Inhalt
I-IV
0. Einleitung
1
1. Begriffsbestimmung Borderline-
Pers önlichkeitsstörung
2
1.1. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im ICD 10 3
1.2. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im DSM IV 4
1.3. Kritik der Begriffsbestimmung 6
1.4. Zusammenfassung 8
2. Borderline als Persönlichkeitsstörung
10
2.1. Das Borderline-Konzept von Kernberg 11
2.1.1. Borderline-Persönlichkeitsorganisation 12
2.1.2 Entwicklungspsychologisch-genetische Grundannahmen 12
2.1.2.1. Borderline Bereich der kindlichen Entwicklung 15
2.1.2.2. Relevanz für die Borderline-Persönlichkeitsstörung 17
2.1.3. Strukturelle Ebene: Die Abwehrmechanismen 19
2.1.3.1. Hauptabwehrmechanismus Spaltung 20
2.1.3.1.1. Primitive Idealisierung 21
2.1.3.1.2. Projektive Identifizierung und die Identifizierung
mit dem Angreifer 22
2.1.3.1.3. Verleugnung 24
II
2.1.3.1.4. Allmacht und Entwertung 25
2.1.4. Deskriptive Ebene: Die Symptomatik 27
2.1.4.1. Frei-flottierende Angst 28
2.1.4.2. Polyphobien 29
2.1.4.3. Zwangssymptome 31
2.1.4.4. Konversionssymptome 31
2.1.4.5. Depressionen 32
2.1.4.6. Polymorph-perverse oder anhedonistisch-multivariante
Sexualit ät 35
2.1.4.7. Verlust der Impulskontrolle 38
2.1.4.8. Dissoziative Reaktionen 43
2.1.4.9. Psychotische Symptome 46
2.1.5. Gegenübertragung 50
2.2. Zusammenfassung 55
3. Borderline als Traumafolge
56
3.1. Überlegungen zur Entwicklung einer neuen Perspektive 57
3.2. Borderline-Persönlichkeitsstörung als komplexe
Posttraumatische Belastungsstörung 65
3.2.1. Trauma 67
3.2.2. Psychodynamik der Borderline-Persönlichkeitsstörung
als komplexe Posttraumatische Belastungsstörung 68
3.2.2.1. Dissoziation 71
3.2.2.2. Spaltung 78
III
3.2.2.2.1. Projektive Identifizierung 81
3.2.2.2.2. Instabile Beziehungen 82
3.2.2.2.3. Identitätsdiffusion 83
3.2.3. Gegenübertragung 83
3.3. Zusammenfassung 84
4. Synopse von dargestellten Borderline-Konzeptionen
86
Res ümee 93
5. Ausblick: Mögliche Folgen für die sozialpädagogische
Praxis
96
5.1. Definition der sozialpädagogischen Praxis 96
5.1.1. Ursprünge von Gewalt im Geschlechterverhältnis 97
5.1.2. Sozialpädagogische Hilfen 100
5.1.2.1. Empowerment 101
5.1.2.2. Ihriss e.V.: Ein gemeindepsychiatrisches und geschlechts-
spezifisches Angebot für Frauen mit und ohne
Psychiatrieerfahrung 102
5.1.2.2.1. Die Mitarbeiterinnen 103
5.1.2.2.2. Die Zielgruppe 104
5.1.2.2.3. Zielsetzung und Handlungskompetenzen 104
5.1.2.2.4. Ausgesuchte Angebote der Beratungsstelle Ihriss e.V. 107
5.2. Zusammenfassung 108
Schlussbetrachtung
109
IV
Literaturverzeichnis
111
Innerhalb dieser Arbeit werden unter Zuhilfenahme verschiedener Autoren und Autorinnen zunächst zwei Erklärungsansätze zur Borderline-Störung referiert. Gemeinsam ist beiden Ansätzen ihr psychoanalytisches Fundament. Die Psychoanalyse ist als die Wissenschaft vom Unbewussten und ihren Erkenntnissen in verschiedenen sozialen Praxisfeldern von Bedeutung (vgl. FINGER-TRESCHER 2001, S. 1455). Sie kann als Reflexionsinstrument für die Sozialpädagogik gesehen werden, da das psychoanalytische Verständnis von Interaktionsprozessen und interpersonalen Beziehungen auch Gegens-tand der Sozialpädagogik ist (vgl. ebd.). Kapitel 1 umfasst einen Einblick über die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung, so wie sie sich im ICD 10 und im DSM IV darstellt. Im Mittelpunkt von Kapitel 2 soll das Borderline-Konzept von Kernberg stehen, dessen Theorien sich mit den Inhalten der psychiatrischen Diagnosen, wie sie sich in Kapitel 1 darstellen, weitestgehend decken. In Kapitel 3 finden sich Perspektiven und Theorien wieder, die einen weiteren Erklärungsansatz beschreiben, der mit dem Borderline-Konzept von Kernberg divergiert und sich in wesentlichen Punkten von diesem unterscheidet. In einem vergleichenden Überblick der beiden Konzepte sollen divergente und konvergente Aspekte der beschriebenen Ansätze gegenübergestellt werden. Dieser Überblick findet sich in Kapitel 4. In Kapitel 5 soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die beschriebenen Erklärungsansätze Folgen für die sozialpäda- gogische Praxis bedingen.
