig, fast taumelnd herein. Wilde Kleidung, hoch geschürzt; Gürtel von Schlangenhäuten lang herabhängend; schwarzes, in losen Zöpfen flatterndes Haar; tief braun - rötliche Gesichtsfarbe; stechende schwarze Augen, zuweilen wild aufblitzend, öfters wie todesstarr und unbeweglich“ 5 . Sie reicht Gurnemanz ein Gefäß mit Balsam in die Hände und sinkt anschließend leblos ins Gebüsch. Amfortas erreicht den Wald und erfährt, dass Gawan, nachdem er erfahren hat, dass das Heilmittel nicht geholfen hat, sich wieder auf die Suche gemacht hat. Diese Nachricht beunruhigt Amfortas, da er befürchtet, dass er in die Hände des
5 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 21.
4
ehemaligen Gralritters Klingsor fällt. Amfortas mahnt jedoch seine Ritter nicht zu kämpfen, sondern das man auf den geheimnisvollen Ritter warten solle, der ihnen verheißen wurde: „Durch Mitleid wissend, der reine Tor“ 6 . Während einer verbalen Offensive der Ritter gegen Kundry, ergreift Gurnemanz für sie die Partei: „Eine Verwünschte mag sie sein. Hier lebt sie heut´ - vielleicht erneut, zu büßen Schuld aus früh´ rem Leben...er fand sie, als er die Burg dort baute, schlafend, im Waldgestrüpp, erstarrt, leblos, wie tot“ 7 . Retrospektiv an die Ereignisse, welche sich damals im Zaubergarten ereignet haben, d.h. dass er Kundry, nach dem diese unter dem Einfluss des Zaubers von Klingsors Amfortas verführte und dieser von Klingsor durch den heiligen Speer verletzt werden konnte, wird Gurnemanz misstrauisch und stellt ihre treuen Dienste in Frage: „Wo schweiftest damals du umher, als unser Herr den Speer verlor? Warum halfst du nur damals nicht? Ich helfe nie“ 8 - so Kundrys schnippische Antwort. Festzuhalten bleibt, dass Gurnemanz bei diesen Ereignissen damals persönlich anwesend war: „Ich sah Dich schwingen von unheiligster Hand“ 9 . Kundry, Amfortas und Gurnemanz verbindet das gemeinsame Wissen über diese Geschehnisse. Plötzlich erscheint Parsifal, welcher einen Schwan mit seinem Pfeil tötet und auf seine gute Treffsicherheit stolz ist. Während Gurnemanz ihm versucht seine Schuld zu vergegenwärtigen, stellt sich in der folgenden Konversation heraus, dass Parsifal auf Nachfrage Gurnemanz nicht so recht über sich Auskunft geben kann. Erst als er aufgefordert wird, selbst etwas über sich zu erzählen, erinnert er sich an seine Mutter Herzeleide, mit der er im Wald gewohnt hat. Plötzlich erinnert sich Kundry an Parsifals Vater Gachmuret: „Den Vaterlosen gebar die Mutter, als im Kampfe erschlagen Gachmuret! Vor gleichem frühen Heldentod den Sohn zu bewahren, waffenfremd in Öden erzog sie ihm zum Toren...“ 10 . Dies erweckt in Parsifal alle Erinnerungen, die verschwunden schienen. Wir erfahren über Parsifals Kämpfen, Fahrten und Abenteuern, welche bei Wagner logischerweise nicht so detailliert und umfangreich in der Beschreibung sind wie bei Wolfram. Von Kundry erfährt Parsifal vom Tod seiner Mutter, die aus Kummer bei seiner Abreise starb. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Wagner und Wolfram: während Parzival bei Wolfram die Nachricht über den Tod seiner Mutter von Trevrizent erhält, so ist es bei Wagner Kundry. Dies ist in sofern interessant, da bei Wolfram Trevrizent Parzivals Oheim ist, der ihm die Augen für seine Sünden öffnet. Zu seinen Sünden gehören bis dato, dass er den Tod seiner Mutter verschuldet hat und seinen Verwandten Ither
6 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 37.
