Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort: Der Untersuchungsgegenstand und die Semiotik 1
2. Das Rathaus 3
2.1. Der gotische Bau 4
2.2. Der Renaissance-Bau 5
2.3. Politischer Hintergrund 7
3. Die Bildbereiche der Fassade 7
3.1. Die Tugenden in den Arkadenbögen 8
3.2. Der Tritonenfries 13
3.3. Die Bildbereiche im Mittelrisalit 16
3.4. Die Standfiguren auf dem Dach/an den Giebeln 16
3.5. Weitere Bildbereiche 16
4. Statt eines Nachwortes: Die semiotische Bedeutung des
Gesamtkonzepts 17
5. Abbildungsverzeichnis 21
6. Literaturverzeichnis 22
6.1. Primärliteratur 22
6.2. Sekundärliteratur 23
1
1. Vorwort: Der Untersuchungsgegenstand und die Semiotik
Das Bremer Rathaus mit seiner Fassade und dem davor stehenden Roland ist nicht nur ein geschichtliches und politisches Zeugnis, sondern auch ein künstlerisches „Meisterwerk“: ein politisches Zeugnis, weil die im Rat Sitzenden mit den Bürgern über die beiden übereinander liegenden Rathaushallen für repräsentative Zwecke und für die Nutzung durch das Volk in Kontakt kamen; ein künstlerisches Werk, weil das Rathaus ein gutes Beispiel für den Baustil der Weserrenaissance ist, ebenso aber mittelalterliche Komponenten wie die Sandsteinfiguren aufweist. Dies ist auch der Grund, warum das Bremer Rathaus im Juli 2004 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde. 1 Die Baukunst spiegelt sich vor allem an der Fassade wieder, die hier näher in Betracht gezogen werden soll. Im Vordergrund stehen nicht die architektonischen Mittel, sondern die Bilder mit ihrer Semiotik. Semiotik wird als die „allgemeine Lehre von den Zeichen, Zeichensystemen und Zeichenprozessen“ 2 verstanden. Dabei wird ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem eine codierte Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger übertragen wird. Der Empfänger muss die Nachricht decodieren, den Code entschlüsseln und interpretieren. 3 Im Fall unserer Rathausfassade bedeutet dies, dass der Architekt mit den einzelnen Bildern, die als Codes fungieren, eine Information übermitteln wollte. Ob der Leser, also der Betrachter des Rathauses, diese Codes entschlüsseln kann, hängt vom einzelnen Individuum und seiner Interpretation des Codes ab. Wichtige Vertreter für die Semiotik sind Ferdinand de Saussure, der von 1857 bis 1913 lebte und Sprache als ein System von Zeichen verstand, und Charles Sanders Peirce (1839-1914). Peirce sieht eine Verbindung zwischen dem Zeichen, seinem Objekt und seinem Übersetzer und nennt diesen Komplex Semiosis. Die Semiosis ist dabei eine Handlung, die die Verbindung erst schafft. 4 Wichtige Begriffe für die Semiotik sind „Signifikant“ und „Signifikat“. „Die zeichenhafte Beziehung setzt [...] ein Wechselverhältnis zwischen einem Element auf der Ebene des Inhalts (Signifikat) und einem Element auf der Ebene des Ausdrucks (Signifikant) voraus [...].“ 5 Semiotik wird, wie wir gesehen haben, auf Sprache oder Objekte angewandt. Wie ist es aber mit der Architektur? „Die Architektur ist prinzipiell in ihren Maßen (im
1 Bremer Rathaus Online (a). URL: http://www.rathaus-bremen.de/de/Kap1/Kap1_2.html (27.12.2004).
2 Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Semiotik. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik (11.11.2004).
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Volli, Ugo: Semiotik. Eine Einführung in ihre Grundbegriffe. Tübingen, Basel: Francke 2002. S. 27.
2
Vergleich zum Menschen) verschieden von der Plastik, d.h. eine Plastik mag zwei- bis dreimal so groß wie ein durchschnittlicher Mensch sein (Roland, der Elefant), ein Gebäude ist aber meist wesentlich größer [...]. Außerdem geht man um eine Plastik herum, bei der Architektur geht man in diese hinein [...].“ 6 Trotzdem oder gerade deshalb kann ein architektonisches Werk eine semiotische Bedeutung haben. Der Bau und die Einrichtung sagen etwas über die Nutzung und den Benutzer aus. Die Fassade nimmt eine Mittelrolle zwischen architektonischem Werk und Bild bzw. Plastik: einerseits ist es die Fassade eines Bauwerks, andererseits ist der Charakter einer Plastik oder eines Bildes vorhanden. Man kann die einzelnen Bilder nicht von hinten betrachten (wie bei einer Plastik), man geht in dieses Bild aber auch nicht hinein. Es handelt sich um eine Hülle, die in ihren einzelnen Bildern und in ihrer Gesamtheit zu sehen ist.