- 2 - 1 Begriffsbestimmung Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Fachliteratur beschreibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung so polymorph, dass nicht deutlich wird, nach welchen Regeln dieser Begriff verwendet wird. Es finden sich Konstruktionen wie Borderline-Zustände, Borderline-Syndrom, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Borderline-Struktur, Borderline-Persönlichkeitsorganisation. Die Einheit, die das gegenseitige Verstehen seit 100 Jahren wenigstens annähernd möglich macht, ist der bedeutungstragende Bestandteil Borderline. Bereits 1884 publizierte Hughes über das `borderland` der Krankheit. 23 Jahre später führte Bleuler den Begriff der Schizophrenie ein (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 6f.). Über einige Jahre gab es innerhalb der Psychiatrie immer wieder Neuerungen in bezug auf Neurosen und Psychosen. Zunehmend tauchten sogenannte Borderlinefälle auf. Diese Fälle nannte Schilder 1923 Grenzfälle zwischen Psychose und Neurose. 1938 verwendete A. Stern erstmalig die Diagnose `Borderline`, um einen Typ von Patienten zu beschreiben, die mit den klassischen psychoanalytischen Methoden nicht behandelt werden konnten (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 7). Die Besonderheit des Phänomens Borderline ist, dass es sich als Einheit nur schwer betrachten lässt. Ein feststehender Begriff würde das Krankheitsbild eingrenzen, obwohl sich dieses dazu nicht eignet. Für die vorliegende Arbeit mag die Feststellung genügen, dass sich die psychiatrische Forschung als auch die Psychoanalyse, insbesondere Kernberg (1998), mit der Psychopathologie Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinander gesetzt haben. Psychoanalyse als auch Psychiatrie haben sich darauf geeinigt, dass es sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung um die Eigenart einer überdauernden Charakter- bzw. Persönlichkeitsstörung handeln könnte. Diese Eigenart beschreibt ROHDE-DACHSER:
„`Borderline` meint ein eigenständiges psychisches Krankheitsbild, das phänomenologisch im Grenzbereich von Neurose, schwere Charakterstörung und Psychose angesiedelt ist, sich differenzialdiagnostisch aber hinreichend genau von diesen nosologischen Kategorien unterscheiden lässt“ (1989, S. 39).
- 3 -Da Einigkeit herrscht, hat die Borderline-Persönlichkeitsstörung Eingang in die Klassi-fikationssysteme ICD 10 und DSM IV gefunden, auf die im Weiteren eingegangen werden soll.
1.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im ICD 10
Das ICD 10 ist ein internationales Klassifikationssystem psychischer Störungen Die Abkürzung ICD steht für International Classifikation of Disease. Die 10 gibt an, dass es sich um die 10. Ausgabe handelt. Es wurde von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt und ist seit 1998 die offizielle Diagnoseklassifikation in der Bundesrepublik Deutschland (SAß u.a. 1996, S. XII). Das ICD 9 enthielt noch die Unterscheidung von Neurose und Psychose. Im ICD 10 findet sich diese Unterscheidung nicht mehr. Die ICD 10 Kommission entschied, psychosoziale und kulturelle Unterschiede herauszunehmen. Eine allgemein verbindliche Formulierung in Form eines Kriteriums sei durch die weltweite Anwendung des ICD 10 nicht möglich (vgl. DILLING u.a 1991, S. 15ff.). Deutlich sei darauf hingewiesen, dass die nach Code F60 - F62 klassifizierten Persönlichkeitsstörungen nicht ohne Zweifel in das ICD 10 aufgenommen worden sind. So sagen DILLING u.a: „Wieviel Kriterien erfüllt sein müssen, bevor die Diagnose als gesichert angesehen werden kann, ist bei dem heutigen Kenntnisstand ein noch ungelöstes Problem.“ (1991, S. 30). Die ICD 10 Aufnahme der Borderline-Persönlichkeitsstörung als eine Untergruppe der emotional instabilen Persönlichkeit erfolgte nur sehr zögerlich und mit der Hoffnung die Forschung anzuregen (vgl. ebd.). Unter der Codierung F60.3 sind die diagnostischen Kriterien der emotional instabilen Persönlichkeit aufgeführt: „Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse auszuagieren. ohne Berücksichtigung von Konsequenzen, und wechselnder, launenhafter Stimmung. Die Fähigkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu oft gewalttätigen und explosiven Verhalten führen; dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden. Zwei Er-scheinungsformen dieser Persönlichkeitsstörung können näher beschrieben werden, bei beiden finden sich Impulsivität und mangelnde Selbstkontrolle“ (DILLING u.a. 1998, S. 215).
