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I. Vorwort
Im Laufe der Beschäftigung mit dem Hausarbeitsthema wurde immer deutlicher, dass es sich bei demselben eigentlich um zwei Themen handelt. Nichtsdestotrotz versuchte der Bearbeiter, diesem hinsichtlich des Unterthemas „Nietzsche“ selbstverschuldeten Dilemma auszuweichen, indem er den zweiten Themenbereich des „Paradigmenwechsels“ auf die französischen Philosophen Voltaire und Rousseau beschränkt und weitere Einflüsse nur andeutungsweise e rwähnt. Im übrigen entspricht die Auswahl der Philosophen der Themenwahl von Heinrich Mann für seine Essays „Geist und Tat“ sowie „Voltaire - Goethe“ anno 1910.
Die Behandlung der Primärtexte orientiert sich naturgemäß an der Chronologie ihrer Entstehung; allerdings differieren diese Darstellungen im Umfang. So werden Die Göttinnen als besonders geeigneter Text für den Nachweis des Nietzsche- Einflusses und Die kleine Stadt als Paradebeispiel für die Wirkung der genannten Franzosen im Verhältnis zu den anderen Te xten eingehender diskutiert.
Während der Literaturrecherche offenbarte sich rasch der enorme Umfang der Forschungsliteratur. Der Effekt dieses Umstandes ist ambivalent: Die immense Menge an zitierfähigen Interpretationen gereicht einer komplexen Arbeit unstreitig zum Vorteil, zugleich hat der Bearbeiter bei deren Wiedergabe zwei divergierenden Interessen gerecht zu werden. Einerseits gilt es, die Darstellung räumlich nicht allzu sehr über das ursprünglich angestrebte Maß zu erweitern, andererseits soll der Eindruck einer nur oberflächlichen Beschäftigung mit der Sekundärliteratur vermieden werden.
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INHALT
I. Vorwort 2
II. Hauptteil 4
A. Nietzsche 4
B. Heinrich Manns Nietzsche-Rezeption 6
C. Einzelnachweise von Nietzsches Einfluss 10
1. Im Schlaraffenland 10
2. Die Göttinnen 11
3. Pippo Spano 14
4. Professor Unrat 15
D. Paradigmenwechsel zu den französischen Moralphilosophen 17
1. Gustave Flaubert und George Sand 17
2. Zwischen den Rassen 19
E. Voltaire 20
F. Rousseau 22
G. Die kleine Stadt 24
III. Nachwort 28
IV. Literaturverzeichnis 29
A. Werke Heinrich Manns 29
B. Philosophische Schriften 29
C Sekundärliteratur 30
4
II. Hauptteil
A. Nietzsche
Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) erfährt als Sohn eines protestantischen Pfarrers eine christliche Erziehung. Seine Faszination vom griechischen Altertum, welcher er von 1869 bis 1879 als Professor für klassische Philologie in Basel nachgeht, der Einfluss der Philosophie Arthur Schopenhauers sowie die Begeisterung für die Musik Richard Wagners sind weitere Faktoren, die sein Denken 1 und die Entstehung der 1872 erscheinenden Geburt der Tragödie prägen. Die Themen von Nietzsches erstem bedeutenden Werk sind die Entwicklung der griechischen Tragödie, eine Neudefinition des Altertums, Propaganda für das Werk Wagners und eine Kampfansage gegen den erstmals vom Verfasser diagnostizierten sokratischen Geist. 2 In Anlehnung an antike Götter entwickelt Nietzsche mit dem Begriffspaar dionysisch und apollinisch die Basiskategorien seiner ansonsten unsystematischen Philosophie.
