Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung. 1
1 Mediennutzungsforschung. 3
1.1 Überblick. 3
1.2 Kommerzielle Forschung. 3
1.2.1 Werbeträgerforschung und redaktionelle Forschung. 3
1.2.2 Ermittlung von Reichweiten. 4
1.3 Akademische Forschung. 6
1.4 Forschungslücken. 7
2 Theorien zur Mediennutzung. 9
2.1 Der Nutzen- und Belohnungsansatz. 9
2.2 Funktionen von Medien für die Menschen. 9
2.2.1 Die Eskapismusthese. 9
2.2.2 Medien - der einfache, schnelle Zeitvertreib. 10
2.2.3 Überblickswissen - „Was gibt es Neues in der Welt?“ 10
2.3 Mediennutzung und ihre Alternativen. 11
2.4 Medienauswahl. 11
2.4.1 Mood management. 11
2.4.2 Kenntnis des Angebotes. 12
2.4.3 Gemeinsame Mediennnutzung. 12
2.4.4 Habitualisierung. 12
2.4.5 Kanaltreue. 13
2.5 Mediennnutzung als Unterhaltung. 13
2.5.1 Anthropologische Ansätze 13
2.5.2 Unterhaltung als Erleben. 15
2.5.3 Unterhaltung als Identifikation und parasoziale Interaktion. 15
2.6 Medienrezeption und -aneignung. 16
2.7 Unterhaltungs- und Informationsorientierung. 16
3 Aktuelle Daten zur Mediennutzung. 18
3.1 Technische Ausstattung. 18
3.2 Mediennutzung in Zahlen 11 18
4 Methode. 21
4.1 Methodische Vorüberlegungen. 21
4.2 Das Leitfadeninterview. 21
4.2.1 Ein Überblick. 21
4.2.2 Diskussion der Methode. 24
4.3 Die Auswahl der Befragten. 25
4.3.1 Auswahlmethode. 25
4.3.2 Die befragten Personen 25
4.3.2.1 Ursula Sonntag. 25
4.3.2.2 Stefan Hartz. 26
4.4 Die Befragung: Erfahrungen. 27
5 Ergebnisse. 29
5.1 Die Auswertungsmethode: Globalauswertung nach Legewie. 29
5.2 Die Informationsbegierige: Ursula Sonntag. 30
5.2.1 Medienausstattung und -zugang. 30
5.2.2 Alltag und Nutzungsmuster. 31
5.2.3 Erwartungshaltung und Motive. 35
5.2.4 Medienbewertung. 39
5.2.5 Résumé: Bedeutung von Medien im Alltag 41
5.3 Der unterhaltungsorientierte Intensiv-Nutzer: Stefan Hartz. 42
5.3.1 Medienausstattung und -zugang. 42
5.3.2 Alltag und Nutzungsmuster. 42
5.3.3 Erwartungshaltung und Motive. 45
5.3.4 Medienbewertung. 49
5.3.5 Résumé: Bedeutung von Medien im Alltag 50
6 Fazit. 52
Literatur 54
Mediennutzungsforschung Seite 1 von Florian Oel
0 Einleitung
Das Ziel von wissenschaftlicher Mediennutzungsforschung könnte man vielleicht grob mit folgendem Satz umreißen: Was machen Menschen wann in welchem Kontext mit Medien, wie kommt es dazu und was passiert danach? Und so absurd es klingen mag: Mit diesem Thema hat eine breite wissenschaftliche Auseinandersetzung noch nicht stattgefunden. Doch warum nutzen Menschen bestimmte Medien - andere aber nicht? Was erwarten sie, wenn sie das Radio einschalten oder die Zeitung aufschlagen? Wollen sie sich informieren? Entspannen? Ihre Zeit tot schlagen? Obwohl ein starker kommerzieller Forschungszweig erforscht, wie viele Menschen welche Medien nutzen und wann sie dies tun, ist kaum bekannt, wie und warum der einzelne Leser, Hörer, Zuschauer oder User Medien nutzt, aus welchen Motiven er dies tut. Mit diesem Thema hat sich ein Hauptseminar am Münchner Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung im Wintersemester 2002/2003 auseinandergesetzt und eine Vielzahl qualitativer Befragungen durchgeführt. Damit beschäftigt sich nun auch diese Hausarbeit. Sie untersucht bei zwei Personen die Bedeutung von Medien in deren Alltag. Die zentralen Fragen sind hierbei, welche Nutzungsmuster bei ihnen zu finden sind, welche Motive sie für Mediennutzung haben, was sie sich davon erwarten und wie diese Personen die Medien bewerten. Die Ergebnisse basieren auf den beiden Leitfadeninterviews, die ich im Rahmen des Hauptseminars geführt habe.
