„Einen Menschen zu verstehen bedeutet vor allem, die ihn
bewegenden ’Daseinsthemen’ und die zu deren Verwirklichung
eingesetzten ’Daseinstechniken’ sowie den inneren Zusammenhang
zwischen beiden zu erkennen.” ULICH 1987, 108
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Definition und Begriffsklärung 4
3. Erscheinungsformen des Mutismus (Klassifikation) 8
4. Erscheinungsbild des Mutismus (Symptomatik) 12
4.1. Das Schweigen - seine Funktion und Wirkung 12
4.2. Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale 14
4.3. Sprachperzeptive und stimmliche Fähigkeiten 18
4.4. Äußeres Erscheinungsbild (Physische Merkmale) 18
4.5. Intelligenz 18
5. Auftreten (Epidemiologie) 20
5.1. Häufigkeit 20
5.2. Geschlechterverteilung 20
5.3. Zeitpunkt des Auftretens 21
6. Mögliche Ursachen (Ätiologie) und Risikofaktoren 23
6.1. Psychologische Ursachen 25
6.1.1. Psychoanalytischer Erklärungsansatz 25
6.1.2. Lerntheoretischer Ansatz 27
6.1.3. Milieutheoretischer Ansatz 30
6.1.4. Stresstheoretische Ansätze 32
6.1.5. Gründe für das Schweigen in der Schule 40
6.2. Organische Faktoren 41
6.2.1. Genetische Faktoren 41
6.2.2. Entwicklungsstörungen 41
6.2.3. Psychosen 42
6.2.4. Akinetischer Mutismus 43
7. Diagnostik 44
3
8. Therapie und Förderung bei Mutismus 51
8.1. Psychotherapien 57
8.1.1. Verhaltenstherapie 59
8.1.2. Psychoanalytisch orientierte Therapie 64
8.2. Familientherapie 65
8.3. Spieltherapie 67
8.4. Pharmakotherapeutische Behandlung 68
8.5. Sprachheilpädagogische und logopädische Intervention 70
8.6. Therapie nach dem Diathese-Stress-Modell 76
8.7. Wirksamkeit der Therapien Prognosen 77
9. Umgang mit und Förderung von Kindern mit Mutismus in der
Schule 78
9.1. Grundsätze im Umgang mit schweigenden Kindern 79
9.2. Kommunikation: eine Begriffsklärung 83
9.3. Nonverbale Kommunikationsformen und Interaktionsmöglichkeiten 83
9.4. Förderung der Interaktion im Rahmen schulischer Möglichkeiten 87
9.5. Weitere Anregungen für die Arbeit mit schweigenden Schülern 97
9.6. Möglichkeiten der Benotung 100
9.7. Die Frage nach der richtigen Schulform 101
10. Schlussbemerkungen 103
Literaturverzeichnis 105
A Anhang 1
A 1 Evaluationsbogen für das sozialinteraktive Kommunikationsverhal-
ten bei Mutismus 1
A 2 E-Mail von U Petermann 2
A 3 Micky geht zur Schule 2
A 4 Die Sprache der Fische - ein stilles Märchen für stille Augenblicke 4
Abbildungsverzeichnis
3.1. Klassifikation des Mutismus nach BAHR (1996) 8
6.1. Einteilung des Mutismus nach den ätiologischen Faktoren 23
6.2. Operante Konditionierungsmechanismen beim selektiven Mutis-
mus 29
6.3. Stress und Bewältigung aus transaktionaler Perspektive 35
6.4. Mutismus nach dem Diathese-Stress-Modell 37
6.5. Die Entwicklung des Konzepts der Sprachhandlungs-Hilflosigkeit 39
7.1. Mutismus und Autismus 47
8.1. Beispiel für einen therapeutischen Vertrag 52
8.2. Handlungsfelder der therapeutischen Intervention nach DOBSLAFF 73
Tabellenverzeichnis
4.1. Verteilung psychopathologischer Befunde . . . . . . . . . . . . . . 14
8.1. Medikation bei Mutismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1. Einleitung
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? Was stimmt an diesem Sprichwort? Haben Kinder, die schweigen, uns etwas voraus (vgl. BAHR 2004, 13)? Ist es nicht eine Gabe, Schweigen zu können, anstatt immer mitreden und häufig sogar das letzte Wort haben zu müssen? Sicherlich beneiden wir sie nicht, erscheinen sie uns doch häufig trotzig oder ängstlich. Doch vielleicht hilft uns ein wenig Bewunderung da- bei, diese Kinder ernst zu nehmen, zu akzeptieren und nicht nur ihr „Problem” zu sehen. Dann können wir versuchen, Betroffene zu verstehen. Dabei dürfen wir na- türlich nicht vergessen: Kinder mit Mutismus leiden im Normalfall unter den Folgen ihres Schweigens und benötigen Hilfe.
Mutismus ist noch immer nur wenigen Menschen ein Begriff. Immer wieder werden Menschen mit Mutismus als dickköpfig und stur bezeichnet. Ihr Schweigen wird als Arbeitsverweigerung gedeutet. Und dies nicht nur von Laien, sondern auch von Ärzten 1 , Psychologen und Pädagogen, denen dieses Störungsbild ein Begriff sein sollte und von denen Eltern Hilfe erwarten. Im Kindergartenalter wird den Eltern meist vermittelt: „Das legt sich schon wieder”. Dies kann schwerwiegenden Konse- quenzen haben. Denn je länger eine Person schweigt, desto mehr manifestiert sich dieses Schweigen.
Obiges Zitat von ULICH soll ein Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit aufzeigen. Die Arbeit soll klären, was Kinder dazu bewegt (in der Schule) zu schweigen, um auf dieser Grundlage einen verstehenden Umgang mit ihnen zu ermöglichen. Ge- rade in der Schule gestaltet sich der Mutismus als Problem. Hier wird mündliche Beteiligung am Unterricht und Eingliederung in den Klassenverband verlangt. Der Lehrer steht vor dem Problem, das Kind adäquat benoten und behandeln zu müssen.
Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass Mutismus bekannter wird und somit Verständnis für diese Kinder wecken. Vor allem möchte ich Lehrern helfen, einen Weg zu finden, mit diesen Kindern umzugehen und ihnen helfen zu können. Wie kann man einen Schüler, der schweigt oder sogar generell die Mitarbeit „ver- weigert” in den Unterricht integrieren, mit ihm kommunizieren und ihn angemes- sen fördern? Dieser Frage möchte ich im Haupteil dieser Arbeit nachgehen. Es geht darum, mögliche Kommunikations- und Umgangsformen mit mutistischen Kindern
1 Aufgrund des besseren Leseflusses wird bevorzugt nur die männliche Form bei Personenbezeich- nungen benutzt.
1
im Klassenraum, sowie Möglichkeiten der sprachheilpädagogischen Intervention durch Lehrer aufzuzeigen. Angesprochen wird auch die Frage nach der Notenge- bung und Beschulung, die sich den Lehrern und Eltern immer wieder stellt. Bisher ist zu diesem Thema nur vereinzelt etwas in der Literatur zu finden. Das einzige deutschsprachige Werk, das sich ausführlich diesem Thema widmet, stammt von DOBSLAFF (2005). DOBSLAFF bezieht sich darin auf Kinder, die ausschließlich in der Schule schweigen. Er vertritt offensichtlich einen weit gefassten Begriff von Mutismus. So bezeichnet er beispielsweise auch Schüler, die nur bei bestimmten Themen oder phasenweise schweigen, als Schulmutisten. In anderer Literatur habe ich einen derart weit gefassten Mutismusbegriff nicht gefunden.
Einleitend werde ich mich nach einer Definition des Störungsbildes vor allem mit den verschiedenen Formen, Symptomen und möglichen Ursachen des Mutismus beschäftigen, um das Störungsbild möglichst genau darzustellen und dem Leser einen verstehenden Umgang mit Betroffenen zu ermöglichen. Anschließend wer- den wichtige Kriterien für die Diagnostik dargestellt, wobei auch auf die Differen- tialdiagnostik eingegangen werden soll, um den Mutismus von anderen Störungs- bildern abzugrenzen. Wichtig erschienen mir hier im Hinblick auf eine (schulische) Förderung auch förderdiagnostische Fragestellungen. Neben schulischen Interven- tionsmöglichkeiten werden weitere Therapieformen dargestellt. Sie liefern Anre- gungen für die Arbeit mit den Kindern und sind wichtig, um Betroffene, deren Angehörige, sowie als Beratungslehrer auch deren Lehrer hinsichtlich sinnvoller Interventionsmöglichkeiten beraten zu können. Ich werde mich in meinen Ausführ- ungen vorrangig auf den selektiven Mutismus (vgl. Kap. 2) beziehen, da nahezu ausschließlich diese Form des Mutismus im Schulalter auftritt.
In vielen Quellen, vor allem in älterer Literatur, findet man noch den Begriff „elek- tiver Mutismus”. Er wurde erstmals 1934 von TRAMER verwendet, und gerät heute immer mehr in den Hintergrund, da er eine freiwillige Wahl des Schweigens vermu- ten lässt. Heute geht man jedoch nicht mehr davon aus, dass ein Kind sich freiwillig dazu entscheidet zu schweigen. Der Begriff selektiv wurde gewählt, da diese Kinder nur in bestimmten Situationen schweigen (vgl. BAHR 2004, 15). „In den USA hat die American Pychiatric Association mit der vierten Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) aus dem Jahr 1994 die Bezeich- nung ’elective mutism’ offiziell in ’selective mutism’ geändert” 1 (BAHR 1996, 24), während nach der ICD-10-GM (Internationale Klassifikation psychischer Störung- en - Version 2004) noch die Bezeichnung elektiver Mutismus (F94.0) vorgesehen ist. Ich werde in der vorliegenden Arbeit vorrangig den Begriff des selektiven Mu- tismus verwenden.
Das es den Mutisten oder das mutistische Kind nicht gibt, ist mir bewusst. Trotzdem möchte ich die Begriffe Mutist und mutistisches Kind zur besseren Lesbarkeit und
1 Zitate wurden der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.
2
um Wiederholungen zu vermeiden, verwenden. Damit möchte ich diese Kinder in keine Schublade stecken oder auf ihren Mutismus reduzieren. Jedes Kind hat seine individuelle Vergangenheit, die zum Mutismus beigetragen hat und bedarf anderer Hilfe, um das Schweigen durchbrechen zu können. Deswegen ist es immer wieder wichtig, das einzelne Kind zu betrachten und es zu verstehen zu versuchen. Nur dann wird es möglich, seinen Bedürfnissen, die sich nicht auf die Überwindung des Mutismus begrenzen, gerecht zu werden. Allzu leicht birgt eine Diagnose auch die Gefahr einer verengten Sichtweise in sich.
3
2. Definition und Begriffsklärung
Mutismus (lat. „mutus” = „stumm”) - im Sinne dieser Arbeit - bezeichnet ein Schweigen trotz weitgehend abgeschlossener Sprachentwicklung und intakter Sprach-, Sprech- und Hörfunktionen, das über einen längeren Zeitraum andauert (vgl. BAHR 1996, 11 u. 19). Er wird den sekundären Sprachstörungen zugeordnet. „Unter sekundären Sprachstörungen verstehen wir hier Sprachstörungen, die im Zu- sammenhang mit psychiatrischen Krankheiten oder in Folge solcher Erkrankungen nach zunächst normaler Sprachentwicklung auftreten” (LEMPP 1982; zit. n. HART- MANN 1997, 28). Ältere Bezeichnungen für Mutismus sind „Aphasia voluntaria” (= „freiwillige Stummheit” - KUSSMAUL 1877; zit. n. SCHOOR 2001, 184f) und „frei- williges Schweigen” (HEINTZE 1932; zit. n. SCHOOR 2001, 185). Diese Bezeich- nungen gelten als veraltet, da sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass Betroffene bewusst schweigen wollen. Wird tatsächlich z.B. aufgrund religiöser Überzeugung freiwillig geschwiegen, so handelt es sich dabei nicht um einen funktionalen Mu- tismus, welcher meist unter Mutismus verstanden wird (vgl. HARTMANN 1997, 21 u. Kap. 3). „Schwer zu verstehen ist für viele, dass der Mutist nicht etwa mit je- mandem nicht reden will, sondern nicht reden kann” (SALOGA 1983; zit. n. ebd., 22).
