Inhalt
Einleitung 1
1 Modernity: Die Frage nach Stil und Funktion 2
1.1 „Stylistic impersonality“ 2
1.2 Die historischen Stilformen und ihre Funktion 4
1.2.1 Expansion 4
1.2.2 „Iterability“ und historische Dimension 6
1.2.3 Parodie 7
2 Form und Inhalt - Ein „endogenes“ Verhältnis ? 9
3 Die Struktur des Kapitels: Eine Reise in die Dunkelheit 12
Literaturverzeichnis 18
Einleitung
Es steht wohl außer Frage, daß Ulysses eines der Werke der englischen, wenn nicht der Weltliteratur ist, über das am intensivsten geforscht und am häufigsten geschrieben wurde. Die Folge davon ist, daß es dem heutigen Leser des Romans als nahezu unmögliches Unterfangen erscheint, während der Lektüre noch auf etwas fundamental Neues bzw. auf revolutionierende Entdeckungen zu stoßen.
Dies bedeutet jedoch nicht, daß man deshalb den Roman mitsamt den dazugehörigen Interpretationsversuchen gleichsam zu den Akten legen sollte. Denn erstens ist sicher, daß der Roman aufgrund seiner ungeheuren Bandbreite und des großen Maßes an Intertextualität wohl nie restlos entschlüsselt werden kann. So ist es durchaus möglich, einzelne Formulierungen auf immer wieder neue Ursprünge zu beziehen und den Roman aufgrund dessen in wieder anderer Weise zu deuten. Die Frage, die sich dabei stellt, ist jedoch, inwieweit ein solches Graben nach den vermeintlich letzten Wahrheiten überhaupt sinnvoll ist. Erscheint ein solch krampfhaftes Suchen doch vor der Fülle des bereits Herausgearbeiteten meist eher als Versuch, den Ehrgeiz des Wissenschaftlers zu befriedigen, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Erkenntnisse zutage zu fördern, die allen seinen Vorgängern verschlossen blieben, als grundsätzlich zu einem besseren Verständnis des Textes beizutragen.
In einem solchen Fall kann es deshalb wohl zweitens wesentlich fruchtbarer sein, will man ein besseres Verständnis des Romans erzielen, diesen nicht als gleichsam jungfräuliches Stück Literatur zu betrachten, das nach Interpretation verlangt. Vielmehr sollte man sich einen Überblick über die bereits zum Roman vorhandene Literatur verschaffen, um dann in Kombination mit den eigenen Leseeindrücken zu einer plausiblen Deutung bzw. zu besserem Verständnis des Werkes zu gelangen. Ziel dieser Untersuchung ist es deshalb, unter komparativer Betrachtung eines ausgewählten Teils der Literatur zu „Oxen of the Sun“ aufzuzeigen, inwieweit diese zum grundlegenden Verständnis des Textes beitragen kann, und damit gleichzeitig die Frage zu klären, was Sekundärliteratur eigentlich leistet. Da sich der überwiegende Teil der Interpreten aufgrund der besonderen Konzeption dieses Kapitels in erster Linie mit dem Stil bzw. der äußeren Form, in der es erscheint, beschäftigt hat, wird dieser Aspekt auch hier im Zentrum der Betrachtung stehen.
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So soll also zunächst aufgezeigt werden, wie der Stil, in dem Joyce das Kapitel verfaßt hat, von seinen Interpreten behandelt wird bzw. welche Auswirkungen ihrer Ansicht nach die Schreibweise auf die gesamte Darstellung hat. Im Anschluß daran steht die Frage im Mittelpunkt, ob und auf welche Weise äußere Form und Inhalt im Kapitel zueinander in Beziehung stehen, während abschließend die Existenz einer grundlegenden Gemeinsamkeit von äußeren und inneren Strukturen diskutiert werden soll.