Die beiden Termini stehen für gegensätzliche künstlerische Mächte, welche die ästhetische Erfahrung lehre. Ohne Vermittlung eines Künstlers würden diese irrationalen Kräfte unmittelbar aus der Natur wirken. 3 Dabei dominiere das Apollinische in Analogie zum Traum die schönen Illusionen der (inneren) Phantasiewelt und repräsentiere zudem Selbstbeherrschung und Suspendierung jeglicher zügelloser Affekte. 4 Als Götterbild des principii individuationis 5 drücke die Erscheinung Apollos Lust und Klugheit des schönen Scheins aus. 6 Entsprechend dem Zustand des Rausches rufe das Dionysische infolge von Drogenkonsum oder bestimmten hormonellen Vorgängen Empfindungen hervor, deren ekstatische Steigerung zur allmählichen Auflösung des Subjektiven in totaler Selbstvergessenheit führe. Als Beispiele nennt Nietzsche die „bacchischen Chöre der
1 Vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 17. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart Berlin Köln 1999, S. 530.
2 Vgl. Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1966, S. 48.
3 Vgl. Nietzs che, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (zit.: Nietzsche, GdT, Kap...), Kapitel
2 (Schlechta I, 25).
4 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 1 (Schlechta I, 23).
5 Vgl. zu diesem Begriff Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. Vier Bücher nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält, § 23. Unter Rückgriff auf die Scholastik definiert Schopenhauer mit dem principio individuationis die Dimensionen Zeit und Raum, in denen die Erscheinungen in Vielheit auftreten, während sie als Manifestationen des Willens als dem Ding an sich in Wesen und Begriff eine Einheit sind.
6 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 1 (Schlechta I, 24).
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Griechen“ oder Veitstänzer im deutschen Mittelalter. Das Dionysische bewirke sowohl die Aussöhnung der Menschen untereinander als auch die Wiederherstellung der Harmonie zwischen Mensch und Natur. Der einzelne Mensch stelle sich singend und tanzend als Teil einer höheren Gemeinschaft dar; anstatt sich zum Künstler zu entwickeln werde das Individuum selbst zum Kunstwerk. Das Dionysische ist als unkontrollierbarer Trieb mit dem Ziel der Selbstdarstellung zu verstehen; dabei fungiere es als Antriebskraft für kreative Prozesse. 7
Feind jeder Kultur sei hingegen die von Sokrates ausgehende Aufklärungsphilosophie und der mit ihr korrespondierende Geist der Problemanalyse, welcher sich in der wissenschaftlichen Fragestellung spiegele. 8 Dieses sog. Sokratische habe zur Verdunkelung der Kultur des Okzidents geführt und bilde mit dem Dionysischen einen neuen Antagonismus. 9 Abhilfe soll die Musik Richard Wagners schaffen: Die Selbstüberschätzung der Wissenscha ft und den Aberglauben des Christentums überwinde diese im Sinne der Wiederkehr des tragischen Mythus. 10 Das tragische Bewusstsein ruft bei Nietzsche Optimismus hervor. Die Herrschaft der Triebe wird lustvoll b ejaht; die dionysische Ekstase und das Chaos als Wurzel der Kreativität werden verherrlicht. Schließlich negiert er jegliche moralische Rechtfertigung der Welt zugunsten einer Ästhetik, wonach die Welt einzig die Verkörperung der Dominanz des Dionysos darstellt.
1876 und 1878 erscheint Menschliches, Allzumenschliches in zwei Bänden. Der Stil des Werkes ist überwiegend aphoristisch, sein Inhalt zu großen Teilen autobiografisch. Nietzsche distanziert sich hierin von der Philosophie Schopenhauers und seinen ursprünglichen, an Wagner orientierten ästhetischen Ansichten. 11 Während er bislang der Wirklichkeit noch einen gewissen tieferen Sinn zugestand, verabschiedet er diesen nunmehr vollends: Hinter den Dingen bzw. Phänomenen gebe es keine weitere sinnstiftende Instanz. 12 Das Fehlen des metaphysischen Hintergrunds führe u nmittelbar zur Entwertung der ethischen Kategorien „gut“ und „böse“. Zum Zweck der Selbsterhaltung erfolgende Handlungen würden als „böse“ bezeichnet werden, während gesellschaftliche Konventionen die sog. „guten“ Taten hervorbrächten. 13 Weiterhin demontiert Nietzsche die Rolle der Kunst; der Künstler selbst sei hiernach nur noch ein Anachronismus. 14 Dagegen findet der aufklärungsfeindliche Philosoph
7 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 2 (Schlechta I, 26).