Näher beschriebene Erscheinungsformen sind die emotional instabile Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typus F60.30 und die emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus F 60.31. DILLING u.a. beschreiben den Borderline Typus wie folgt:
- 4 -„Einige Kennzeichen emotionaler Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und `innere Präferenzen` (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wie-derholten emotionalen Krisen führen mit Suiziddrohungen oder selbstschädigenden Handlungen (diese können auch ohne deutliche Auslöser vorkommen). Dazugehöriger Begriff: Borderline Persönlichkeit(sstörung)“ (1998, S. 215).
1.2 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im DSM IV
Das DSM IV ist eine internationale Klassifikation psychischer Störungen. Die Abkürzung DSM steht für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Die IV gibt an, dass es sich um die 4. Ausgabe handelt. Es wurde von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung entwickelt und gilt in Amerika als offizielle diagnostische Klassifikation (SAß u.a.1996, S. XIX). „Insgesamt enthält das DSM IV ca. 1.000 Kriterien für die Erfassung von 395 Störungen“ (SAß u.a. 1996, S. XIII). Das System ist im Aufbau multiaxial. Es verfügt über V Achsen. Die relevanten Achsen für die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind Achse II und Achse I. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist auf Achse II codiert. Die die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig begleitenden Entwicklungsstörungen, sind auf Achse I codiert. Im Vergleich zu früheren Ausgaben z.B. DSM III, sind im DSM IV insofern Fortschritte gemacht worden als dass die kulturelle Anwendbarkeit verbessert wurde. Es gibt sowohl einen Leitfaden zur Beurteilung kultureller Einflussfaktoren im Anhang I, sowie zu jeder Störung ein Unterkapitel (vgl. SAß u.a. 1996, S. XI ff.). Im Unterkapitel werden besondere kulturelle, Alters- und Geschlechtsmerkmale beschrieben. SAß u.a stellen fest: „Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird überwiegend (ungefähr 75%) bei Frauen diagnostiziert.“ (1996, S. 737). Das DSM IV als unabhängiges diagnostisches Instrument zu verstehen, ist nicht empfehlenswert. Das DSM IV enthält eine Reihe von psychopathologischen, taxonomischen und nosologischen Entscheidungsregeln, die es zu beherrschen gilt. Es ist für eine hohe Anzahl von Nutzern schwierig, ständig auf dem Laufenden zu bleiben und sämtliche Neuerungen in der diagnostischen Praxis zu kennen. Aus diesem Grunde sollte das DSM IV als ein ergänzendes diagnostisches Instrument genutzt werden. Andere diagnostische Instrumente sind z.B. der Selbst- und Fremdbeurteilungsbogen, vor allem strukturierte Checklisten und diagnostische Interviews (vgl. SAß u.a. 1996, S. XVIII).
- 5 -Unter der Codierung 301.83 (F60.31) sind die diagnostischen Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörungen aufgeführt:
„Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen. Mindestens 5 der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:
(1) verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassen werden zu vermeiden. Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind. (2) Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist. (3) Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung. (4) Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Fressanfälle“). (5) Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten. (6) Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnliche einige Stunden und nur selten Tage andauern). (7) Chronische Gefühle von Leere. (8) Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Ausei-nandersetzungen). (9) Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome“ (SAß u.a. 1996, S. 739).