1 Modernity: Die Frage nach Stil und Funktion
1.1 „Stylistic impersonality“
Stellt man die grundsätzliche Frage, wie Joyces Stil im Vergleich zu anderen modernen Autoren eigentlich aussieht, liefert beispielsweise Mark Gaipa eine eindeutige, wenn auch nicht befriedigende Antwort, indem er der allgemeinen Kritikerauffassung folgt und festhält, Joyce besitze gar keinen eigenen Stil. In seinem Aufsatz „Culture, Anarchy, and the Politics of Modernist Style in Joyce’s ‘Oxen of the Sun’“ (1995) teilt er nämlich bezüglich der Stilfrage die modernen Autoren in zwei Gruppen ein. Die erste besteht aus solchen Autoren, die sich durch einen „trademark style“ (1995: 195), also einen für sie charakteristischen, unverwechselbaren Stil auszeichnen, der wiederum den Ansprüchen der Moderne voll und ganz gewachsen ist. Zu dieser Gruppe zählt Gaipa Autoren wie Woolf, Hemingway und Faulkner. Die zweite Gruppe jedoch, zu der Gaipa neben Joyce auch Eliot, Beckett, Nabokov und Pound rechnet, zeichnet sich gerade nicht durch eine spezifische Art der Weltbetrachtung, sondern eher durch den Gebrauch einer „stylistic impersonality“ (1995: 196) aus. Wie es bei Joyce nun zu so einer „Unpersönlichkeit“ des Stils kommt, versucht Gaipa anhand des Ulysses-Kapitels aufzuzeigen.
Dazu stellt er zunächst vor dem Hintergrund des im 19. Jh. populär gewesenen biogenetischen Gesetzes nach Ernst Haeckel die These auf, daß in „Oxen of the Sun“ der Text selbst nach dem Stil seines Autors fragt. So bezieht Gaipa nämlich das Prinzip „ontogeny recapitulates phylogeny“ (1995: 196), auf das auch von anderen Interpreten immer wieder in Verbindung mit dem Kapitel hingewiesen wird 1 , nicht nur auf die beiden Hauptaspekte des Kapitels - die Geburt des Purefoy-Kindes einerseits und die Entwicklung der englischen Prosastile andererseits -, sondern auch auf die spezifische Herausbildung des Joyceschen Stils. Genau wie nach dem biogenetischen Gesetz das jeweils letzte Exemplar einer Spezies die Leistungen seiner Vorgänger als seinen eigenen Fortschritt nachvollzieht, geht nach Gaipa auch Joyce in „Oxen of the Sun“ vor, um dann am Ende der
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Rekapitulation der englischen Prosastile der Vergangenheit seinen eigenen Stil zuzufügen. (Vgl.1995: 196ff.)
Damit deutet Gaipa den „apocalyptic tone“ (1995: 197), der nach Ansicht der meisten Kritiker den letzten Abschnitt des Kapitels, in dem jegliche stilistische Ordnung zugunsten eines nahezu undurchdringlichen Stimmengewirrs aufgegeben wird, beherrscht, um in eine Offenbarung, die darin besteht, daß Joyce nun sein Versprechen einlöst und mit seiner eigenen Stimme bzw. der des 20. Jahrhunderts spricht.
Da es aber offensichtlich nicht befriedigen kann, daß Joyce den distinguierten Prosastilen der Vergangenheit als seinen eigenen Stil ein inkohärentes Durcheinander gegenüberstellt, weist Gaipa zusätzlich auf eine Darstellung des im 19. Jahrhundert von Matthew Arnold analysierten Konflikts zwischen Kultur und Anarchie oder, genauer gesagt, zwischen „writing and speech“ (1995: 202) in „Oxen of the Sun“ hin. Er widerlegt die allgemeine Auffassung, daß Joyce gegen Ende des Kapitels die Stilexperimente zugunsten einer rein mimetischen Darstellung des Gesprächs der Medizinstudenten aufgibt (vgl. 1995: 201), indem er auch diesen letzten Abschnitt als bloße Parodie entlarvt und behauptet, daß dabei nur das gezeigt wird, was übrig bleibt, wenn die Kultur, die die vorher gelieferten Stilparodien beherrscht hat, zurückgedrängt wird, nämlich „orality“ (1995: 202). Aufgrund dieser Darstellung habe sich Joyce einen Kanal geöffnet, der es ihm erlaube, zwischen das Zentrum (die englische Literatur in Gestalt der parodierten Prosastile und damit die englische Kultur schlechthin) und die Peripherie (die provinzielle Landessprache, dargestellt im Gespräch der irischen Studenten) zu sehen. Damit drückt das Kapitel für Gaipa die konfliktreiche Beziehung aus, die Joyce als irischer Autor zur englischen Kultur hat, in dem Sinne nämlich, daß er einerseits innerhalb des Kreises dieser Kultur steht und andererseits gleichzeitig auch zu definieren versucht, was außerhalb liegt. (Vgl. 1995: 203ff.)