8 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 13 (Schlechta I, 76).
9 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 12 (Schlechta I, 71).
10 Vgl. Nietzsche, GdT, Kap. 24 (Schlechta I, 132 f.).
11 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für frei Geister. Erster Band (zit.: Nietzsche, MA, Kap...). Vorrede, Kap. 1 (Schlechta I, 438).
12 Vgl. Nietzsche, MA, Kap. 9 (Schlechta I, 452).
13 Vgl. Nietzsche, MA, Kap. 96 (Schlechta I, 504).
14 Vgl. Nietzsche, MA. Kap. 223 (Schlechta I, 582).
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zu einer für ihn neuen Favorisierung skeptischer Rationalität. 15 Mit dem Niedergang der Kunst gehe der Aufstieg der Philosophie einher.
1885 vollendet Nietzsche die Dichtung Also sprach Zarathustra, deren philosophische Intention durch Gleichnisse vermittelt wird und somit den Eindruck einer religiösen Abhandlung entstehen lässt. 16 Tatsächlich sind die zentralen Gedanken der Schrift als Gegenreligion konzipiert; zugleich wird vielfach auf die christliche Glaubenslehre Bezug genommen. Aufbauend auf seinem bisherigen Werk entwickelt Nietzsche mit der Idee des Übermenschen 17 und dem Gedanken der ewigen Wiederkehr 18 zwei neue philosophische Motive. Auf seine bereits früher artikulierte Erkenntnis von Gottes Tod 19 verweisend postuliert er den Übermenschen als den „Sinn der Erde“ 20 . Dieser durchschaue alles idealische Jenseits als Illusion und finde zur überschwänglichen Lebensbejahung des Diesseits. Ohne an einen Dionysos glauben zu müssen, kenne der Übermensch den „dionysischen“ Charakter der Welt und begreife die Aporie menschlichen Erkennens und Handelns. 21 Ebenso realisiere er, selbst nur ein Stück Wille zur Macht - zugleich der Titel von Nietzsches Nachlasswerk - zu sein, wolle sich aber auch ganz bewusst als diesen Willen. Indem der Übermensch diesen Antagonismus, welcher der Widerspruch des Lebens überhaupt sei, ertrage, demonstriere er sein überle genes Bewusstsein, die sog. „tragische Weisheit“. Schließlich bewältige er Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft. Zeit und Ewigkeit denke der Philosoph in eins. Das Seiende sei in seiner Vielfalt unabsehbar, jedoch nicht unendlich wie die Zeit. 22 Demnach müsse jede denkbare Kombination der Dinge bereits einmal stattgefunden haben und zwar zum wiederholten Male. 23 Laut Nietzsche ist dieser Gedanke die stärkste Form der Lebensbejahung. 24
B. Heinrich Manns Nietzsche -Rezeption
Die Bedeutung der Lektüre Nietzsches für das Werk Heinrich Manns wird in der Forschung breit diskutiert und sehr verschieden gewichtet. Differenzen zeigen sich bereits bei der
15 Vgl. Nietzsche, MA, Kap. 292 (Schlechta I, 623 f.).
16 Vgl. Frenzel, S. 108.
17 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen (zit.: Nietzsche, AsZ, Kap...). Zarathustras Vorrede, Kap.3 (Schlechta II, 279 ff.).
18 Vgl. Nietzsche, AsZ, Vierter und Letzter Teil, Das trunkne Lied, Kap. 10 ff. (Schlechta II, 557).
19 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. Fünftes Buch, Kap. 343 (Schlechta II, 205).
