Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Identität und Identitätsbildung 2
2. Möglichkeiten und Begrenzungen 4
2.1 Anonymität. 4
2.2 Textbasierendes Medium 13
2.3 Typ der Computernutzung 18
2.4 Selbstaufmerksamkeit. 20
3. Schluss und Ausblick 24
4. Literaturverzeichnis 27
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1. Einführung: Identität und Identitätsbildung
Das Internet mit seinen vielen Diensten und den spezifischen Umgangsformen innerhalb einer Internetdiskussion bietet verschiedene Möglichkeiten mehr über sich selbst zu erfahren. Etwas über sich selbst zu erfahren, zu erfassen wie man selbst ist, genau dies ist der Weg über den man zu einem Verständnis über seine eigene Identität gelangt. Aus der Nutzung des Internets gehen spezielle Möglichkeiten für die Identitätsbildung hervor, die ich im Rahmen dieser Arbeit beschreiben möchte. Zu den Merkmalen des Internets gehören die Anonymität und die Textbasiertheit des Mediums. Dies sind zwei wesentlichsten Merkmale des Internets, und sich somit auf die Identitätsbildung auswirken können. Doch diese Faktoren alleine sind nicht ausreichend genug, um die Möglichkeiten der Identitätsbildung durch das Internet zu beschreiben. Darüber hinaus ist der Typ der Internetnutzung und das Vorhandensein von Selbstaufmerksamkeit von Bedeutung . Daher werde ich auch auf diese beiden Bereiche noch zu sprechen kommen müssen. Im Hinblick auf die Selbstaufmerksamkeit werden besonders die Auslöser im Mittelpunkt stehen, die zu Selbstaufmerksamkeit führen. Bei diesem Thema gibt es noch weitere Aspekte, welche z.B. die inneren Zuständen betreffen, doch diese werden hier außen vor gelassen, da sie Gegenstand der Psychologie sind.
Identität selbst ist ein Begriff, der in der Soziologie und Psychologie benutzt wird, und damit stellt sich auch hierbei die Frage einer Abgrenzung. Identität ist zunächst als die Vorstellung von einem Selbstkonzept ein psychologisches Konzept. Zur Identitätsbildung kommt es aber auch durch einen großen Teil durch Interaktion, womit wiederum die Soziologie angesprochen wäre, die sich mit zwischenmenschlichem Handeln befasst. Innerhalb der Idee eines Selbstkonzeptes kann noch nach kollektiver und individueller Identität unterschieden werden. Hierbei werde ich ausschließlich letztere behandeln. Doch um zu verstehen, wie die Benutzung des Internet unser Selbstverständnis verändern kann, sollten wir einen Blick darauf richten, was überhaupt unter Identität zu verstehen ist.
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Lexikalisch betrachtet bedeutet Identität zunächst einfach nur Gleichheit. Es meint den Zusammenfall von dem wie wir uns selbst sehen und dem was wir tatsächlich sind und nur mit dem. Wir sind Individuen und verschieden von anderen. Das klingt selbstverständlich, das ist es jedoch für einen Säugling nicht, der sich und seine Mutter immer als Einheit betrachtet und erst allmählich lernt, dass die Mutter jemand Getrenntes von ihm ist und eigene Wahrnehmungen hat. Weiterhin beschreibt der Begriff der Identität das Gefühl einzigartig zu sein und meint ein über die Zeit und verschiedene Situationen hinweg gleich bleibendes Wissen über das Selbst. Aus soziologischer Sicht gehört dazu auch die Bewusstheit über die individuelle Einstellung, die eigene Lebenssituation und die soziale Zugehörigkeit. Dabei ist das Selbstkonzept einem Prozess der Identitätsentwicklung unterworfen, der nie abgeschlossen ist. Einschneidende Erfahrungen und Veränderungen können die Kontinuität des Selbsterlebens stören und damit zu einer Identitätskrise führen, die zu einer neuen, gefestigten Identität führen können. Das Bewusstsein über die eigene Identität hat man nicht von Anfang an, sie entwickelt sich im Laufe des Lebens durch Erfahrung, Interaktion mit anderen und Selbstreflektion.
