I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Einleitende Bemerkungen
1. Die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns und das Mitleid
2. Das Mitleid als Mittel zur Erkenntnis
3. Das Mitleid als Zugang zur Erlösung vom Willen zum Leben
4. Schopenhauers Kritik an der Ethik Kants
5. Die Einordnung des Moralentwurfs Schopenhauers in die
philosophiegeschichtliche Entwicklung der Ethik und die
6. Schopenhauers und Kants Beiträge für eine zeitgemäße Ethik
Abschließende Betrachtungen
Einleitende Bemerkungen
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Ethik Schopenhauers. Es soll im folgenden darum gehen, die, nach Auffassung des Verfassers, zentralen Merkmale des schopenhauerschen Ansatzes einer Moralbegründung herauszustellen. Dabei sollen im ersten Abschnitt die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns benannt werden. Hier wird darüber hinaus gezeigt werden, daß das Mitleid nach Schopenhauers Auffassung als die Grundlage des ethischen Handelns anzusehen ist. Darauf aufbauend, wird im zweiten Abschnitt dargelegt, welche Bedeutung dem Mitleid als Zugang zur Erkenntnis im Sinne Schopenhauers zukommt. Die Beschäftigung mit dieser Thematik macht einen kurzen „Abstecher“ in die Metaphysik Schopenhauers notwendig, die aufs engste, und dies stellt auch eine Besonderheit im schopenha uerschen Denken dar, mit dessen Ethik verknüpft ist. Dabei soll aber nicht zu tief in die metaphysische Materie eingedrungen werden. So muß insbesondere die Frage nach der Rolle des intelligiblen Charakters, nach der Freiheit des Handelns und nach der Hierarchie von Wille und Erkenntnis ausgeklammert werden, um sich nicht all zu weit von der ethischen Fragestellung, die möglichst praktisch beantwortet werden soll, zu entfernen. Daran anschließend wird im dritten Abschnitt gezeigt, daß Schopenhauer das Mitleid bei weitem nicht als Selbstzweck ansieht, sondern lediglich als Zugangsmittel zur Negation des Willens. Die konkreten Schlußfolgerungen, die aus einem solchen Denkansatz zu ziehen sind, sollen dabei kritisch hinterfragt werden. Der Darstellung des ethischen Konzepts Schopenhauers, schließt sich im vierten Abschnitt dessen Kritik an Kants Ethikentwurf an. Hier wird es vor allem um die Kritik Schopenhauers am kategorischen Imperativ und dessen Ableitung von reinen Prinzipien a priori, gehen. Im fünften A bschnitt soll die Ethik Schopenhauers im Zusammenhang mit der philosophischen Tradition, und deren radikale Richtungsänderung im 19. Jahrhundert, gesehen werden, wobei hier besonders die Grundfrage nach dem Primat menschlichen Handelns im Vordergrund steht, die von Kant und Schopenhauer ganz unterschiedlich beantwortet wird. Im sechsten Abschnitt schließlich, sollen Schopenhauers und Kants Beiträge für eine zeitgemäße Ethik diskutiert und die Frage nach einer solchen gestellt werden. In den abschließenden B etrachtungen werden die Ergebnisse der Arbeit
Während in den Abschnitten eins bis vier nah an den Originaltexten gearbeitet wurde und diese auch öfters zu Wort kommen, ging es im fünften Abschnitt vor allem um die philosophiegeschichtliche Einordnung Schopenhauers. In den sechsten Abschnitt und in die abschließenden Betrachtungen sind, neben mehreren Einschüben auch in den anderen Abschnitten, verstärkt eigene Überlegungen des Verfassers eingeflossen. Der Reiz dieser Thematik bestand für den Verfasser in dem Versuch, den ethischen Entwurf eines nicht zuvor im Seminar behandelten Philosophen zu untersuchen und im Vergleich mit einem bekannten Denker darzustellen.