20 Nietzsche, AsZ, Zarathustras Vorrede, Kap. 3 (Schlechta II, 280).
21 Vgl. Störig, S. 539.
22 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte (zit.: Nietzsche, WzM, Kap...), Kap. 380.
23 Vgl. Nietzsche, WzM, Kap. 384.
24 Vgl. Nietzsche, WzM, Kap. 385.
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Annahme des Zeitpunkts der ersten Bekanntschaft mit Nietzsches Schriften. Während Schröter 25 den Einfluss des Philosophen ab Ende 1894 konstatiert, datiert Dittberner 26 diesen erstmals schon für Januar 1891. Noch umfangreicher ist das Meinungsspektrum hinsichtlich der Umsetzung von Nietzsches Gedanken in den Romanen Heinrich Manns. So sei diese nach Haupt 27 zunächst im Entwurf der Herzogin von Assy, der Protagonistin der Roman-Trilogie Die Göttinnen, festzustellen. Mit der Schöpfung einer solchen, ihrem Umfeld in allen Belangen weit überlegenen Persönlichkeit dokumentiere Heinrich Mann, dass sein Verlangen nach Selbstverwirklichung nach 1900 mit Nietzsches Übermensch-Konzeption harmoniere.
Weitergehend behauptet Walter 28 eine Analogie von Heinrich Manns Weltanschauung und Erzähltechnik mit den gegensätzlichen Formen der Vieldeutigkeit und Entschiedenheit bei Nietzsche. Insbesondere dessen Geschichtsverständnis und Bild des Menschen als Held und Narr sei schon in den Göttinnen wiederzufinden. 29
Demgegenüber bestreitet Schäffner 30 jeglichen Nietzsche-Einfluss. Ein solcher sei bloße Legende, welche Heinrich M ann und sein Verleger Albert Langen aus merkantilen Erwägungen heraus lanciert hätten. 31 Die Reflexion über den Philosophen hätte vielmehr eine Rückkehr zum Denken Goethes und Heines bewirkt; 32 statt zu Nietzsche tendiere der Romancier bereits frühzeitig zu einem durch Heine gefilterten Hegelianismus 33 . Hegel und dessen dialektische Geschichtsauffassung seien wiederum gemeinsam mit Nietzsches Kulturkritik nach Holona 34 die Basis für die Kulturkonzeption in der Essayistik Heinrich Manns. Letzterer habe geistige, kulturelle und politische Phänomene in Verkennung von deren Zusammenhang separat behandelt und sei infolgedessen in einen weltanschaulichen Zwiespalt geraten. 35 Die antidemokratische Tendenz der Übermensch-Konzeption etwa habe Heinrich Mann bis zu seinem Nietzsche-Essay von 1939 verneint. 36 Der Einfluss des
25 Vgl. Schröter, Klaus: Anfänge Heinrich Manns. Zu den Grundlagen seines Gesamtwerks. Stuttgart 1965, S. 69 f.
26 Vgl. Dittberner, Hugo: Heinrich Mann. Eine kritische Einführung in die Forschung. Frankfurt am Main 1974, S. 84 f.
27 Vgl. Haupt, Jürgen: Heinrich Mann. Stuttgart 1980, S. 32.
28 Vgl. Walter, Rudolf: Friedrich Nietzsche - Jugendstil - Heinrich Mann. Zur geistigen Situation der Jahrhundertwende. München 1976, S. 21.
29 Vgl. Walter, S. 153.
30 Vgl. Schäffner, Gerhard: Heinrich Mann - Dichterjugend. Eine werkbiographische Untersuchung. Heidelberg 1995, S. 188 ff.
31 Vgl. Schäffner, S. 190.
32 Vgl. Schäffner, S. 196.
33 Vgl. Schäffner, S. 193.
34 Vgl. Holona, Marian: Die Essayistik Heinrich Manns in den Jahren 1892-1933. Die Kulturkonzeption Heinrich Manns wie sie in seiner Essayistik zum Ausdruck kommt. Wroclaw Warszawa u. a. 1971, S. 42.
