Justus -Liebig -Universität
Proseminar: Melancholikerinnen
3. Semester
Lebensbewältigung durch Verdrängung in Ingeborg
Bachmanns "Drei Wege zum See"
von: Eva-Christina Glaser
Inhalt
Einleitung 1
1. „Drei Wege zum See“ - eine Charakteristik 2
2. Zwei zentrale Probleme 4
2.1. Heimatlosigkeit 4
2.2. Unerfüllbare Bruderliebe 5
3. Lösung der Probleme ? - Zwei Möglichkeiten zur Verdrängung 7
3.1. Flucht in den Beruf 7
3.1.1. Die Funktion des Fotografierens 9
3.2. Flucht in Männerbeziehungen 11
3.2.1. Die besondere Funktion der Trotta-Figur 13
4. „Luzidität“ trotz Verdrängung/Verdrängung trotz „Luzidität“ 15
4.1. Der Besuch beim Vater und seine Folgen 15
Schluß 18
Literaturverzeichnis 21
Einleitung
Mit ihrer zweiten, 1972 erschienen, Erzählsammlung „Simultan“, die auch gleichzeitig ihre letzte Buchpublikation werden sollte1, wechselte die bedeutende Nachkriegsschriftstellerin Ingeborg Bachmann von dem ihr bisher vertrauten Genre, der Lyrik, hin zur Prosa, was dem Werk und nicht zuletzt auch ihr selbst die unterschiedlichsten Kritiken einbrachte. So reichen die Reaktionen von Formulierungen wie „Die beste Bachmann, die es je gab“2 bis hin zu dem gleichsam vernichtenden Urteil Marcel Reich-Ranickis: „Die Erzählerin Ingeborg Bachmann ist und bleibt [...] eine gefallene Lyrikerin.“3
Die fünf Erzählungen folgen formal einer zyklischen Anordnung, wobei die erste und letzte Geschichte aufgrund zahlreicher inhaltlicher Parallelen für die drei Binnenerzählungen sozusagen den Rahmen darstellen. Darüber hinaus sind sie jedoch alle durch ihr zentrales Thema miteinander verbunden: Das Verlorensein der Protagonistinnen in einer Welt, in die sie nicht hineingehören. Diese Problematik deutet sich bereits im Titel, der auch gleichzeitig die erste Erzählung des Zyklus benennt, an. So übt denn hier auch die Protagonistin den Beruf der Simultandolmetscherin aus und befindet sich als solche quasi in einer Gleichzeitigkeit vieler Sprachen, sozusagen in einem Zustand des „Zwischenden- Sprachen-Sein[s]“4, was zur Folge hat, daß sie zwar zahlreiche Sprachen spricht, aber dabei eigentlich keine eigene besitzt, von ihrer Umwelt nicht verstanden werden kann und so in einer gleichsam fremden Welt lebt; somit ist in dieser ersten Geschichte die zentrale Thematik also schon im Titel angedeutet und mit dem Beruf der Hauptfigur symbolisch manifestiert. In den drei folgenden Erzählungen wird die aufgezeigte Problematik dann jeweils andersartig variiert, ebenso wie in der letzten mit dem Titel „Drei Wege zum See“, auf die im folgenden ausführlicher eingegangen werden soll.
Die maßgebliche Zielsetzung besteht hierbei darin, erstens die Art und Weise, in der die grundlegende Problematik zutage tritt bzw. von der Autorin variiert wird, herauszuarbeiten und zweitens, im Hinblick darauf, die These zu diskutieren, daß der Umgang mit dieser Problematik und damit quasi die Lebensbewältigung der Protagonistin einzig und allein auf dem Wege der Verdrängung vollzogen wird. Hierzu soll zunächst eine knappe Charakteristik die Grundzüge und Besonderheiten der Erzählung hervorheben. Daraufhin werden die beiden fundamentalen Probleme, mit denen die Protagonistin konfrontiert ist, nämlich Heimatlosigkeit einerseits und die unerfüllbare Liebe zu ihrem Bruder andererseits, sowie im Anschluß daran die scheinbare Lösung dieser Probleme bzw. die verschiedenen Arten, auf die diese Lösung durch Verdrängung praktiziert wird, aufgezeigt, wobei wiederum auf die Funktion des Berufs der Protagonistin als Fotografin, sowie auf die besondere Bedeutung einer ihrer Beziehungen, nämlich der zu Trotta, in knapper Form noch einmal gesondert eingegangen werden soll, da sie für die gesamte Problematik eine besondere Bedeutung zu haben scheinen. Abschließend folgt dann, insbesondere im Hinblick auf den Ausgang der Erzählung, die Diskussion, ob und inwieweit es der Protagonistin, die laut ärztlichen Befundes sogar eine ausgesprochene Luzidität besitzt, also die Dinge eigentlich viel klarer sehen müßte, anstatt sie zu verdrängen, gelingt, ihre „Gewohnheit des Verdrängens“5 aufzugeben.