In neuerer Zeit wurde der Begriff „willentliche Sprachverweigerung” (NEUHÄUSER 1995; zit. n. HARTMANN 1997, 19) verwendet. HARTMANN kritisiert an diesem - neben der Annahme, das Schweigen geschehe willentlich - zusätzlich, dass von einer Verweigerung der Sprachnutzung ausgegangen wird. Jedoch sind viele Perso- nen mit Mutismus dazu bereit, sich über die Schriftsprache zu verständigen, auch ist die Sprache an sich nicht beeinträchtigt. Lediglich das Sprechen ist bei Mutisten blockiert. Deshalb postuliert BÖHME, dass es sich bei Mutismus um das Symptom einer Sprechhemmung handle (1983; zit. n. HARTMANN 1997, 17 u. 19f).
Noch genauer beschreibt m.E. der Begriff „Kommunikationsstörung” den Mutis- mus, da bei Mutisten (zumindest bei selektivem Mutismus) auch das Sprechen an sich nicht gehemmt ist, sondern das Sprechen in besitmmten Situationen, vor allem mit bestimmten Personen. Auch HARTMANN ist der Auffassung, dass man bei Mu- tismus von einer Kommunikationsstörung sprechen sollte (vgl. 1997, 17). BAHR geht noch weiter und vertritt die Meinung, dass man bei Mutismus nicht von einer Kommunikationsstörung sprechen könne, sondern dass der Mutismus eine Störung der Kommunikation bewirke (vgl. 2002, 230).
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Bei Mutismus handelt es sich (vorrangig) um eine psychisch bedingte Störung (vgl. HARTMANN 1997, 23). Bei Betroffenen besteht nach SCHOOR eine „massive Sprech- bzw. Kommunikationsangst” (1995, 216). „Sie fürchten Ich-schädigende Ereignisse und Konsequenzen” (ebd.). Der Mutismus stellt also eine Bewältigungs- form kommunikativer Anforderungssituationen dar und geht nach BAHR mit einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung bezüglich der eigenen kommunikativen Fä- higkeiten einher (vgl. 1996, 186 u. www.mutismus.de/bahr.html).
BAHR spricht in diesem Zusammenhang auch von Kommunikationsbesorgtheit, wobei der Mutismus eine extreme Form dieser darstellt. MCCROSKEY, der die- ses Konstrukt erstmalig vorstellte, ist der Auffassung, dass jede Person mehr oder weniger kommunikativ besorgt ist. Der Grad der kommunikativen Besorgtheit kann u.a. durch „die Neuheit und den formalen Charakter der jeweiligen Situation, das Hervorgehobensein, die Vertrautheit bzw. Gleichheit oder Ungleichheit in bezug auf die Kommunikationspartner, den Grad der Aufmerksamkeit und der Bewertung sowie die individuelle Vorgeschichte” (BAHR 1996, 114) bedingt sein (vgl. ebd., 113f). Mutisten zeigen sich in der Mehrzahl aller Situationen kommunikativ be- sorgt. Als Ursache für Kommunikationsbesorgtheit kommen beispielsweise Unre- gelmäßigkeiten bei der Verstärkung in Frage (vgl. ebd., 133).
„For example, a child may develop helplessness if the parent reinforces the child’s talking at the dinner table some days and punishes it on the other days. If the child is unable to determine why the parent behaves differently from day to day, the child is helpless to control the punish- ments and rewards.”
(MCCROSKEY 1984; zit. n. ebd., 116)
Wann spricht man nun aber von pathologischem Schweigen? Nicht jedes Schweigen ist als krankhaft zu bezeichnen. Wenn Kinder zum Beispiel in den ersten Tagen oder auch Wochen im Kindergarten schweigen, so bezeichnen die meisten Autoren dies noch nicht als Mutismus. Bei schüchternen Kindern wird die Schüchternheit und Gehemmtheit i.d.R. allmählich abnehmen, während bei mutistischen Kindern diese Tendenz nicht zu erkennen ist (vgl. BAHR 1998, 28). Es finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben dazu, wie lange ein solches Schweigen bestehen sollte, bevor man einen Mutismus diagnostizieren sollte. Nach den Leitlinien der DT. GES. F. KINDER- UND JUGENDPSYCHIATRIE UND -PSYCHOTHERAPIE (2003) und nach DSM-IV sollte die Störung mindestens einen Monat bestehen (wobei der erste Mo- nat nach Einschulung unberücksichtigt bleibt), bevor man von Mutismus spricht. Mutistische Kinder sind laut Definition 1 aufgrund einer Beeinträchtigung ihrer see- lischen Gesundheit und ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von Behinde-
1 ”Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Ge-
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rung bedroht. Es besteht folglich die Möglichkeit bei Mutismus eine Behinderung fest- und ausstellen zu lassen. Ein Behindertenausweiß verschafft finanzielle Vor- teile, wie Nachteilsausgleich und Anspruch auf Rehabilitationsmaßnahmen.
In der Literatur über Mutismus unterscheidet man meist zwischen einem selektiven und einem totalen Mutismus.
„Selektiver Mutismus ist ein dauerhaftes, wiederkehrendes Schweigen in bestimmten Situationen (z.B. im Kindergarten, in der Schule) und gegenüber bestimmten Personen [...]. Dieses Schweigen tritt auf, ob- wohl die Sprechfähigkeit vorhanden ist. Ebenso ist die Redebereitschaft gegenüber einigen wenigen vertrauten Personen in vertrautem Umfeld gegeben.”
(BAHR 2004, 14 - Hervorhebung durch M. B.)
Meist sprechen selektiv mutistische Personen nur im engsten Familienkreis und evtl. mit weiteren vertrauten Personen. Seltener schweigen sie dagegen nur gegenüber den nächsten Bezugspersonen, z.B. dem Vater oder anderen bestimmten Personen- gruppen (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 13).
„Selektiv mutistisches Verhalten tritt in 95% der Fälle im außerhäusli- chen Umfeld auf [...], in neuen, ungewohnten, öffentlichen Sprechsitua- tionen mit fremden Publikum. Die Kinder sprechen nicht mit fremden Personen, aber auch nicht mit vertrauten Menschen vor fremden Publi- kum. Es sind Sprechangst auslösende Situationen [...], die u.a. Gefühle des Verlassenseins, der Hilflosigkeit, der Scham, der Minderwertigkeit und das Gefühl der kommunikativen Überforderung hervorrufen.”
