2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Liberal Humanism und seine Bedeutung für den Roman 3
2. „The outer life“ und „the inner life“ - Die Faszination der Wilcoxes 5
3. „Imaginative poverty“ und „spiritual wealth“ - Geschäftsmänner
und Intellektuelle 10
4. Die Vergangenheit und die Natur 16
Schlu ßbetrachtung 18
Bibliographie 19
3
Einleitung
E.M. Forster hat in Howard's End die Konfliktebenen verhältnismäßig klar umrissen, und sie können in einigen Stichworten charakterisiert werden: “the unseen” und “the seen”, das spir ituelle Innenleben gegen das materielle Äußere, persönliche Beziehungen neben ökonomischer Macht. “Culture“ auf der einen, „civilization“ auf der andere Seite, da in Forsters Auffassung diese beiden tatsächlich etwas Gegensätzliches darstellen. Ebenso handelt Howard's End von der uralten Differenz zwischen Männlichem und Weiblichem, exemplarisch in den Hauptfiguren Henry Wilcox und Margaret Schlegel verkörpert. Wie das Motto des Romans vorgibt, geht es schlußendlich darum, diese scheinbar unversöhnlichen Sphären zusammenzuführen. „Only connect...“ 1
1. Liberal Humanism und seine Bedeutung für den Roman
Forster selbst stellte sich in die Tradition des Liberalismus, einer sozialphilosophischen Denkart, die dem Britischen Kapitalismus und der Expansionspolitik am Ende der viktorian ischen Ära zu begegnen suchte. Die Forschung über Forster hat sich bei ihren Untersuchungen zu Forsters letzten, gemeinhin als die bedeutsamsten seines Schaffens eingestuften Romanen, Howard's End (1910) und A Passage to India (1924), entsprechend darauf konzentriert. C. B. Cox klassifiziert sowohl Autor als auch Romangestalten als „Free Spirits“, einer aus Henry James‘ Portrait of a Lady entliehenen Bezeichnung für ein Individuum aus der - nicht notwendigerweise, aber häufig - Mittelklasse, dessen moralisches Credo mit „the belief in the innate goodness of man and the powers of human reason“ übersc hrieben werden kann. 2 „Historical progress, individual freedom, tolerance“ sind die Werte der liberal humanists, wie John Maynard Keynes, Bertand Russel und Forster sich selbst bezeichnen. (Cox, 4)
1 E.M. Forster, Howard’s End, New York 1985. [alle weiteren Zitate als Seitenangaben]
2 C.B.Cox., „E.M. Forster’s Island“. In: The Free Spirit. A Study of Liberal Humanism in the Novels of George
Eliot, Henry James, E.M. Forster, Virginia Woolf, Angus Wilson [nachfolgend zitiert als Cox ],London 1963, 4.
4
Peter Widdowson zeigt in seiner Studie zu Howard’s End auf, daß dieser Aufklärungspositivismus nach dem 1. Weltkrieg an seinen eigenen Fundamenten krankte. Denn genau dessen Ursprung in der Mittelschicht, die zunehmend merkantile Ziele verfolgte und zu einer „Cult ure of Élite“ strebte, enthüllt die Unausführbarkeit und tatsächliche Unaufrichtigkeit der Idee des Liberalismus. Das Ideal des „ganzen Menschen“ sollte innerhalb bestehender sozioökonomischer Strukturen erreicht werden, wobei jedoch als finanzielle Basis das von jenen Arbeitern und Angestellten verdiente Kapital angenommen wurde, die de facto davon profitieren sollen. So kann sich der Angestellte Leonard Bast im Roman nur mangelhaft durch Lektüre bilden, da sein Beruf ihm weder die Zeit noch die ökonomischen Möglichkeiten dazu bietet, weshalb er bis zum Schluß des Romans kein „ganzer Mensch“ geworden ist, sondern einer, der ein von äußeren Faktoren regiertes Dasein geführt hat.
Auf finanziell sicher gepolstertem Boden stritt der Liberal Humanism ganz wie die Geschwister Schlegel in Howard's End eher theoretisch denn praktisch für „liberty, generosity, freedom of speech civilized discourse, the regard for art, the intellect and tradition“. 3 Das Scheitern der Idee nimmt hier seinen Anfang:
[Liberal-humanist values] rest, of course, on exploitation and hence ascendancy, and that rests on having wealth, or, putting it another way, on the possibility of leading a life in which the cultivation of such values is viable. And this is where the problem lies: only some individuals can achieve the culture of ”the whole man”, the majority remain in a material and spiritual outer darkness.[..] Doesn’t the civilization of liberal humanism - even at its most brilliant and benevolent - necessarily rest on the fact that other people produce goods and remove the ga rbage? (Widdowsson, 38ff)
Demnach kann vereinfacht gesagt werden, daß ohne die Basts die Wilcoxes, und ohne die Wilcoxes die Schlegels kein Auskommen hätten, denn jeder hängt von der wirtschaftlichen und geistlichen Produktivität des jeweils anderen ab.
3 Peter Widdowson, E.M. Forster’s Howard’s End. Fiction As History, [nachfolgend zitiert als Widdowson],
London 1977, 39.
