Inhalt
0. Vorbemerkungen
0.1 Fehlen kritischer Analysen
0.2 Die Moderne wird zum langen Irrweg
1. Farnsworth-House 1946 51
1.1 Eine begehbare konstruktivistische Skulptur
1.2 Exorbitante Bau- und Unterhaltskosten
1.3 Die Gerichtsverfahren
1.4 Die ganze Geschichte
1.4.1 Neuer Besitzer - alte Mängel
1.5 Detail Außenstütze / Fenster
1.5.1 Mangelhafte Heizungstechnik und Wärmedämmung
1.6 Ignorieren der Mängel
2. McCormick-House 1951 52
3. Morris Greenwald-House 1951 53
4 . Miestakes
4.1 Rem Koolhaas über Mies
5. Kommentar
5.1 Missachtung von Funktionen und Bautechnik
5.2 Farnsworth-House - der 2. Wendepunkt im Bauen der Moderne
5.3 Permanente Selbst- und Fremdtäuschungen
5.4 Epigonen sind nicht die allein Schuldigen
5.5 Wegreden der Fehlentwicklungen
5.6 Die Ewigkeit dauerte nur ein halbes Jahrhundert
Anmerkungen
Bildnachweise
2
0. Vorbemerkungen
0.1 Fehlen kritischer Analysen
Mies van der Rohes "Farnsworth-House" war wohl die berühmteste Ikone der Moderne. Sie wurde weltweit bejubelt und ausgezeichnet, an den Entwurfslehrstühlen -insbesondere der BRD- bis in die 80er Jahre zelebriert wie eine Offenbarung, dann stillschweigend und kommentarlos -wie andere Bauhaus-Ideale- fallen gelassen. Beide Reaktionsarten werden als verhängnisvoll falsch und kostspielig gehalten, auch wenn die Mehrheit danach verfährt. Kritische Würdigungen und Analysen sind nach wie vor Mangelware, insbesondere bei führenden bundesdeutschen Architekturtheoretikern und -historikern. Dabei bestätigt die weitere Geschichte die einstige harsche Kritik von Frau Dr. Farnsworth. Die folgenden Zeilen sollen auch einen Beitrag zu ihrer Rehabilitation leisten.
Autoren bringen auch heute noch Mies -Literatur auf den Markt, die vor allem seine Wohnbauten als vorbildlich darstellt. Die großformatigen Hochglanz-Broschüren mit professionellen Ausschnittfotos zeigen eine bestechende Ästhetik (Mies soll auch hier den Standort bestimmt haben). Sie trugen viel zu den Fehlentwicklungen rationalistischer Architektur bei. Über Jahrzehnte begnügten sich Fachleute und Hi-storiker widerspruchslos mit von Grafikern gefertigten, Schema -Zeichnungen ohne Beschriftung und Maßangaben. Ausschließlich beschönigende Texte verschwiegen die auch für damalige Zeiten schon erheblichen Funktions-, Technik- und Detailmängel, ebenso die exorbitanten Bau- und Unterhaltungskosten. Alles, was die "weißen Götter" und ihre Architektur hätte in Misskredit bringen können, wurde eisern verschwiegen. Damit erwiesen sie der Architektur im allgemein und der "Neuen Sachlichkeit" im besonderen einen Bärendienst. Die zahlreichen Widersprüche zum ans onsten so betonten sozialen Aspekt wurden ignoriert.
In einem Punkt funktioniert das "Kunstwerk" heute noch: es dient US-Studenten als Übungsaufgabe für Wärmebedarfs- und Wärmeschutzberechnungen. Die Kennziffern werden von Hochschulen im Internet verbreitet. Dies hatte zudem den Vorteil, dass nunmehr erstmals Originalzeichnungen an die Öffentlichkeit gelangten.
Behörden und Städte der USA investieren heute beträchtliche private und öffentliche Gelder in die Erhaltung des überaus teuren Bauhaus -Erbes, engagieren sich bei der Denkmalpflege in respektabler Weise.
Man kann die Meinung vertreten, dass mit der Kritik von Frau Farnsworth und der anschließenden öffentlichen Diskussion der Bauhaus-Architektur in den USA zu Beginn der 50er Jahre der eigentliche Wendepunkt im Bauen der Moderne eintrat, die Postmoderne ihren Anfang nahm. Der spätere Rückgriff von Architekten und Bauherren auf historische und regionale Haustypen erklärt sich mit der nahezu völligen Unbewohnbarkeit und Unbrauchbarkeit solcher "Zweckformen". Die einst so verachtete "reaktionäre Spiesserhütte" funktionierte einfach in jeder Beziehung besser. Postmoderne Architekten in Amerika, Großbritannien und Japan gingen von einer Kritik und Analyse des Farnsworth-House aus (Ch. Moore, P. Rudolph, u.a.). Sie übernahmen seither quantitativ und qualitativ die Führungsrolle in diesem Stil. Architekten, Theoretiker und Historiker der BRD, ja ganz Europas, verspielten das Bauhaus-Erbe in selbstherrlicher und starrköpfiger Weise, alle Warnungen in den Wind schlagend.
