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Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 3
II Hauptteil 4
A Zentrale Begriffe der Lehre Nietzsches 4
B Der Nietzsche-Kult in der Gesellschaft 6
1. Eine Formel für den Nietzsche-Enthusiasmus: Mythos oder Kult 7
2. Entstehung des Nietzsche-Kults 8
3. Die Rolle des Nietzsche-Archivs 11
4. Singuläre Kultphänomene 12
C Der Nietzsche-Kult in der Kunst 15
1. Tanz in Ascona 16
2. Literarischer Nietzsche-Kult 16
a) Der Nietzsche-Kult im George-Kreis 17
b) Nietzsche und der Expressionismus 19
3. Der Nietzsche-Kult in Malerei und bildender Kunst 21
4. Architektonischer Nietzsche-Kult 22
III Fazit 24
Literaturverzeichnis 25
I Schriften von Friedrich Nietzsche 25
II Weitere Literatur 25
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I. Einleitung
Vorliegende Untersuchung hat primär den Kult um Friedrich Nietzsche zum Gegenstand. Ent- sprechend den Vorgaben des Dozenten werden ebenso Nietzsches Philosophie sowie seine aktive und passive Rolle für die Kunst behandelt.
Aufgrund der enormen Popularität Nietzsches auch im Ausland und seiner Wirkung bis in die Gegenwart war eine weitere Eingrenzung des Themas erforderlich: Örtlich beschränkt sich die Studie daher auf Deutschland und zeitlich auf die Phase der Entstehung des Kults bis zum
1. Weltkrieg. Allerdings wurde diese prinzipielle Begrenzung, wenn sachliche Erwägungen
hierzu Veranlassung gaben, punktuell durchbrochen.
Die Abhandlung beginnt deshalb mit einer Vorstellung von Nietzsches zentralen Begriffen, um die spätere Darstellung des Kults mit den differenten Bezugnahmen der Nietzsche- Enthusiasten auf die Lehre ihres Idols besser zu veranschaulichen. Naturgemäß wird in dem Kult-Komplex immer wieder auf die Philosophie Nietzsches zurückgegriffen, so dass es zu thematischen Überschneidungen kommt. Die Auswahl der Kult-Phänomene erfolgte in der Absicht, den Facettenreichtum der Nietzsche-Glorifizierung und die Bandbreite der Rezeption aufzuzeigen. Der Übergang vom Kult- zum Kunst-Kapitel bedeutet keinen gravierenden Themenwechsel, da mit dem Ascona-Zirkel, dem George-Kreis und dem Expressionismus künstlerische Bewegungen behandelt werden, deren Rezeption auch kultischen Charakter besaß. Schließlich knüpft die Darstellung der Rolle Nietzsches als Objekt in Architektur, Ma- lerei und bildender Kunst an die kunstgeschichtlichen Inhalte des Seminars an.
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II. Hauptteil
A. Zentrale Begriffe der Lehre Nietzsches
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) erfuhr als Sohn eines protestant i-
schen Pfarrers eine christliche Erziehung. Seine Faszination vom griechischen Altertum, wel- cher er von 1869 bis 1879 als Professor für klassische Philologie in Basel nachging, der Ein-
fluss der Philosophie Arthur Schopenhauers sowie die Begeisterung für die Musik Richard
Wagners waren weitere Faktoren, die sein Denken 1 und die Entstehung der 1872 erscheine n- den Geburt der Tragödie prägten. Die Themen von Nietzsches erstem bedeutenden Werk sind die Entwicklung der griechischen Tragödie, eine Neudefinition des Altertums, Propaga nda für das Werk Wagners und eine Kampfansage gegen den erstmals vom Verfasser diagno stizierten
sokratischen Geist. 2 In Anlehnung an antike Götter entwickelt Nietzsche mit dem Begriffs- paar dionysisch und apollinisch die Basiskategorien seiner ansonsten unsystematischen Philo-
sophie.
