Max Webers Konzepte von Macht und Herrschaft 1
im Spiegel kontroverser Ansichten Hannah Arendts
INHALT
1. EINLEITUNG 1
2. MAX WEBERS KONZEPTE VON MACHT UND HERRSCHAFT 3
2.1 ASPEKTE DER SOZIOLOGISCHEN METHODE 3
2.2 DAS VERHÄLTNIS VON MACHT, HERRSCHAFT UND GEWALT 5
2.2.1 Der Kampf um Macht 6
2.2.2 Macht und Herrschaft 8
2.2.3 Gewalt als spezifisches Mittel 12
3. KONTROVERSE ASPEKTE BEI HANNAH ARENDT 13
3.1 MACHT UND FREIHEIT 14
3.2 MACHT VS. GEWALT 19
4. ABSCHLIEßENDE BEMERKUNG 22
LITERATUR 24
Max Webers Konzepte von Macht und Herrschaft 2
im Spiegel kontroverser Ansichten Hannah Arendts
1. Einleitung
Macht und Herrschaft sind seit gut 2 ½tausend Jahren im Gespräch. Thukydides hat den Stein ins Rollen gebracht; und seitdem bezeigte eine Vielzahl von Autoren aus diversen Gründen: theologischen, politischen, soziologischen,
sprachphilosophischen etc. - Interesse an dem Thema. Im klassischen Altertum widmeten sich Autoren wie Platon und Aristoteles auf griechischer, so wie Cicero und Augustin auf römischer Seite dem Phänomen. Im Mittelalter waren Duns Scotus und Wilhelm von Ockham berühmte Zeugen des anhaltenden Interesses. Der neuzeitliche Diskurs wird besonders vielstimmig: Hume, Bacon, Hobbes, Leibniz, Voltaire, Locke, Montesquieus, Helvetius sind die prominentesten Wissenschaftler, die u.a. aufgrund ihrer einflußreichen Reflexionen über das Phänomen Macht in einen Katalog aufzunehmen wären. 1 Um sie geht es hier jedoch nicht. Das Interesse gilt Max Weber. In dessen politischen wie auch soziologischen Überlegungen sind (u.a.) die Kategorien Macht und Herrschaft von großer Bedeutung. Die gesamte Herrschaftssoziologie etwa fußt auf ihnen. Darüber hinaus haben Webers Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf die Entwicklung sozial- und politikwissenschaftlicher Konzeptionen im 20. Jahrhundert eine große Wirkung besessen. Noch Michel Foucault beispielsweise, der historisch die Entwicklung moderner Machttechniken und das Verhältnis von Macht und Wissen untersuchte (Histoire de la sexualité), teilt mit Weber den Gedanken, „daß Macht und Herrschaft in der Moderne die Gestalt von Disziplinierungen annehmen, moderne Gesellschaften also mit Fug und Recht als Disziplinargesellschaften gekennzeichnet werden können.“ 2
Die Arbeit hat nun zwei Ziele: Zum einen will sie die Frage beantworten, was genau Max Weber unter Macht und Herrschaft versteht. Zum anderen beabsichtigt sie, die gefundenen Antworten kontroversen Aspekten gegenüberzustellen, die in der politischen Theorie Hannah Arendts zu finden sind. Warum Arendt? Zugegebenermaßen fiel die Wahl auf Hannah Arendt mehr oder weniger willkürlich. Sicherlich hätten sich auch die Konzepte anderer Autoren, wie z.B. das Foucaults, angeboten, um mittels eines Vergleichs besondere Charakteristika der Weber’schen Grundgedanken zu markieren. Aber natürlich lassen sich auch Gründe anführen, die
1 Vgl. dazu Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Völlig neubearbeitete Ausgabe des Wörterbuchs der philosophischen Begriffe v. Rudolf Eisler. Bd. 5: L-Mn. Basel / Stuttgart 1980. S. 586-602.
2 Gabriel, Karl: Machtausübung in der heutigen Kirche im Spiegel sozialwissenschaftlicher Machttheorien: Max Weber, Michel Foucault und Hannah Arendt. In: Concilium - Internationale Zeitschrift für Theologie, 24. Jg. (1988). S. 190-195. Freilich ist dies nur ein einzelner Aspekt. Andere Momente zeigen auch, daß Foucault von Weber deutlich abweicht. Das ist hier aber nicht das Thema.