(SCHOOR 2001, 186)
SALFIELD beschreibt den selektiven Mutismus als übersteigerten Schutz- und Ver- teidigungsmechanismus gegenüber Fremden (vgl. BAHR 1996, 195), er kann „Aus- druck einer starken inneren Ablehnung bestimmter Situationen [...] bzw. bestimmter Personen [...] sein” (HARTMANN 1997, 41).
Totaler Mutismus unterscheidet sich vom selektiven Mutismus dahingehend, dass in allen Situationen und gegenüber allen Personen - auch gegenüber vertrauten Per- sonen - trotz abgeschlossener Sprachentwicklung geschwiegen wird. Dieses Stö- rungsbild ist häufiger bei Erwachsenen anzutreffen, während selektiver Mutismus eher im Kindes- und Jugendalter auftritt (vgl. BAHR 2004, 14f). sundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträch- tigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist” (nach §21 des SGB IX (Viertes Buch des Sozialgesetzbuches)).
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Totaler Mutismus entwickelt sich entweder aus einem selektiven Mutismus, wird durch ein Trauma ausgelöst oder ist Begleiterscheinung einer psychiatrischen Er- krankung. Hierbei bleibt meist jegliche Lautäußerung aus, sogar Husten und Nie- sen oder Schluchzen werden unterdrückt. Allerdings ist das völlige Schweigen sehr selten anzutreffen (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 13).
SCHOOR bevorzugt die Bezeichnungen partielles für selektives und universelles für totales Schweigen. Für ihn klingt auch bei der Bezeichnung „selektiv” noch die freiwillige Wahl der Schweigesituation an, welche nicht gegeben ist und „die Be- zeichnung ’total’ lässt sich auch mit selektiv mutistischem Verhalten in Verbindung bringen, insofern, als in bestimmten Situationen jedwede lautliche Äußerung [...] total unterdrückt wird” (2001, 184).
Neben dieser phänomenologischen Einteilung des Mutismus finden sich noch wei- tere Einteilungsversuche in der Literatur, von denen einige im folgenden dargestellt werden sollen.
Zuvor möchte ich noch darauf verweisen, dass in der anglo-amerikanischen Lite- ratur zunehmend Hinweise auf hirnorganische und genetische Ursachen zu finden sind (vgl. Kap. 6.2), während in der deutschsprachigen Literatur und in den in- ternationalen Klassifikationen ICD-10 und DSM-IV unter Mutismus vorrangig ein psychogen bedingtes Schweigen verstanden wird (vgl. HARTMANN 2002, 217).
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3. Erscheinungsformen des
Mutismus (Klassifikation)
In der Regel wird in der Fachliteratur unter dem Begriff „Mutismus” der von LE- BRUN als „funktional” oder auch „psychogen” bezeichnete Mutismus verstanden. Hierbei handelt es sich um ein partielles oder vollständiges Schweigen bei weitge- hend abgeschlossener Sprachentwicklung und Funktionsfähigkeit der Sprechwerk- zeuge wie oben beschrieben. Neben dem „funktionalen Mutismus” nennt LEBRUN noch den ”organischen Mutismus” peripherer Herkunft (z.B. bei Taubheit oder La- ryngektomie) und einen „organischen Mutismus” zentraler Herkunft. Bei letzterem unterscheidet er zwischen einem „Entwicklungsmutismus” und einem erworbenem Mutismus (z.B. bei Aphasie) (1990; zit. n. BAHR 1996, 19). Beim psychogen be- dingten Mutismus wird, wie oben erwähnt, zwischen einem totalen und einem se- lektiven Mutismus unterschieden. PANIAGUA & SAEED unterscheiden von diesen beiden zusätzlich den „progressiven Mutismus”, welcher eine Übergangsform vom selektiven zum totalen Mutismus darstellt. Betroffene schweigen gegenüber allen Personen, zeigen aber sonst alle Merkmale eines selektiven Mutismus (1988; zit. n. BAHR 1996, 23).
Abbildung 3.1.: Klassifikation des Mutismus nach BAHR (1996)
SCHOOR unterscheidet den selektiven Mutismus als psychische Störung von Mutis- mus bei Psychosen und von einem hirnorganisch bedingten Mutismus (vgl. 2001, 184). Schwierig bei dieser als auch der Einteilung BAHRs ist, dass z.B. auch ein selektiver Mutismus u.a. organische Ursachen haben kann (vgl. Kap. 6.2).
Es wurden schon vielfältige ätiologische und symptomatologische Einteilungsver- suche des funktionalen Mutismus unternommen, wobei sich jedoch vor allem die
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auf TRAMER zurückgehende schon vorgestellte phänomenologische Unterteilung zwischen einem „elektiven” (F94.0 nach ICD-10) und einem „totalen” Mutismus international durchgesetzt hat, da sie eine eindeutige Zuordnung eines Einzelfalles ermöglicht (vgl. BAHR 1996, 20 u. HARTMANN 1997, 23). Letztere ist jedoch in der Klassifikation der ICD-10 nicht vorgesehen.
Eine an TRAMERs Systematik angelehnte Unterteilung ist die von WEBER. Sie wur- de von einigen Autoren übernommen. Er unterteilt den Mutismus, der bei ihm im- mer in Verbindung mit einer bereits bestehenden Hysterie oder einem hysterischen 1 Charakter steht, in
J einen „einfach-reaktiven Mutismus als orale Seite einer stuporös-depressiven Reaktion auf ein Schreckerlebnis, besonders leicht auftretend während der Sprachentwicklung, und
J einem neurotischen Mutismus. Dieser letztere kann beruhen auf neurotischer Verarbeitung eines einfach-reaktiven Mutismus, der der Neurose gewisserma- ßen das Symptom in die Hand spielt, wie es häufig ist, oder auf selbstständi- ger neurotischer Entwicklung bei inneren und äußeren Konflikten, oder auf beidem.”
(WEBER 1950; zit. n. HARTMANN 1997, 29; Hervorhebungen durch M.B.)
Während sich erstere Form nach WEBER meist in einem totalem Mutismus äußert, trete der neurotische Mutismus meistens selektiv in Erscheinung. Selektiver Mutis- mus ist nach WEBER „ein Durchgangsstadium vom totalen Mutismus zur Heilung oder, ungleich seltener, von der Gesundheit zum totalen” (ebd.). Weiterhin sieht er den selektiven Mutismus als eine Regression des kommunikativen Verhaltens in die erste Zeit der Sprachentwicklung und den totalen als Regression in die Zeit vor Beginn der Sprachentwicklung (vgl. HARTMANN 1997, 30).
