Inhalt
Kapitel Seite
Einleitung 3
I. Parallelen in „Wilhelm Meisters
Lehrjahre “ und „Hamlet“ 3
1. Wilhelm und Hamlet 3
2. Aurelie und Ophelia 5
II. Wilhelm Meisters Hamlet-
Interpretation 6
III. Wilhelms Interpretation im
zeitgen össischen Kontext 11
1. Wielands Hamlet-Übersetzung 11
2. Deutschland ist Hamlet. Die Hamlet-
Rezeption Goethes u. s. Zeitgenossen 13
Schlusswort 18
Literaturverzeichnis 19
2
Einleitung
„Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht,…“ 1 so charakterisiert Wilhelm Meister den dänischen Prinzen Hamlet. In wie weit er sich damit selbst beschreibt und sich eventuell mit Hamlet identifiziert, möchte ich darstellen, indem ich zuerst äußerliche Parallelen der beiden aufzeige. Im nächsten Kapitel werde ich dann Wilhelm Meisters persönliche Interpretation der Hamlet-Figur herausarbeiten um sie schließlich in den zeitgenössischen Kontext der Hamlet Rezeption einzuordnen.
I. Parallelen in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ und „Hamlet“
Um herauszufinden, ob und auf welche Weise Wilhelms Interpretation der Hamlet-Figur durch die Ähnlichkeit seine r eigenen Person mit dem Prinzen beeinflusst wird, sollte man zunächst die Parallelen zwischen den beiden betrachten um zu sehen, wie hoch das Identifikationspotential für Wilhelm Meister ist und ob eine Identifikation überhaupt stattfindet. Interessant ist auch, welche Ähnlichkeiten sich zwischen anderen Figuren aus Goethes Roman und Shakespeares Drama herausstellen. Ich werde deshalb einen kurzen Vergleich ziehen, wie dies u.a. auch schon Mark Evan Bonds 2 getan hat.
1. Wilhelm und Hamlet
Offensichtlich ist, dass es bei den äußeren Umständen der beiden Titelhelden Parallelen gibt. So erzählt Wilhelm dem Fremden im 17. Kapitel des ersten Buches von seiner Identifizierung mit dem kranken Königssohn, der auf einem Gemälde dargestellt ist, dass einst in Wilhelms Vaterhaus hing. 3 Hierdurch wird seine spätere Theaterrolle als Hamlet vorweggenommen, denn der Prinz ist ja nichts anderes als ein kranker Königssohn, der durch den Mord an seinem Vater, die Wut auf seine Mutter und die Verpflichtung gegenüber dem Geist seines
1 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam, Stuttgart 1982, Seite 254.
2 Bonds, Mark Evan: Die Funktion des „Hamlet“-Motivs in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. In: Goethe Jahrbuch 96 (1979).
Hermann Bohlaus Nachfolger, Weimar 1979.
3 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam, Stuttgart 1982, Seite 67-72.
3
Vaters in den (wenigstens oberflächlichen) Wahnsinn getrieben wird. Wilhelms spätere Hamlet-Rolle wird ebenfalls durch das Fechten mit seinem Freund Laertes, genau wie es Hamlet im letzten Akt des Dramas tut, antizipiert. Ein anderer Hinweis auf das „Hamlet“-Drama ist der Spruch „Gedenke mein“ 4 , der sich auf einem Pudermesserchen befindet, das Wilhelm im zweiten Buch von Philine geschenkt bekommt, da dies genau dem Verlangen des väterlichen Geistes gegenüber Hamlet entspricht.
Eine entscheidende Ähnlichkeit zwischen Wilhelm und Hamlet besteht in der Beziehung zu ihren Vätern. Beide verlangen von ihren Söhnen, ihre Nachfolge anzutreten, Wilhelm soll ebenfalls Kaufmann und Hamlet König von Dänemark werden. Nach dem Tod ihres Vaters stehen Hamlet als auch Wilhelm als „Jünglinge am Scheideweg“ da, ersterer wird aus dem sorglosen Prinzenleben gerissen und gibt sich der Melancholie und dem Zorn gegenüber dem Verhalten seiner Mutter hin, letzterer wird dadurch ermutigt sich zunächst seinen Wunsch zu erfüllen, ein Leben als Schauspieler zu führen. Entsche idend ist jedoch die lange Zeit des Zögerns beider Charaktere, bevor sie eine Entscheidung treffen, was nun wirklich zu tun sei. In beiden Fällen tritt daher der Geist auf um eine Entscheidung zu forcieren, in beiden Fällen ist es der Geist des Vaters, im „Hamlet“ allerdings eine metaphysische Existenz, in den „Lehrjahren“ der Abbe, der bei der Hamlet-Aufführung die Rolle des Geistes spielt. Wilhelm wie auch Hamlet sind sich lang über die wahre Identität dieser Erscheinung im Unklaren, trotzdem wirkt der Geist in beiden Fällen als Katalysator für eine Entscheidung und somit der Initiation von Handlung, denn Hamlet schwört, seinen Vater zu rächen, löst diesen Schwur allerdings erst am Ende des Dramas ein und Wilhelm sieht seine Verirrung und wendet sich (nach erneutem Erscheinen des Geistes in Lotharios Schloss) einem tätigen Leben zu. Somit erreichen beide Geister ihren Zweck, die Hauptfiguren werden gewissermaßen ferngesteuert, Wilhelm von der Turmgesellschaft und Hamlet aus dem Jenseits heraus. Sie zwingen Wilhelm und Hamlet nach langem Zaudern endlich zur Tat.