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die Beschäftigung mit der Theoretikerin rechtfertigen: so z.B. die Tatsache, daß Arendt bei der Ausarbeitung ihres Machtbegriffs explizit auf Weber Bezug nimmt. Weber gehört ihrer Ansicht nach zu den Kronzeugen einer Riege von Autoren, denen der Vorwurf zu machen sei, daß sie Schlüsselbegriffe „wie Macht, Stärke, Kraft, Autorität und Gewalt - die sich doch alle auf ganz bestimmte durchaus verschiedene Phänomene beziehen“ (MuG, S. 173), nicht voneinander unterscheiden. Arendts Überlegungen richten sich denn auch nicht dezidiert gegen Weber, als vielmehr gegen die gesamte neuzeitliche Tradition politischen Denkens. Die Beschäftigung mit ihr (Arendt) ist daher indirekt auch eine Auseinandersetzung mit den Konzepten jener Autoren, die hier ausgeklammert wurden.
Noch ein Wort zur Methodik: Die Argumentation dieser Untersuchung verläuft wie in der Fragestellung vorgezeichnet. Zunächst werden Webers Konzepte von Macht und Herrschaft separat in den Fokus genommen. Erst in einem zweiten Schritt sollen die aus dieser Untersuchung gewonnenen Ergebnisse mit einzelnen bedeutsamen Aspekten der politischen Theorie Hannah Arendts verglichen werden, bevor schließlich in der Conclusio die wesentlichen Ergebnisse knapp zusammengefaßt und einer abschließenden Beurteilung unterzogen werden.
2. Max Webers Konzepte von Macht und Herrschaft
2.1 Aspekte der soziologischen Methode
Um Webers Macht- und Herrschaftskonzept besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, in nuce einige Aspekte seiner soziologischen Methode ins Blickfeld zu rücken. Die Auswahl erhebt mitnichten einen Anspruch darauf, alle elementaren Grundgedanken zu erfassen.
Unter Soziologie verstand Weber „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich Erklären will“ (WuG, S.1). Mit anderen Worten: Soziologie - genauer: verstehende Soziologie - ist für Weber eine Handlungstheorie 3 , die versucht auf empirischer Basis „Typen- Begriffe“ zu bilden und „generelle Regeln des Geschehens“ (WuG, S. 9) aufzudecken.
Die Begriffsbildung ist überhaupt einer der zentralen Vorgänge für Webers wissenschaftliche Arbeit. Explizit distanziert er sich von dem Verfahren der
3 Kopp, Manfred und Hans-Peter Müller: Herrschaft und Legitimität in modernen Industriegesellschaften. Eine Unterscheidung der Ansätze von Max Weber, Niklas Luhmann, Claus Offe, Jürgen Habermas. München: tuduv-Verlagsgesellschaft, 1980. (tuduv-Buch: Reihe Politologie / Soziologie; Bd. 7) S. 9.
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Begriffsfindung, das nach dem „Schema: genus proximum, differentia specifica“ (KdI, S. 68) verfährt. Stattdessen etablierte er für seine soziologische Methode eine „historische Begriffsbildung“ (ibd.), die induktiv aus „einzelnen, der geschichtlichen Wirklichkeit zu entnehmenden Bestandteilen“ (ibd.) allmählich ihre Begriffe „komponiert“ (ibd.). Daher könne die begriffliche Endfassung nicht am Anfang, sondern müsse am Ende einer Untersuchung stehen. (Vgl. ibd.) George Steiner wies einmal darauf hin, daß „Polysemie, die Fähigkeit eines Wortes, Verschiedenes zu bedeuten, […] charakteristisch [sei] für die Sprache der Ideologie.“ 4 Max Weber war sich offenbar auch dieser Potenz der Sprache bewußt und erkannte sie als Gefahr für die wissenschaftliche „Objektivität“. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß er sie (die Sprache) von diesen ideologischen Spuren bereinigen wollte, indem er ein Höchstmaß an „Eindeutigkeit“ (WuG, S. 10) anstrebte. Weber operierte daher mit „relativ inhaltsleere[n]“ (WuG, S. 9) Begriffen und möglichst präzisen Definitionen.