Als Grundlage dienen das Wissen über die Lebenssituation der Befragten und deren Lebensführung, theoretische Ansätze, die für sich beanspruchen, die Zuwendung zu Medien und deren Bedeutung zu erklären. Ebenso liegt dieser Arbeit allgemeines Wissen über Mediennutzung aus bereits durchgeführten Untersuchungen zu Grunde.
Die Erkenntnisse aus den Leitfadeninterviews werden in dieser Seminararbeit durch Einbeziehung der (theoretischen) Grundlagen diskutiert, der Fokus liegt hierbei auf dem Alltag. Die Auswertung der Interviews basiert auf der Methode der Globalauswertung.
Im Laufe der Arbeit hat sich eine Wechselwirkung zwischen Theorie und empirischen Erkenntnissen entwickelt. Es war zuerst nötig, sich einen Überblick über die wichtigsten Theorien zu erarbeiten, die für sich beanspruchen, Mediennutzung zu erklären. Aufgrund der dadurch gewonnenen theoretischen Vorkenntnisse war es dann möglich, Tendenzen der interviewten Personen zu erkennen, die weitere Beschäftigung mit diesen Theorien hat dann unter Umständen weitere Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.
Kein theoretischer Ansatz berücksichtigt systematisch alle Faktoren, die Mediennutzung beein- flussen können - dieser Arbeit liegen daher viele verschiedene Ansätze zu Grunde. Aufgrund
Mediennutzungsforschung Seite 2 von Florian Oel
der komplexen Aufgabenstellung, dem aber begrenzten Zeitrahmen und dem begrenzten Umfang einer Seminararbeit musste die Auseinandersetzung mit der Theorie möglichst knapp gehalten werden. Es ist nicht möglich, alle möglicherweise hilfreichen Theorien in einer Hausarbeit zu diskutieren - weder im Theorie-, noch im Auswertungsteil. Im Theorieteil habe ich daher nicht mit den Originalstudien und -theorien gearbeitet, sondern hauptsächlich mit beschreibender Sekundärliteratur. Diese geben einen guten Überblick. Zudem dient der Theorieteil vor allem einer Orientierung für den Ergebnisteil. Wenn sich im Laufe der Auswertung der Interviews der Bedarf herausstellte, auf eine bestimmte Theorie genauer einzugehen, so war es immer noch möglich, dies dann zu tun.
Das erste Kapitel dieser Arbeit gibt einen Überblick über den Forschungsstand der Mediennut-zungsforschung, erläutert auch die bisherigen Schwächen und Forschungslücken. Daran anschließend werden die Theorien kurz dargestellt, die Ansätze bieten könnten, um die Forschungsfragen zu beantworten. Zur besseren Einordnung der Mediennutzung meiner beiden Interviewpartner stellt das dritte Kapitel Erkenntnisse über die Mediennutzung in Deutschland dar. Die Methode des Leitfadeninterviews wird im folgenden Kapitel behandelt. Kapitel 4.1 soll nur einen kurzen Überblick geben, wie die Entscheidung für eine qualitative Methode für die Untersuchung gefallen ist, die dieser Arbeit zu Grunde liegt. Die Diskussion um die Vorzüge qualitativer und quantitativer Forschung wird daher im Rahmen dieser Seminararbeit nur sehr kurz angesprochen. Das fünfte Kapitel stellt - nach einer Erläuterung der Auswertungsmethode - die Ergebnisse meiner Untersuchung für die beiden befragten Personen dar. Dabei werden in Kapitel 5.2.4 und 5.3.4 - um die Medienbewertung besser einordnen zu können - in diesem Zusammenhang auch die generelle politische Einstellung und Bewertungen von Politik und Gesellschaft angeführt. In Kapitel 6 folgt ein Fazit.