SAß u.a. weisen darauf hin, dass in der Kindheitsgeschichte von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung gehäuft körperlicher und sexueller Missbrauch 1 , Vernachlässigung, feindselige Konflikte sowie früher Verlust oder Trennung von den Eltern vorkommt. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig begleitenden Störungen
1 „Sexueller Mißbrauch ist immer eine Gewalttat [...]. Sexueller Mißbrauch ist [...] zentraler Angriff auf die Identität und ein `Totalangriff auf das Mensch sein` [...]. Sexueller Mißbrauch ist immer ein Ausnutzen von Macht und Autorität, von körperlicher oder beziehungsbedingter Überlegenheit. Abhängigkeit und Vertrauen des Mädchens [oder des Jungen] werden ausgenutzt, sie [er] wird massiv unter Druck gesetzt und zur Geheimhaltung verpflichtet. Sie [er] wird damit zu Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. Der Begriff sexueller Mißbrauch umfasst das ganze Spektrum sexueller Gewalt-handlungen, von scheinbar harmlosen Berührungen bis zu den unterschiedlichen Formen der Penetration“ (WILDWASSER 1993, S. 61)
- 6 -der Achse I sind u.a. die posttraumatische Belastungsstörung, Essstörung, insbesondere Bulimie als auch affektive Störungen (vgl. SAß u.a.1996, S. 737).
1.3 Kritik der Begriffsbestimmung
Beide Klassifikationssysteme gehören zu der Gruppe operationalisierter Klassifikationssysteme. Durch die Operationalisierung haben Diagnosen einen geringen Informationswert, weil sie nur noch die aktuelle Symptomatik einer Erkrankung benennen (vgl. SAß u.a. 1996, S. XX). Das ICD 10 und das DSM IV sprechen folglich die gleiche Sprache mit unterschiedlichem Dialekt (vgl. SAß u.a. 1996, S. XXII). Das ICD 10 ist im Ausdruck fordernd. Im DSM IV sind die Ausdrücke dagegen bestimmendere Bezeichnungen. Demzufolge hat das DSM IV eher einen Vorschriftencharakter und das ICD 10 eher einen Richtliniencharakter (vgl. SAß u.a. 1996, S. XII). Das Klassifikationssystem ICD 10 ist im deutschen Raum für die offizielle Dokumentation verbindlich vorgeschrieben. Diese Tatsache lässt den Eindruck entstehen, dass damit eine Vorauswahl getroffen wird, welches Instrument benutzt werden darf. Das ist nicht der Fall. Das DSM IV wird als Diagnoseinstrument in Deutschland nicht völlig an Relevanz verlieren. Die Codierungen des ICD 10 finden sich im DSM IV jeweils hinter der beschriebenen Störung in Klammern wieder. Das gibt dem geschulten Nutzer die Möglichkeit, das DSM IV als Grundlage für die diagnostische Verschlüsselung nach ICD 10 zu verwenden (vgl. SAß u.a. 1996, S. XII). Damit ist das Kompatiplitätsproblem zwischen den bestehenden Systemen begrenzt, und eine Diagnose kann mit Hilfe des DSM IV gestellt werden. Die Kriterien, die das Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung und andere Formen der Persönlichkeitsstörung beschreiben, sind häufig das Ergebnis von Übereinkünften der Entscheidungsgremien (vgl. SAß u.a. 1996, S. XX). Deshalb entbehren sie zwar nicht jeder empirischen Grundlage, sind aber kritisch hinterfragt worden. So äußert KERNBERG:
„Ein Hauptproblem sowohl der kategorialen als auch der dimensionalen Klassifikationssystemen besteht meiner Ansicht in der Tendenz, die empirische Forschung zu sehr an den oberflächlichen Verhaltenweisen auszurichten, denen in Abhängigkeit von den zugrundeliegenden Persönlichkeitsstrukturen ganz unterschiedliche Funktionen zu- kommen“ (2000, S. 46).
- 7 -Damit spricht KERNBERG den Ansatz an, der im DSM IV verfolgt wird. Dieser dient dazu, dem klinischen Psychiater die vorkommenden Persönlichkeitsstörungen anhand von Kriterienkatalogen näher zu bringen, allerdings mit dem Ergebnis, dass gehäuft ein so genanntes „Kriteriendenken“ Einzug in die diagnostische Praxis hält: Gerade weniger erfahrene Diagnostiker beschränken sich auf die Benutzung des DSM IV und unterlie-gen dem Irrtum, die Kriterien würden alles für eine Diagnose vorgeben (vgl. 2000, S. 46). Diese starke Einengung der Diagnose auf einen Teilaspekt des Krankheitsbildes wird nicht von allen mitgetragen und befürwortet. Denn ursprünglich umfasst die Diag-nose auch die Ätiologie und die Prognose. Ausdrücklich wird aus diesem Grund im DSM IV darauf hingewiesen, dass so ein Vorgehen nicht empfehlenswert ist (SAß u.a. 1996, S. XVIII). Eine andere Besonderheit ist die hohe Komorbiditätsrate, die im Zu-sammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung steht. „Wenn die Borderline-Persönlichkeitsstörung auf der Ebene der Psychopathologie di-agnostiziert wird, z.B. anhand von DSM IV Kriterien, dann weist sie eine hohe Komor-biditätsrate auf, und zwar mit anderen Persönlichkeitsstörungen als auch mit anderen psychischen Störungen auf der Achse I des DSM“ (ECKBERT u.a. 2000, S. 274).