Dieses szientistische Ideal terminologischer Exaktheit verbindet sich mit dem Postulat an die Wissenschaft, Neutralität zu wahren. Manifest wird dies z.B. in seinem Aufsatz über „Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ von 1904. Dort fordert er die Werturteilsfreiheit der Wissenschaft und die Abgrenzung gegenüber der Politik. Diese Forderung wiederholte er 1919 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“: „Politik gehört nicht in den Hörsaal. […] Denn praktisch-politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellungen ist zweierlei.“ (WaB, S. 95f.) Die Scheidung von Wissenschaft und Politik wäre hier nicht interessant, wenn Max Weber unter letzterer nur die „Kunst der Staatsverwaltung“ 5 verstehen würde. Doch ist Politik für ihn darüber hinaus das „Streben nach Machtanteil oder Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt.“ (PaB, S. 159) Wenn er also dezidiert Wissenschaft von Politik zu scheiden beabsichtigte, so forderte er damit nicht nur, daß der Gelehrte das Parteibuch und alle sonstigen persönlichen Meinungen zuhause zu lassen habe, er behauptete damit auch, daß es grundsätzlich möglich sei, Wissen(schaft) und Macht voneinander zu trennen. Eine
4 Steiner, George: Nach Babel. Übersetzt von Monika Plessner unter Mitwirkung von Henriette Beese. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1994. S. 29.
5 Duden, Deutsches Universalwörterbuch. Hrsg. v. Kathrin Razum. 5.,überarbeitete Auflage. Mannheim: Duden, 2003. Stichwort: Politik.
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Ansicht, die bekanntlich Autoren wie Michel Foucault oder auch Roland Barthes nicht teilen würden. 6
Mit dem ‚Idealtypus’ glaubte Max Weber, einen Weg gefunden zu haben, der eigenen Forderung nach einer werturteilsfreien Wissenschaft gerecht werden zu können. 7 Die Konstruktion von Idealtypen (bzw. reinen Typen) beabsichtigte ein Begriffsschema zu sein, das die Möglichkeit generiert, eindeutig zu bestimmen, was beispielsweise an einer Herrschaft ‚charismatisch’, ‚patriarchal’ oder ‚bureaukratisch’ sei. (Vgl.: WuG, S. 124). Regelmäßigkeiten sozialen Handelns werden durch die Idealtypen derart beschrieben, als ob die Handlungsabläufe ohne Störungen durch irrationale, sprich: nicht kalkulierbare Einflüsse abliefen. (Vgl. WuG, S. 3) Daher sind die reinen Typen fiktive Gebilde. Denn in „Reinform“ kommen sie in der Wirklichkeit nicht vor. (Vgl. WuG, S. 124) „Das reale Handeln verläuft nur in seltenen Fällen […] auch dann nur annäherungsweise so, wie im Idealtypus konstruiert.“ (WuG, S. 4) An anderer Stelle schreibt Weber: „Je schärfer und eindeutiger konstruiert die Idealtypen sind: je weltfremder sie also, in diesem Sinne, sind, desto besser leisten sie ihren Dienst, terminologisch und klassifikatorisch sowohl wie heuristisch.“ (WuG, S. 10) Die Idealtypen sind also lediglich Hilfsmittel 8 , die der „Interpretation konkreten Erfahrungsmaterials“ 9 dienen.
So wollte Webers Soziologie, wie Bendix schreibt, „nur begriffliche Orientierungspunkte“ 10 geben und nicht etwa „unmittelbare Seinsaussagen machen“. 11
2.2 Das Verhältnis von Macht, Herrschaft und Gewalt
Im folgenden soll geklärt werden, was Weber per definitionem unter Macht, Gewalt und Herrschaft begreift und in welchem Verhältnis diese Begriffe (und die sich dahinter verbergenden Vorstellungen) zueinander stehen. Die Untersuchung erhebt dabei nicht den Anspruch, die gesamte Herrschaftssoziologie Webers zu analysieren. Das Ziel ist es lediglich, einzelne
6 Foucault untersuchte historisch die Entwicklung moderner Machttechniken und das Verhältnis von Macht und Wissen. Roland Barthes nahm Machtstrukturen in der Sprache selbst an. 7 Vgl. dazu Mommsen, Wolfgang: Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982. S. 223.
