Inhalt
1. Einleitung 2
2. Das Konzept des Djihad im Islam 3
2. 1. Der Djihad im Koran und im Hadith 3
2. 2. Der Djihad und die Rechtsgelehrten 7
2. 3. Großer Djihad, kleiner Djihad 8
3. Islamische Erweckungsbewegungen - Vordenker des Djihad 9
3. 1. Die Wahhabiten 9
3. 1. 1. Geschichte 9
3. 1. 2. Lehre 11
3. 2. Die Deobandis 12
3. 2. 1. Geschichte 12
3. 2. 2. Lehre 14
3. 3. Die ägyptischen Muslimbrüder 15
3. 3. 1. Geschichte und Ideologie 15
3. 3. 2. Hasan al-Banna - islamischer Nationalismus 17
3. 3. 3. Sayyid Qutb - Djihad als revolutionäre Idee 22
4. Die Internationalisierung des Djihad 24
4. 1. Abdullah Azzam - Aufruf zum afghanischen Djihad 24
4. 1. 1. Biographie 25
4. 1. 2. "Folge der Karawane" 26
4. 1. 3. Abdullah Azzam s Djihad-Konzept 29
4. 2. "Von den Bergen des Hindukusch. " -
Osama bin Laden erklärt den Djihad 29
4. 2. 1. Biographie 29
4. 2. 2. Die Kriegserklärung vom 23. August 1996 30
4. 2. 3. Die Fatwa vom 23. Februar 1998 32
4. 2. 4. Ziele 35
5. Schlussbetrachtung 35
6. Bibliographie 36
6.1. Literatur 36
6. 2. Quellen 38
1
1. Einleitung
Der Djihad als Kriegserklärung gegen die westliche Welt ist vor allem seit den Anschlägen des 11. September 2004 in aller Munde. Immer wieder wird er fälschlicherweise als „Heiliger Krieg“ fanatischer Muslime gegen Demokratien wie Amerika verstanden. Doch beinhaltet das Konzept des Djihad im Islam mehr als nur die bloße Bekämpfung von Ungläubigen. Die Heiligen Schriften der Muslime lassen zu Thema Djihad mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu, so dass die Art und Weise, in welcher Form man dem Da`wa 1 folgt, in den Augen des Betrachters liegt.
Diese Arbeit soll Aufschluss über die Konzeption des Djihads in der Ideologie von Osama bin Ladens Al-Quaida geben. Dafür wird zuerst die Tradition des Djihad im Islam allgemein betrachtet. In den weiteren Kapiteln soll dann anhand der Geschichte der islamischen Erweckungsbewegungen der Wandel in der Konzeption dargestellt werden, der zur Internatio nalisierung des Djihads und der Radikalisierung seiner Anhänger führte. Neben biographischen Angaben zu einzelnen Djihad-Ideologen werden auszugsweise ihre Werke zum Thema näher beleuchtet. Der letzte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den Kriegserklärungen von Osama bin Laden, die er 1996 und 1998 gegen Amerika sowie Juden und Kreuzzügler richtete. Anhand dieser Schriften soll die Ideologie von Al-Qaida deutlich werden, welche Ziele sie verfolgen und auf welcher religiösen Basis sie ihre Taten rechtfe rtigen.
Einführende Literatur zum Thema Djihad findet man vor allen in Überblickswerken zum Islam, z. B. „Handwörterbuch des Islam“ von A. J. Wensinck und J. H. Kramers. Im „Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus“ von Gilles Kepel wird besonders der Djihad des Zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, während Hermann Janson in seinem Buch „Djihad - der heilige Krieg“ vor allem völkerrechtliche Aspekte der Thematik behandelt. Grundlegend für diese Arbeit sind vorwiegend die Schriften einzelner Djihad-Ideologen, wie Hasan Al- Banna, Sayyid Qutb, Abdullah Azzam und auch Osama bin Laden, die in englischer Übersetzung über das Internet verfügbar sind. Sämtliche Koranzitate sind nach der Übersetzung von Max Henning zitiert.