Einige der für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung relevanten Kriterien, lassen sich „als Hinweis auf eine traumatische Vorerfahrung verstehen“. (ROHDE-DACHSER 2001, S. 13). ROHDE-DACHSER sieht z.B. selbstschädigende Handlungen, wie sie bei vielen Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung vorkommen, häufig als Hinweis auf einen in der Vorgeschichte stattgefundenen sexuellen Missbrauch (vgl. ebd.). Das DSM IV stellt die Verbindung zu traumatisierenden Vorerfahrungen nicht her. So werden selbstschädigende Handlungen mit drohender Trennung in Verbindung gebracht oder mit der Erwartung, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Selbstschädigende Handlungen haben zudem die Funktion der Entlastung und / oder für das Gefühl von Schlechtsein zu büßen (vgl. SAß u.a., 1996, S. 736). Das Kriterium: „Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome“ (SAß u.a. 1996, S. 739) ist auf Grund seiner vorübergehenden Natur auch kein Indikator, um eine Verknüpfung zu traumatisierenden Vorerfahrungen herzustellen. ROHDE-DACHSER betont, dass das DSM IV auf körperlichen und sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, feindselige Konflikte sowie früher Verlust oder frühe Trennung in der Kindheitsgeschichte von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen hin-
- 8 -weist. Die mögliche Komorbidität mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung wird Betracht gezogen, aber sie ist für die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht relevant (vgl. 2001, S. 13). Das ICD 10 hingegen verzichtet ganz darauf, eben ge-nannte Zusammenhänge darzustellen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist im ICD 10, „eher pauschal-diffus [...] [dargestellt] und kaum nutzbringend“ (DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 6). Analog dazu ist ein Blick auf das diagnostizierende Personal interessant. HILSENBECK beschreibt nach einer geschlechtsdiffrenzierenden Untersuchung von BROVEMANN (u.a. 1972) die nahe liegende Vermutung, dass das in Psychiatrien be-schäftigte Personal Einfluss auf die gestellten Diagnosen hat. Das Personal, so die Re-gel, gilt im Hinblick auf die Geschlechtsstereotypen als `normal`. Dieser `Doppelstand-art` seelischer Gesundheit wird in einer Befragung des Personals über die Vorstellung von Krankheit und Gesundheit deutlich. Diese hat ergeben, dass signifikant das Ver-halten als gesund beschrieben wurde, welches gesunde Männer und gesunde Menschen zeigen. Frauen, die als `normal` und damit als gesund gelten, sind beschrieben worden als wenig aggressiv und abenteuerlustig, weniger konkurrenz- und leistungsbetont, weniger objektiv, aber gefühlvoller, emotionaler, mehr an Beziehungen orientiert, we-niger autonom. (BROVEMANN u.a. 1972 zit. nach HILSENBECK 1998, S. 53). PAHL stellt fest: „Diese Beschreibung ähnelt stark der Charakterisierung des neurotischen Mannes [...]. Die gesellschaftlichen Stereotypen und Widersprüche werden also von der Psychi-atrie unhinterfragt übernommen“ (zit. nach HILSENBECK 1998, S. 53).