Die beiden Termini stehen für gegensätzliche künstlerische Mächte, welche die ästhetische Erfahrung lehre. Ohne Vermittlung eines Künstlers würden diese irrationalen Kräfte unmittel-
bar aus der Natur wirken. 3 Dabei dominiere das Apollinische in Analogie zum Traum die schönen Illusionen der (inneren) Phantasiewelt und repräsentiere zudem Selbstbeherrschung
und Suspendierung jeglicher zügelloser Affekte. 4 Als Götterbild des principii individuationis 5 drücke die Erscheinung Apollos Lust und Klugheit des schönen Scheins aus. 6 Entsprechend dem Zustand des Rausches rufe das Dionysische infolge von Drogenkonsum oder bestimmten
hormonellen Vorgängen Empfindungen hervor, deren ekstatische Steigerung zur allmählichen Auflösung des Subjektiven in totaler Selbstvergessenheit führe. Als Beispiele nennt Nietzsche
die „bacchischen Chöre der Griechen“ oder Veitstänzer im deutschen Mittelalter. Das Diony- sische bewirke sowohl die Aussöhnung der Menschen untereinander als auch die Wiederhe r- stellung der Harmonie zwischen Mensch und Natur. Der einzelne Mensch stelle sich singend
1 Vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 17. Auflage Stuttgart Berlin Köln 1999. S. 530. 2 Vgl. Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1966. S. 48. 3 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik . Zitierweise: Nietzsche, GT, Kap... Kap. 2 (Textgrundlage der Nietzsche-Verweise: Werke in drei Bänden. Herausgegeben von Karl Schlechta.
München 1954-1956). Schlechta, I, 25.
4 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 1 (Schlechta I, 23).
5 Vgl. zu diesem Begriff Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. Vier Bücher nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält. § 23: Unter Rückgriff auf die Schola- stik definiert Schopenhauer mit dem principio individuationis die Dimensionen Zeit und Raum, in denen die
Erscheinungen in Vielheit auftreten, während sie als Manifestationen des Willens als dem Ding an sich in Wesen und Begriff eine Einheit sind.
6 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 1 (Schlechta I, 24).
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und tanzend als Teil einer höheren Gemeinschaft dar; anstatt sich zum Künstler zu entwi- ckeln, werde das Individuum selbst zum Kunstwerk. Das Dionysische ist als unkontrollierba- rer Trieb mit dem Ziel der Selbstdarstellung zu verstehen; dabei fungiere es als Antriebskraft
für kreative Prozesse. 7 Die attische Tragödie sei aus der Verschmelzung der beiden Kunst- prinzipien entstanden, welche sich trotz ihres Kontrasts gegenseitig bedingen würden. 8 Feind jeder Kultur sei hingegen die von Sokrates ausgehende Aufklärungsphilosophie und der mit ihr korrespondierende Geist der Problemanalyse, welcher sich in der wissenschaftlichen
Fragestellung spiegele. 9 Dieser habe das griechische Wesen und damit das Kunstwerk der Tragödie verneint und zerstört. Euripides sei, indem er sich der durch die sokratische und pla- tonische Dialektik gewonnenen Einsichten bediente, daher nur Maske des Sokrates. Das sog.
Sokratische habe zur Verdunkelung der Kultur des Okzidents geführt und bilde mit dem Dio-
nysischen einen neuen Antagonismus. 10 Ab hilfe soll die Musik Richard Wagners scha ffen: Die Selbstüberschätzung der Wissenschaft und den Aberglauben des Christentums überwinde
diese im Sinne der Wiederkehr des tragischen Mythus. 11 Das tragische Bewusstsein ruft bei Nietzsche Optimismus hervor. Die Herrschaft der Triebe wird lustvoll bejaht; die dionysische
Ekstase und das Chaos als Wurzel der Kreativität werden verherrlicht. Schließlich negiert er jegliche moralische Rechtfertigung der Welt zugunsten einer Ästhetik, wonach die Welt ein- zig die Verkörperung der Dominanz des Dionysos darstellt.
