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Der Neffe des Kaiserberaters Seneca lebte selbst am Hofe Neros und dürfte das bunte Treiben im Umfeld des Kaisers aus eigener Anschauung gekannt haben. Auch dem Satiriker Juvenal (ca. 60-140 n Chr.) schien das Hofleben offenbar befremdlich: In einem seiner Werke lässt er den Kronrat die Frage der Zubereitung eines Steinbutts wie eine Staatsaffäre behandeln. Der Historiker Thomas Szabò vom Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen hat die Geschichte der Hofkritik von der Antike bis in die Frühe Neuzeit erforscht. Obwohl Piccolomini die antiken Autoren kannte, lassen sich nach Szabòs Ansicht die Satiren eines Juvenal nur bedingt mit der Hofkritik eines Piccolomini vergleichen: „Dem antiken Kaiserhof wurde keine moralische Vorbildfunktion unterstellt. Die Kritik der Antike richtete sich deshalb weniger gegen bestimmte Gruppen der Gesellschaft als vielmehr gegen den Menschen und seine Natur als solche“, erklärt Szabò. Bei der mittelalterlichen Hofkritik verhalte es sich ganz anders: „Sie richtete sich gegen die Motive und Handlungsweisen der am Hofe tätigen Personen sowie gegen deren Lebensweise und Wertevorstellungen. Dabei war sie stark von den christlichen Moralvorstellungen geprägt.“ Geistliche aus dem Umfeld des Herrschers waren es folglich, die im Mittelalter als erste den moralischen Zeigefinger erhoben. Ihre Mahnungen richteten sich zunächst an den eigenen Stand: Der Corveyer Abt Paschasius Radbertus (+ nach 853) und Bischof Thegan von Trier (+847) zum Beispiel. Beide Oberhirten geißeln das Streben der Hofkleriker nach Geld und Einfluss. Thegan wirft den geistlichen Ratgebern des Königs gar vor, sich „jähzornig, streitsüchtig, übelrednerisch, ungerecht, hochfahrend, unstet und schamlos“ zu gebärden. Diese und spätere Ansätze zu einer Kritik an den Menschen, die am Hof leben, finden sich zunächst noch als nebensächliche, beiläufig erwähnte Passagen, die in Geschichtsdarstellungen, Briefen oder Reden eingebettet sind. Erst im 12. Jahrhundert fassen Autoren aus dem nordfranzösisch-normannischen Raum die Kritik in einer festen Form zusammen und vertiefen sie. Einer der ersten ist der Mönch Ordericus Vitalis (1075-1142). Im siebten und achten Buch seiner „Kirchengeschichte“ schildert er unter anderem den Lebenswandel des Grafen
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Fulko von Anjou (1068-1109). Glaubt man Ordericus, war Fulko unbeabsichtigt ein großer Modeschöpfer: Um seinen unförmigen Füßen mehr Platz zu bieten, habe er sich lange, spitz zulaufende Schuhe anfertigen lassen - für den Ordensmann ein Unding. Schuhe seien vorn abgerundet zu tragen, die neue Mode sei eine Schande für die Vorfahren. Und damit nicht genug: Offenbar setzte sich der neue Schuhtrend nicht nur bei den modebewussten Franzosen durch. Am Hof des englischen Königs entwickelte ein gewisser Robertus den Chic aus Nordfrankreich noch weiter: Die überlangen Spitzen wurden mit Werg ausgestopft und nach hinten gebogen. Wegen seiner Ähnlichkeit zum Widderhorn (lateinisch: cornu), erhielt der neue Schuh den frivolen Namen „Cornardus“. Mit diesem Ausflug in die Welt der Mode hatte sich Ordericus endgültig in Rage geschrieben: Er schildert die Höfe Europas als eine Versammlung von langhaarigen Transvestiten, die sich die Haare mit heißen Eisen locken und lange, eng anliegende Kleider tragen würden. Nachts hätten sie nichts Besseres zu tun, als sich zu betrinken, dem Glückspiel zu frönen und den Hofdamen nachzusteigen, um zum Ausgleich für die langen Nächte die Tage bis zum Mittag im Bett zu verbringen.
