Gliederung
1. Einleitung 2
2. Verschwörungstheorien 3
2.1 Definition 3
2.2 Entstehung und Geschichte 4
3. Antimasonistische und antisemitische Verschwörungshypothesen im Zuge der
Franz ösischen Revolution 6
3.1 Verfolgung der Geheimgesellschaften durch die Katholische Kirche 18
3.2 Diskussion 19
4. Verschwörungsliteratur in der Gegenwart anhand des Beispiels
„Geheimgesellschaften“ von Jan van Helsing 20
5. Zusammenfassung 23
6. Literaturnachwei s 24
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1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Verschwörungstheorien im engeren Sinne. Es gibt tatsächlich stattfindende Komplotte unter konspirativen Umständen und wissenschaftliche Theorien über derartige Ve rschwörungen. Weit häufiger existieren so genannte „Verschwö-rungstheorien“, die objektiv den Versuch einer contrafaktischen Erklärung der Realität da rstellen. Letztere bilden den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Dabei wird auf zwei historische Beispiele zurückgegriffen und ihr Bezug erörtert. Bei diesen Beispielen handelt es sich um angebliche ursächliche Zusammenhänge zwischen der Französischen Revolution und den Interessen exklusiver Gesellschaften bzw. so genannten „Geheimgesellschaften“. Sowohl den Freimaurern und Illuminaten als auch den Juden wurde bzw. wird auch heute noch oft unterstellt, dass auf ihren maßgeblichen Einfluss jene gesellschaftlichen Umwälzu ngen zurückzuführen sind, die in der Französischen Revolution gipfelten. Die Verschwörungs-theoretiker nutzten zur Herstellung dieses fiktiven Zusammenhangs die Tatsachen, dass es sich bei diesen Gesellschaften um Gemeinschaften handelte, zu denen nur eine bestimmte Klientel Zugang hatte sowie den Fakt dass Informationen gewöhnlich nicht die Öffentlichkeit erreichten. Es existierte weder eine Meinungs- noch eine Presse- oder Redefreiheit. Dabei wird die Verschwörungsthese durch die Tatsache unterstützt, dass es im Zeitalter des Absolutismus gar nicht anders möglich war als sich im privaten Kreis zu treffen, um über po litische Sachverhalte zu debattieren.
Für Religionsgemeinschaften gilt ohnehin, dass sie eine relativ geschlossene Gemeinschaft darstellen.
Der aktuelle Bezug besteht im Einbruch rechtsgerichteter politischer Ideologien in das breite Spektrum der Esoterik-Szene. In der vorliegenden Arbeit wird die Möglichkeit dieser geist igen Verschmelzung auf eine spezifische Gemeinsamkeit der beiden gesellschaftlichen Lager zurückgeführt. Diese Gemeinsamkeit wird als Ursache dafür betrachtet, dass Verschwörungs-theorien überhaupt so attraktiv auf Menschen wirken können. Sie beseitigen Unsicherheit durch (falsche!) Erklärungskraft. Je größer die subjektiv empfundene Angst des Einzelnen vor der Realität desto größer ist seine Anfälligkeit gegenüber Pseudo-Erklärungen. Dies ist die gemeinsame Ursache für die Anfälligkeit der Menschen sowohl für Verschwörungstheorien als auch für politische Ideologien und „übernatürlichen“ Naturerklärungen. Damit ist nicht gesagt, dass kein moralischer Unterschied zwischen letzteren beiden Phän omenen besteht. Beides sind lediglich weitere Beispiele für den oben skizzierten, auch bei Verschwörungsth e-orien wirksamen typisch menschlichen Wesenszug.