Eine der ältesten Einteilungen des Mutismus ist die von WATERINK & VEDDER. Sie differenzieren zwischen sechs verschiedenen Formen des Mutismus:
1. Hysterischer Mutismus: Er kommt nur selten bei Kindern vor und tritt ge-
meinsam mit hysterischen Symptomen auf.
2. Elektiver Mutismus: Hiermit wird das Schweigen von Kindern in bestimmten
Situationen beschrieben.
3. Heinz‘scher Mutismus: Das betroffene sensitive und zarte, schwache Kind
schweigt aufgrund von Milieuwechsel.
1 hysterisch meint hier: theatralisches und demonstratives Verhalten
9
4. Neurotischer Mutismus: Er wird durch eine Angstneurose ausgelöst.
5. Thymogener Mutismus: Ursache ist ein plötzlich auftretender Affekt, ausge-
löst durch ein Trauma.
6. Ideogener Mutismus: Er basiert auf der „Idee, dass das Stimmorgan krank
sei.”
(HARTMANN 1997, 28)
Bezüglich des selektiven Mutismus ist vor allem die Einteilung nach HAYDEN zu nennen, welche nach BAHR jedoch auch mit Unzulänglichkeiten behaftet bleibt, da sich Einzelfälle den Kategorien nicht immer eindeutig zuweisen lassen und die Kategorie des „Sprechangstmutismus” doch sehr dem Erscheinungsbild des Autis- mus gleiche (vgl. BAHR 1996, 22). HAYDEN unterscheidet folgende Formen (vgl. HAYDEN 1980; zit. n. ebd., 20f):
J Symbiotischer Mutismus: Bei ihm besteht eine enge (symbiotische) Bezie- hung zu einem dominanten Elternteil, meist der Mutter, welches das Kind an sich bindet, indem es dem Kind z.B. verbale Anforderungen abnimmt und eifersüchtig auf außerfamiliäre Beziehungen des Kindes reagiert. Das andere Elternteil verhält sich passiv. Das Kind zeigt manipulatives Verhalten, wel- ches einem subjektiver Krankheitsgewinn dient.
J Sprechangst-Mutismus: Das Kind fürchtet sich davor, die eigene Stimme zu hören. Sie löst Angst aus. Betroffene Kinder wollen wieder Sprechen.
J Reaktiver Mutismus wird durch traumatische Ereignisse ausgelöst (u.a. Miss- handlungen, Verletzungen im Mund) und ist durch Depressionen, häufig auch Suizidversuchen und späterer Drogenabhängigkeit gekennzeichnet. Die Kin- der sind zurückgezogen und zeigen ein verarmtes Sozialverhalten.
J Passiv-aggressiver Mutismus: Das Schweigen dient hier als Waffe und drückt als Trotzverhalten die Feindseligkeit des Kindes gegenüber seiner Umwelt aus. Sie zeigen gewalttätiges Verhalten. Häufig dienen diese Kinder in der Familie als Sündenbock. Der Mutismus ist der Versuch der Kinder Kontrolle auszuüben.
SCHACHTER unterscheidet noch einen „conduite mutism”, d.h. „gelenkten” Mu- tismus und meint damit einen Mutismus, der ausschließlich auf LehrerInnen und einige Klassenkameraden gerichtet ist (1977; zit. n. BAHR 1996, 27).
Ein neuerer Begriff ist der des Schulmutismus nach DOBSLAFF. DOBSLAFF spricht von Schulmutismus bei Kindern, die ausschließlich in der Schulsituation schwei- gen. Er unterteilt ihn in folgende Untergruppen (vgl. 2005, 20f):
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1. Komplexer umgebungsbezogener Schulmutismus (Das Kind schweigt auf dem Schulgelände und im Schulgebäude, der Mutismus ist an den Ort Schule ge- bunden, außerhalb der Schule spricht es evtl. mit Schülern und Lehrern)
2. Schulpersonenbezogener Schulmutismus (Der Mutismus ist auf bestimmte
Personen(-gruppen) in der Schule begrenzt)
3. Partieller Schulmutismus (Das Schweigen tritt phasenweise bei bestimmten
Personen, Anforderungen, Themen, in bestimmten Fächern oder an bestimm- ten Orten auf)
Ergänzend möchte ich die Unterteilung von SPOERRI vorstellen. Er unterscheidet zwischen einem
J infantilen Mutismus (Schweigen, welches vorwiegend im Kindesalter auf- tritt), sowie einem
J adulten Mutismus (vorwiegend bei Erwachsenen) (vgl. 1986, 457f).
Den infantilen Mutismus beschreibt er als vorwiegend selektives oder vorüberge- hendes Schweigen. Er entwickelt sich langsam und stellt eine Regression dar. Be- troffene zeigen häufig die Tendenz nonverbal zu kommunizieren. Der adulte Mu- tismus hingegen trete „im Rahmen eines kataton-schizophrenen Syndroms [...]; als Hemmungssymptom bei Depression; aufgrund von Wahnideen, Halluzinationen bei paranoiden Zuständen” (ebd., 458) oder bei Hysterie auf. Er stellt oft ein psychoti- sches Begleitsymptom dar (vgl. ebd., 457f).
Die verschiedenen Einteilungsversuche zeigen auf, dass Mutismus sehr unter- schiedlich und vielfältig in Erscheinung tritt. Im folgenden soll daher näher auf die Symptomatik des Mutismus eingegangen werden, welche sich nicht auf das Schweigen begrenzt.
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4. Erscheinungsbild des
Mutismus (Symptomatik)
4.1. Das Schweigen - seine Funktion und
Wirkung
„Jenny stand in meinem Spielzimmer viele, lange Minuten unbeweg- lich da und schaute nur vor sich hin. Nach etwa 45 Minuten gab es einen kurzen Blickkontakt zwischen uns. Das Schweigen eine Thera- piestunde auszuhalten, ohne irgend etwas zu tun, um das Kind zu et- was zu bringen, bedeutet eine ungeheure Anstrengung” (KÜRSCHNER 1998, 166).
Das Schweigen ist das Hauptsymptom des Mutismus, daher ist es angebracht dieses Phänomen näher zu betrachten.