Mediennutzungsforschung Seite 3 von Florian Oel
1 Mediennutzungsforschung
1.1 Überblick
Uwe Hasebrink unterteilt die Mediennutzungsforschung in vier Gegenstandsbereiche: Die Forschung zur Mediennutzung im engeren Sinne, die Untersuchungen zur Medienauswahl, diejenigen zur Medienrezeption und der Bereich der Medienaneignung (vgl. Hasebrink 2002: 1). Von Mediennutzung im engeren Sinne werde gesprochen, schreibt Hasebrink, „wann immer Menschen mit einem Medienangebot in Kontakt kommen“ (ebd.: 2). Damit beschreibt die Mediennutzung im engeren Sinn aber nur den bloßen Kontakt - und blendet dabei jedweden Kontext aus. Darauf bezieht sich ein Großteil der so genannten Publikumsforschung: Sie fragt, wer wann wie lange Kontakt mit einem bestimmten Medienangebot hatte (vgl. ebd.). Die Medienauswahl bezieht sich vor allem auf die prä-kommunikative Phase: Sie erforscht die Motive, sich Medien überhaupt und einem bestimmten Medium im Besonderen zuzuwenden. Die kommunikative Phase ist Gegenstand der Medienrezeptionsforschung. Untersucht wird, wie ein Medienangebot „aufgenommen, verarbeitet und interpretiert“ (ebd.) wird. Neuer ist die Untersuchung der post-kommunikativen Forschung. Erforscht wird die Medienaneignung, also was Nutzer mit dem rezipierten Angebot anfangen, wie sie es in ihren Wissenshorizont einordnen, wie sie Medien bewerten und was für Konsequenzen sie daraus ziehen (vgl. ebd.: 3). 1
1.2 Kommerzielle Forschung
1.2.1 Werbeträgerforschung und redaktionelle Forschung
Den bisher größten Teil der Nutzungsforschung macht bisher die kommerzielle Werbeträgerforschung aus. Die Werbeindustrie hat - besonders seit der Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk - ein Interesse zu erfahren, welche Medien wie intensiv von bestimmten Zielgruppen genutzt werden. Aus diesem Interesse heraus hat sich inzwischen ein „Forschungszweig industriellen Maßstabs“ (Hasebrink 2002: 5) entwickelt. Grund dafür ist die Bedeutung der Werbeträgerforschung für die Mediaplanung. Sie soll Ant-worten darauf finden, in welcher Mediengattung, in welchem Medium und wo in diesem Medium Werbeanzeigen oder -spots geschaltet werden. (Vgl. Schulz 2000: 183). Schulz weist auch darauf hin, dass der scharfe Wettbewerb der verschiedenen Medien um die Etats der werbetreibenden Industrie die Medien „zu immer verfeinerteren Nachweisen ihrer Leistung als Werbeträger“ (ebd.) zwinge. Dieser Umstand habe die Methodenentwicklung in der Mediaforschung stimuliert. Die deutsche Forschung sei dadurch zu einem hohen For-
1Die Verwendung der Begriffe Nutzer, Rezipient, Publikum oder Publika ist sehr unterschiedlich. Darauf gehe ich im Rahmen die-
ser Arbeit aber nicht ein. Einen kurzen Überblick hierzu bietet Hasebrink 2002: 3f.
Mediennutzungsforschung Seite 4 von Florian Oel
schungsstandard gelangt, die empirische Mediaforschung zähle zu den am weitesten entwickelten Bereichen der empirischen Sozialforschung. (Vgl. ebd.)