1.4 Zusammenfassung
Psychoanalyse und Psychiatrie haben sich geeinigt, und die Borderline-Persönlichkeitsstörung wurde als eigenständiges Krankheitsbild definiert. Die Klassifikationssystem ICD 10 und DSM IV beschreiben die Kriterien für die Diagnostik. Das ICD 10 ist in Deutschland offizielles Klassifikationssystem. Das DSM IV dient als Grundlage, um die Diagnose nach dem ICD 10 zu verschlüsseln. Die Autoren im ICD 10 äußern Zweifel an der Sicherheit der diagnostischen Kriterien und haben demnach die Borderline-Persönlichkeitsstörung, innerhalb einer Untergruppe der instabilen Persönlichkeit, als Borderline Typus beschrieben. Die Autoren im DSM IV hingegen lassen keinen Zweifel daran erkennen, dass die Kriterien ausreichend sind. Das ICD 10 schließt die kulturellen
- 9 -und psychosozialen Merkmale aus, während sie im DSM IV in entsprechenden Unter-kapiteln ausgeführt werden. Insbesondere die Alters- und Geschlechtsmerkmale werden in diesem Unterkapitel berücksichtigt. Das ICD 10 begründet den Ausschluss kulturel-len und psychosozialen Merkmale damit, dass diese nicht als allgemein verbindliche Kriterien für verschiedne Kulturen gelten können und verweist in diesem Zusammen-hang auf die Notwendigkeit seiner weltweiten Anwendbarkeit. Dabei sind die Ge-schlechterverhältnisse weltweit patriarchal, was meiner Meinung nach zumindest ein verbindliches Kriterium für diese sein müsste. Auffallend ist nämlich dass, wenn die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach den DSM IV Kriterien diagnostiziert wird, überwiegend Frauen von dieser Störung betroffen sind und eine hohe Komorbiditätsrate mit Affektstörungen anzutreffen ist. Hier liegt vermutlich ein Zusammenhang zu trau-matischen Vorerfahrungen wie sexuellen Missbrauch, auch wenn dieser von den Auto- ren des DSM IV nicht hergestellt wird.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung führt in wissenschaftlichen Kreisen zu heftigen sich teilweise überschneidenden und polarisierenden Debatten. Eine besondere Bedeutung zur psychoanalytischen Borderline-Theorie hat ohne Zweifel das Borderline-Konzept von Kernberg. Es „orientiert sich eng an den im DSM IV definierten Merkmalen dieser Störung“ (ROHDE-DACHSER 2001, S. 11). Das lässt zumindest vermuten, dass dieses psychoanalytische Konzept und die mit ihr verbundene Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung dazu dient, das Trauma, mit dem die Borderline-Entwicklung ihren Anfang nahm, zu verschleiern (vgl ROHDE-DACHSER 2001, S. 10). Diese Betrachtungsweise, wird von einigen Experten und Theoretikern, darunter HERMAN (vgl. 1994, S. 161ff.), REDDEMANN / SACHSSE (vgl. 1999, S. 18), anerkannt. Sie fordern den Ersatz der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung u.a. durch die Klassifikation komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Folglich hat die Bezeichnung und deren Beschreibung entscheidenden Einfluss auf die Methoden der Behandlung. Zu Recht betonen REDDEMANN /SACHSSE, deren Theorien mit denen von Kernberg divergieren, dass Freud mit der Aufgabe der Verführungstheorie die traumatisierten Frauen verraten habe und dass die Psychiatrie das Problem der Traumafolgen auch negiert (vgl. 1999, S. 17). Die Psychoanalyse hat durch ihre Art des Denkens die Denkkategorie `Opfer` abgeschafft. In diesem Zusammenhang unterstreichen REDDEMANN / SACHSSE: „Dadurch, daß Freud dem äußeren Ereignis, auch dem Trauma, nur noch den Status eines Anlasses, eines Auslösers beließ und als eigentliches pathogen die innere Verarbeitung auf dem Boden der ubiquitären Kindheitsphantasien konzeptualisiert, wurde jeder Mensch automatisch latent an allem mitschuldig, was ihm widerfuhr. Wenn etwas mit irgendeiner ubiquitären Phantasie assoziierbar war, dann hatte der Mensch das Ereignis `eigentlich zumindest unbewusst ja auch irgendwie wahrscheinlich gewollt`“ (1999, S. 17; weitere Ausführungen siehe DULZ 2000, S. 11ff.).
Insbesondere Melanie Klein, deren Theorien in Kernbergs Borderline-Konzept Verwendung finden, als auch Kernberg selbst folgen der Sichtweise: „Jeder Mensch ist Täter seines Erlebens und seiner Wahrnehmung“ (KERNBERG zit. nach REDEMANN /
- 11 -SACHSE 1999, S. 17). KERNBERG gibt an, dass viele Menschen mit der Diagnose Bor-derline-Persönlichkeitsstörung in der Kindheit frühen Frustrationen, Deprivationen und chronischen Aggressionen ausgesetzt waren (vgl. 2000, S. 52). Dessen ungeachtet überwiegen dennoch in seinen Überlegungen konstitutionelle Faktoren wie Tempera-ment, Charakter und die Struktur der normalen Persönlichkeit (vgl. ebd.). Zudem relati-viert Kernberg die Relevanz von Realtraumata, indem er auf die Phantasietätigkeit des Kindes und dessen Wahrnehmungsverzerrung hinweist (vgl. REDDEMANN / SACHSSE 1999, S. 17). Dennoch ist das Borderline-Konzept von Kernberg gleichwohl von Be-deutung und soll im Folgenden unter Zuhilfenahme anderer Autoren und ihren Darstel-lungen dargelegt werden.