In westlichen Ländern wird das Schweigen häufig als unangenehm empfunden, während das Schweigen in anderen Ländern u.a. ein Zeichen von Weisheit ist oder dafür, dass man einer Meinung ist. Doch auch im Westen gibt es Situationen in denen Schweigen angemessen ist. Beispiele hierfür sind die berufliche Schweige- pflicht, das Schweigen über persönliche Dinge, in der Kirche oder bei Trauer. Früher hatten gut erzogene Kinder ebenfalls möglichst zu schweigen.
Geschwiegen wird aus unterschiedlichsten Gründen: aufgrund von Zufriedenheit und innerer Ruhe, als Zeichen der Demut, aus mangelnder Motivation, aufgrund mangelnden Wissens, aufgrund eines Verbots zu reden oder wegen subjektiver Be- troffenheit. Schweigen kann als Aufforderung oder Zustimmung verstanden wer- den, es kann Ausdruck von Trotz sein und es kann als passiv-aggressive Reaktion verstanden werden. Dazu passt, dass Kinder mit Mutismus häufig trotzig wirken und einige sich in ihren Familien kontrollierend, dominant, zum Teil sogar aggres- siv verhalten. Geschwiegen wird ebenfalls aus Angst davor, etwas Falsches zu sa- gen, z.B. wenn man in Loyalitätskonflikte gerät und keinen Partner verletzen möch- te. Gleichzeitig kann das Schweigen Ausdruck einer enormen Willensstärke sein, vor allem wenn dadurch auf vieles verzichten werden muss. Auch Personen, die
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ein geringes Selbstbewusstsein oder kein Vertrauen in den Dialogpartner haben, werden sich in einer Interaktion zurückhalten. Sprechen bedeutet immer ein Stück Selbstenthüllung. Personen, die schweigen, möchten sich also möglicherweise nicht enthüllen. Aussagen enthalten nicht nur eine Selbstkundgabe, sondern ermöglichen auch dem anderen, sie zu bewerten. Deshalb neigen unsichere Personen dazu, sich in Gesprächen zurückzuhalten, während sich selbstsichere Menschen vor einer Ab- wertung durch andere kaum fürchten. Ein Kind mit Mutismus schweigt z.B. in der Schule, weil es dort weder Sicherheit noch Zuverlässigkeit verspürt. BAHR unter- scheidet zwischen Schweigen-Wollen (z.B. um nichts von sich preis geben zu müs- sen), Nicht-Reden-Dürfen (z.B. wenn ein Geheimnis gehütet werden muss), Nicht- Reden-Können (z.B. aufgrund von Sprachdefiziten) und einem Schweigen als Aus- druck der Zwecklosigkeit (vgl. BAHR 1996, 89 u. 104 u. 132; BAHR 2004, 9 u. 45f; DOBSLAFF 2005, 17 u. KÜRSCHNER 1998, 161).
„Wie auch immer: Wenn nicht gerade in Übereinstimmung geschwie- gen wird (z.B. in einer Meditationsgruppe), haftet dem Schweigen et- was Unbestimmtes, Offenes an, das nach Auflösung drängt. Die Be- gegnung mit schweigenden Kindern ist daher schwierig und stellt ei- ne wirkliche Herausforderung dar. Sie kann Ängste auslösen und ver- unsichern, sie frisst Zeit, kann wütend machen, zeigt einem die eige- nen Grenzen auf und hält einen zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen unerwarteten Fortschritten und ärgerlichen Rückschritten in Atem.”
(BAHR 2004, 9f)
Schweigen wirkt störend, wenn es eine als normal empfundene Dauer überschrei- tet. Der Rede- und Gesprächsfluss wird unterbrochen, wird gestört. In der Regel unternimmt das Gegenüber Versuche diese Störung zu beheben, indem es u.a. die vorangegangene Frage wiederholt, Antwortmöglichkeiten vorgibt oder das Schwei- gen interpretiert. Diese „Entstörungsversuche” werden jedoch in der Kommunika- tion mit einer mutistischen Person erfolglos bleiben (vgl. BAHR 1998, 29f).
Schweigen ist ein „Nährboden für Missverständnisse” (BAHR 1996, 88), da es vom Gesprächspartner beinahe beliebig gedeutet werden kann. Es kann sowohl dazu füh- ren, dass man unbeachtet bleibt, als auch dazu beitragen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Ist das Schweigen durch eine Sprechblockade bedingt, so kann dies unterschiedli- che Ursachen haben: entweder ist der Vollzug blockiert (man weiß, was man sagen möchte, aber man kann es nicht aussprechen - die „Kehle ist wie zugeschnürt”), oder schon das Zugreifen auf Denk- und Sprachinhalte ist blockiert (gedankliches
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Chaos, „Filmriss”). Studien von DOBSLAFF zufolge wurden beide Möglichkeiten bei Schulmutisten angetroffen (vgl. 2005, 117f).
Bei Personen mit Mutismus fand man abgesehen von ihrem Schweigen in bestimm- ten Situationen weitere Symptome, die gehäuft auftraten und daher als mehr oder weniger typisch für Mutismus betrachtet werden können. Dabei soll aber die Tatsa- che, dass jedes schweigende Kind seine eigenen individuellen Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale hat, nicht aus dem Blick geraten. Immer wieder äußert sich der Mutismus auf andere Art und Weise. Betroffene unterscheiden sich u.a. darin, in welchen Situationen und vor welchen Menschen sie schweigen, wie sehr sie sich „zurückziehen”, wie schnell sie sich „öffnen”, ob sie schüchtern oder einfach nur „schweigsam” sind sowie in ihrem Grundcharakter, der sich meist nur zu Hause zeigt. Generell gilt, dass man zwischen dem Verhalten eines mutistischen Person in Situationen, wo sich sein Mutismus zeigt und in anderen Situationen wie z.B. zu Hause, wo sich die betroffenen Personen ungehemmt verhalten, unterscheiden muss.
4.2. Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale
Die folgende Tabelle (Tab. 4.1) nach RÖSLER zeigt die Verteilung psychopatholo- gischer Befunde bei Kindern mit neurotischem Mutismus.
Tabelle 4.1.: Verteilung psychopathologischer Befunde
(Quelle: RÖSLER 1981; in: HARTMANN 1997, 59)
* Vermeidung von Anforderungen sowie soziale Isolierung ** Bettnässen *** „unruhiges Hinundherwerfen im Bett bei Erregungszuständen” (www.wissen.de - Lexikon) **** Einkoten
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HARTMANN nennt als weiteres gehäuft vorkommendes Begleitsymptom Pavor noc- turnus 1 und eine depressive Grundstimmung. SCHOOR weist außerdem auf Ver- haltensauffälligkeiten wie z.B. Trennungsangst und Essstörungen hin. Einige die- ser Symptome weisen auf eine Regression bzw. eine psychische Störung hin (vgl. HARTMANN 1997, 57f u. SCHOOR 2001, 189).