Wenn wir die Fassade betrachten, finden wir einzelne Bilder oder auch Ikone. Ein Ikon ist ein Zeichen; daneben gibt es aber auch weitere Zeichen, so dass eine Klassifizierung eingeführt wurde: „Sie [die Klassifizierung] ist dreigliedrig und teilt die Zeichen danach ein, ob der Signifikant deren Signifikat ähnlich ist (ikonische Zeichen), ob er mit dem Signifikat in irgendeiner natürlichen Verbindung steht (hinweisende Zeichen) oder ob zwischen Signifikant und Signifikat keinerlei vorbestimmtes, sondern ein bloß willkürliches Verhältnis besteht (symbolische Zeichen).“ 7 Betrachten wir uns die Bedeutung des Ikons näher: Ein Ikon ist „eine abstrakte Darstellung für oder von etwas anderem. Ikone haben die Funktion abzubilden, sind also auf realen Referenzen basierend.“ 8 Dabei ist die erste Assoziation zum Ikon nicht immer das Endergebnis. Ein dargestelltes Gefäß kann so als Amphore identifiziert werden. Es kann aber auch der Inhalt gemeint sein, denn in einer Amphore mag z.B. Bier enthalten sein. Das Ikon würde damit für den Inhalt Bier stehen, da die Flüssigkeit an sich nicht darstellbar ist. Folglich kann man sagen, „dass alle ‚Ikonen’ gegenüber der Komplexität des Realen radikale Vereinfachungen sind.“ 9 Während des Vorgangs vollführen wir zwei kognitive Leistungen: „Die verwendeten Schlüsse sind zum ersten der assoziative Schluss von der graphischen Darstellung auf das dargestellte Objekt und zum zweiten der kausale
6 Wildgen, Wolfgang: Semiotische Analysen der Stadt Bremen: ein Beitrag zur Architektur- und
Stadtsemiotik. URL: http://www.fb10.uni-
bremen.de/homepages/wildgen/pdf/stadtsemiotik_bremen_teilfassung.pdf (09/11/2004).
S. 12.
7 Volli, Ugo: Semiotik. S. 33
8 Wikipedia. Ikon. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Ikon_%28Linguistik%29 (08.01.1005).
9 Volli, Ugo: Semiotik. S. 217.
3
Schluss vom Teil aufs Ganze (vom Gefäß auf den Inhalt) bzw. von der Wirkung [...] auf die Ursache [...].“ 10 Die Interpretation der Ikone ist damit vom Subjekt, vom Individuum abhängig.
Im Folgenden soll die Fassade mit ihren verschiedenen Bildbereichen untersucht werden. Um dies zu gewährleisten, werden das gotische Rathaus und der Umbau aus der Renaissance gegenübergestellt und der politische und geschichtliche Hintergrund kurz erläutert. Anschließend sollen die verschiedenen Bildbereiche an der Fassade der Renaissance aufgezeigt werden, um die Bedeutung an einzelnen Beispielen zu besprechen. Dabei können nur einige Darstellungen exemplarisch herausgegriffen werden, so dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Betrachtungen der Bildbereiche und der einzelnen Bilder führen uns zu dem Gesamtkonstrukt der Rathausfassade mit seiner semiotischen Bedeutung. Es soll versucht werden, den Sinn und die Absicht hinter der Fassade zu ergründen, wobei ich als Grundlage für meine Untersuchungen das Werk „Das Rathaus in Bremen. Versuch zu seiner Ikonologie“ von Rolf Gramatzki verwendet habe. Daneben möchte ich diese Aussagen nicht unreflektiert stehen lassen, sondern näher beleuchten.
2. Das Rathaus
Das Bremer Rathaus ist in drei Etappen entstanden. Dem gotischen Bau am Marktplatz mussten einige Häuser weichen, bis dann um 1610 ein erneuter Umbau erfolgte, bei dem vor allem die Fassade verändert wurde. Ein letzter Umbau, der eine Vergrößerung des Rathauses mit sich brachte, vollzog sich im 19. Jahrhundert. Die Ausdehnung des 19. Jahrhunderts soll hier nicht näher erläutert werden, da bei ihm ein Anbau aus Platzgründen im Vordergrund stand. Der Umbau in der Renaissance brachte dagegen keine räumlichen, sondern eher bildhafte Veränderungen mit sich, die hier aufgegriffen werden sollen. Der gotische Bau als Thema dient dabei nur zur Abgrenzung, um die Neuerungen beschreiben zu können. Daher soll in Folgenden nur kurz auf den gotischen Bau eingegangen werden, um dann die Rathausfassade der Renaissance mit ihren Bildbereichen näher zu untersuchen. Der Roland soll dabei nicht mit in die Untersuchungen einbezogen werden. Keine Beachtung findet auch die Tatsache, dass bereits vor dem Rathausbau ein Versammlungsort vorhanden gewesen sein muss, der wahr-