Diese Forschung basiert auf der Vorstellung von einem einheitlichen Massenpublikum, das nur durch die Mediennutzung Einzelner entsteht, die ansonsten in keinerlei Kontakt zu einander stehen. Soziale und andere Zusammenhänge oder Motive werden unterschlagen, da der bloße Medienkontakt sich zu einer Art Währung entwickelt hat, für die die werbende Industrie zahlt. (Vgl. Hasebrink 2002: 5f.)
Die Methoden der Reichweitenmessung von Medien erläutert Kapitel 1.2.2.
Neben der Werbeträgerforschung zählt zu der kommerziellen auch die redaktionelle Forschung. Sie wird von Medienunternehmen betrieben, um Rückmeldungen von tatsächlichen oder potentiellen Nutzern eines Mediums zu erhalten: Wie wird ein Angebot akzeptiert, was kommt besser, was schlechter an? Was sollte geändert werden, wo liegen Potentiale für eventuelle Erweiterungen des Angebots? (Vgl. ebd.: 6)
In der deutschen Mediennutzungsforschung ist zudem eine eine weitere Studie wichtig, die Hasebrink als „maßgeblich“ (ebd.) betrachtet: die Langzeitstudie Massenkommunikation, die von der Arbeitsgemeinschaft der ARD-Werbegesellschaften herausgegeben wird. Sie wurde seit 1964 in mittlerweile acht Erhebungswellen durchgeführt. Die Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung ist die weltweit einzige Repräsentativstudie, die die Nutzungsgewohnheiten der Rezipienten verschiedener Medien über einen derart langen Zeitraum untersucht. Anfangs diente sie vor allem der Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse zwischen Printmedien, Hörfunk und Fernsehen, inzwischen geht darum, „Trends im Umgang der Menschen mit den Medien“ (Berg 2002: 5) zu zeigen und „darauf basierend den Blick in die Zukunft“ (ebd.) zu ermöglichen. Ein positiver Nebeneffekt der Studie ist, dass sie als „[wesentliche] Informationsquelle auch für die akademische Nutzungsforschung“ (Hasebrink 2002: 7) genutzt werden kann.
1.2.2 Ermittlung von Reichweiten
Die „technisch ausgereifteste Reichweitenforschung“ (Hasebrink 2002: 10) ist die Fernsehzu-schauerforschung. Kontinuierliche Messungen wurden bereits 1963 begonnen, als es durch die Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens zum ersten Mal zu Konkurrenz auf diesem Gebiet kam. Seit 1984 werden die Fernsehzuschauerzahlen von der Gesellschaft für Konsum-, Markt-und Absatzforschung (GfK) durchgeführt. Die GfK betreibt in etwa 5500 Haushalten mit 12 700 Personen Messgeräte, die die Nutzungsdauer auf die Sekunde genau messen und die Daten ein-
Mediennutzungsforschung Seite 5 von Florian Oel
mal pro Tag über die Telefonleitung übermitteln. (Vgl. ebd.: 10.) Neben der Fernsehnutzung werden auch Teletext und Videospiele erfasst (vgl. Schulz 2000: 206).
Beim Hörfunk ist die Reichweitenermittlung technisch nicht so ausgereift. Ein Grund ist einfach ein eher logistisches Problem: Menschen hören an vielen verschiedenen Orten Radio - im Auto, in der Arbeit und auch zuhause auf vielen verschiedenen Geräten; die Nutzung beschränkt sich damit nicht auf ein bis zwei Geräte, wie es beim Fernsehen meist der Fall ist. (Vgl. Hasebrink 2002: 10.) Die wichtigste Erhebung für die Radionutzung ist die Media Analyse, die zwei Mal pro Jahr von der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (AG.MA) durchgeführt wird. Sie beruht auf etwa 50 000 standardisierten Interviews, die seit 2000 telefonisch durchgeführt werden. Abgefragt wird die Mediennutzung an einem Stichtag (der vorhergehende Tag) in 15-Minuten-Intervallen. Gefragt wird danach, ob die Befragten zu diesem Zeitpunkt Radio gehört haben, wenn dies der Fall ist, welchen Sender sie an welchem Ort gehört haben. Aus diesen Daten lassen sich die Reichweiten der einzelnen Sender in Zeitintervallen zwischen 15 Minuten und einem Tag errechnen, genauso wie die Marktanteile der einzelnen Radiostationen. Da diese Daten nur einmal jährlich veröffentlicht werden, können sie allerdings nur langfristige Trends erfassen. Geht es also darum, kurzfristige Hörerreaktionen zu beobachten, müssen weitere Untersuchungen durchgeführt werden. (Vgl. ebd.: 10f.)