Das Hauptbegleitsymptom des Mutismus scheint eine chronische Angstbereitschaft zu sein. Mutistische Kinder zeigen übertriebene Ängste. Sie steigen z.B. nicht auf Klettergerüste und brauchen länger um das Fahrradfahren zu erlernen. Sie haben Angst davor, Fehler zu machen, sodass sie sich nur auf Spiele einlassen, bei denen ihre Gewinnchancen gut stehen. Wenn sie sich einmal überwinden zu sprechen, wählen sie ihre Worte sehr genau. Dieser Perfektionismus korreliert mit ihrer häufig geringen Frustrationstoleranz (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 23f). Oft wird auch davon berichtet, dass Kinder mit Mutismus sich hinter ihrer Mutter verstecken oder das Gesicht an diese drücken (vgl. u.a. DOBSLAFF 2005, 61).
Kommunikative Unsicherheit, vor allem in neuen kommunikativen Situationen oder bei Abwesenheit der sozialen Stütze „Mutter”, ausgeprägte Kontaktscheu und zeit- lich begrenzte Sprechverweigerungen können nach DOBSLAFFals Frühsymptome oder Vorläufer eines mutistischen Verhaltens angesehen werden. Eine kommunika- tive Unsicherheit und Scheuheit sind also Eigenschaften, die Mutisten häufig schon vor Beginn des eigentlichen Mutismus zeigen (vgl. 2005, 25).
Bei vielen ist nicht nur die lautsprachliche Kommunikation gehemmt, sondern auch Prosodik, Mimik und Körpersprache allgemein werden kaum eingesetzt, da die- se zusätzlich die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners auf den Sprecher lenken würden (vgl. ebd., 76). Häufig vermeiden Kinder mit Mutismus den Blickkontakt, ihr Blick ist gesenkt, der Körper vom Gegenüber abgewandt (vgl. SCHOOR 2001, 187), manche starren „durch einen hindurch”, viele haben einen ernsten bis gleich- gültigen Gesichtsausdruck und ihre Körpersprache verrät nicht viel, von dem, was sie denken. Sie wirken im allgemeinen angespannt (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 11 u. 22) und haben eine rigide Körperhaltung, bei der die Extremitäten an den Körper gedrückt werden (vgl. ebd., 57). Vor allem beim totalen Mutismus wer- den meist jegliche Geräusche unterdrückt (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 13). Der Mund ist geschlossen, evtl. leicht zusammengepresst (vgl. ebd.). Einige ha- ben Rituale entwickelt, z.B. beim Zu-Bett-Gehen. Einige zeigen prinzipiell die Be- reitschaft und das Bedürfnis zu kommunizieren und kompensieren den fehlenden lautsprachlichen Austausch mit nonverbalen oder schriftsprachlichen Mitteln (vgl. HARTMANN 1997, 40).
Die bisher genannten Verhaltensweisen deuten auf eine allgemeine Handlungsunsi-
1 Man versteht darunter wiederholte Episoden plötzlichen nächtlichen Erwachens. Das Erwachen beginnt mit Wimmern, Keuchen oder einem durchdringenden panischen Schrei (MEDIZINFO - http://www.medizinfo.de/kopfundseele/schlafen/schpavor.htm)
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cherheit, sowie Rückzugs- und Vermeidungsverhalten hin (vgl. DOBSLAFF 2005, 26). Personen mit Mutismus scheuen nicht nur das Gespräch mit anderen, son- dern gemeinschaftlichen Kontakt im allgemeinen. Die Handlungsunsicherheit ist nach DOBSLAFF Folge des mangelnden Selbstbewusstseins mutistischer Kinder und führt zu einem stark reduziertem, nicht altersgerechtem Aktivitätsverhalten. Fühlen sich Kinder handlungssicher und haben ein stabiles Selbstvertrauen, so zei- gen sie ein ausgeprägtes Neugier- und Erkundungsverhalten. Bei Kindern mit Mu- tismus ist dieses Verhalten kaum anzutreffen (vgl. ebd., 50). HILL & SCULL spre- chen in diesem Zusammenhang auch von „selektiver Inaktivität”, die sich bei einem Jungen beispielsweise immer dann zeigte, wenn er sich beobachtet fühlte (1985; zit. n. DOBSLAFF 2005, 51). Mutisten neigen i.d.R. zu Negativerwartungen. DOBSLAFF berichtet beispielsweise davon, dass ein Kind mit Mutismus namentlich Schüler be- nannte, die ihn ausgelacht hätten, obwohl dies nicht der Realität entsprach (vgl. 2005, 78).
BAHR nennt weiterhin Eigensinnigkeit, einen starken Willen, schwere Handhabung, negatives und zerstörerisches Verhalten in der Familie, oppositionelles, kontrollie- rendes und manipulatives Verhalten, sowie Bockigkeit und Aggressivität als in ein- zelnen Untersuchungen mehrheitlich auftretende Verhaltensmerkmale (vgl. 1996, 43). Das ängstlich-gehemmte Verhalten trifft häufig nur auf den außerfamiliären Be- reich zu. Zu Hause können diese Kinder sehr lebhaft und gesprächig sein und setzen sich nicht selten durch. Sie essen beispielsweise nur bestimmte Dinge, verweigern ihre Mithilfe im Haushalt oder weisen narzisstische Charakterzüge auf (vgl. HART- MANN & LANGE 2004, 23).
Grob lassen sich Mutisten ihrer Persönlichkeit nach darin unterscheiden, ob sie prinzipiell schüchtern und zurückhaltend sind oder ob ihr Schweigen Ausdruck von Willensstärke und Ablehnung ist. LESSER-KATZ (1986 u. 1988; zit. n. BAHR 1996, 22) unterscheidet deshalb zwischen einem Mutismus als Kampfreaktion und einem Mutismus als Fluchtreaktion:
J Mutismus als Kampfreaktion: Die Kinder zeigen oppositionelles, aggressiv- vermeidendes, verweigerndes Verhalten sowohl in der Schule als auch zu Hause und wahren körperliche Distanz.