7 Ebd., S. 29.
8 Ebd., S. 29/31.
9 Ebd., S. 31
10 Ebd., S. 45.
5
getötet hat; Gott erbarme sich, daß du solches Leid bewirkt hast! Auch deine Mutter Herzeloyde, meine Schwester, ist vor Sehnsucht nach dir gestorben“ 11 . Durch die partielle Übernahme Trevrizents Funktion bei Wolfram, wird Kundry bei Wagner in ihrer Rolle wesentlich emanzipiert. Zu den weiteren Übereinstimmungen zwischen Wagner und Wolfram gehören, dass Parzivals / Parsifals Eltern Gachmuret / Gamuret und Herzeloyde / Herzeleide sind, dass Parzivals / Parsifals Vater im Kampf ums Leben gekommen ist und daher Parzivals / Parsifals Mutter versucht hat, ihn von weltlichen Gefahren fernzuhalten. Bei Wagner ist Parsifal von der Nachricht über den Tod seiner Mutter so erzürnt, dass er Kundry zu töten versucht. Er besinnt sich jedoch wieder und wird von Kundry mit Wasser versorgt, die kurz danach ins Gebüsch verschwindet, um sich schlafen zu legen. In Gurnemanz wächst der Verdacht, dass vor ihm der prophezeite reine Tor steht, welcher Amfortas erretten wird. Man begibt sich zur Gralsburg, wo gegen Amfortas Willen der Gral enthüllt wird, der ihm wieder die Lebenskraft gibt. Hoffend auf die entscheidende Frage, fragt Gurnemanz, ob Parsifal verstanden habe, was er dort gesehen habe. Parsifal jedoch schüttelt den Kopf und versäumt die entscheidende Frage zu stellen. Er wird aus der Gralsburg ausgewiesen. Es bleibt noch fest zu halten, dass bei Wagner noch folgende Punkte mit dem Stoff Wolframs übereinstimmen: Titurel, dem der Gral vom Himmel gesendet worden war, ist Grals -Begründer, dessen Sohn Amfortas aufgebrochen war, um mit dem abtrünnigen Gralsritter Klingsor zu kämpfen, jedoch an der Verführung einer wunderschönen Frau gescheitert war und von Klingsor mit dem heiligen Speer verletzt wurde, den er, um sich selbst zu retten, zurücklassen musste (bei Wagner wird Amfortas Waffe zum „heiligen“ Speer). Außerdem ist die Motivation der versäumten Frage bei Wagner und Wolfram divergent: während bei Wolfram Parzival die Frage nicht stellt, weil er von dem alten und weisen Ritter Gurnemanz eine ritterliche Erziehung erteilt bekam, von der u.a. gelernt hat, dass er nicht so viele Fragen stellen soll, da dies auf einen unmündigen und unritterlichen Geist schließen lasse, so ist es bei Wagner der alte Gralsritter Gurnemanz, der glaubt bei der ersten Begegnung mit Parsifal, den Erlöser gefunden zu haben. Parsifals versäumte Frage rührt nicht daher, dass er gefühllos ist, da dieser „bei dem vorangegangenen stärksten Klagerufe des Amfortas eine heftige Bewegung nach dem Herzen gemacht hat, welches er krampfhaft eine Zeitlang gefasst hielt; jetzt steht er noch wie erstarrt, regungslos da 12 “, sondern weil er schlicht und einfach
11 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Stuttgart 1981, S. 476, 10-13.
„got daz erbarme müeze daz du ie gevrumtest selhe nôt! Mîn swester lac och nâch dir tôt, Herzeloyde dîn
muoter“
12 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 69.
6
unerfahren und unreif ist, um eine solche wichtige Aufgabe, die ihm auferlegt wurde, zu erfüllen. Es hat eine große Bedeutung, dass Parsifal aus der Gralsburg ausgewiesen wird und nicht schon beim ersten Mal die entscheidende Frage gestellt hat und zum Gralskönig geworden ist. Er muss sogar in die Welt ziehen und Erfahrungen sammeln, die ihn zum Bewusstsein seiner Aufgaben führen, ihn durch Mitleiden wissend 13 machen. Kundrys Rolle als Dienerin des Gralskönigs wurde auch bei Wagner beibehalten. Auffällig ist besonders, dass sie in diesem ersten Akt Parsifal die Nachricht vom Tod seiner Mutter übermittelt. Ein weiteres wichtiges inhaltliches Hauptthema ist der Verlust des Speeres durch Amfortas und dessen Auswirkungen auf die Rittergesellschaft.