1. Die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns und das Mitleid als
In § 14 der Preisschrift über die Grundlage der Moral 1 heißt es:
„Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Thiere, ist der E g o i s m u s, d. h. der Drang zum Daseyn und Wohlseyn. [...] Dieser E g o i s m u s ist, im Thiere, wie im Menschen, mit dem innersten Kern uns Wesen desselben aufs genaueste verknüpft, ja, eigentlich identisch. Daher entspringen, in der Regel, alle seine Handlungen aus dem Egoismus, und aus diesem zunächst ist allemal die Erklärung einer gegebenen Handlung zu versuchen; [...] Der E g o i s m u s ist, seiner Natur nach, gränzenlos: der Mensch will unbedingt sein Daseyn erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlseyn, und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, [...] Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will wo möglich Alles genießen, Alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens Alles beherrschen: ‚Alles für mich,
und nichts für die Andern‘, ist sein Wahlspruch.“
Der Egoismus, der nach Schopenhauer die allgemeine Erscheinungsform der
Bejahung des Willens zum Leben darstellt, ist also als die Quelle aller menschlichen
Handlungen anzusehen. Allerdings versieht Schopenhauer dieses Postulat mit der
Einschränkung „in der Regel“. Es deutet sich hier bereits an, daß Ausnahmen möglich
zu sein scheinen. Eine höhere Potenzierung der moralischen Schlechtigkeit gegenüber
dem Egoismus läßt sich in der Bosheit erkennen. Diese ist neben dem Egoismus als
erster, die zweite Grundtriebfeder der menschlichen Handlung. Während der
Egoismus das eigene Wohl will, strebt die Bosheit nach dem fremden Weh, und zwar
um des fremden Wehs Willen. Die Bosheit nimmt nicht nur fremdes Weh bei der
Durchsetzung egoistischer Ziele in Kauf. Ihr kommt es, im Gegensatz zum Egoismus,
auf eigenes Wohl gar nicht an, sondern statt dessen eben auf fremdes Weh. Die
Bosheit kann sich bis zur Grausamkeit steigern. Es sei an dieser Stelle nur kurz darauf
verwiesen, daß nach Schopenhauer die Welt, in metaphysischer Hinsicht, eine
moralische Bedeutung hat, wonach die menschliche Existenz unter dem Zeichen einer
abzutragenden Schuld steht.
1
Die Frage nach der Grundlage der Moral ist nach Schopenhauer eines der zwei ethischen Grundprobleme. Das andere ist die Frage nach der Freiheit des Willens. Diese beiden Hauptgegenstände der Ethik untersucht Schopenhauer in einzelnen Abhandlungen:
Preisschrift über die Freiheit des Willens,
1839 und
Preisschrift über die Grundlage der Moral,
1840, die er 1841 zusammengefaßt unter dem Titel
Die beiden Grundprobleme der Ethik
veröffentlicht.
Diese Schuld zeigt sich dem Menschen in Form seines gesamten Lebens, welches durchweg Leiden und Qual ist. Die Boshaften und Grausamen unter den Menschen sind mit der Abwendung dieser Qual gescheitert und versuchen nun, diese durch den Anblick fremden Leids zu lindern. Durch diesen Anblick erfahren sie eine Äußerung ihrer Macht, die sie in ihrer eigentlichen Ohnmacht als Ersatz genießen. Das Zufügen von Leid fungiert als Lustquelle.
Ich möchte an dieser Stelle, von der Auffassung Schopenhauers zur Rolle der Bosheit ausgehend, kurz folgende Überlegung einschieben: Wenn Menschen nicht in der Lage sind, ihre eigenen Leiden zu lindern und sich aufgrund dessen der Bosheit oder Grausamkeit bedienen, um dieses Defizit auszugleichen, und geht man zugleich davon aus, daß eine Verminderung des menschlichen Leidens auch von der Möglichkeit abhängt, sich materieller Mittel zu bedienen, hieße dieses dann nicht, denkt man in dieser Richtung weiter, daß besonders solche Menschen Gefahr laufen, sich der Bosheit oder Grausamkeit ersatzweise zu bedienen, die eben nicht in hohem Maße über materielle Mittel zur Linderung ihres menschlichen Leidens verfügen. Wenn Schopenhauer in diesem Zusammenhang als Prämisse die Möglichkeit der Leidlinderung durch materielle Güter mit im Blick hatte, könnte daraus diese problematische Schlußfolgerung gezogen werden.