In ähnlicher Weise ist der Zusammenhang zwischen Erfahrung und Selbstreflektion bei Adorno zu finden. Er schätzt die Bedeutung der Selbstreflexion für die Selbsterkenntnis als sehr hoch ein, sie hat dabei eine Ich-bildende Funktion. Adorno ist der Meinung, dass es von Wahrnehmung zu Erfahrung und Erkenntnis kommt und dass diese Erkenntnis immer nur Selbst-Erkenntnis ist (Schweppenhäuser 1966: 55).
„Adorno will zeigen, daß Erkenntnis, die diesen Namen verdient, mehr ist als nur die regelgeleitete Unterordnung von Sinnen- und Gedankenmaterial unter die logische Systematik. Genauer betrachtet, geht er noch einen Schritt weiter: Erkenntnis in diesem restringierten Sinne sei immer nur Selbst-Erkenntnis.“ (ebenda: 55)
Über die bloßen, alltäglichen Wahrnehmung muss jedoch hinausgegangen werden, Adorno spricht hier von „ungeschmälerten“ Erfahrung. Erst wenn dazu die Reflektion hinzukommt bekommt es erst die Qualität einer Erkenntnis, bzw. Selbsterkenntnis (vgl. Rademacher 1997: 139-142).
„Da Erfahrung für Adorno [...] in einer engen Verbindung mit Erkenntnis steht, ist eines ihrer exponiertesten Merkmale die Fähigkeit zur Selbstreflexivität. Neben den konstitutiven Bedeutungsmerkmalen der Leibbezogenheit, Spontaneität und Lebendigkeit ist die kritische Selbstreflexivität bestimmend für Adornos emphatischen
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Begriff einer ‚lebendigen’ oder, wie er auch sagt ‚ungeschmälerten’ Erfahrung. Erst das Zusammenwirken dieser Bedeutungselemente, vor allem die Befähigung zur Selbstreflexivität, ergeben zusammen das, was Adorno als ‚die volle, unreduzierte Erfahrung im Medium begrifflicher Reflexion’ bezeichnet.“ (ebenda: 142) „Das Subjekt [muss dazu] die äußeren Sinneseindrücke und sein inneres Empfindungssensorium ungezwungen kommunizieren“ lassen (Honneth 1988: 140).
Doch bevor es zu Selbstaufmerksamkeit und Selbsterkenntnis kommen kann kommen wir zunächst auf die Merkmale des Internets, welche die Grundlage sind, die Nutzer vorfinden, mit denen sie es zu tun haben, und die bestimmte Möglichkeiten bereithalten.
2. Möglichkeiten und Begrenzungen
2.1 Anonymität
Im Real Life, genauso wie im Internet, kann man im privaten Kontakt mit anderen Menschen frei bestimmen wie viel man von sich preisgibt. Theoretisch könnte man sich jedem seiner Freunde unter einen anderen Namen vorstellen und etwas vorgeben zu sein, was man gar nicht ist. Dieser Gedanke ist gar nicht so fern, wie er möglicherweise kling t, denn genau dies geschieht auch immer wieder, z.B. weiß die Geliebte eines Mannes nicht, wie er wirklich heißt, dass er verheiratet ist und Kinder hat. Der Mann könnte dies aus dem Grund tun, dass er annimmt, dass sich die Geliebte nicht auf eine Liebesbeziehung einlassen würde, wenn sie wüsste, dass er Frau und Kinder hat. Er verschweigt ihr einen Teil seines Lebens und seiner Identität, weil er Vermutungen darüber anstellt, wie ein Wissen darüber auf seine Geliebte wirken könnte. Ähnliche Überlegungen können auch von Internetbenutzern angestellt werden. Auch hier könnte der Nutzer verschweigen, dass er Frau und Kinder hat oder dass er behindert ist, weil er befürchtet, dass dies zu einem Abbruch Kontaktes führt oder diesen maßgeblich in unerwünschte Richtung verändert. An dieser Stelle will ich mich weniger mit den Gründen beschäftigen, warum Menschen so was tun und welche Motive sie haben. Ich will vor allem über die Möglichkeiten und Begrenzungen schreiben, die im Bereich der Onlinekommunikation zur Verfügung stehen.