Autobiographische Bezüge Ingeborg Bachmanns zur Erzählung bzw. zur Hauptfigur werden hierbei bewußt ausgeklammert, da derartige Untersuchungen einerseits im Hinblick auf die formulierte Zielsetzung keine primäre Bedeutung zu haben scheinen und andererseits der Rahmen der hier durchzuführenden Abhandlung lediglich vage Mutmaßungen über mögliche Parallelen zum Leben der Autorin zuließe, die wiederum der gesamten Themenstellung nur von eingeschränktem Nutzen sein könnten.
1. „Drei Wege zum See“ - eine Charakteristik
Ingeborg Bachmanns im Rahmen des Zyklus „Simultan“ erschienene Erzählung gibt Einblick in das Leben der Elisabeth Matrei, die als erfolgreiche Karrierefrau scheinbar alles erreicht, deren Erfolg sie gleichzeitig aber Geborgenheit und Liebe gekostet hat. Elisabeth ist Fotoreporterin und lebt zur Zeit in Paris, wobei sie jedoch aufgrund ihres Berufes ständig in der ganzen Welt herumreist und so quasi überall zu Hause ist. Während sie nun nach der Hochzeit ihres Bruders dem Vater in ihrer Heimatstadt Klagenfurt einen der regelmäßigen Pflichtbesuche abstattet und hofft, sich dort von den Strapazen der vergangenen Tage erholen und auf den Spaziergängen durch den Kärntner Wald hin zum See, in dem sie in ihrer Jugend oft gebadet hatte, etwas zur Ruhe kommen zu können, läßt sie in Gedanken verschiedene Stationen ihres Lebens Revue passieren. Szenen aus ihrer früheren Kindheit, in der sie geglaubt hatte, mit der Mutter um die Liebe ihres Bruders konkurrieren zu müssen, die Tage ihres Lebens in Wien, verschiedene Stadien ihrer Karriere und die Erinnerungen an zahlreiche, mehr oder weniger enge Männerbeziehungen, insbesondere an die zu einem bestimmten Mann, nämlich Franz Joseph Trotta, der für ihr Leben eine außergewöhnliche Bedeutung gehabt hatte, treten ebenso wieder in ihr Bewußtsein, wie die letzten Tage, die sie mit ihrem Bruder und seiner zukünftigen Frau Liz in England verbracht hatte. Aufgrund dieser gedanklichen Rückblicke und der gleichzeitigen Schwierigkeiten, die für Elisabeth auftreten, als sie versucht, den See ihrer Kindheit wieder zu erreichen, wird deutlich, daß diese Frau, die nach außen hin so überaus beliebt und erfolgreich scheint, innerlich im Grunde zutiefst vereinsamt und von Selbstzweifeln geplagt ist. So stellt denn auch am Ende, als sie überstürzt abreist und am Flughafen ihrer einzig wahren Liebe begegnet, die sie ihr Leben lang übersehen hatte und die jetzt für sie verloren ist, ihr Beruf das einzige dar, was ihr noch geblieben ist.
[...]
1 Vgl. Bartsch, Kurt: Ingeborg Bachmann. Stuttgart: Metzler 1988, S. 158.
2 Hotz, Constance: Die Bachmann. Das Image der Dichterin: Ingeborg Bachmann im journalistischen Diskurs. Konstanz: Faude 1990, S. 160.
3 Reich-Ranicki, Marcel: Ingeborg Bachmann mit neuem Repertoire. In: Berliner Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland. (1973); zit. n.: Über Ingeborg Bachmann. Rezensionen - Porträts - Würdigungen. Hg. v. Michael Matthias Schardt. 1. Aufl. Paderborn: Igel 1994, S. 187 - 190, hier: S. 188.
4 Bartsch, Kurt: Ingeborg Bachmann. Stuttgart: Metzler 1988, S. 159.
5 Schmidt, Tanja: Beraubung des Eigenen. Zur Darstellung geschichtlicher Erfahrung im Erzählzyklus Simultan von Ingeborg Bachmann. In: Kein objektives Urteil - nur ein lebendiges. Texte zum Werk von Ingeborg Bachmann. Hg. v. Christine Koschel und Inge von Weidenbaum. München: Piper 1989, S. 479 - 502, hier: S. 489.
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Eva-Christina Glaser, 1999, Lebensbewältigung durch Verdrängung in Ingeborg Bachmanns "Drei Wege zum See", Munich, GRIN Publishing GmbH
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