Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Tod als ständiger Begleiter der Kinder im Spätmittelalter? 2
2.1 Kindersterblichkeit 2
2.2 Kindestötung 6
2.3 Das Aussetzen von Kindern 7
3. Das Hätschelalter im Spätmittelalter 8
3.1 Wickelkinder 8
3.2 Bekleidung der Kinder im Hätschelalter 9
3.2.1 ,,Accessoires“ und Kleidung der Kinder aus der Oberschicht 9
3.2.1.1 Gängelband und Fallhut 9
3.2.1.2 Die Mode der ,,kleinen Erwachsenen“ 10
3.2.2 Die Kleidung der Landkinder - einfach und ohne Extravaganzen 12
3.3 Das Ammenwesen im Spätmittelalter 13
4. Schlussbetrachtung 14
5. Literaturverzeichnis 15
1. Einleitung
,,Geburt und Hätscheljahre eines Kindes im Spätmittelalter - ein Heranwachsen unter schwierigen Bedingungen?“ So lautet das Thema der vorliegenden Hausarbeit, die im Rahmen des Hauptseminars ,,Soziologie des Lebenslaufs und der Lebensalter: Kindheit“ erstellt wurde.
Mit dieser Frage beschäftigte sich schon der französische Soziologe Philippe Ariès unter anderem in seinem 1960 erschienenen Werk ,,L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime“, das fünfzehn Jahre später unter dem Titel ,,Geschichte der Kindheit“ auch in Deutschland publiziert wurde. Er spricht darin dem Mittelalter eine bewusste Wahrnehmung von ,,Kindheit als eigenständigen Lebensabschnitt im heutigen Sinne“ (Ariès 1976, S. 209 ff., zit. nach Markefka u. Nauck 1993, S. 192) ab. Der Übergang zwischen der kindlichen und der erwachsenen Lebensphase sei gewissermaßen nahtlos vollzogen worden. Erst mit Begin n der Neuzeit im 17. und 18. Jahrhundert habe man die Kindheit als eigenständigen Entwicklungsbereich ,,entdeckt“; auch das heutige Verständnis von Familie entstand nach Ariès Meinung in diesem Zeitraum.
Edward Shorter übertraf diese Thesen sogar noch, indem er behauptete, dass ,,Zärtlichkeit und liebevolle Vertrautheit […] vor 1850 in der Mutter - Kind - Beziehung relativ selten zu finden [waren], zumindest was die breiten Volksschichten angeht“ (Shorter 1975, S. 256, zit. nach Arnold 1980, S. 13). Unabhängig von den Ansichten einzelner Soziologen denken jedoch auch viele andere Menschen beim Thema ,,Kindheit im Mittelalter“ oftmals spontan an negativ gefärbte Aspekte wie hohe Sterblichkeitsraten bereits im Säuglingsalter, an Unmenschlichkeit grenzende Erziehungsmethoden in Schule und Elternhaus oder, um Shorters Behauptung noch einmal aufzugreifen, an liebloses bzw. gleichgültiges Verhalten der Erwachsenen gegenüber ihrem Nachwuchs, dessen individuelle Bedürfnisse ignoriert wurden.
Die Fragen, die sich angesichts eines solch stigmatisierten Bildes von Kindheit im Spätmittelalter stellen, haben durchaus ihre Berechtigung: Waren die damaligen Lebensumstände der jungen Generation wirklich so unerträglich? Gab es vielleicht auch positive Aspekte? Dies soll in der vorliegenden Seminararbeit diskutiert werden; dabei beschränke ich mich - wie schon aus der Themastellung hervorgeht - auf die ersten Lebenstage nach der Geburt und die Hätscheljahre eines Kindes, welche den Zeitraum bis zum Alter von etwa fünf Jahren umfassen. Die Betrachtung verschiedener Aspekte, die den
damaligen Lebensalltag eines Kleinkindes besonders berührten, bildet dabei den Schwerpunkt.
Die Auswahl der verwendeten Literatur orientiert sich deshalb auch an deren Gehalt konkreter Beispiele, die sooft es geht durch Quellen belegt werden können, um ein realistisches Bild von der damaligen Situation zu erhalten.
2. Der Tod als ständiger Begleiter der Kinder im Spätmittelalter?
2.1 Kindersterblichkeit
Der Tod begleitete die Menschen i m Mittelalter ständig. Der Zeitpunkt, an dem das Sterberisiko wohl am größten war, lag bereits ganz am Anfang eines neuen Lebens: Die Geburt eines Kindes bedeutete damals nicht nur eine Gefährdung des Säuglings, auch die Mutter war gleichermaßen bedroht (vgl. Arnold 1980, S. 31). Ohne ausreichende Kenntnisse über Hygiene im Wochenbett und vorhandene Behandlungsmöglichkeiten von Kinderkrankheiten bzw. deren Verhinderung durch Impfungen lag die Sterblichkeit auf einem sehr hohen Niveau (vgl. Imhof 1988, S. 22).