2.1 Das Borderline-Konzept von Kernberg
Kernberg (1975,1978; 1976, 1981, 1980, 1988; 1984, 1991, 1998) entwickelte und begründete seine Vorstellungen des Borderline Konzepts auf zwei Aspekten. Zum einen auf dem Struktur- und Triebmodell von Freud, zum anderen auf einer entwicklungspsychologischen Achse, auf deren Linie die Wege der Fixierung und der im späteren bei ungünstigem Entwicklungsverlauf rückläufigen Regression gegeben sind (vgl. KERNBERG zit. nach KIND 2000, S. 29). Diese Leitgedanken veranlassten KERNBERG für sein Borderline-Konzept „nicht nach einem neuen symptomorientierten Klassifikationssystem, sondern nach intrapsychischen Faktoren“ (zit. nach KIND 2000, S. 32) zu suchen, die innerhalb der Borderline-Population auftraten. Er stellte innerhalb seiner klinischen Arbeit den Mechanismus der Spaltung als ein gemeinsames intrapsychisches Ereignis von Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung fest (vgl. ebd.). Für KERNBERG unterscheiden sich Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung von anderen Formen psychischer Störungen, „durch ihre auffallend stabile pathologische Ichstruktur“ (1998, S. 19). Er führte aus diesem Grunde den Beg- riff der Borderline-Persönlichkeitsorganisation ein.
- 12 - 2.1.1Borderline-Persönlichkeitsorganisation
Innerhalb seines Borderline-Konzeptes bildete Kernberg den Begriff der Borderline-Persönlichkeitsorganisation. Was aber nun bedeutet dieser Begriff? KERNBERG sagt dazu:
„Die Ich-Pathologie dieser Patienten unterscheidet sich sowohl von derjenigen bei Neurosen und leichteren Charakterstörungen als auch andererseits von den Ichstörungen bei Psychosen; sie sind daher in einem Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose anzusiedeln“ (1998, S. 19).
Die Unterschiede zu einer psychotischen Persönlichkeitsorganisation liegen darin, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation sich auszeichnen „durch das Vorhandensein einer guten Realitätsprüfung, worin sich eine Differenzierung zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen widerspiegelt“ (KERNBERG 2000, S. 52). Gemeinsam ist beiden Persönlichkeitsorganisationen die Identitätsdiffusion und das Vorherrschen primitiver Abwehrmechanismen (vgl. KERNBERG 2000, S. 51f.). Die Unterschiede zur neurotischen Persönlichkeitsorganisation liegen darin, dass eine neurotische Person z.B. durch eine normale Ich-Identität fähig ist, Objektbeziehungen einzugehen, diese zu halten und über Impulskontrolle und ein ausreichendes Maß an Angsttoleranz verfügt (vgl. KERNBERG 2000, S. 52). Der Begriff Borderline-Persönlichkeitsorganisation erfasst insgesamt eine facettenreiche Phänomenologie der schweren Persönlichkeitsstörungen, die sich auf unterschiedlichen Niveaus ansiedeln, wie z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, schizoide und schizotypische Persönlichkeitsstörung, paranoide Persönlichkeitsstörung und narzisstische Persönlichkeitsstörung (vgl. ebd.). Dementsprechend geht KERNBERG von einem entwicklungsbedingten Kontinuum zwischen Neurose und Psychose aus, das sich nicht ausschließlich an deskriptiver Symptomatik orientiert, sondern auch an intrapsychischen Vorgängen (vgl. 2000, S. 52).
2.1.2 Entwicklungspsychologisch-genetische Grundannahmen
Kernberg (1985, 1998) orientierte sich mit seinen Vorstellungen an den Objektbezie-hungstheorien von Margaret Mahler (1968, 1972, 1975) und Melanie Klein (1946). Seine entwicklungspsychologisch-genetischen Vorstellungen beruhen daher im We- sentlichen auf folgenden Grundannahmen:
- 13 - • „Aufder Vorstellung eines primär undifferenzierten Stadiums, in dem Selbst - und Objektrepräsentanz miteinander fusioniert sind (der symbiotischen Phase Mahlers).
• Auf der Kleinschen Spaltungslehre von in `nur gut` und `nur böse` polarisierten Formen von Selbst und von Objekt. Da es eben der Spaltungszustand ist - das gilt es sich immer wieder klarzumachen-, der den Selbst- und Objektrepräsentanzen die Eigenschaft verleiht, große Mengen (nach Kleinscher Vorstellung vom Todestrieb hervorgebrachter) Aggressionen zu absorbieren, müssen sie so lange in diesem Zu-stand gehalten werden, bis ein anderer, reiferer Umgang mit Aggressionen möglich ist“ (KERNBERG 1985 zit. nach KIND 2000, S. 33).