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Eine der Möglichkeiten im Internet zu kommunizieren ist es sich in einen Chat einzuloggen. Wenn man einen Chat betritt, muss man einen Nickname angeben. Bei diesem Punkt wollen wir zunächst etwas verweilen. Zunächst ist es oftmals rein technisch nicht möglich, dass zwei Benutzer im Chat denselben Namen benutzen. Benutzt man beispielsweise einen Nickname oder auch seinen wirklichen Namen, kann es sein, dass man aufgefordert wird einen anderen zu wählen, weil dieser schon vorhanden ist. Besonders „wirklichen“ Namen, die viele Menschen tragen, wird dies meist der Fall sein. Schon aus diesem Grund muss man auf andere Namen und Bezeichnungen ausweichen (vgl. Döring 1999: 97). Aus dieser technischen Begebenheit ergibt sich folgendes: Wenn man im Real Life gefragt wird, wie man heißt antwortet man meist selbstverständlich mit dem Vor- oder Nachnahmen. Wenn man sich in einen Chat einloggen will, ist man gezwungen sich eine Antwort zu überlegen. Schließlich wird man beim Login in einen Chat nicht nach seinem wirklichen Namen gefragt, sondern nach seinem "Nickname". Dieser kleine Unterschied, dass nicht nach dem Namen sondern nach dem Nickname gefragt wird, ist entscheidend, denn er ermöglicht ein Innehalten und die Frage: „Was gebe ich an?“ oder auch „Wer will ich sein?". Oftmals muss man sich auch zunächst registrieren um sich in den Chat einloggen zu können. Hier ist es dann noch deutlicher, weil es dann drei Formularfelder gibt, je ein Feld für Vor- und Nachnamen und eines für den Nickname. Dadurch wird noch offensichtlicher, dass unterschiedliches abgefragt wird. Beim Anlegen eines Mail-Accounts ist der Benutzername meist gleichzeitig auch Bestandteil der Mailadresse: benutzername@host (vgl. ebenda Döring 1999: 36). Bei www.web.de, einem Anbieter von Mail-Accounts, werden den Benutze rn während der Anmeldung verschiedene Varianten für einen Benutzernamen vorgeschlagen, die sich aus dem Vor- und Nachnahmen ergeben. Wie man sieht bestehen hier mehr Kombinationsmöglichkeiten als in einem Chat, bei dem die Anzahl der Zeichen stärker begrenzt ist als bei Mail-Accounts. Die vorgegebenen Varianten des Benutzernamens könnten eine Begründung sein, warum es in Mailadressen im Gegensatz zu Chats öfter zur Nennung des Realname kommt. Den Benutzernamen kann man in Chats wie auch bei Mail-Accounts oder Foren selbst wählen. Man kann demnach einen beliebigen Namen oder auch eine Fantasiebezeichnung zu wählen. Die Tatsache, dass
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diese Möglichkeit vorhanden ist, sagt aber noch nicht aus, ob sie auch genutzt wird und noch weniger, ob die Benutzer damit auch die Frage verbinden, wer sie denn sein wollen. Weiterhin geht es beim Auswählen eines Nickname auch nicht einzig und allein darum, was man selbst damit verbindet, sondern ebenfalls darum, was andere Teilnehmer des Chats mit dem Nickname assoziieren.