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2. Verschwörungstheorien
Die Konjunktur politischer Verschwörungstheorien seit dem Ende des 18. Jahrhu nderts wurde verursacht durch den Schock, den das Ereignis der Französischen Revolution auslöste. Sie unterstellen aber auch eine Struktur gesellschaftlicher und politischer Wirkungszusamme nhänge, die der Komplexität der Verhältnisse offenkundig nicht mehr angemessen war. Trotzdem erhielt die Vorstellung, eine verschworene Avantgarde könne durch ihr geheimes Wirken, die Welt aus den Angeln heben, besondere Attraktivität dort, wo man die Gründung en tsprechender Zirkel und Gemeinschaften aktiv betrieb und negativ dort, wo man unerwünschte politische Ereignisse und Entwicklungen auf das Wirken solcher verschworener Mächte zurückführte. Auf diese Weise stützten Verschwörungstheorien und Verschwörungsinitiativen sich gegenseitig. Wenngleich Verschwörungstheorien vornehmlich in der politischen Wahrnehmung und Konzeption des Konservativismus eine Rolle spielten, weil sie in besonderer Weise die Abwehrhaltung gegen die Moderne artikulierten, so hatte die Praxis der politischen Verschwörung auf beiden Seiten des entst ehenden politischen Spektrums seinen festen Platz.
2.1 Definition
In der Literatur wird zwischen „Verschwörungstheorien“ und „Theorien über Verschwöru ngen“ unterschieden. Erstere können definiert werden als eine contrafaktische Denkschablone, die Unzusammenhängendes in einen Zusammenhang bringt, indem einer bestimmten Gruppe der geheime Plan des Umsturzes von Staat und Gesellschaftsordnung unterstellt wird, der das Ziel hat, Macht oder gar Weltherrschaft zu erlangen. Eine Verschwörungstheorie ist trotz aller Widersinnigkeit zumeist detailliert ausgearbeitet und durch Pseudo-Argumente und -Beweise aus der Sicht des Verschwörungstheoretikers „begründet“. Dies unterscheidet sie auch vom bloßen Misstrauen und vagem Verdacht gegen jene Gruppe. 1 Sie sind empirisch kaum widerlegbar.
Der Ausdruck „Theorien über Verschwörungen“ meint den Versuch, den Aufbau, die Struktur und die Gründe von tatsächlich stattgefundenen Verschwörungen zu rekonstruieren. Zur Unterscheidung dieser Begrifflichkeiten wird in der englischsprachigen Literatur oft der Begriff „dietralogia“ anstelle von Verschwörungstheorien vorgeschlagen. In dieser Arbeit wird de nnoch weiter der Begriff „Verschwörungstheorien“ verwendet.
Verschwörungstheorien haben mit Gerüchten viel gemeinsam. Auch sie entstehen vor allem aus einer (optimalen) Kombination von allgemeiner Unsicherheit, persönlicher Angst, direk- 1 Indiesem Fall die Freimaurer und die Juden.
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ter Betroffenheit und Leichtgläubigkeit. Verschwörungstheorien entstehen ebenso wie Gerüchte in einer Atmosphäre allgemeiner Unsicherheit besonders gut. Sie helfen kognitive Unklarheiten zu beseitigen. Bei Verschwörungstheorien kann dieser Prozess zu einem paradoxen Effekt führen. Indem Komplexität reduziert wird, wird gleichzeitig die allgemeine Angst ve rstärkt. Je unklarer die momentane Situation und je höher die Angst der Bevölkerung ist, desto besser können sich Gerüchte verbreiten. Ein Beispiel hierfür ist Orson Welles’ Rundfunkausstrahlung „War of the Worlds“ von 1938. Das Hörspiel wirkte auf seine Hörer so real, dass sie tatsächlich glaubten, die Marsianer erobern noch während der Ausstrahlung die Erde. Danach wurden in etwa eine Millionen Menschen von sechs Millionen Radiohörern, in Panik versetzt. Diese Panik war nicht nur eine Antwort auf die dramatische Radiosendung, die sicherlich Angst provozierte, sondern auch auf vorhandene Realängste, wie z.B. die Furcht vor den zunehmenden Aggressionen Nazi-Deutschlands und einem bevorstehenden Zweiten Weltkrieg. Dieses Beispiel lässt sich ebenso auf Verschwörungstheorien übertragen.