0.2 Die Moderne wird zum langen Irrweg
Die Moderne scheiterte hauptsächlich im Wohnungsbau, sowohl was das Einzelgebäude als auch den Siedlungs- und Städtebau anbetrifft. Eine fundierte Analyse der Ursachen gab es im vergangenen halben Jahrhundert nur sporadisch, erst recht keinen gleichwertigen modernen Ersatz des historischen Haustyps, der auch von der Bevölkerung akzeptiert wird.
Da hier die Meinung vertreten wird, dass mit Mies` Wohnhausprogramm in den USA nochmals ein gezielter Zugriff auf die bourgeoise "Hütte mit den kleinen Fenstern" (Corbusier) erfolgen sollte, lohnt sich ein Blick auf das weitere Schicksal, auch der anderen Beispiele.
In den USA hatte Mies den „Rubicon“ überschri tten. Vor allem seine Wohn"häuser" und -projekte wurden trotz aller Ästhetik und Eleganz zu einer "Reise nach Absurdistan". Sichtlich abgeschnitten von den einstigen Bauhauswurzeln entwickelte er seine Bauten hin zu einer inhumanen Radikalität sozialistischer und funktionalistischer (nicht sozialer und funktionaler) Einheitsarchitektur, in welcher der psychische Mensch keine und der physische eine nebensächliche Rolle spielte. Leider wurde global gerade diese radikale Phase des sterilen „beinahe Nichts“ blind verherrlicht und kopiert. Historiker und Theoretiker versäumten es bisher, zu klären, wie stark dabei der Einfluss des langjährigen Freundes Ludwig Hilbersheimer war. Ebenso fragt man sich, warum niemand seiner ehemaligen Weggefährten den einsamen Vorkämpfer warnte, auch wenn er dies wohl ignoriert hätte.
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1. Farnsworth-House 1946 -51
1.1 Eine begehbare konstruktivistische Skulptur
In den späten 1980er Jahren gewährte der britische Makler Lord Peter Palumbo, zweiter Besitzer der Immobilie, in einem Vortrag an der TU München Einblick in seine Erfahrungen als Bewohner. Sachlich schilderte der Mies-Fan auch die Einwände der Vorbesitzerin:
Da das Einzimmer-Haus nur durch die geöffnete Eingangstür und zwei kleine Lüftungsklappen auf der Rückseite Querlüftung erhalten konnte, habe Frau Farnsworth Mies gebeten, wenigstens im Sommer Fliegenschutzgitter anbringen zu dürfen. Mies lehnte kompromisslos ab. Als ein Student beim Vortragenden nachfassen wollte, sprang der damalige Dekan der Architekturabteilung auf und unterband die Diskussion mit den barschen Worten: ..."Frau Farnsworth sei eine alte hysterische Zicke gewesen und wollte sich nur rächen, weil Mies sie verlassen habe.“ Das war wörtlich derselbe O-Ton, mit dem Lehrstuhlinhaber zweifelnde Studenten schon 40 Jahre zuvor mundtot machten. 3)
1 Dieser Grundriss ging um den Globus, etwa auch in der Größe und ohne Nordpfeil. Die nachträglich auf der Terrassen - Nordseite von Palumbo als Windschutz angebrachten, schwarz gestrichenen Wendetüren hätte Mies nie zugelassen, ebenso wenig die Fußbodenmatte und eine nachträglich angebrachte Deckenlampe zur Beleuchtung der Terrasse. Solche nützlichen Accessoires waren überflüssig, sie störten die Ästhetik. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass es dem neuen Besitzer auf seinem Freisitz zu zugig und dunkel war. In W. Blasers Buch 1986 und anderen ist diese Verglasung peinlich schlecht weg retuschiert. (Für die heutige Museumsfassung wurde alles wieder entfernt). Wie so etwas als „internationale Architektur“ funktionieren sollte, zumal wenn keine solch grandiose Baumkulisse vor-handen ist, darüber schweigt man sich immer noch aus.
