1. Einleitung
Märchen waren und sind der „Kinderklassiker“ schlechthin, sie verzaubern uns und entführen uns in eine Welt, in der Prinzessinnen und Feen, Hexen und Drachen leben. Bis heute haben Märchen nichts von ihrem Zauber verloren. Daher weiß wohl ein jeder, wovon die Rede ist, wenn es um Märchen geht, und kann eines benennen, doch weiß kaum jemand über ihre Entstehung und ihre Geschichte bescheid, die das europäische Volksmärchen doch sehr geprägt haben. Dass Märchen nicht gleich Märchen sind, sondern dass sie mehr als bloßer Erzählstoff sind und ursprünglich nicht als allabendliche Kinderliteratur vor dem Einschlafen gedacht waren, ist vielen nicht bewusst.
Als angehende Grundschullehrerin sehe ich mich im späteren Berufsalltag mit der Thematik des Märchens konfrontiert und erachte es daher als wichtig, mich mit ihr auseinander zu setzen. Zudem finde ich es äußerst interessant, mich eingehender mit Märchen zu befassen, da diese Gattung auch meine Kindheit geprägt und meine kindlichen Träumereien beeinflusst hat.
In der vorliegenden Hausarbeit befasse ich mich hauptsächlich mit der Textanalyse eines europäischen Volksmärchens aus der Märchensammlung der Brüder Grimm, dem Kinder- und Hausmärchen Nr.1, „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Dazu erkläre ich im ersten Kapitel den Begriff des Märchens und gehe kurz auf dessen Entstehung ein. Darauf folgend führe ich die unterschiedlichen Märchentypen an, um einen groben Überblick zu verschaffen. Im weiteren Verlauf gehe ich ausführlich auf die Wesensmerkmale des europäischen Volksmärchens, erarbeitet von Max Lüthi, ein. Anhand dieser Kategorien analysiere ich das oben erwähnte Märchen anschließend auf seine Wesensmerkmale, um letztendlich erkennen zu können, ob es sich bei dem vorliegenden Text um ein „echtes“ Märchen handelt und in welchen Punkten es einem typischen Märchen entspricht. Die Arbeit endet mit einer abschließenden Schlussbetrachtung.
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2. Zum Begriff und zur Entstehung von Märchen
Die Begriffe „Märchen“ oder „Märlein“ sind Verkleinerungsformen zu dem mittelhochdeutschen Wort „Mär“ und bezeichneten ursprünglich eine kurze Erzählung, Nachricht oder Kunde von einem wirklichen Geschehen. Dabei verweist die Diminutivbildung zum einen auf die Kürze der zunächst nur mündlich vorgetragenen Erzählungen und zum anderen darauf, dass Märchen im Laufe der Zeit Bedeutungsverschlechterungen erfuhren und auf fiktive, unwahre Geschichten eingegrenzt wurden. Erst mit der Entstehung der berühmten „Feenmärchen“ und Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“, dem literarischen Schaffen Herders und weiteren Trägern des Sturm und Drangs, den Märchensammlungen von Bechstein s owie der Brüder Grimm und den Dichtungen deutscher Romantiker wurde die Bedeutung des Begriffes „Märchen“ wieder ins Positive gerückt (vgl. Lüthi, 1996, S.1). Als eigentliche Märchen werden die sogenannten Zauber- und Wundermärchen bezeichnet. „Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Fantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte ...“ (Lüthi, 1996, S.3), in wel cher die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wunderbarem aufgehoben sind.
Der Entstehungszeitpunkt von Märchen kann nicht genau festgelegt werden, da über einen langen Zeitraum fast ausschließlich mündliche Überlieferungen stattfanden, die eine zeitliche Rückverfolgung unmöglich machen. Die ersten Spuren des Märchens sind bereits im alten Ägypten zu finden, wo auf Papyri gezeichnete Erzählungen mit märchenhaften Zügen gefunden wurden. Diese Geschichten waren jedoch nur für die Oberschicht gedacht und galten daher nicht als Volksmärchen.