2.2 Entstehung und Geschichte
In den Literatur besteht zuweilen große Uneinigkeit darüber, zu welchem Zeitpunkt Ve rschwörungsdenken entstanden ist. Bei Daniel PIPES ist zu lesen, dass der Verschwörungsakt mit Blick auf das Erste Buch Mose die älteste Handlung von Geschöpfen nach Schöpf ungsbeginn sogar noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr gewesen sei. 2 Weiterhin datiert er das erste Verschwörungsdenken in der Geschichte zu den dualistischen Religionen des Iran bzw. zu den Mysterienreligionen zurück, die das Römische Reich heimsuchten. Für ihn interessant wird das Verschwörungsdenken jedoch erst mit den Ängsten, die im Zusammenhang mit den Kreuzzügen gegen Juden entstanden. Dargestellt wird dies anhand der Entstehung, dem Aufschwung und dem Niedergang des Tempelritterordens mit Hilfe der Überlieferungen über Brunnenvergiftungen und Ritualmord. 3
Franko PETRI hingegen ordnet den Anfang des Verschwörungsdenkens im Antijudaismus des frühen Christentums ein. In einer Konkurrenzsituation zu dem Judentum befindend, versuchten sich die Christen durch die Vorstellung bzw. das Stereotyp des „Gottesmordes“ durch die Juden an Jesus 4 von diesem abzugrenzen. Im Neuen Testament fänden sich schon frühzeitig Belege der antijudaistischen Verschwörungstheorie, nach der die Juden im Auftrage des Teufels Jesus Christus getötet hätten. 5 Weitere Etappen des Verschwörungsdenkens sind seiner
2 PIPES, S. 321 (Endnote 4).
3 Ebd., S. 90 und 95-98.
4 Also eine „Verschwörung“ der Juden gegen die Christen
5 PETRI, S. 197-198, S. 38. Auch PIPES, S. 90, behandelt den frühen Hass der Christen gegenüber den Juden als Verschwörungsdenken, bezeichnet dieses aber als retrospektiv - wegen der vergangenen "Verschwörung" -, um
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Meinung nach in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Inquisition gegen 'Ketzer' und 'Hexen' zu finden, die sich angeblich im Bunde mit dem Teufel gegen die Christenheit ver-schworen hätten. 6
Als weitere Stationen verschwörungstheoretischer Kommunikation kann man die Bauernau fstände in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert nennen, die von der Obrigkeit stets als Ve rschwörungen etikettiert wurden.
Es gibt also historisch gesehen mehrere Etappen, die es zulassen, als Beginn von verschwö-rungstheoretischem Denken und verschwörungstheoretischer Kommunikation eingeordnet zu werden: das Verschwörungsdenken im Antijudaismus des frühen Christentums, antijüdische Verschwörungsvorwürfe im Mittelalter, Verschwörungsvorwürfe gegenüber Geheimb ünden, 'Häretikern' und 'Hexen' sowie rebellischen Bauern und der den Hungertod des Volkes duldenden Obrigkeit in der Folgezeit sowie Verschwörungstheorien im Zuge der Französischen Revolution.
Sind sich die Wissenschaftler bezüglich der ersten Datierung uneinig, so stimmen sie doch weitgehend darin überein, dass es zur vollen Entfaltung, d.h. zur ersten systematischen schriftlichen Fixierung, der Verschwörungstheorien am Ende des 18. Jahrhunderts ka m, wobei die Aufklärung und die Französische Revolution den historischen Kontext bildeten. Dort sind die Strukturen und Feindbilder konzipiert worden, die bis heute noch in Verschwörungs-theorien B estand haben. 7 Dieter GROH meint, dass insbesondere mit der verschwörungstheoretischen Schrift des Abbés BARRUEL 8 ein neues Kapitel der Verschwörungstheorien begann. Sie seien „Begleiterscheinungen des Zeitalters der Ideologien“ gewesen. 9 Johannes Rogalla von BIEBERSTEIN bezeichnet Barruels Veröffentlichung als das Ursprungswerk der Verschwörungsthese, das dieser unter Verwendung deutscher Pamphlet-Literatur verfasst habe.
es von späteren prospektiven Ängsten bzgl . vermeintlich zukünftiger Verschwörungen der Juden zu untersche iden.