1 Aufruf zum Djihad.
2
2. Das Konze pt des Djihad im Islam
Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs ist "Anstrengung" oder das "sich Mühen". Dies wird im Koran mit dem sich Mühen für Gott ausgedrückt. Deshalb wird der Djihad oft auch als "Einsatz für den Weg Gottes" verstanden. Der Djihad im Islam bestimmt das Verhältnis zwischen dem Dar al-Islam (das Haus des Islam / Friedens) und dem Dar al-Harb (das Haus des Krieges / die Welt der Ungläubigen). Das ergibt sich aus den Zielen, die mit Hilfe des Djihad verfolgt werden. So ist er vor allem der Aufruf, sich voll und ganz für die Sache Gottes einzusetzen, was einerseits die Verbreitung, andererseits die Verteidigung der Religion bedeutet. Im Koran und im Hadith 2 wurden Regeln und Pflichten des Djihad nur sehr grundsätzlich beschrieben. Erst i n den folgenden Jahrhunderten konkretisierte sich das Konzept durch die Auslegungen der islamischen Gelehrten der vier sunnitischen Rechtsschulen. Sie entwickelten auf der Grundlage der Heiligen Schriften und aufgrund eigener und historischer Erfahrungen einen Regelkanon für den Djihad, der im islamischen Recht, der Scharia, verankert wurde. Er diente immer wieder als religiöse Rechtfertigung für die kriegerische Expansion des Islam, beinhaltete aber gleichzeitig Regeln für den Umgang mit Ungläubigen außerhalb einer bewaffneten Auseinandersetzung. Man definierte, welche Arten von Ungläubigen es gibt, und wie mit ihnen zu verfahren sei. Die Spanne reicht vom friedlichen Zusammenleben auf der Grundlage eines Vertrages bis hin zum Gebot der sofortigen Tötung der Nicht-Muslime.
2. 1. Der Djihad im Koran und im Hadith
Wie anfänglich schon erwähnt, steht der Djihad im Koran und Hadith nicht grundsätzlich für eine bewaffnete Auseinandersetzung. Das beweist die in das Djihad-Konzept integrierte Möglichkeit, Friedensverträge abzuschließen.
Jedoch ist das Kern-Konzept des Djihad sowohl im Koran, als auch im Hadith der kämpferische Einsatz für die Sache Gottes. Allah verlangt von seinen Anhängern, sich voll und ganz, d. h. mit Leben und Gut, für den Islam einzusetzen.
2 auch Sunna, Sammlung der Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed.
3
Und um die Priorität des Kampfes für die Religion zu unterstreichen, werden denjenigen, welche dabei verletzt werden, oder ihr Leben verlieren im Paradies die größten Ehren zu teil.
Abu Hureira (Ra) berichtete, der Gesandte Gottes (S) habe gesagt:
Bei dem, in dessen Hand ich mich befinde! Wer verletzt wird während er für die Sache Gottes eintritt, und Gott weiß ganz genau, wer bei dieser Gelegenheit verletzt wird, dessen Verletzung
wird am Tag des Gerichts die Farbe des Blutes haben und nach Moschus duften! 3
Die Rechtfertigung von Gewalttaten heutiger Terroristen durch den Koran ist vor allem durch Verse möglich, die zur direkten Gewalt aufrufen. Die Legitimierung des bewaffneten Kampfes existiert in der Offenbarung aber nicht von vorn herein. Um einzelne Verse im Koran nachvollziehen zu können, der einerseits den Aufruf zum Gewaltverzicht enthält und andererseits fordert, alle Götzendiener vollständig zu bekämpfen, muß man sich seiner Entstehungsgeschichte bewußt sein. Die einzelnen Suren sind über einen Zeitraum von zwanzig Jahren (612-632) entstanden. Oft sind sie eng mit bestimmten historischen Ereignissen verknüpft und nur in diesem Kontext richtig lesbar. Da die Suren nicht chronologisch angeordnet niedergeschrieben wurden, kann dem Leser manchmal der Eindruck eines Widerspruchs entstehen. Theologisch begründet wird dies im Koran mit der Tatsache, daß Allah vorherige Regeln aufheben oder ersetzten kann 4 .
