Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 4
2 Geschichtlicher Kontext 4
2.1 Soziale und politische Hintergründe 5
2.2 Stellung des Judentums 6
3 Expressionismus 8
3.1 Expressionismus in der bildenden Kunst. 8
3.2 Zivilisatorische Moderne 10
3.3 Ästhetische Moderne. 11
4 Expressionistische Lyrik. 13
Jakob van Hoddis (1887-1942) Weltende. 13
4.1 Die besondere Wirkung von „Weltende“ 13
4.2 Apokalypse? 14
4.3 Reihungsstil 15
4.4 Groteske. 16
4.5 Dissoziation. 17
5 Jüdische expressionistische Lyrik. 18
5.1 Jüdische Intellektuelle 19
5.2 Zionismus und Diaspora. 20
5.3 Gegenbewegung zum Nationalsozialismus 21
6 Fazit 22
Literaturverzeichnis : 24
3
1 Einleitung
Wenn von Expressionismus die Rede ist wird damit zumeist die farbenfrohe Malerei, die sich im Gegensatz zum Impressionismus Anfang des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat, angesprochen. Der
Expressionismus hat sich jedoch einerseits parallel zu der Kunstepoche, andererseits aus ihr heraus auch in Literatur, Musik und, was Schwerpunkt dieser Arbeit ist, in der Lyrik entwickelt. Unter anderem soll im Folgenden gezeigt werden, wie sich der Expressionismus im Kontext der Zeitgeschichte entwickelt hat. Insbesondere bei der expressionistischen Dichtkunst wird die Reflexion der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umstände deutlich. Hauptsächlich anhand des Gedichts „Weltende“ v on Jakob van Hoddis werden schließlich die besonderen stilistischen und inhaltlichen Merkmale dieser Epoche in der Lyrik dargestellt.
Wie auch der eben genannte Jakob van Hoddis waren ungefähr die Hälfte dieser größtenteils deutschsprachigen Autoren Juden, was die Frage danach aufwirft, inwiefern die Besonderheiten jüdischer Identität und Kultur in ihrer Lyrik hervortreten. Es geht hier jedoch nicht darum spezifisch jüdische Merkmale innerhalb dieser Epoche aufzuzeigen, es geht eher darum zu zeigen warum sich Juden dieser Bewegung anschlossen und inwiefern expressionistische Themen mit jüdischen Erfahrungen vereinbar sind.
2 Geschichtlicher Kontext
Der Expressionismus als literarische Epoche erfuhr seine stärksten Ausprägungen ungefähr in der Zeitspanne von 1910 bis 1920 1 . Warum es gerade in dieser Zeit zu einer so einzigartigen und zugleich in ihrer Hauptphase so kurz andauernden Kulturbewegung kam und wie die Stellung des Judentums aussah, soll mit Blick auf die vorangegangene Geschichte im Folgenden erläutert werden.
1 Vgl.: Stark/Anz 1982.
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2.1 Soziale und politische Hintergründe
Während des neunzehnten Jahrhunderts spielte vor allem die zunehmende Industrialisierung die wohl bedeutendste Rolle für die Veränderung innerhalb der Gesellschaft. Die zunehmende Industrielle Warenproduktion hatte zur Folge, dass Betriebe entstanden, die in ihrem Ausmaß an Größe, Wirtschaftlichkeit und Beschäftigtenzahl zuvor undenkbar gewesen wären. Diese Entwicklung bedrohte natürlich kleine private Betriebe und Handwerker, die damit nur zu einem kleinen Teil Schritthalten konnten. Parallel zu diesem wirtschaftlichen Wachstum bildete sich zwangsläufig auch ein radikalerer Kapitalismus heraus. Die Herrschaft des „anonymen Kapitals“ manifestierte sich in Großbanken und zahlreichen Kreditinstituten.
Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts erfuhr die Bevölkerung außerdem einen gewaltigen Zuwachs. Dies veränderte das gesellschaftliche Leben grundlegend. Wohnten die Menschen zuvor vorwiegend in
Familienverbänden und Dorfgemeinschaften in denen jeder jeden zumindest vom Sehen her kannte, so lebte um 1910 mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung in Gemeinden mit über 5000 Einwohnern. Auch aufgrund der Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht, wurde die Verstädterung somit immer weiter vorangetrieben. Die Stadt ist daher auch ein zentrales Thema der Lyrik des Expressionismus: „Dicht wie Löcher eines Siebes stehn/ Fenster beieinander, drängend fassen/
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen/ Grau geschwollen wie Gewürge
sehn.“ 2
In der Stadt zeigte sich auch am deutlichsten die Neuordnung der Gesellschaft. Im Zuge der im Vorangegangenen aufgezeigten Entwicklungen verloren Adels- und Ständegesellschaft an Bedeutung und wichen einer sozialen Mobilität, in der sich ein jeder seiner momentanen sozialen Stellung nicht sicher sein konnte. Infolge der Ausdehnung der Verwaltungsapparate von Staat und Industrie entstand ein neuer Mittelstand aus Angestellten, der sich eher von der Arbeiterklasse distanzieren wollte und sich dem Bürgertum zuwandte. Die gesellschaftliche Schicht von Arbeitern und
2 Wolfenstein Alfred: Städter. In: Vietta 1985, S.46
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Angestellten machten um die Jahrhundertwende mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus.