J Mutismus als Fluchtreaktion: Der Mutimus geht einher mit Schüchternheit, passivem und unsicherem Verhalten und stark reduzierter Gestik und Mimik.
Es wird deutlich, dass Kinder mit Mutismus sehr unterschiedliche Charaktere haben können. Vor allem der Mutismus als Kampfreaktion lässt auf eine „Dominanz- und Kontrollsucht” (HARTMANN & LANGE 2004, 23) der Kinder schließen. Wie passt nun das Schweigen im außerfamiliären Bereich zu dieser Kontrollsucht?
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„Das Schweigen [tritt] dort auf, wo aufgrund von eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten (Sprachstörungen, Einschränkungen der so- zialen Kompetenz, Rivalitätskonflikte) nicht nach bewährten Mus- tern kontrolliert werden kann. Die Ohnmacht, mit der Gehemmtheit Schweigen einer konsequenten Macht gegenüberzustehen, die noch größer als die eigene zu sein scheint, wird durch ein Machtgefüge in- nerhalb des Familiensystems ausgeglichen.”
(ebd., 24)
BAHR weist schließlich noch auf das Umherschweifen des Blickes und das auf- merksame Beobachten hin und deutet es als möglichen Versuch betroffener Kinder, die Kontrolle über eine Situation zu behalten (vgl. 1996, 146). Kinder mit Mutismus sind in der Regel sehr gute und aufmerksame Beobachter.
Sie sind häufig nicht ihrem Alter entsprechend selbstständig. Dies resultiert aus ih- rer engen Bindung zur Mutter. Die Mutter wird von ihnen nicht nur zur Bewältigung von Situationen außerhalb des Hauses benötigt, z.B. als Sprachrohr, sondern ist auch zu Hause für das Kind und seine Alltagsbewältigung unentbehrlich. Auch damit übt das Kind Kontrolle und Macht über die Mutter aus (vgl. HARTMANN & LANGE 2004, 25). Auch HAYDEN ist der Überzeugung, dass der Mutismus Macht verleiht, sofern man darauf mit Zuwendung und Hilfe reagiert. Sie bezeichnet mutistische Kinder als „Meister der Manipulation” (1991, 27).
Ob Betroffene unter ihrem Mutismus leiden, variiert wahrscheinlich von Fall zu Fall und hängt davon ab, ob diese Kinder gerne sprechen würden, aber einfach „keinen Ton heraus bekommen”, oder ob sie z.B. keinen Anlass sehen zu sprechen und sich mit dem Mutismus gut arrangiert haben. Auch hängt es wohl davon ob, wie die Umwelt auf das Schweigen reagiert, ob mit Verständnis, Rücksichtnahme und vermehrter Zuwendung oder mit sozialer Isolation und Unverständnis. HART- MANN schreibt einerseits, dass „Kinder und Jugendliche [...] unter dieser eigen- dynamischen kommunikativen Hemmung leiden, ja geradezu verzweifelt sind” (HARTMANN & LANGE 2004, 60) und andererseits dass „ein Leidensdruck beim betroffenen Individuum häufig nicht besteht, im Gegenteil: ’Charakteristisch ist, dass sich bei längerem Bestehen des Syndroms ein Arrangement mit der Umwelt herausbildet: Spontanes Sprechen wird nicht mehr gefordert. Alle Partner finden sich ab, dass die Bedürfnisse des täglichen Lebens auch ohne verbale Äusserung (sic) des Kindes erfüllt werden”’ (HARTMANN 1997, 44f).
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4.3. Sprachperzeptive und stimmliche
Fähigkeiten
DOBSLAFF weist darauf hin, dass viele Kinder mit Schulmutismus scheinbar Hör- oder Verstehensprobleme haben und findet dafür vier mögliche Erklärungen: „ein mangelhaftes Sprachverständnis, eine Lautdiskriminationsschwäche im Sinne einer Retardation, eine zentral bedingte auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstö- rung und eine psychogene Hörblockierung” (vgl. 2005, 58). Für eine Lautdiskri- minatiosnschwäche sprechen unter anderem die seiner Erfahrung nach bei Mutisten gehäuft auftretenden Artikulationsfehler sowie Differenzierungsfehler in der Recht- schreibung. Sprachverständnisprobleme liegen vor allem bei ausländischen und Mi- grantenkindern vor. Für eine psychogen bedingte Hörstörung spricht, dass es Schü- ler gibt, die vor allem bei Lärm und in Anforderungssituationen, also in Situationen, die eine innere Anspannung bewirken, gehäuft falsch handeln (vgl. ebd., 58f).
DOBSLAFF nennt weiterhin eine Einengung des Stimmfeldes, gehauchten Stimm- einsatz, belegte Stimme und eine geminderte Lautstärke als typische Merkmale mu- tistischer Kinder (ebd., 18). Diese resultieren vermutlich aus ihrer Gehemmtheit und daraus, dass diese Kinder nur selten sprechen.
(Auf Verzögerungen bzw. Störungen der Sprachentwicklung als Begleitsymptom bzw. Ursache für Mutismus wird in Kap. 6 u. 7 hingewiesen.)
4.4. Äußeres Erscheinungsbild (Physische
Merkmale)
Als physische Merkmale bei Kindern mit Mutismus werden häufig Schwäche, Zart- heit, körperliche Entwicklungsverzögerung und psychomotorische Auffälligkeiten genannt. Diese treten jedoch nicht mit einer überzufälligen (signifikanten) Häufig- keit auf. Ein permanenter Spannungszustand wird hingegen in den meisten Fällen festgestellt (vgl. BAHR 1996, 61; HARTMANN 1992, 496). Darüber hinaus beschrei- ben HARTMANN & LANGE Mädchen mit Mutismus als „adrette, akkurat gekleidete Prinzesschen, die weder eine Sandkasten- bzw. ’Matschphase’ durchschreiten, noch Spiele auf dem Fußboden ausüben” ( 2004, 23).
4.5. Intelligenz
Nach BAHR scheint zumindest bei Kindern mit selektiven Mutismus „mehrheitlich ein eher mittleres Intelligenzniveau zu dominieren” (1996, 41). Dennoch trifft man
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Melanie Buß, 2005, Kommunikation mit Kindern mit Mutismus im schulischen Kontext: Formen und Förderung der Interaktion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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