Die Media Analyse wird auch für Tageszeitungen und Zeitschriften durchgeführt. Hier wird allerdings nur die Reichweite ermittelt, die Nutzungsdauer spielt keine Rolle. Neben der Media Analyse erscheint jährlich die Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA). Sie enthält seit 1965 auch Konsumdaten und ist „die einzige unabhängige [...] umfassende Markt-Media-Analyse“ (Schulz 2000: 187).
Im Printbereich - und seit kurzem auch für die Onlinemedien - spielt zudem die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) eine Rolle. Sie wurde 1949 gegründet. Vier Mal pro Jahr veröffentlicht sie die Auflagenzahlen von Printprodukten. Die von den Verlagen gemeldeten Zahlen werden stichprobenartig kontrolliert. Die Nutzung von Onlinemedien begann die IVW 1997 zu messen. Unterschieden wird hier zwischen Page Impressions (PI), die Abrufzahlen für bestimmte Seiten angeben, und Sessions, das heißt zusammenhängende Besuche auf einem Onlineangebot. 2
1.3 Akademische Forschung
Verschiedene Stränge der akademischen Nutzungs- und Rezeptionsforschung sind lange neben-einander her gelaufen, ohne dass eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt wurde (vgl. Hasebrink 2002: 7).
2 Da die Onlinenutzung bei meinen beiden Interviewpartnern nur eine untergeordnete Rolle spielte, gehe ich in dieser Arbeit auf
Onlinenutzung nur sehr knapp ein.
Mediennutzungsforschung Seite 6 von Florian Oel
Die Befürchtung, dass die Massenmedien auf die Gesellschaft negative Auswirkungen haben könnten, war ein wesentlicher Motor, der die akademische Forschung angetrieben hat. Im Gegensatz zur Werbeträgerforschung, die - wie oben angesprochen - ein Konzept des Publikums als Masse hat, sah die akademische Mediennutzungsforschung das Publikum vor allem als das an, worauf die Medien wirken. (Vgl. ebd.) Das Nutzungsverhalten spielte in diesem Zusammenhang nur die Rolle eines Filters, der „Wirkungsprozesse be- oder sogar ganz verhinderte“ (ebd.).
Eine eigenständige Nutzungsforschung entwickelte sich mit den Konzepten der Uses-and-Gra-tifications-Forschung, auf die ich in Kapitel 2.1 genauer eingehe. Diese Ansätze beschäftigen sich weniger mit der Nutzung selbst, sondern richten ihren Fokus auf die Funktionen, die Medien für ihre Konsumenten und die Gesellschaft haben. (Vgl. ebd.) Jensen und Rosengren (1990) haben fünf Traditionen ausgemacht, die die Nutzungsforschung bestimmt habe. Neben der Uses-and-Gratifications- sowie der Wirkungssforschung führen sie die Literaturwissenschaft, Cultural Studies und Rezeptionsstudien auf. (Vgl. ebd.: 8.)
An dieser Stelle soll auf eine dieser Richtungen eingegangen werden. Die Cultural Studies sind an der Grenze von Sozial- und Kulturwissenschaften zu verorten. Ihnen liegt ein breites Kulturverständnis zu Grunde, das weite Aspekte der Lebensführung und des Alltags umfasst. In diesem sozialen und kulturellen Kontext wird Mediennutzung betrachtet. Medien und besonders populäre Mediengenres werden hier als Bestandteile kultureller Praxis angesehen. (Vgl. ebd.: 9.)