Die dritte Grundtriebfeder des menschlichen Handelns ist schließlich das Mitleid, auf dem Schopenhauer seine Ethik begründet. Nach Schopenhauers Definition läßt sich eine moralische Handlung negativ bestimmen durch die Abwesenheit aller egoistischen Beweggründe. Es stellt sich die Frage, wie trotz der tief in der Natur des Menschen verwurzelten eigennützigen Neigung, das fremde Wohl uneigennützig sein Motiv sein kann. Schopenhauer beantwortet diese Frage folgendermaßen:
„Offenbar nur dadurch, daß jener Andere d e r l e t z t e Z w e c k meines Willens wird, ganz so wie sonst ich selbst es bin: also dadurch, daß ich ganz unmittelbar s e i n Wohl will und s e i n Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur d a s m e i n i g e. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei s e i n e m Wehe als solchem geradezu mit leide, s e i n Wehe fühle, wie sonst nur meines, und deshalb sein Wohl unmittelbar will, wie sonst nur meines. Dies erfordert aber, daß ich auf irgend eine Weise m i t i h m i d e n t i f i c i r t s e i , d. h. daß jener gänzliche U n t e r s c h i e d zwischen mir und jedem Andern, auf welchem gerade mein Egoismus beruht, wenigstens in einem gewissen Grade aufgehoben sei. [...] es ist das alltägliche Phänomen des M i t l e i d s , d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen T h e i l n a h m e zunächst am L e i d e n eines Andern und dadurch an der Verhinderung oder Aufhebung dieses Leidens, als worin zuletzt alle Befriedigung und alles Wohlseyn und Glück besteht.“
2
SCHOPENHAUER, Moral, S. 235 f.
1 SCHOPENHAUER, Moral, S. 247 f.
Quote paper:
Ruben von der Heydt, 2003, Überlegungen zur Ethik Schopenhauers unter besonderer Berücksichtigung seiner Kritik an der Kantischen Ethik, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Zeit - Immanuel Kants transzendentale Ästhetik der Zeit und ihre B...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 36 Pages
Immanuel Kants Überlegungen zur Transzendentalen Ästhetik §4 "Von...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Ansätze zur phänomenologischen Theorie des Bewusstseins und des Egos: ...
Philosophy - Philosophy of the Present
Presentation (Elaboration), 13 Pages
Der Raum- und Zeitbegriff bei Kant
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Arthur Schopenhauer: Reichweite und Grenzen seiner Mitleidsethik
Reichweite und Grenzen seiner ...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Der Terminus 'Dialektik' bei Kant und in der Philosophiegeschi...
Philosophy - General Essays, Eras
Termpaper, 28 Pages
Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 14 Pages
Ein Gedankengang mit Kant
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Doctoral Thesis / Dissertation, 170 Pages
Kants Kritik der reinen Vernunft
Erläuterung des dritten Haupts...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Zeit und Veränderung in der Transzendentalen Ästhetik in Kants Kritik ...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Han...
Philosophy - General Essays, Eras
Termpaper, 56 Pages
Aristoteles' ontologische ...
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Freiheit des Selbstbewusstseins durch die Erfahrung der Arbeit, des Ve...
In: G.W.F. Hegel: Phänomenolog...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Eine Zusammenfassung von de...
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Husserls Lebenswelt-Konzept: Intentionen, Probleme, mögliche Anwendung...
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Schopenhauers metaphysisches Argument in seiner "Preisschrift übe...
Philosophy - Philosophy of the Present
Termpaper, 12 Pages
Ruben von der Heydt has published the text Überlegungen zur Ethik Schopenhauers unter besonderer Berücksichtigung seiner Kritik an der Kantischen Ethik
Ruben von der Heydt has uploaded a new text
Der Patient und sein Behandler
Die Perspektive der Medical Hu...
Dominik Groß, Michael Rosentreter
0 comments