In den literarischen Texten des Mittelalters wurden gelegentlich märchenhafte Schilderungen festgestellt, als Hauptereignis in der Geschichte des Märchens können jedoch die Erscheinung der Märchensammlungen von Giovan Francesco Straparola „Die ergötzlichen Nächte“ sowie von Giambattista Basiles „Das Märchen aller Märchen“ angesehen werden. Straparola ist der älteste Märchensammler Europas, und von Basiles stammen viele der berühmten
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Volksmärchen wie beispielsweise „Dornröschen“, „Aschenputtel“, Der gestiefelte Kater“ und andere.
Das entscheidende Ereignis in der Geschichte des deutschen Volksmärchens war ohne Zweifel die Herausgabe der gesammelten Werke der Brüder Grimm „Kinder- und Hausmärchen“ 1812 und 1815, welche die Tradition des Märchens begründeten und die mündlichen Überlieferungen durch die schriftliche Form ablösten (vgl. Richter/Merkel 1974, S.42).
3. Typen des Märchens
Märchen wurden über Jahrhunderte in verschiedene Kategorien eingeteilt. Der finnische Märchenforscher Antti Aarne erfand 1928 ein Typensystem, welches von Stith Thompson noch erweitert wurde. In diesem sind alle verschiedenen Märchenarten verzeichnet. Die drei Hauptgruppen sollen an dieser Stelle veranschaulicht werden.
Die erste Hauptgruppe bilden die Tiermärchen, in denen Tiere die Handlungsträger darstellen. Bei diesen Tieren handelt es sich nicht um verzauberte Menschen. Im Gegensatz zu anderen Märchen sind sie kürzer und einfacher aufgebaut. Ein Beispiel für ein Tiermärchen sind „Die Bremer Stadtmusikanten“(vgl. Lüthi, 1996, S.16).
Die zweite Hauptgruppe ist die der „eigentlichen Märchen“. Sie ist unterteilt in Zauber- und Wundermärchen, legendenartige Märchen, novellenartige Märchen sowie Märchen vom dummen Teufel oder Riesen. Der Schwerpunkt der z weiten Hauptgruppe sind die Zauber- und Wundermärchen. Dort spielt der übernatürliche Faktor eine entscheidende Rolle, indem der Protagonist entweder übernatürliche Gegner, z.B. die Hexe bei „Hänsel und Gretel“, übernatürliche oder verzauberte Angehörige (z.B. „Dornröschen“) oder übernatürliche Aufgaben, Helfer (z.B. „Aschenbrödel“) oder Gegenstände (z.B. „Aladdin“) hat. Der Sinn dieser Märchen ist der, die Bewährung des Protagonisten in einer anderen als der heimischen Umwelt zu schildern. Er gerät in einen Konflikt, den er lösen muss.
In legendenartigen Märchen ist Gott der Lohnende oder Strafende, und es wird immer die Wahrheit aufgedeckt (z.B. „Der singende Knochen“).
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Novellenartige Märchen handeln von Liebe, Treue, Schicksalsmächten und Verbrechen. Ihre Handlung fällt nicht aus dem Rahmen des in Wirklichkeit Möglichen. „Viele dieser Erzählungen könnten ohne weiteres als Novelle oder romanartige Geschichten bezeichnet werden. Was sie als Märchen erscheinen lässt, ist ihr Handlungsfeld, ihr Personal (Könige, Prinzessinnen), ihre wirklichkeitsferne Stilisierung“ (Lüthi, 1996, S.18). Ein Beispiel für diese Art des Märchens ist „König Drosselbart“.
Im Märchen vom dummen Teufel oder Riesen bildet der Wettstreit zwischen Mensch und Unhold den Mittelpunkt (z.B. „Das tapfere Schneiderlein“).