8 Auch Günther Roth hebt den adjutantischen Charakter der Typologie hervor, wenn er schreibt, daß die Typen der Herrschaft breitangelegte historische Vergleiche ermöglichen sollen, „die eine Vorstufe zur kausalanalytischen Erklärung historischer Ereignisse darstellen“. Roth, Günther: Politische Herrschaft und persönliche Freiheit. Heidelberger Max Weber Vorlesungen 1983. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987. S. 26. 9 Ibd., S. 99.
10 Mommsen, Wolfgang: Gesellschaft, Politik und Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982. S.99. 11 Ibd.
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zentrale Momente herauszuarbeiten, um sie im Anschluß daran entsprechend wichtigen Aspekten des Konzepts von Hannah Arendt gegenüberzustellen.
2.2.1 Der Kampf um Macht
Der §8 aus Wirtschaft und Gesellschaft 12 liefert eine Definition von Kampf, die sich wie die logische Ergänzung zur Definition von Macht liest: „Kampf soll eine soziale Beziehung insoweit heißen, als das Handeln an der Absicht der Durchsetzung des eigenen Willens gegen Widerstand des oder der Partner orientiert ist.“ (WuG, S. 20) Man vergleiche damit Webers berühmte Bestimmung von Macht: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (WuG, S. 28) Evident wird bei dieser Gegenüberstellung, daß die Begriffe Macht und Kampf in eine komplementäre Beziehung zueinander treten. Kampf 13 wird zu einem Terminus, der die soziale Beziehung beschreibt, in die derjenige, der versucht „Macht“ auszuüben (denn: seinen Willen durchzusetzen, heißt, nach Weber, Macht auszuüben) und derjenige, der versucht, sich dieser „Machtausübung“ zu widersetzen, geraten. Kampf bezeichnet damit einen Zustand, in dem noch nicht geklärt ist, wer in der Lage ist, seinen Willen „auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ (s.o). Der so verstandene Kampf ist demnach ein Machtkampf.
Der Kampf um Macht ist für Weber das essentielle Merkmal der Politik: „Das Wesen aller Politik ist, wie noch oft zu betonen sein wird: Kampf“ (WuG, S. 852). Denn (und Weber weist in der Tat häufig darauf hin) jeder, der Politik treibe, strebe nach Macht. (Vgl. z.B. WuG, S. 822) Entweder um sie „als Mittel im Dienst anderer Ziele - idealer oder egoistischer“ einzusetzen oder „‚um ihrer selbst willen’: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.“ (WuG, ibd.)
12 Eduard Baumgarten ist der Ansicht, daß der Kampfbegriff für das gesamte Werk Webers von zentraler Bedeutung sei. Er nannte den §8 der Soziologischen Grundbegriffe daher auch „das bündige Monogramm des Werks“. Vgl. Neuenhaus, Petra: Max Weber und Michel Foucault. Über Macht und Herrschaft in der Moderne. Paffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges., 1993. S. 11. 13 Ein Kampf führt für Weber nicht notwendig den Einsatz physischer Gewalt mit sich. Als Kampf bezeichent er alle sozialen Beziehungen, in denen konkurrierende Willen aufeinanderprallen. Die „Kampfmittel“ wechseln daher mit der Art der sozialen Beziehung, in der es zu einem Kampf kommt: „Vom blutigen, auf Vernichtung des Lebens des Gegners abzielenden, jede Bindung an Kampfregeln ablehnenden Kampf bis zum konventionell geregelten Ritterkampf […] und zum geregelten Kampfspiel (Sport), von der Regellosen ‚Konkurrenz’ etwa erotischer Bewerber um die Gunst einer Frau, dem an die Ordnung des Marktes gebunden Konkurrenzkampf um Tauschchancen bis zu geregelten künstlerischen ‚Konkurrenzen’ oder zum ‚Wahlkampf’ gibt es die allerverschiedensten lückenlosen Übergänge.“ (WuG, S. 20) Die nicht auf physischer Gewalt beruhenden Mittel nennt Weber „’Friedliche’“ Kampfmittel.
Ungeachtet dessen wird jedoch auf einer konnotativen Ebene der Begriff der Gewalt (im weitesten Sinn) unlösbar mit dem der Macht verstrickt.
Arbeit zitieren:
Marc Franz, 2005, Max Webers Konzepte von Macht und Herrschaft im Spiegel kontroverser Ansichten Hannah Arendts, München, GRIN Verlag GmbH
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