5
Im Roman begreift die auf Tatsachen orientierte Margaret Schlegel diese Diskrepanz als existentiell. Ihre emotionalere Schwester Helen hält den „ganzen Menschen“ noch für erreic hbar, und sie spürt jedes den Basts angetane Unrecht beinahe persönlich in schmerzhafter We ise. Abstrakten Begriffen trauen die Schlegels nicht recht über den Weg, da sie das Individuum in eine große Form der Funktionalität schmelzen wollen, das humane Element aber dabei verlorengeht.
In their own fashion they cared deeply about politics, though not as politicians would have us care; they desired that public life should mirror whatever is good in the life within. Tempe rance, tolerance, and sexual equality were intelligible cries to them; whereas they did not fo llow our Forward Policy in Thibet with the keen attention that it merits, and would at times dismiss the whole British Empire with a puzzled, if reverent, sigh.“ (21) Das Empire kann für Ihresgleichen nie so bedeutend sein wie die Individuen, aus denen es besteht, denn „any human being lies nearer to the unseen than to any orgnization“(23). Hierin unterscheiden sie sich gravierend von E. M. Forsters Gegenentwurf englischen Lebens, den statusgeleiteten Wilcoxes, den Stellvertretern der von all diesen Überlegungen unberührten Seite der englischen Bevölkerung.
2. „The outer life“ und „the inner life“ - Die Faszination der Wilcoxes
Im 4. Kapitel von Howard's End macht Margaret Schlegel eine für die weitere Entwicklung der Geschichte fundamentale Feststellung über den allen kommenden Konflikten zugrunde liegenden Unterschied zwischen den beiden Familien:
The truth is that there is a great outer life that you and I have never touched - a life in which telegrams and anger count. Personal relations, that we think supreme, are not supreme there. There love means marriage settlements, death, death duties. So far I’m clear. But here’s my difficulty. This outer life, though obvious horrid, often seems the real one - there’s grit in it. It does breed character. Do personal relations lead to sloppiness in the end? (20)
Die vierköpfige Familie Wilcox wird mit einem äußerlichen Leben gleichgesetzt, welches Charaktere hervorbringt und eine Form des „wahren Lebens“ birgt, von der sich die Schlegels
6
ausgenommen fühlen. Die praktischen täglichen Verrichtungen sc heinen etwas zu sein, das die auf zwischenmenschliche Beziehungen - gesellige Diskussionsrunden und tiefe Geschwisterliebe - ausgerichteten Schlegels beeindruckend finden, und offenbar an sich selbst vermissen. Die stets geschäftige Realität, die Margaret an der anderen Familie so bewundert, schafft dabei nur Persönlichkeiten im eingeschränkten Sinne: Männer, „who have all ropes in hand“ und die Verantwortung für ihr Land übernehmen, die sich zwar in ihrem Auftreten widerspiegelt, tiefer Untersuchung aber nicht standhält, wie Helen sehr bald erfahren muß. Hinter der Schlegelschen Begeisterung für „character“ verbirgt sich auch die Suche nach wa hrer menschlicher Größe, wie sie der Vater Schlegel für seine Töchter verkörperte. Der deu tsche Intellektuelle, der sowohl idealistischer Verfechter als auch Kritiker seines Vaterlandes sein konnte, verließ Deutschland, um in England die Verwirklichung seiner Ideale zu suchen. Sein Idealismus hat zwar die Generationen überdauert, seine Tatkraft allerdings nur in Ansätzen. Seine Töchter haben sein unbestechliches Vermögen zu kritischer Einschätzung übernommen, vorallem Margaret, die durch diese Anlage niemals in Selbstzufriedenheit stagniert, wie es den Wilcoxes ständig passiert. Deshalb wird sie ihre Suche nach menschlicher Größe in den Männern der Wilcox-Familie letztlich ernüchtern.
Der größte Defekt der Wilcoxes ist eine völlig abgerissene Verbindung zu ihrem Innenleben. Innenleben bedeutet für Forster ein Netzwerk aus Gefühlen, die offen geäußert werden sollen und dürfen, und persönlichen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie. Die jüngere Schwester der Schlegels entdeckt bei ihrem Aufenthalt in Howard’s End, wieviel Gewicht ihre Gastgeber auf jenes Außendasein der faßbaren Symbole legen und dabei das innere Leben, d.h. das der menschlichen Regungen, vernachlässigen.
It was hard going in the roads of Mr Wilcox’s soul. From boyhood he had neglected them. Outwardly he was cheerful, reliable, and brave; but within, all reverted to chaos, ruled, so far as it was ruled at all, by an incomplete asceticism.(146)
Arbeit zitieren:
Katja Bechmann, 2001, E.M. Forsters Howard's End: Der Konflikt der Wilcoxes und Schlegels, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die deutsch-britische Flottenrüstung vor dem 1. Weltkrieg
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Die Bedeutung des Ideenmanagements als Innovationsinstrument
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Katja Bechmann hat den Text E.M. Forsters Howard's End: Der Konflikt der Wilcoxes und Schlegels veröffentlicht
Katja Bechmann hat einen neuen Text hochgeladen
The BBC Talks of E. M. Forster, 1929-1960: A Selected Edition
E. M. Forster, Mary Lago, Linda K. Hughes
0 Kommentare