Eine interessante Frage ist nun allerdings, ob Wilhelm diese Ähnlichkeit mit dem dänischen Königssohn erkennt. Mark Evan Bonds 5 beantwortet sie kategorisch mit nein. Trotz der Identifikation mit dem kranken Königssohn ist Wilhelm nicht in der Lage die Parallelen zu erkennen, dies macht er schon im dritten Kapitel des vierten Buches deutlich:
4 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam, Stuttgart 1982, Seite 94.
5 Bonds, Mark Evan: Die Funktion des „Hamlet“-Motivs in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. In: Goethe Jahrbuch 96 (1979).
Hermann Bohlaus Nachfolger, Weimar 1979.
4
„Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und unter diesem Druck meinem Vorbild durch das seltsame Labyrinth so mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte ich, und so übte
ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden zu einer Person zu werden.“ 6
Dass Wilhelm hier ständig den Konjunktiv benutzt, ist kein Zufall, er beschreibt, wie er zunächst eine Identifikation mit seinem „Vorbild“ beabsichtigt hat, seine Bemühungen dann jedoch eher auf eine Interpretation hinauslaufen. Die Tatsache, dass er „glaubte“ sich mit Hamlet zu vereinen, bedeutet ja nun, dass er das Gegenteil erreicht hat. Im sechsten Kapitel des siebten Buches distanziert sich Wilhelm dann fast komplett von der Hamlet Rolle:
„Je mehr ich mich in die Rolle studiere, desto mehr sehe ich, dass in meiner ganzen Gestalt kein Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt. Wenn ich so recht überlege, wie genau
in der Rolle alles zusammenhängt, so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervorzubringen.“ 7
Damit sollte belegt sein, dass Wilhelm sich keineswegs mit Hamlet identifiziert, sonder dies zunächst beabsichtigte, was dann aber auf eine reine Interpretation dieser Figur hinausläuft, die im nächsten Kapitel beschrieben werden soll. Er ist unfähig, die Ähnlichkeiten zwischen sich und Hamlet zu erkennen, dass Stück auf sein Leben zu beziehen, was sich dann auch auf seine Analyse auswirkt. Ähnliches passiert Wilhelm bei Aurelie.
2. Aurelie und Ophelia
Wie zwischen Wilhelm und Hamlet, so gibt es auch zwischen Aurelie und Ophelia Parallelen. Zunächst stehen beide unter der Kontrolle des Vaters und/oder Bruders, Ophelia wird von ihrem Vater und Bruder davon überzeugt, sich von Hamlet zu distanzieren, Aurelie steht ebenfalls unter der Aufsicht ihres Bruders (er spielt auf der Bühne ihren Vater!). Beide haben einen Adligen geliebt, Hamlet und Lothario, von denen sich beide unter schmerzhaften Umständen trennen mussten. Dieses Erlebnis führt sowohl bei Ophelia wie auch Aurelie in den Wahnsinn und später in den Selbstmord. Erstere muss noch die Ermordung ihres Vaters erdulden, verliert dann entgültig den Verstand und ertränkt sich im Fluss, während Aurelie
6 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam, Stuttgart 1982, Seite 224.
7 Ebd., Seite 318.
5
langsam dahinsiecht und schließlich stirbt. Ihr Hang zum Selbstmord wird allerdings schon in der Szene deutlich, in der sie mit ihrem Bruder Serlo um den Dolch ringt. 8 Der Unterschied zwischen Aurelie und Wilhelm ist nun, dass diese ihre Ähnlichkeit mit Aurelie sehr wohl erkennt und ihre Theaterrolle auch im richtigen Leben zu spielen scheint, während Wilhelm Theater und Welt völlig trennt. Er ist zwar in der Lage Ophelia zu begreifen, nicht jedoch aber ihre Verkörperung in der Wirklichkeit, Aurelie, was aus den zahlreichen Gesprächen der beiden hervorgeht, worauf hier aber leider nicht mehr genauer eingegangen werden kann. Genauso wenig versteht sich Wilhelm selbst als Spiegel Hamlets, was einen erheblichen Einfluss auf seine Interpretation desselben hat, da er sich bewusst nicht identifiziert.
II. Wilhelm Meisters Hamlet Interpretation
„Zart und edel, wuchs die königliche Blume unter den unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts und der fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen mit dem Bewusstsein der Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in ihm. Er war ein Fürst, ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren, nur damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm von Gestalt, gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, sollte er das Muster der Jugend sein und die Freude
der Welt werden.“ 9
So beschreibt Wilhelm Meister Hamlet im dritten Kapitel des vierten Buches. Er interpretiert ihn als „zart und edel“, als jemanden, der ein Gefühl für „das Gute und Anständige[n]“ hat, als eine „königliche Blume“. Hamlet wird hier also als schöner, edler und moralisch gut gesinnter Charakter von Wilhelm dargestellt, der „gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder im Müßiggang behaglich, noch allzu begierig nach Beschäftigung“ 10 war und ein „akademisches Hinschlendern“ 11 am Hof an den Tag legte. Nach dem Tod seines Vaters verwandelt sich laut Wilhelm das Wesen des Prinzen:
8 Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Reclam, Stuttgart 1982, Seite .
9 Ebd., Seite 224/225.
10 Ebd., Seite 225.
11 Ebd.
6
Arbeit zitieren:
M.A. Holger Hoppe, 2004, Zu: Wilhelm Meisters Hamlet-Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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