„Da der Nick buchstäblich das erste ist, was wir im Chat voneinander wahrnehmen, ist er bei der Eindrucksbildung von größter Bedeutung. Ein Nick wie „Mozart“ legt z.B. Interesse für klassische Musik nahe und kann dabei helfen, mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen. [...] Solche Nicks liefern somit einen willkommenen Gesprächseinstieg.“ (ebenda: 97)
Es stellt sich also die Frage, was man durch die Wahl des Nickname von sich offenbaren möchte. Ein Beispiel dafür wäre, ob man sein Geschlecht mitteilen möchte und einen weiblichen, einen männlichen Namen wählt oder lieber einen, der geschlechtsneutral klingt. Man kann etwas darüber preisgeben wollen wie man lebt, für was man sich interessiert und ähnliches. Man kann z.B. den Namen seiner Lieblingsband oder eines Lieblingsschauspielers als Nickname wählen. In solchen Fällen wird man nicht etwas Fernes wählen, da es ja gerade darum geht etwas von sich zeigen. Ein anderer Weg wäre es, sich zu überlegen wie der jeweilige Nickname im Chat auf die anderen Benutzer wirkt. Ein Beilspiel hierfür wäre die Angabe des Alters in einem Flirtchannels. Das Alter wird dann oft hinter den Namen gehängt z.B. sandra26 (vgl. ebenda: 97f). Um diesen Weg erfolgreich zu gehen muss man den Chat kennen und wissen, was dort gut ankommt und dementsprechend seinen Nickname wählen. Auf diese Weise kann man auch gut manipulieren, wie man von den anderen wahrgenommen wird, denn das vermeintliche Wissen, das man dann durch das Lesen eines solchen Nickname wie z.B. "sandra26" erhält, ist nicht zu überprüfen. Gerade durch die Wahl eines Nickname in Bezug darauf, wie er bei anderen wirkt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Angaben über sich gemacht werden, die nicht der Wahrheit entsprechen. Das Spiel mit Identitäten bezieht sich ja in erster Linie darauf, wie man damit bei anderen ankommt, denn wie man sich selbst damit fühlt, ist größtenteils davon abhä ngig, wie man auf andere wirkt. Genauer formuliert geht es darum , welches Wissen man hat, was von anderen wie aufgefasst wird, wie genau und umfangreich es ist dieses Wissen ist. Die Wahl des
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Nickname ist demnach davon abhängig, ob man die Wahl des Nickname vorwiegend darauf stützt, wie man sich selbst wahrnimmt und was man davon durch den Nick zeigen möchte oder ob die Wahl mehr davon geleitet wird, wie man bei anderen ankommen möchte.
Mit der Möglichkeit einen Nickname zu wählen ist auch die Möglichkeit verknüpft eine andere Identität zu wählen. Eine andere Identität zu wählen, bedeutet sich anders zu fühlen und sich anders zu verhalten als man es normalerweise tut. Hier stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten und Vorteile das Internet in dieser Hinsicht hat. Zunächst einmal gibt es den Fall, dass jemand ohne Benutzung des Internet kaum Gleichgesinnte gefunden hat und nun diesen Teil von sich erforschen und ausbauen kann. Denn im Internet ist es aufgrund der großen Zahl der Nutzer relativ leicht auch für außergewöhnliche Hobbys und Interessen Gleichgesinnte zu finden. Auch wenn man in der eigenen Stadt keine Gruppierung für sein Interessengebiet findet, ist die Chance sehr hoch, dass es innerhalb von Deutschland oder weltweit Gruppierungen für ein Themengebiet zu finden sind.
„Indem man eine bereits außerhalb des Netzes etablierte Identität zusätzlich auch im Netz realisiert, erweitern sich die Möglichkeiten, soziale Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Unterstützung und Selbstwerterhöhung zu befriedigen.“ (vgl. ebenda: 276)
Dort kann man sich unter Gleichgesinnten austauschen und daher ist die Gefahr einer Ablehnung relativ gering. In diesem Fall wäre der Wechsel Identität hauptsächlich darin zu sehen, dass Teilaspekte des Ichs, die im Alltag kaum in Erscheinung treten, dort gefördert werden (vgl. ebenda: 277). Etwas anders verhält es sich mit Teilaspekten des Ichs, die von der Umwelt bisher in irgendeiner Weise negativ sanktioniert wurden (z.B. indem man ausgelacht wurde). Hier besteht die Möglichkeit Andere in der gleichen Situation zu finden und gemeinsam zu einer neuen, besseren Sicht zu kommen.
„Das mit marginalisierten Identitäten einhergehende Gefühl des (aversiven) Andersseins, der Isolation und der Entfremdung von der Gesellschaft wird erst gemildert, wenn man sich Gleichgesinnten in Kontakt kommt, die dem gesellschaftlich abgewerteten Selbst-Aspekt das Stigma nehmen und ihn darüber hinaus positiv z.B. mit Gefühlen von Stolz und Unabhängigkeit konnotieren [...].“ (ebenda: 277)
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Arbeit zitieren:
Kalina Seekatz, 2004, Möglichkeiten der Identitätsbildung durch das Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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