Viele Mies -Enthusiasten wischten von Beginn an die vernichtende Kritik der Bauherrin am Idol und seiner Architektur weg. Fakt ist aber, dass sich die Eigentümerin sarkastisch und maßlos enttäuscht über die weltberühmte Glas -Stahlkonstruktion ausließ. Mit Ästhetik als Ersatz für Funktionserfüllung wollte sie sich nicht abfinden: …“Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild“. …“Ich wollte etwas Bedeutungsvolles tun und alles, was ich erhielt, war diese oberflächliche (glib), falsche Intellektualität (sophistication). …“Wir wissen, dass weniger nicht mehr ist. Es ist einfach weniger!“ …“Die Glas-Stahl-Konstruktion ist unbewohnbar“….“Man sollte etwas über dieses Haus sagen und dagegen tun, oder es wird keine Zukunft für die Architektur geben.“ Mies hielt dagegen: …“ Frau Doktor wusste sehr wohl, dass das Haus nicht für das Leben einer Familie gedacht war, sondern als reiner Ausdruck einer Idee.“ 4)
Das „bedeutendste Gebäude des 20. Jhdts.“ (Landmarks Pres ervation, Illinois) wurde allerdings nie in eine Denkmalschutzliste aufgenommen.
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1.2 Exorbitante Bau- und Unterhaltskosten
Der angeblich so preiswerte Stil verursachte unerwartet hohe Baukosten. Sie beliefen sich schließlich auf 73.000.- Dollar, (was heute rd. 500.000.- Dollar entspricht), und lagen damit um 34.000 Dollar über dem Kostenvoranschlag. Allein der Travertin-Boden habe fast 1/3 der Bausumme, nämlich 25.000 Dollar, verschlungen. Die Heizungskosten seien exorbitant. Die einstige Gefährtin wollte nur ein kleines Wochenendhaus (und bis dahin wohl auch Mies selbst); nun kostete es weit über 100.000. - Dollar. Die von Mies geforderte Ausstattung mit von ihm entworfenen Möbeln, ebenso wie die von ihm ausgewählten Gardinen, hatte sie abgelehnt, sonst wäre es noch teurer geworden.
(Anm: Für diesen Preis hätte sie drei komfortable vorgefertigte Wochenend-Blockhäuser samt Einrichtung und ohne Architektenrechnung erhalten. Die enormen Unterhaltskosten wurden in den Jubelbroschüren nie erwähnt).
1.3 Die Gerichtsverfahren
Da in der Literatur und bei Mies -Anhängern allenfalls von „Klagen“ Edith Farnsworth`s die Rede ist, wenn überhaupt, sei das bisher Bekannte nach Franz Schulze rekapituliert: 2) Die Gerichtsverfahren selbst wurden bisher nicht aufgearbeitet und veröffentlicht.
Die Auftraggeberin verweigerte das Honorar, worauf sie von Mies mit einer Forderung von 28.173 Dollar verklagt wurde. Darauf reagierte sie mit einer Gegenklage und verlangte 33.872 Dollar. Dies sei die Summe gewesen, die sie über den Kostenvoranschlag hinaus habe aufbringen müssen.
wurde weltweit gefeiert und ausgezeichnet. Die "konstruktivistische Skulptur" ist aus der Baugeschicht e nicht mehr wegzudenken. Die Eigentümerin aber ging verärgert in die Öffent- lichkeit. Die Kritik an Mies und der Bauhausarchitektur begann in den USA 1953.
1.4 Die ganze Geschichte
Schon kurz nachdem sie sich kennen lernten 1946 begann die Planung. Architekt und Bauherrin genossen die Zeit und hatten keine Eile mit der Realisierung. 1949 erhielt Edith Farnsworth ein kleines Erbe, das ihr die Finanzierung ermöglichte. Die Bauarbeiten begannen im Sept. 1949 und wurden 1951 abgeschlossen. Bereits 1947 war ein Modell im Modern Art Museum ausgestellt. (Philip Johnson musste also nicht in Mies` Büro für sein noch vor dem Farnsworth-House fertig gestelltes Glas haus in New Canaan „spionieren“, wie ihm jener vorwarf). 1951 begannen Klage und Gegenklage, die 1953 entschieden wurden.
Die weitere Geschichte des „bedeutendsten Gebäudes der Moderne“ (`Friends of Farnsworth-House`) ist nicht weniger ereignisreich.
1962 beauftragt der wohlhabende britische Makler und Mies-Bewunderer, Lord Peter Palumbo den Stararchitekten mit einem Bürogebäude in London, das aber nicht zur Ausführung kam.
1968 wollte er ihn für ein eigenes Wohnhaus gewinnen. Ein Vertrag kam aber -wohl aufgrund dessen Alters und angegriffener Gesundheit- nicht mehr zustande. Mrs. Farnsworth hatte die Immobilie in der Zwischenzeit zum Verkauf auf den Markt gebracht. Palumbo meldete sich als Interessent. Über die Kaufsumme herrscht bis heute Stillschweigen. *
1969 Tod von Ludwig Mies van der Rohe
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Dipl. Werner Nehls, 2005, Farnsworth-House - ein Rückblick. Mies' Wohnhausprogramm in den USA, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Pamela J. Belanger, William A Farnsworth Library and Art Mus, Fronia W. Simpson
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