Die wahre Ursache liegt aber wohl eher darin, daß sich der Prophet in der Phase der Offenbarungen mit verschiedenen Machtpositionen konfrontiert sah, und mit wachsender Stärke seiner neuen Gemeinde sich auch die Universalansprüche steigerten. Man unterscheidet im Koran zwei Perioden - die mekkanische und die medinische. Erstere ist vor allem durch Visionen und Ermahnungen gekennzeichnet, während die Offenbarungen
3 Al-Buhari, Sahih: Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Stuttgart 2002. S. 301/302.
4 Vgl. Khoury, Adel Theodor: Der Islam und die westliche Welt. Darmstadt 2001. S. 24.
4
aus der medinischen Zeit schon stark den absoluten Anspruch der Religion hervorheben. Diese Suren sind in einer Zeit entstanden, in der Mohammed bereits eine Vielzahl von Anhängern hatte. Mit zunehmender Macht schien es nicht mehr notwendig, auf regionale Sitten und Gebräuche Rücksicht 5 zu nehmen. Deshalb erfolgte auch die totale Verdammung des Polytheismus, sowie der Bruch mit der jüdischen Religion. Zudem steht mehr und mehr die Bestätigung von Mohammeds politischem Auftrag im Vordergrund. 6 Es kam zur zunehmenden Radikalisierung der Gottesbefehle.
Doch trotz der Todesdrohungen gegen die Götzenanbeter verliert der Prophet nie das wirkliche Ziel dieser Kampfansage aus den Augen: Im Vordergrund stand nicht der Mord an Andersgläubigen, sondern das Führen der Menschen auf den richtigen Weg - den Weg des Islam. Jeder Drohung gegen die Ungläubigen folgt das Gebot, es den Feinden des Islam jeder Zeit zu ermöglichen, sich zu dieser Religion zu bekennen. Der Koran betont
5 Dazu beschreibt Tariq Ali folgende Begebenheit: Im Jahr acht des Islam zerstörten die Gefährten des Propheten in dessen Auftrag das Heiligtum der Göttin Manat. Diese wurde als Schicksalsgöttin von drei mekkanischen Stämmen verehrt und war in der gesamten Region populär. Desweiteren wurden auch die Tempel der anderen beiden Göttinnen (al-Lat, al-Uzza) dieser Gegend vernichtet. Alle drei galten als Töchter des vorherrschenden Gottes Allah. Eine Offenbarung des Propheten lautete wenige Monate vor diesem Ereignis folgendermaßen: "Was meint ihr drum von al-Lat und al-Uzza? Und Manat, der dritten daneben? Dies sind die hochfliegenden Schwäne. Auf ihrer Fürsprache ruht unsere Hoffnung. Sie werden nicht mißachtet." Nach der Zerstörung der Heiligtümer wurde der Vers wie folgt geändert: "Was meint ihr drum von al-Lat und al-'Uzza, und Manat, der dritten daneben? Sollen euch Söhne sein und Ihm Töchter? Dies wäre dann eine ungerechte Verteilung. Siehe, nur Namen sind es, die ihr ihnen gabt, ihr und eure Väter. Allah sandte keine Vollmacht für sie herab. Sie folgen nur einem Wahn und ihrer Seelen Gelüst, und wahrlich, es kam zu ihnen von ihrem Herrn die Leitung." (Sure 53, Vers 19-23). Begründet wurde diese Änderung damit, daß die vorherigen Verse vom Satan hinein geschmuggelt wurden. Vgl. Ali, Tariq: Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung. München 2003. S.73/74.
6 Vgl. Thoraval, Yves: Lexikon der islamischen Kultur. Darmstadt 1999. S.192.
5
immer wieder die Barmherzigkeit Allahs, sollte man den Islam anerkennen und sich seinen Regeln unterwerfen.
Besonders an diesem Koranzitat wird deutlich, daß die Aussagen, die islamische Extremisten für die Begründungen des Djihad wählen, im Gesamtkontext der Suren meist an Radikalität verlieren. Der Kampfaufruf gilt so lange, wie eine direkte Bedrohung seitens der Ungläubigen ausgeht, existiert diese nicht mehr, gibt der Koran keine weitere Legitimation für Gewalt.
Es gilt als Pflicht jedes Muslims, einem Djihad-Aufruf zu folgen, sei es nun durch körperlichen Kampfeinsatz oder Unterstützung mit finanziellen Mitteln.