1876 und 1878 erschien Menschliches, Allzumenschliches in zwei Bänden. Der Stil des Wer- kes ist überwiegend aphoristisch, sein Inhalt zu großen Teilen autobiographisch. Nietzsche
distanziert sich hierin von der Philosophie Schopenhauers und seinen ursprünglichen, an
Wagner orientierten ästhetischen Ansichten. 12 Während er bislang der Wirklichkeit noch ei- nen gewissen tieferen Sinn zugestand, verabschiedet er diesen nunmehr vollends: Hinter den
Dingen bzw. Phänomene n gebe es keine weitere sinnstiftende Instanz. 13 Das Fehlen des me- taphysischen Hintergrunds führe unmittelbar zur Entwertung der ethischen Kategorien „gut“
und „böse“. Zum Zweck der Selbsterhaltung erfolgende Handlungen würden als „böse“ be- zeichnet werden, während gesellschaftliche Konventionen die sog. „guten“ Taten hervo r-
brächten. 14 Weiterhin demontiert Nietzsche die Rolle der Kunst; der Künstler selbst sei hier-
7 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 2 (Schlechta I, 26).
8 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 12 (Schlechta I, 70).
9 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 13 (Schlechta I, 76).
10 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 12 (Schlechta I, 71).
11 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 24 (Schlechta I, 132 f.).
12 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zitierweise: Nietzsche, MA, Band, Kap... Erster Band, „Vorrede“, Kap. 1 (Schlechta I, 438).
13 Vgl. Nietzsche, MA I, Kap. 9 (Schlechta I, 452).
14 Vgl. Nietzsche, MA I, Kap. 96 (Schlechta I, 504).
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nach nur noch ein Anachronismus. 15 Dagegen findet der aufklärungsfeindliche Philosoph zu einer für ihn neuen Favorisierung skeptischer Rationalität. 16 Mit dem Niedergang der Kunst gehe der Aufstieg der Philosophie einher.
1885 vollendet Nietzsche die Dichtung Also sprach Zarathustra, deren philosophische Inten- tion durch Gleichnisse vermittelt wird und somit den Eindruck einer religiösen Abhandlung
entstehen lässt. 17 Tatsächlich sind die zentralen Gedanken der Schrift als Gegenreligion kon- zipiert; zugleich wird vielfach auf die christliche Glaubenslehre Bezug genommen. Aufbau-
end auf seinem bisherigen Werk entwickelt Nietzsche mit der Idee des Übermenschen 18 und
dem Gedanken der ewigen Wiederkehr 19 zwei neue philosophische Motive. Auf seine bereits früher artikulierte Erkenntnis von Gottes Tod 20 verweisend postuliert er den Übermenschen
als den „Sinn der Erde“ 21 . Dieser durchschaue alles idealische Jenseits als Illusion und finde zur überschwänglichen Lebensbejahung des Diesseits. Ohne an einen Dionysos glauben zu müssen, kenne der Übermensch den „dionysischen“ Charakter der Welt und begreife die Apo-
rie menschlichen Erkennens und Handelns. Ebenso realisiere er, selbst nur ein Stück Wille zur
Macht zu sein, 22 wolle sich aber auch ganz bewusst als diesen Willen. Indem der Übermensch diesen Antagonismus, welcher der Widerspruch des Lebens überhaupt sei, ertrage, demonst- riere er sein überlegenes Bewusstsein, die sog. „tragische Weisheit“. Schließlich bewält ige er Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft.
Zeit und Ewigkeit denkt der Philosoph in eins. Das Seiende sei in seiner Vielfalt unabsehbar,
jedoch nicht unendlich wie die Zeit. 23 Demnach müsse jede denkbare Kombination der Dinge bereits einmal stattgefunden haben und zwar zum wiederholten Male. Laut Nietzsche ist die-
ser Gedanke die stärkste Form der Lebensbejahung. 24
15 Vgl. Nietzsche, MA I, Kap. 223 (Schlechta I, 582).
16 Vgl. Nietzsche, MA I, Kap. 292 (Schlechta I, 623 f.).
17 Vgl. Frenzel, S. 108.
18 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Zitierweise: Nietzsche, Z, Teil, Kap... „Zarathustras Vorrede“, Kap.3 (Schlechta II, 279 ff.).