Indem Gaipa also annimmt, daß erstens der letzte Abschnitt des Kapitels Joyces eigenen Stil bzw. den Stil des 20. Jahrhunderts aufzeigt, der zudem alle vorherigen Stile in sich vereinigt, und zweitens diesen Abschnitt in Abhängigkeit setzt von dem Konflikt zwischen Kultur und Anarchie, Schrift und Sprache, „high culture and low“ (1995: 211), kommt er letztendlich zu einer allgemeinen Aussage über die moderne Periode. So sieht er das Problem der Moderne darin, daß der zeitgenössische Autor zwar über sämtliche Stile der Vergangenheit verfügt, daß aber keiner dieser Stile hinreichend ist, um der Intention des modernen Künstlers voll und ganz gerecht zu werden.
1 Vgl. beispielsweise John Gordon „The Multiple Journeys of ‘Oxen of the Sun’“, S. 158.
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Aufgrund dessen offenbart „Oxen of the Sun“ nach Gaipa letztendlich auch die Ursache für die „stilistic impersonality“, durch die sich Joyces im Grunde gar nicht vorhandener Stil auszeichnet. Damit nämlich, daß Joyce im letzten Abschnitt des Kapitels die „divide between high and low English Culture“ (1995: 206) zu überwinden suche, erlange er zwar die Freiheit, alle Stile der Vergangenheit für seine Zwecke in Anspruch zu nehmen. Der Preis, den er jedoch für diese Freiheit zahlen müsse, sei, daß er letztendlich keinen dieser Stile als seinen eigenen ausweisen kann (vgl. 1995: 211f.).
1.2 Die historischen Stilformen und ihre Funktion
1.2.1 Expansion
Während Gaipa also auf sehr komplexe und das Verständnis des Kapitels eher erschwerende Weise die „multitude of impersonated voices“ (1995: 195) sowie ihre Ursache bzw. ihre Notwendigkeit in Joyces Werk nachweist, läßt er eine wichtige Tatsache außer acht, die dem Leser zu größerer Klarheit, sowohl über das Kapitel als auch über Joyces Stil im allgemeinen, verhelfen kann. Indem er sich nämlich aufgrund des von ihm aufgezeigten Konflikts zwischen Kultur und Anarchie in „Oxen of the Sun“ lediglich darauf konzentriert, daß Joyce mit verschiedenen „Stimmen“ spricht, vernachlässigt er völlig, welche Auswirkungen dies bereits auf die Darstellung des gesamten Kapitels hat.
Anders wird das Problem des Stils in Wolfgang Isers Aufsatz „Historische Stilformen in Joyces Ulysses“ (1994) behandelt. So zeigt Iser nämlich nicht nur die auch von Gaipa angedeutete Begrenzung der einzelnen Stile. Er macht darüber hinaus die „kontinuierliche Expansion des Gegenstandes“ (1994: 298) sichtbar, die gerade daraus erwächst, daß dieser Gegenstand aus unterschiedlichen Blickwinkeln gesehen wird.
Die Grundlage der Argumentationsführung Isers beruht dabei gleichsam auf einer Bedeutungserweiterung der Parallele des Romans zu Homers Odyssee. Während für die Joyce-Kritik diese Parallele bisher in erster Linie dadurch fruchtbar wurde, daß man entweder auf die Analogien oder die Kontinuität, die Ulysses mit dem Homerschen Epos verbindet, hinwies (vgl. Iser 1994: 276ff.), stellt Iser eher die „Spannung zwischen den beiden Welten“ (1994: 281) in den Mittelpunkt. Denn erst durch diese Spannung, so Iser, wird für den Leser nicht nur deutlich, was die Figuren in Ulysses mit denen der Odyssee gemeinsam haben, sondern auch das, was die modernen Charaktere von den antiken unterscheidet, tritt sichtbar hervor. Erst dadurch kann nach Iser Individualität entstehen.
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Eva-Christina Glaser, 2001, Ulysses und die Interpreten - Komparative Studie zu Oxen of the Sun, Munich, GRIN Publishing GmbH
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