Ibn `Abbas (Ra) berichtete, der Gesandte Gottes habe gesagt:
Nach der Eroberung Mekkas gibt es keine Auswanderung mehr! Aber es gibt weiterhin den Einsatz für die Sache Gottes und die Absicht, diesem Gebot nachzukommen! Wenn ihr zum Einsatz
für die Sache Gottes aufgefordert werdet, so kommt diesem Ruf unverzüglich nach! 7
Koran und Hadith verbieten eine übermäßige Gewaltanwendung oder das militärische Vorgehen gegen Unschuldige, wie zum Beispiel Frauen und Kinder:
Ibn ´Umar, Gott möge an ihm Wohlgefallen haben, berichtet:
Auf einem der Feldzüge des Gesandten Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, wurde die Leiche einer Frau gefunden. Sie war getötet worden. Der Prophet, Gott segne ihn und schenke
ihm Heil, untersagte es, Frauen und Kinder zu töten. 8
7 Al-Buhari, Sahih: Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Stuttgart 2002. S. 299.
6
Auch der Umgang mit Gefangenen wird im Koran beschrieben:
Bassam Tibi bezeichnet dies als "beduinischen Humanismus" 9 , dessen Wurzeln in den vorislamischen Moralvorstellungen der Araberstämme liegen.
Es läßt sich also feststellen, daß der Djihad der Kriegführung dient, aber Überschreitungen, egal ob Plünderungen, Zerstörungen oder übermäßige Gewalt, verboten sind. Der Islam glorifiziert den Krieg nicht, er nutzt ihn um sein Herrschaftsbereich zu erhalten und gegebenenfalls auszudehnen.
2. 2. Der Djihad und die Rechtsgelehrten
Von Beginn an war es Aufgabe der Rechtsgelehrten (Ulema), Fragen des Alltags und des Rechts anhand von Koran und Hadith zu klären. Um solche Entscheidungen treffen zu können, mußten die Gelehrten ein umfangreiches Wissen über die Heiligen Schriften besitzen, was bis zum Auswendiglernen dieser führte. Man praktizierte den Ijtihad, eine weitestgehend eigenständige Auslegung der Heiligen Schriften. Im Gegensatz dazu gab es den Taqlid, die Übernahme bereits bestehender Auslegungen. Im Zuge dessen entwickelten sich die vier sunnitischen Rechtsschulen 10 . Im 11. Jahrhundert plädierten diese für die Schließung des "Tores des Ijtihad", da man davon überzeugt war, Fatwas (Rechtsgutachten) zu sämtlichen rechtlichen und religiösen Fragen verfaßt zu haben und weitere Ijtihad nicht mehr notwendig sei. Nur die schiitischen Ayatollahs 11 führten diese
8 Ebd. S. 316.
9 Tibi, Bassam: Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart. München 1997. S. 98.
10 Die vier anerkannten Rechtsschulen des sunnitischen Islam sind: 1. die hanafitische in Mittelasien und Ägypten (8. Jh.), 2. die hanbalitische (9. Jh.), die von den Wahhabiten angenommen wurde und seit dem 18. Jahrhundert in Saudi-Arabien herrscht, 3. die malikitische (8. Jh.), die v. a. in Nordafrika verbreitet ist und 4. die schafiitische (9. Jh.) in Malaysia und Ostafrika. In der Vergangenheit lag die Verantwortung der Rechtsschulen im Tradieren und Ausgestalten des islamischen Rechts. Obwohl sie heute ihre überragende Bedeutung in der islamischen Rechtsauslegung verloren haben, spielt die Zugehörigkeit der Muslime zu einer Rechtsschule besonders in Fragen der Religionsausübung eine große Rolle. Vgl. http://www.afghanistan-seiten.de/afghanistan/bios-inhalt3.html und Elger, Ralf: Kleines Islam-Lexikon. Geschichte, Alltag, Kultur. München 2001. S. 259/260.
11 Im schiitischen Islam gibt es bis heute absolute Mudtjahdi`s (Mudjaddid ist einer, der sich bemüht seine eigene Meinung zu bilden), die als Organe des "verborgenen Imam" gesehen werden. Sie kritisieren und überwachen die Handlungen des Schahs, der als Aufrechterhalter der Ordnung während der Abwesenheit des "verborgenen Imam", dem eigentlichen Leiter der Schiiten, fungiert. Vgl. Wensinck, A. J./Kramers, J. H.: Handwörterbuch des Islam. Leiden 1976. S. 197/198.
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Katharina Reimann, 2004, Die Ursprünge des Djihad-Konzepts von Osama bin Ladens Al-Quaida, München, GRIN Verlag GmbH
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