19 Vgl. Nietzsche, Z IV, „Das trunkne Lied“, Kap. 10 ff. (Schlechta II, 557).
20 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. Zitierweise: Nietzsche, FW, Buch, Kap... 5. Buch, Kap. 343 (Schlechta II, 205).
21 Nietzsche, Z, „Zarathustras Vorrede“, Kap. 3 (Schlechta II, 280).
22 Vgl. auch Nietzsche, Friedrich: Aus dem Nachlass der Achtziger Jahre. Zitierweise: Nietzsche, NL (Schlech- ta III, 916).
23 Vgl. Nietzsche, NL (Schlechta III, 704).
24 Vgl. Nietzsche, Z IV, „Das trunkne Lied“, Kap. 1 (Schlechta II, 552).
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B. Der Nietzsche -Kult in der Gesellschaft
Nietzsche beschäftigte nicht nur die akademische Welt; seine Person und Philosophie entfalte- ten auch eine erhebliche Breitenwirkung. Diverse Bewegungen beriefen sich auf ihn; unter-
schiedliche politische, gesellschaftliche und künstlerische Gruppen profitierten von seinen Ideen. Die Forschung verwendet zur sprachlichen Erfassung dieses Phänomens verschiedene Begriffe. Dies macht einige Vorüberlegungen zur Prophylaxe gegen begriffsbedingte Irritati-
onen erforderlich.
1. Eine Formel für den Nietzsche -Enthusiasmus: Mythos oder Kult?
Gelegentlich wird im Zusammenhang mit dem Einfluss Nietzsches die Wendung vom „My- thos“ gebraucht. Während Ernst Bertram mit seinem Werk Nietzsche. Versuch einer Mytholo-
gie 1918 die Etablierung eines heroischen Nietzsche-Bildes intendierte, operiert die Fachlite-
ratur zum Zwecke geisteswissenschaftlicher Erkenntnis nur punktuell 25 mit dem Mythosbe griff. In diesen Fällen verweist die Formel auf die in dessen letzten Lebensjahren einsetzende
Verklärung und Idealisierung Nietzsches, welche sowohl sein Denken als auch sein Leben einbezog.
Die Verwendung des Mythosbegriffs stimmt jedoch nicht überein mit den hier zugrunde ge-
legten Sprachempfehlungen von Peter Tepe. 26 Danach sind nur traditionelle Bedeutungen des Mythosbegriffs durch selbigen auszudrücken. 27 Solche herkömmlichen Inhalte sind die Erzä h-
lungen über Götter, Helden und weitere Figuren und Ereignisse aus vorgeschichtlicher Zeit, 28 die Gesamtheit von derlei Götter- und Heroengeschichten einer Kultur oder eines Volkes
(Mythologie) 29 sowie das mythische Denken oder die mythische Weltbetrachtung 30 . Die Ausstrahlung von Leben und Werk Nietzsches ist offensichtlich nicht unter diese Bedeu- tungen zu subsumieren. Mithin ist mit der tepeschen Sprachempfehlung 2 nach einer exakte-
ren Alternative zum Mythos-Ausdruck zu suchen. 31 Ernst Nolte verwendet den Begriff des Nietzscheanismus, worunter er aktive Begeisterung und in gesteigerter Form Jüngerschaft
25 Vgl. Aschheim, Steven E.: Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults. Stuttgart Weimar 1996. S. 22.Vgl. Kaufmann, Walter: Nietzsche. Philosoph – Psychologe – Antichrist. Darmstadt 1982. S. 1.
26 Vgl. Tepe, Peter: Mythos & Literatur. Aufbau einer literaturwissenschaftlichen Mythosforschung. Würz- burg 2001. Zitierweise: Tepe, Mythos, S... S. 68 ff.
27 Vgl. Tepe, Mythos, S. 71.
28 Vgl. Tepe, Mythos, S. 16.
29 Vgl. Tepe, Mythos, S. 17.
30 Vgl. Tepe, Mythos, S. 19.
31 Vgl. Tepe, Mythos, S. 71.
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Dr. phil. Ass. iur. M.A. Reiner Scheel, 2002, Nietzsche: Philosoph - Kultfigur - Kunstobjekt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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