35 Vgl. Holona, S. 59 f.
36 Vgl. Holona, S. 64.
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Philosophen sei durch die partielle Übernahme von dessen Formulierungen in den Essays nachweisbar; 37 insbesondere der Flaubert-Sand-Essay von 1905 wecke hinsichtlich seines Stils Reminiszenzen an Nietzsches Aphorismusmethode 38 .
Schlichting nennt Heinrich Mann einen „philosophischen Denker“ 39 , dessen Erkenntniswille von Heine und Nietzsche herzuleiten sei. Selbige hätten mit ihrer Diagnose menschlicher und sozialer Mängel und Paradoxien das Bewusstsein Manns entsprechend sensibilisiert. Zudem hätten sie gemeinsam mit Voltaire als Vermittler der französischen Moralphilosophie fungiert, deren Wertesystem Heinrich Mann zur weltanschaulichen Basis für die Entwicklung seines späteren „humanistischen Sozialismus“ 40 dienen sollte.
Demgegenüber hält Schröter 41 Nietzsches Einfluss auf Heinrich Mann für geringer als den des französischen Romanciers Honoré de Balzac. Georg Brandes’ Aufsatz Friedrich Nietzsche.Eine Abhandlung über aristokratischen Radicalismus habe die Distanzierung von der Soziallehre seiner bisherigen Leitfigur Paul Bourget bewirkt. In den Jahren 1900 bis 1904 habe Heinrich Mann dann Nietzsches Diagnose bzw. dessen Negationen verinnerlicht. 42 Zu nennen seien vor allem der radikale Individualismus und die diesem innewohnende Gesellschaftsfeindlichkeit, 43 die Rechtfertigung des Künstlers im Kontrast zu der ästhetisch fundierten Verneinung der bürgerlichen Gesellschaft 44 sowie die gesellschaftliche Isoliertheit des Geistigen und der ihr entsprechenden Apolitie der Kultur 45 . Heinrich Manns Interesse gelte dem B efund, nicht aber der Therapie: So hätten die psychologischen Erkenntnisse Nietzsches sein Schreiben beeinflusst, während er dessen lebensphilosophische Rezeptur abgelehnt habe. 46
König 47 wiederum konstatiert bei Heinrich Mann ein bloß wörtliches Verständnis des Philosophen. Daher könne Manns Nietzsche-Rezeption primär als Beispiel für die enorme Faszination, welche das Werk des letzteren um 1900 hervorrief, betrachtet werden. 48 Statt aber wie ein Teil der Zeitgenossen nun Rücksichtslosigkeit und den Übermensch-Gedanken zu propagieren, habe Heinrich Mann eine zwiespältige Beziehung zu Nietzsche entwickelt. Einerseits sei er dessen antibürgerlicher Haltung widerstandslos erlegen, andererseits habe er
37 Vgl. Holona, S. 66.
38 Vgl. Holona, S. 32.
39 Schlichting, Ralf: Heinrich Mann und Friedrich Nietzsche. Studien zur Entwicklung der realistischen Kunstauffassung im Werk Heinrich Manns bis 1925. Frankfurt am Main Bern New York 1986, S. 738.
40 Schlichting, S. 738.
41 Vgl. Schröter, S. 71.
42 Vgl. Schröter, S. 72.
43 Vgl. Schröter, S. 73.
44 Vgl. Schröter, S. 74.
45 Vgl. Schröter, S. 72.
46 Vgl. Schröter, S. 91.
47 Vgl. König, Hanno: Heinrich Mann. Dichter und Moralist. Tübingen 1972, S. 120.
48 Vgl. König, S. 121.
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Dr. phil. Ass. iur. M.A. Reiner Scheel, 2002, Heinrich Mann: Nietzsche als seine weltanschauliche Leitfigur der Jahrhundertwende und der Paradigmenwechsel zu den französischen Moralphilosophen, München, GRIN Verlag GmbH
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