Gesellschaftliches Leitbild war jedoch nicht, wie man annehmen könnte, der einflussreiche Großbürger, sondern eher der Offizier in Reserve. Man darf in diesem Zusammenhang nicht außer Acht lassen, dass der letzte deutsche Kaiser, Willhelm der Zweite, nach Einführung einiger sozialer Sicherungssysteme Ende des neunzehnten Jahrhunderts 3 , sich um die Jahrhundertwende schnell wieder seiner imperialistischen Außenpolitik zuwandte. Seine Außenpolitik, die Deutschland schließlich während der Hochzeit des Expressionismus mit in den ersten Weltkrieg verwickelte, täuschte über innenpolitische Missstände hinweg und wurde von einem Großteil der Deutschen unterstützt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird auch deutlich, warum, während einer Zeit der Modernisierung und Technisierung und der Abschaffung veralteter gesellschaftlicher Schemata, die deutsche Außenpolitik nur selten in Frage gestellt wurde und die Verehrung des deutschen Heeres für viele selbstverständlich war. So ist es auch kaum verwunderlich dass viele, auch jüdische Expressionisten 4 trotz antibürgerlicher und antipreußischer Haltung freiwillig in den Krieg zogen, der sie dann schnell eines besseren belehren sollte.
2.2 Stellung des Judentums
Leidtragende der innerhalb einiger weniger Jahrzehnte vollzogenen vielseitigen Veränderungen der Gesellschaft und der daraus folgenden innenpolitischen Spannungen in Deutschland waren nicht zuletzt die Juden. Sie wurden vom eher nationalistisch orientierten Bürgertum für die negativen Auswirkungen der sozialen Veränderungen verantwortlich gemacht.
Die Geschichte der Verfolgung der Juden beginnt natürlich schon weit vor dem neunzehnten Jahrhundert und es würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen und der Sache nicht gerecht werden, sie auch nur in Umrissen
3 Willhelm II führte beispielsweise Gesetze zur Kranken-, Renten- und Arbeitsversicherung ein
4 Die jüdische Sonderstellung in Bezug auf das deutsche Heer und den Einsatz im Krieg wird an spätere Stelle
noch genauer erläutert.
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wiederzugeben. Es soll aber an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich etwas an der Motivation der Judenverfolgung um die Jahrhundertwende geändert hatte. Wurden die Juden in ihrer Vergangenheit überwiegend aufgrund ihres Glauben bzw. ihrer Religion verfolgt, so wurden sie im 19. Jahrhundert auch aus wirtschaftlich und sozial motivierten Gründen verfolgt. Nachdem die Juden zumindest offiziell den andersgläubigen Bürgern Deutschlands gleichgestellt waren 5 , entwickelt sich ihr Einfluss besonders in der Wirtschaft. Da ihnen als Nichtchristen schon früher das Zinsnehmen gestattet war, waren einige zu einem überdurchschnittlichen Reichtum gekommen, der ihnen zwar wirtschaftlich Macht einbrachte, aber auch den Neid vieler Mitbürger auf sie projizierte . 6 Die Juden waren außerdem nicht den preußischen, den ständischen und wirtschaftlichen Traditionen und Werten verhaftet, an denen die meisten anderen Deutschen noch festhielten, da sie zuvor zum Großteil davon ausgeschlossen waren 7 . Viele nichtjüdische Deutsche machten ihre jüdischen Mitbürger aufgrund ihrer Rolle als wirtschaftliche Konkurrenten schließlich für eigene geschäftliche Niederlagen und gesellschaftlichen Abstieg verantwortlich. Diese Einzelfälle jüdischer Überlegenheit im geschäftlichen Sinn wurden nach und nach auf das jüdische Volk im Allgemeinen übertragen.
In der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich neben der sozial, wirtschaftlich, und religiös motivierten Verurteilung der Juden auch die rassische. Parallel zur europäischen Kolonialisierung Afrikas und Asiens, wurden die ersten rassistischen Theorien, in denen auch der Begriff des „Antisemitismus“ etabliert wurde, aufgezeichnet. Der französische Graf Gobineau (1816-1882) beispielsweise schrieb seinen Text mit dem aussagekräftigem Titel: „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“, in dem bereits die vermeintliche Überlegenheit der weißen, insbesondere arischen Rasse in einer, den Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckenden, Sprache dargestellt wird. Weitere Ideologische Grundlagen für den Antisemitismus bildeten unter anderem die Schriften von Eugen
5 Vgl.: Ellbogen/Sterling 1988, S. 235 ff.
6 Goerlitz, S.146
7 Ellbogen 1988, S. 194
7
Arbeit zitieren:
Magister Artium Jan Torge Claussen, 2005, Expressionistische Lyrik als Spiegel jüdischer Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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