Als letzte Hauptgruppe gelten die Schwankmärchen, die sich ebenfalls in verschiedene Untergruppen einteilen lassen. So gibt es Schildbürgerschwänke, Schwänke von Ehepaaren und Lügenmärchen. Oftmals handeln Schwankmärchen vo n sozialen Unterschichten wie Handwerksgesellen und Wanderburschen. Der Held versucht, alltägliche Konflikte durch List und Klugheit zu meistern (vgl. Lüthi, 1996, S.19).
3.1. Volks- und Kunstmärchen
Die übergeordnete Einteilung von Märchentypen geschieht durch die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen. Im Folgenden sollen wesentliche Charakterzüge beider Märchentypen beschrieben werden, wobei nur kurz auf das Kunstmärchen eingegangen wird, da dieses im weiteren Verlauf der Hausarbeit keine Rolle spielt.
3.1.1. Kunstmärchen
Im Gegensatz zu Volksmärchen sind Kunstmärchen eine individuelle Erfindung einer einzelnen Person und haben daher auch eine genaue Entstehungszeit. Die meisten von ihnen stammen aus der Epoche der Romantik. Bedeutende Märchenautoren dieser Zeit sind unter anderem Brentano, Novalis, Tieck, Hoffmann, Mörike und Andersen.
Das Kunstmärchen unterliegt in der Wahl der Requisiten und der Handlungselemente der Fantasie und Kreativität des Autors.
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Häufig drückt es unerfüllte romantische Sehnsüchte aus. Obwohl es nach dem Muster des Volksmärchens erzählt ist, orientiert es sich dennoch nicht an den Wünschen eines naiv moralisierenden, kindlichen Aufnahmekreis, sondern es gibt meist „...umfassende existentielle und gesellschaftlich-geschichtliche Problemstellungen“ (Freund, 1996, S.183) wider, die in komplexen Strukturen dargestellt sind. Im Kunstmärchen tritt die Komplexität der Handlung auf, so dass verschiedene Ereignisse auch nebeneinander existieren können. In die ursprünglich volkstümlichen Formen spielen philosophische (Novalis) und auch dämonische (E.T.A. Hoffmann) Elemente mit hinein und belasten somit die Form des Märchens durch Symbolik und subjektive Problematik (vgl.http://www.udoklinger.de/Grimm/Einfuehrung.htm).
3.1.2. Volksmärchen
„Unter einem Volksmärchen versteht man dank genauer Definition der Literaturwissenschaft eine kürzere volksläufig-unterhaltsame Prosaerzählung von phantastisch-wundersamen Begebenheiten ohne zeitliche und räumliche Festlegung. Dabei ist die Hauptfigur des Märchens stets so gezeichnet, dass sie zur Identifikation anregt“ (http://www.udoklinger.de/Grimm/Einfuehrung.htm).
„Das Märchen ist eine Kunstform der Erzählung, die neben Gemeinschaftsmotiven auch in einer die Entwicklung der Handlung bestimmenden Weise Wundermotive verwendet“ (Wesselski).
Typisch für das Volksmärchen sind Formeln wie „Es war einmal....“, „...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ oder „Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“. Die Anfangsformel verweist auf die Fiktion der Geschichte an der Grenze zur Wirklichkeit, und die Schlussformel artikuliert den Wunsch nach Dauer des Glücks (vgl. Freund, Winfried, 1996, S.182).
Die Ausgangslage im Märchen ist meist ein Konflikt, eine Aufgabe, eine Notlage oder ein Bedürfnis, welches bewältigt werden muss. Darauf folgt stets der gute Ausgang. Mit der Problemlösung verbindet sich eine moralische Konsequenz, die das Gute belohnt und das Böse bestraft (vgl. Lüthi, 1996, S.25). Inhaltlich werden in den meisten Märchen wesentliche menschliche Verhaltensweisen und Unternehmungen dargestellt: Kampf, Stellen und Lösen
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Arbeit zitieren:
Monika Reichard, 2005, Textanalyse eines Märchens Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, München, GRIN Verlag GmbH
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