Meyen verspricht sich von diesem Konzept wichtige Impulse für die Mediennutzungsforschung. Während die kommerzielle Nutzungsforschung „Lebensstil häufig einfach als Verhaltensmuster im Konsum- und Freizeitbereich“ (Meyen 2001b: 6) definiert, verweist Meyen auf Rosengren, der betont, dass alle Handlungen - und damit auch Mediennutzung - durch „strukturelle, positionelle und individuelle Merkmale und Bedingungen determiniert seien“ (ebd.: 7). Ausgehend von diesen drei Determinanten, die Handlungsmuster beeinflussen, nennt Rosengren Merkmale, die Mediennutzung beeinflussen können: der Grad der Industrialisierung, die Urbanisierung und die Religion (strukturelle Merkmale), sowie Alter, Geschlecht und Stellung im Beruf (positionelle Determinanten) (vgl. ebd.). Diesen Faktoren fügt Meyen noch weitere hinzu: Arbeitsbe- dingungen, Zeitbudget, Einkommen (vgl. ebd.: 8).
Mediennutzungsforschung Seite 7 von Florian Oel
Hasebrink (2003: 9) weist darauf hin, dass sich inzwischen die Grenzen zwischen den einzelnen Forschungssträngen auflösen, neuere Studien daher selten noch klar einer dieser Forschungsrichtungen zugeordnet werden kann.
1.4 Forschungslücken
Wie in Kapitel 1.2.1 erwähnt, ist die empirische Mediaforschung in Deutschland sehr ausgereift. Doch so genau die Zahlen scheinen, die Medienkontakte und Reichweiten angeben sollen, so ist nach Schulz davon auszugehen, dass es sich doch „vielfach nur um Scheingenauigkeit“ (2000: 192) handelt. „Da der eigentliche, natürliche Lesevorgang in aller Regel der direkten Beobachtung entzogen ist, ist die Forschung bei dem Versuche einer Annäherung an die Wirklichkeit auf Aussagen der Rezipienten angewiesen.“ (ebd.) Die Aussagen der Befragten könnten beispielsweise durch Prestigedenken und Normvorstellungen beeinflusst sein. Aber auch einfache Irrtümer der Rezipienten können das Bild verzerren.
In der kommerziellen Nutzungsforschung wird bisher fast alles um den bloßen Medienkontakt eines Mediennutzers herum ausgeblendet. Der soziale Kontext bleibt im Dunkeln, genauso wie die Motive und auch der genaue Mediennutzungsvorgang an sich (vgl. Hasebrink 2002: 6): Sitzt der Zuschauer wirklich vor dem Fernseher? Oder läuft der nur nebenbei, beim Putzen, Bügeln, Kochen oder sogar neben einem Gespräch? Vielleicht findet sogar parallele Mediennnutzung statt: Der Fernseher läuft im Hintergrund, der Ton leise oder ganz ausgeschaltet, während der Mediennutzer Zeitung liest.
Das Ziel neuer akademischer Mediennutzungsforschung müsste nun sein, Mediennnutzung nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in den Alltag der Menschen, denn „Mediennutzung lässt sich nicht losgelöst vom Alltag der Menschen betrachten, von einem Alltag, der durch positionelle und strukturelle Merkmale und Bedingungen bestimmt wird.“ (Meyen 2001b: 8.)
Medien werden nicht immer zielgerichtet, sondern oft im Gegenteil eher unbewusst genutzt. Dabei kann es sich um das Radio handeln, dass beim Friseur im Hintergrund läuft, oder um die Zeitung des Kollegen, die in der Frühstückspause mal kurz durchgeblättert wird. „Unbewusstes, beiläufiges Verhalten aber bekommt im Gedächtnis keinen Platz und taucht bei Befragungen nicht mehr auf.“ (ebd.: 10.) Um solche Mediennnutzung in die Forschung mit einzubeziehen, muss über das standardisierte Abfragen von Mediennnutzung hinausgegangen werden. 3 Meyen verweist auch auf die Gefahr, von Befragten Antworten auf Nutzungsmotive zu erhalten, die diese als sozial erwünscht ansehen. „Motive [haben] stets ein bestimmtes Image, sind oft
3 Vergleiche hierzu Kapitel 4.
Mediennutzungsforschung Seite 8 von Florian Oel
unbewusst und liegen außerdem so nah am Intimbereich, dass ihre Erkundung zu den schwie- rigsten Forschungsfeldern überhaupt gehört“ (ebd.: 10).