2.2. Analyse des zweiten Aktes
Der zweite Aufzug handelt im Zauberreich Klingsors, der vor einem Zauberspiegel sitzt, welcher ihm einen nahenden Ritter ankündigt. Er erweckt Kundry aus ihrem Schlaf, welche „einen gräßlichem Schrei aus“ 14 stößt. Parsifal befindet sich in Klingsors üppigen Garten und trifft dort auf reizende und liebliche Blumenmädchen, die ihn umschwärmen. Plötzlich erklingt eine unbekannte Stimme: Parsifal! Es scheint ihm, als ob seine Mutter nach ihm ruft. Kundry erscheint, welche Parsifal von seiner Vergangenheit erzählt: über seinen Vater Gamuret, von seiner Mutter, die ihn im Wald behütet aufgezogen hatte und ihn doch eines Tages an diese Welt verlor und sie deshalb starb. Er fühlt sich betroffen, dass er das alles vergessen hatte. „Die Mutter, die Mutter konnt´ ich vergessen! Ha! Was alles vergaß ich wohl? Wes war ich je noch eingedenk? Nur dumpfe Torheit lebt in mir!“ 15 . Kundry versucht seine Liebe zu erwecken, legt ihren Arm um seinen Nacken und küsst Parsifal. Ohne Zweifel stellt dieses Ereignis einen Höhe- und Wendepunkt in diesem Drama dar: aus dem reinen Tor wird der Erkennende: „Amfortas! Die Wunde! Die Wunde! 16 . Auf geheimnisvolle Weise ist Parsifal durch Kundrys Kuss welthellsichtig 17 geworden: ihn ist plötzlich klar geworden, dass Kundry das Unheil über Amfortas gebracht hat, dass sie ihm indirekt die nicht schließende Wunde zugefügt hat und dass er, Parsifal, es versäumt hat, Amfortas von seinen Qualen zu befreien. Kundry erkennt in Parsifal ihren langersehnten Erlöser und beichtet von ihrer schweren Sünde: sie war es, die in einem früheren Leben Jesus auf dem Weg zum Kreuz
13 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 25.
14 Ebd., S. 75.
15 Ebd., S. 107.
16 Ebd., S. 109.
17 Ebd., S. 117.
7
auslachte und seit dem nach ihm verzweifelt sucht, um von ihrer schweren Schuld erlöst zu werden. Allerdings traf sie auf ihrer bisherigen Suche nur weitere Sünder, wie Amfortas. Kundry, in ihrem Bitten nach Erlösung nicht erfüllt, verflucht Parsifal, welcher sie um die Wegbeschreibung zur Gralsburg bat: „Wehrt ihm die Wege! Wehrt ihm die Pfade! Und flöhst du von hier und fändest alle Wege der Welt, den Weg, den du suchst, des´ Pfade sollst du nicht finden: Denn Pfad´ und Wege, die dich mir entführen, so verwünsch´ ich sie dir: Irre! Irre“ 18 . Nachdem Kundry merkt, dass sie bei Parsifal keinen Erfolg verzeichnen kann, ruft sie Klingsor herbei, der mit dem Speer erscheint und diesen gegen Parsifal wirft. Dieser bleibt aber über Parsifals Kopf schweben, da dem vom Gott Erwählten diese heilige Waffe nicht verletzten kann. Im Parsifals Besitz, kann er durch den heilige Speer den „bösen Fluch“, das Zauberschloss, den Zaubergarten vernichten und Kundry, die leblos zu Boden fiel, von ihrem Fluch befreien.
Die Motivation der Verfluchung Kundrys ist jedoch bei Wagner und Wolfram anderer Natur: Während bei Wagner Kundry Parsifal verflucht, da dieser ihr widerstehen konnte und sie nicht von ihrem Zauber erlöst wird, so ist es bei Wolfram das Versagen Parzivals, Amfortas von seinen Quallen durch die erhoffte Frage zu retten. Beim ersten Zusammentreffen zwischen Cundrie und Parzival (Buch VI), verflucht sie Parzival, da dieser „den armen Fischer nicht von seinen schmerzlichen Seufzern erlöst hat...Hättet ihr in Munsalwaesche gefragt, so hättet ihr mehr gewonnen als die unermesslich reich Stadt Tabronit im Heidenland“ 19 Dennoch bleibt das Ergebnis bei Wagner und Wolfram das Gleiche: Parsifal / Parzival irrt mehrere Jahre umher, bis er den Weg zur Gralsburg wiederfindet. Wichtig an dieser Stelle ist noch einmal zu erwähnen, dass Kundry durch ihren Kuss Parsifal welthellsichtig gemacht hat, wie Parzival dies auch durch Trevrizents christlichen Lehren bei Wolfram ebenfalls geworden ist. Hier stellt Wagner sozusagen ganz bewusst eine verbindendes Element zwischen Trevrizent und Kundry her.