Ordericus war nicht der einzige Kritiker der höfischen Sitten: Mönch Wilhelm von Malmesbury (1080-1142), Johannes von Salisburry (ca. 1110-1180) und Petrus von Blois (1135-1204) - sie alle wetterten gegen die verkommenen Sitten bei Hofe und gingen zum Teil noch darüber hinaus: „Läppisches Zeug, unnütze Dinge regieren den Krieger und den Kleriker, Jünglinge und Greise, Bauern und Diener, Reiche und Arme“, schreibt Johannes von Salisbury in seinem Werk „Policratius“. Die Kritik beginnt sich der gesamten Gesellschaft anzunehmen. Die Jagd - aus kirchlicher Sicht nur zur Lebensmittelbeschaffung, nicht aber zum Vergnügen erlaubt - wurde ebenso verteufelt wie die weltliche Musik, das Tanzen und die Aufführung von Schauspielen. Peter von Blois bringt die Verachtung für alles Weltliche auf den Punkt: „Höfisches Leben ist der Seele Tod.“ Seit dem 12. Jahrhundert beschränkte sich Hofkritik also nicht mehr länger auf die Kritik einzelner Verhaltensweisen. „Sie reagierte auf eine wachsende Verselbstständigung laikaler Lebensbereiche und stellte die Legitimität politischen,
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kulturellen und sozialen Wandels generell in Frage“, sagt Klaus Schreiner, emeritierter Professor an der Universität Bielefeld: „Wo Laien Minne entdeckten, sprachen Theologen von carnalis coniunctio - also von Sex, wie man heute sagen würde. Verlangen nach Heiterkeit und Freude (delectatio) wurde als sündhafte Lust (voluptas) wahrgenommen, repraesentatio als bloße luxuria verteufelt.“ Der Hof wurde so aus Sicht der Theologen zu einem Teil der sündhaften Welt, die der heilsbewusste Fromme meiden sollte. Als positive Wertmaßstäbe dienten das Kloster, die Schule, das Ideal der Nachfolge Christi und das Beispiel des von den Heiligen geführten Lebens. Höfisches Leben war mit diesen hehren Idealen nicht in Einklang zu bringen. „Es bedurfte langwieriger Lernprozesse, ehe sich kirchliche Sittenlehrer in der Lage sahen, den Hof als einen Lebenszusammenhang anzuerkennen, der den Menschen nicht zwangsläufig in Sünden verstrickte, sondern Möglichkeiten christlicher Lebensgestaltung enthielt, die im Sinne christlicher Weltverantwortung genutzt werden sollten“, weiß Klaus Schreiner. Die geistlichen Kritiker mussten offenbar erst lernen, dass das höfische Leben unverzichtbarer Teil der gesellschaftlichen Ordnung war, dass der Hof deshalb die Welt bejahen musste und mit dem Ideal der Weltentsagung nicht zugleich bestehen konnte.
Beispiel Jagd: Das kirchliche Recht verbot dem Klerus dieses weltliche Vergnügen. Die Jagd galt als „Lust“ (voluptas), die zum asketischen Leben eines Geweihten nicht passte. Heilsgeschichtlich war sie auch nicht zu rechtfertigen: Nimrod, der einzige Jäger in der Bibel, wird im Buch Genesis als Urbild eines Tyrannen dargestellt. Und auch die christliche Überlieferung der Geschichte zeigte den Theologen: Heilige jagen nicht. Bei Johannes von Salisbury galt die Jagd deshalb lediglich als Möglichkeit, sich Nahrung zu beschaffen - das Geschäft eines Jägers, das eines Herrschers unwürdig sei.
20 Jahre nach Johannes von Salisbury fällt das Urteil bei Richard von Ely milder aus: Auf der Jagd könnten die Könige ihre Sorgen vergessen und die am Hofe herrschende Unruhe hinter sich lassen. „In den Wäldern sind die geheiligten Privatgemächer der Könige und ihre höchsten Freuden“, schrieb der Vertraute
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Matthias Thiele, 2005, Bei Hof, bei Höll - Warum verdirbt der Hof den Charakter? Über Entstehung und Funktion der mittelalterlichen Hofkritik als Gesellschaftskritik, München, GRIN Verlag GmbH
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