Mediennutzungsforschung Seite 9 von Florian Oel
2 Theorien zur Mediennutzung
2.1 Der Nutzen- und Belohnungsansatz
Ein zentraler Ansatz, der sich zur Erklärung sowohl der Funktionen von Medien für Menschen als auch zur Erklärung der Medienauswahl eignet, ist der Nutzen- und Belohnungsansatz. Er geht - grob gesagt - von Bedürfnissen aus, die Menschen gegenüber Medien haben. Diese Bedürfnisse führen zu Nutzungsmotiven, aufgrund derer der Mediennutzer sich einem bestimmten Angebot eines bestimmten Mediums zuwendet. Befriedigt die Mediennutzung das ursprüngliche Bedürfnis, erhält der Nutzer die Gratifikation und es ist wahrscheinlich, dass er sich diesem Medienangebot wieder zuwendet. (Vgl. u.a. Hasebrink 2002: 16.) Auf Grundlage dieses Ansatzes lässt sich daher auch die Entstehung von Nutzungsmustern erklären. Meyen (2001a: 16) führt Motive und Funktionen der Mediennutzung auf, die in mehreren Studien empirisch nachweisbar waren. Er nennt das Informationsbedürfnis, das Bedürfnis nach persönlicher Identität, dasjenige nach sozialer Interaktion und Integration und das Bedürfnis nach Unterhaltung. 4
Hasebrink betont, dass diese Richtung der Nutzungsforschung inzwischen weitgehend zu Allgemeingut geworden sei (vgl. Hasebrink 2002: 17). Dennoch hat auch diese Theorie viel Kritik erfahren. Wesentlich ist hier vor allem der Kritikpunkt, dass den Mediennutzern ihre Motive nicht stets bewusst seien, weshalb sie in einer Befragung schwer zu ermitteln sein werden. Eine weitere Kritik zielt auf die Ausblendung der Verfügbarkeit: Unabhängig von den Bedürfnissen einen Nutzers spielt auch die Verfügbarkeit von Medien eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung, überhaupt Medien zu nutzen und bei der darauf folgenden Medienauswahl. (Vgl. ebd.: 17f.) 5 Meyen (2001b: 6) wiederum kritisiert, dass „die gesellschaftlichen Ursachen der Mediennutzung ausgeblendet“ werden.
2.2 Funktionen von Medien für die Menschen
2.2.1 Die Eskapismusthese
Die Eskapismusthese versucht, die Motivation zu begründen, aus der heraus sich Menschen für mediale Unterhaltung entscheiden. Die Theorie ist ein Ergebnis aus Gratifikationsstudien, Eskapismus konnte als ein Motiv für Mediennnutzung empirisch bestätigt werden (vgl. Vorderer 1996: 312). Sie geht davon aus, dass die meisten Menschen in unattraktiven Verhältnissen leben, von denen sie sich durch Unterhaltung ablenken möchten. Die virtuelle Medienwelt soll also helfen, die reale Lebenswelt der Mediennutzer für eine bestimmte Zeit zu vergessen. Dabei ist die Medienwelt durch exotische und abwechslungsreiche Momente geprägt, die sich vom
4 Auf einzelne Studien soll an dieser Stelle aber nicht ausführlich eingegangen werden.
5 Zur Medienauswahl unter dieser Perspektive siehe auch Kapitel 2.4.1.
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Florian Oel, 2003, Mediennutzung im Alltag. Nutzungsmuster, Erwartungshaltung, Motive und Medienbewertung, München, GRIN Verlag GmbH
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