18 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 123.
19 Eschenbach: Parzival, S. 315, Vers 28-30 und S. 316, Vers 29 - Seite 317, Vers 1-2.
„dô der trûrige vischaere saz âne vröude und âne trôst, war umb ir in niht siufzens hât erlôst?...waer ze
Munsalvaesche iu vrâgen mite, in heidenschaft ze Tabronite Diu stat hât erden wunsches solt: hie hete iu
vrâgen mêr erholt.
8
2.3. Analyse des dritten Aktes
Wagner geht nicht auf die komplexen Ereignisse ein, die sich nach Parsifals Verfluchung durch Kundry bei Wolfram vollziehen. Daher liegen zwischen dem 2. und dem 3. Akt viele Jahre, in denen Parsifal reichliche Kämpfe bestehen musste und auf viele Irrwege geraten war, bevor er wieder den Weg zur Gralsburg fand. Diese Ereignisse werden im Gespräch mit Gurnemanz angedeutet „Den Weg des Heiles nie zu finden, in pfadlosen Irren trieb ein wilder Fluch mich umher: zahllose Nöte, Kämpfe und Streite zwangen mich ab vom Pfade, wähnt´ ich ihn recht schon erkannt“ 20 . Der dritte Akt beginnt mit einem wunderschönen Frühlingstag und Gurnemanz tritt aus einer Hütte hervor, da er Kundrys Klagerufe vernommen hatte. Er findet sie in einem Gebüsch, bringt sie zu einer naheliegenden Quelle und erweckt sie wieder zum Leben. Gurnemanz erkennt einige Veränderungen an Kundry - alle wilden Eigenschaften sind von ihr gewichen. Plötzlich erscheint Parsifal in Ritterrüstung und Gurnemanz tadelt ihn, da es sich nicht ziemt an Karlfreitag in Kampfrüstung zu erscheinen. Parsifal zieht seine Kampfrüstung aus und Gurnemanz und Kundry erkennen den „reinen Toren“ wieder. Gurnemanz stellt fest, dass Parsifal den heiligen Speer wieder erlangt hat und berichtet Parsifal die Geschehnisse, die seit seinem Aufbruch geschehen sind: Amfortas Schmerzen sind noch größer und unerträglicher geworden, da er schon seit langem nicht mehr den Gral enthüllt hat, und vor wenigen Tagen ist Titurel gestorben. Gurnemanz betet Parsifal auf einem Rasenhügel und richtet sein Haupt festlich an. Kundry bringt von der naheliegenden Quelle Wasser und wäscht Parsifals Füße. Parsifal spürt, dass er noch an diesem heiligen Tag wichtige und große Taten verrichten muss. Seine erste vollzieht er an Kundry: Mein erstes Amt verricht ich so: Die Taufe nimm, und glaub´ an den Erlöser! 21 Kundry, Gurnemanz und Parsifal machen sich auf dem Weg zur Gralsburg. Dort angekommen, vernimmt Parsifal die Klagen Amfortas, dass dieser lieber sterben möchte als durch den Anblick der Grals wieder Lebenskraft zu schöpfen. Daraufhin tritt Parsifal vor Amfortas und verschließt mit dem Speer seine Wunde. Parsifal steigt feierlich die Stufen des Weihtisches empor, nimmt den Gral in die Hand, der in seinen Händen zu leuchten beginnt. Kundry sinkt erlöst und entsühnt zu Boden.
20 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 137.
21 Pahlen: Richard Wagner. Parsifal, S. 143/145.
9
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Johanna Uminski, 2005, Erlösung dem Erlöser in Wagners Parsifal, München, GRIN Verlag GmbH
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