6 PETRI, S. 198.
7 PETRI, S. 199.
8 Siehe Abschnitt 3. "Verschwörungstheorien im Zuge der Französischen Revolution".
9 GROH: Die verschwörungstheoretische Versuchung, S. 294 und BIEBERSTEIN: Zur Geschichte der Verschw ö-rungstheorien, S. 18.
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3. Antimasonistische und antisemitische Verschwörungshypothesen im Zuge der Französischen Revolution
Bereits vor Ausbruch der französischen Revolution wurden antimasonistische Schriften veröffentlicht. Verschwörungstheorien entstanden aber erst nach Ausbruch der französischen Revolution. Seinen Ursprung hat der Mythos von einer Freimaurerverschwörung sehr wahrscheinlich in Deutschland. Als wichtigste Veröffentlichung vor 1789 kann das 1786 anonym erschienene Buch mit dem Titel „Enthüllung des Systems der Weltbürger-Republik“ bezeichnet werden. Verfasst wurde diese viel diskutierte Schrift von dem Regierungsbeamten Ernst August von Göchhausen. Sie suggerierte u. a. die Existenz einer angeblich kosmopolitischen Verschwörung von Freimaurern und Illuminaten. Göchhausen prognostizierte „Revolutionen, die unausbleiblich sind, die ich erwarte und vorhersehe.“ Der Ausbruch der Französischen Revolution schien die Befürchtungen des Verfassers zu bestätigen und ließ den Verschw örungsmythos zu einem zugkräftigen agitatorischen Instrument werden. Zwischen 1790 und 1795 veröffentlichten im Wesentlichen deutsche Autoren anonym eine ganze Reihe von Schriften, die vor allem die Illuminaten beschuldigten, konspirativ einen gewaltsamen Umsturz des Staates vorzubereiten. Bei der Propagierung dieser Vorstellung spielte die von Prof. Leopold Alois Hoffmann herausgegebene „Wiener Zeitschrift“ eine besondere Rolle. Sie trug auf einer volkstümlichen Ebene zur weiten Verbreitung des anti-illuminatischen Verschwörungsmythos bei und beschuldigte Jakobiner Erfüllungsgehilfen der Illuminaten zu sein. Die zwischen 1795 und 1798 erschienene Zeitschrift „Eudämonia“ setzte diese von Revolutionsfurcht geprägte Agitation fort. 10
Ab dem Jahre 1797 veröffentlichte der ehemalige französische Jesuit und Abbé Augustin BARRUEL sein vierbändiges Werk „Mémoires pour servir á l'histoire de Jacobinisme“ zunächst in seinem Exil England, wohin er nach Beginn der Französischen Revolution geflohen war. Stellvertretend steht es für mehrere verschwörungstheoretische Publikationen, die zu dieser Zeit veröffentlicht wurden, wobei es von allen das Erfolgreichste war. In seinem Werk vertrat BARRUEL folgende Hauptthese:
„In der französischen Revolution ... ist Alles, bis auf ihre entsetzlichsten Verbrechen, vorherges ehen, überlegt, kombiniert, beschlossen, vorgeschrieben worden; Alles war die Wirkung der tiefsten Verruchtheit, weil alles von Männern vorbereite t und eingeleitet war, die allein den Faden der Verschwörung hielten, der seit langer Zeit in geheimen Gesellschaften gesponnen worden, und welche die günstigsten Augenblicke zu den Komplotten zu wählen und zu beschleunigen gewußt haben.“ 11
10 Vgl. BIEBERSTEIN: Die These von der freimaurerischen Verschwörung, S. 102-104
11 BARRUEL, Bd. 1, S. 6.
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Arbeit zitieren:
M. A. Teresa Cave, 2005, Antimasonistische und antisemitische Verschwörungstheorien in Geschichte und Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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