10 Keller,Rudi: Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens. Tübingen, Basel: Francke 1995. S. 163.
4
scheinlich „in den Wohnhäusern der führenden Bürger abgehalten wurde.“ 11 Aber auch ein Bau am alten Markt an der Kreuzung von Obern- und Sögestraße gilt als einstiger Standort des Rates, und zwar in einem Gebäude, das als Tuchhalle gedient haben soll. 12
2.1. Der gotische Bau
„Der Name ‚Gotik’ wurde erst in der Renaissance von dem italienischen Baumeister, Maler und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari (1511-1574) geprägt und hatte zunächst eine abwertende Bedeutung. Das Gotische wurde mit dem Barbarischen gleichgesetzt im Gegensatz zur klassischen antiken Kunst, der man den höchsten Stellenwert einräumte.“ 13 Datiert wird die Gotik von 1130-1500, wobei es Übergänge gibt. Das Rathaus war als Rechteck mit einem vorgebauten Arkadengang konzipiert. Es weist somit die typischen Merkmale der gotischen Baukunst auf: die spitzbögigen Fenster und einen Arkadengang. Bereits hier waren Ornamente/Figuren vorhanden, sie hatten jedoch nicht nur eine schmuckhafte Funktion, sondern eine Bedeutung. Als besondere „Ornamente“ sind die Figuren des Kaisers und der Kurfürsten an der Marktseite zu nennen.
Hier wird auch die Bedeutung der Figuren deutlich: Der Kaiser sollte nicht mehr durch den Papst gewählt werden, sondern nach der Goldenen Bulle Karl IV. sollte die Wahl durch die weltlichen und geistlichen Kurfürsten erfolgen. 14 „Die Architektur und die Skulpturen symbolisieren [...] [folglich] nicht nur die Beziehung zu den kaiserlichen und bischöflichen Anfängen der Stadt. Sie verdeutlichen auch zugleich die vom Rat praktizierte Politik der Selbstregulierung. Der Rathausbau seinerzeit demonstrierte gewachsenes Selbstbewusstsein des städtischen Rates und bürgerlichen Machtanspruch.“ 15
11 Stein, Rudolf: Romantische, gotische und Renaissance-Baukunst in Bremen. Bremen: Hauschild 1962. S. 239.
12 Albrecht, Stephan: Die kunsthistorische Stellung des Bremer Rathauses unter besonderer
Berücksichtigung der neuzeitlichen Fassade. In: Das Rathaus und der Roland auf dem
Marktplatz zu Bremen. Ihre besondere Bedeutung im Vergleich zu anderen Rathäusern. Hrsg.
von Konrad Elmshäuser, Hans-Christoph Hoffmann, Hans-Joachim Manske und Georg
Skalecki. Bremen 2003. URL: http://www.rathaus-
bremen.de/de/Kap1/Weltkultur_Antrag_Bremen.pdf (24.10.2004). S. 41.
13 Die Gotik. URL: http://www.die-gotik.de/gotik.htm (23.01.2005).
14 Gramatzki, Rolf: Das Rathaus in Bremen. Versuch zu seiner Ikonologie. Bremen: Hauschild
1994. S. 31.
15 Bremer Rathaus Online (a).
Der Kaiser Der Kurfürst von Mainz
2.2. Der Renaissance Bau
Die Epoche der Renaissance wird zeitlich auf die Jahre von 1470-1600 datiert, 18 wobei das französische Wort Renaissance Wiedergeburt bedeutet. Wiedergeburt deshalb, „weil die Wiedergeburt der Antike eines der Ideale jener Zeit war.“ 19 Der Bau der Renaissance stellt einen Umbau des Gotischen dar. Umgestaltet wurde der Bau von dem Bremer Steinhauer Lüder von Bentheim, dessen Familie einige Generationen vorher aus den Niederlanden nach Deutschland eingewandert war. Er war bereits für den Bau der Ratsapotheke, der Stadtwaage und den Mittelgiebel des Schütting verantwortlich, 20 aber auch für den Umbau des Rathauses in Leiden. 21 Die Neu-
16 Ebd.
17 Albrecht, Stephan: Die kunsthistorische Stellung des Bremer Rathauses unter besonderer Berücksichtigung der neuzeitlichen Fassade. S. 43.
18 Frenzel, Herbert A. und Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1 Von den Anfängen bis zum Jungen Deutschland.
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999. S. 85.
19 Wikipedia. Renaissance. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance (23.01.2005).
20 Brünings, Gabriele und Pressestelle des Senats: Auf köstlichem Fundament. Das Rathaus in Bremen. Bremen: Ed. Temmen 2001. S. 77.
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Frank Fraundorf, 2005, Das Bremer Rathaus - Semiotische Analyse der Renaissance-Fassade, München, GRIN Verlag GmbH
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