Die damalige Situation beschrieb auch Adovardo in seinem Dialog mit Lionardo in Leon Battista Albertis Werk ,,Über das Hauswesen“ mit dramatischen Worten: ,,Gerade kleine Kinder [sterben] in diesem Alter mehr als in jedem anderen. Auch
mir scheint dieses erste Lebensjahr dasjenige, das in jeder Hinsicht die meisten und
die größten Sorgen mit sich bringt; das von Blattern, Windpocken und Masern
bedroht ist und niemals frei von Magenbeschwerden, immer zart und leidend aus
Ursachen, die du nicht kennst und die dir die Kleinen auch nicht sagen können“ (vgl.
Arnold 1980, S. 31).
Diese Aussage lässt eine gewisse Hilflosigkeit erkennen. Wie groß die Bedrohung eines Kindes schon zu Beginn seines Lebens war, zeit auch das folgende Beispiel des städtischen Schulmeisters Johannes Beringer aus Kitzingen um 1530: Nur einer seiner fünf Söhne überlebt; alle anderen verstarben jeweils schon bis zum zweiten Lebensjahr (vgl. Arnold 1980, S. 34). Folge der ebenfalls geringen Überlebenschancen der Mütter bei der Geburt waren Familienstrukturen, die sich aus wirtschaftlichen oder organisatorischen Gründen durch eine erneute Heirat des Witwers oftmals veränderten: In solchen Fällen war es üblich, dass der
eigene Nachwuchs mit den Kindern der neuen Partnerin unter einem Dach le bte - eine alte Form der heutigen ,,Patchworkfamilie“ (vgl. Arnold 1980, S. 33). Die hohe Mortalität traf aber nicht nur, wie man vielleicht glauben möchte, Familien aus ärmeren Schichten; auch Reiche blieben vom Phänomen der Kindersterblichkeit nicht verschont. So erreichte beispielsweise keines der 18 Kinder der englischen Königin Anna (1665 - 1714) das Erwachsenenalter (vgl. Weber - Kellermann 1979, S. 25). Ab dem 14. Jahrhundert zeichnete sich jedoch eine Tendenz ab, wonach wohlhabende Eltern nun nicht mehr gewillt waren, die Krankheiten bzw. den Tod des Kindes einfach als ,,kollektives Schicksal“ (Markefka u. Nauck 1993, S. 193) hinzunehmen, sondern sich intensiv um Heilung bemühten. Grund für diese Entwicklung war eine zunehmende ,,Individualisierung in der Erfahrung des eigenen Körpers“ (Markefka u. Nauck 1993, S. 193). Das Kind wurde von diesem Zeitpunkt an nicht mehr nur als Mitglied der familialen Ahnenreihe gesehen; die Anerkennung seiner einzigartigen Persönlichkeit machte es für die Eltern zu ein em liebenswerten Geschöpf um seiner selbst willen. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass das Kind im ausgehenden Mittelalter keineswegs lediglich den Status eines austauschbaren Objektes innehatte, sondern sich die Erwachsenen durchaus um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihres Nachwuchses sorgten. Diese Thematik führte auch zur Ausbildung von entsprechenden Ratgebern in der Literatur. So gab es im 16. Jahrhundert bereits ärztliche Empfehlungen zur gesunden Ernährung von Kleinkindern (vgl. Markefka u. Nauck 1993, S. 193 - 194).
Es gab abgesehen von Krankheit auch noch andere Gefahrenquellen mit tödlichem Ausgang, so beispielsweise die, wenn auch meist unbeabsichtigte Erdrückung von Kleinkindern durch Erwachsene im Schlaf. Philipp von Novara schreibt dazu in seinem Werk ,,Die vier Lebensalter“: ,,Es ist bekannt, dass die Kinder von ihrer Geburt bis zur Vollendung des zehnten Lebensjahres in großer Gefahr des Todes oder des Leidens schweben: die einen dadurch, dass sie, solange sie klein sind, mit den Frauen zusammen in einem Bett schlafen […]“ (Fréville [Hrsg.] 1888, S. 1 ff., S. 102f, zit. nach Arnold 1980, S. 119). Die Gründe, weshalb Kinder und Erziehungsberechtigte zusammen in einem Bett schliefen, sind vielfältig: Nicht nur die fürsorgliche Absicht, den Kleinen Wärme zu spenden, spielte eine Rolle, auch ,,unnatürliche Liebe, Bequemlichkeit, Ungeschicklichkeit und Trunkenheit“ (Arnold 1980, S. 49) werden von Berthold von Feiburg angeführt. Insbesondere die Kirche sprach das Verbot aus, Kinder, die jünger als zwei Jahre waren, mit ins Bett der Eltern oder Amme zu nehmen und drohte schon im Frühmittelalter mit drakonischen Strafen, falls der Nachwuchs durch Missachtung dieser Vorschrift im Schlaf erstickt würde: Papst Stephan V. und Bischof
Arbeit zitieren:
Susanne Klemens, 2002, Geburt und Hätscheljahre eines Kindes im Spätmittelalter - ein Heranwachsen unter schwierigen Bedingungen?, München, GRIN Verlag GmbH
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