Abb. 1 zeigt vier Stufen der frühkindlichen Entwicklung.
Abb. 1: „Schematische Darstellung der Entwicklung der Objektbeziehungen nach Kernberg (1976)
SR= Selbst-Repräsentanzen; OR= Objekt-Repräsentanzen.
Zeitliche Zuordnung der Entwicklungsstufen nach MAHLER (1975):(1) erste Lebenswoche; (2a) 2. bis 6.bzw. 8 Lebensmonat; (2b) 6.bzw.8 bis 18. Lebensmonat; (3) 18. bis 36. Lebensmonat; (4) ab 36. Lebensmonat“ (FIEDLER 1994, S. 209).
Anhand der Abb. 1 lassen sich die vier Stufen der frühkindlichen Entwicklung und die darin enthaltenen Grundannahmen von Kernberg wie folgt beschreiben. Nach KERNBERG werden die reiferen, höheren Selbst- und Objektrepräsentanzen aus einer Vielzahl einzelner Interaktionserfahrungen mit der Mutter gebildet. Diese Selbst-Objekt-Einheiten weisen je nach Klima eine bestimmte Affektqualität auf. Zu unterstreichen ist nun, dass dem Säugling nur primäre Affekte wie lustvoll und unlustvoll zur Verfügung stehen, weitere und differenziertere Affektzustände fehlen (vgl. 1985, S. 53ff.).
- 14 -Die Affekttheorie von Kernberg ist sehr komplex und würde an dieser Stelle nur irritie-ren, aus diesem Grunde ist der Einschub ausreichend, dass die Dichotomie der Affekte auf die Triebtheorie von Freud zurückzuführen ist. Freud formulierte den Lust-Trieb, bekannt als Libido, und sein später hinzugekommenes Komplementär, den Todestrieb bzw. die Aggressionen (vgl. KIND 2000, S. 33). Überdies werden die Primäraffekte innerhalb der Entwicklungsstufen zu Trieben organisiert. Die belohnenden / lustvollen werden zur Libido, die schmerzhaften / unlustvollen zu Aggressionen, als übergeordnete Triebe (vgl. KERNBERG 2000, S. 47f.).
Wenn die Wahrnehmung des Säuglings theoretisch auf zwei primäre Affektqualitäten reduziert wird, also gut bzw. lustvoll und böse bzw. unlustvoll, so ist ersichtlich, dass notwendigerweise das Objekt (z.B. die Mutter und sein Selbst) auch auf diese polare Weise erlebt werden. Der Spaltungsvorgang ist aus dieser Sicht ein physiologisches Zwischenstadium (vgl. KERNBERG 1985, S. 62). Das gewissermaßen nicht weiter reduzierbare psychische Element wird von KERNBERG als eine primäre bzw. primitiv Selbst-Objektrepräsentanz bezeichnet (siehe Abb. 1, S. 13 (2a) symbiot.Bereich bzw. autistische Phase); (vgl. 1985, S. 59). Daraus entwickeln sich vom zweiten Lebensmonat bis zu einem Zeitpunkt zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat komplexe Imagines, vornehmlich Mutter Imagines, die je nach Klima mit jeweils positiven und negativen primären Affekten besetzt werden. Daraus wird dann eine Selbst-Objektrepräsentanz, die trotz anhaltender Fusion mit polarisierten Primäraffekten besetzt sind (siehe Abb. 1, S. 13 (2b) schizotypischer Bereich); (vgl. KERNBERG 1985, S. 59ff.). Gemäß der zweiten Grundannahme sollen sich in weiteren Entwicklungsschritten die fusionierten Imagines in ihre Selbst- und Objektanteile auflösen. Der Beginn der Differenzierung liegt ca. im dritten oder vierten Monat und endet zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat (siehe Abb. 1, S. 13 (3) Borderline Bereich); (vgl. KERNBERG 1985, S. 64). Da nur zwei Affektqualitäten zur Auswahl stehen, ist es zwingend, dass maximal zwei Objekt- und zwei Selbst-Repräsentanten zu erzielen sind, die jeweils positiv und negativ bzw. gut und böse besetzt sind. Zwischen dem ca. achtzehnten und sechsundreizigsten Monat sollten dann die Selbst-Repräsentanzen und Objekt-Repräsentanzen stabil ausgebildet sein und die Spaltungsprozesse zunehmend nachlassen (vgl. ebd.). Bei zu hoher affektiver Belastung kann es innerhalb dieser Phase zur Teilung des Ichs kommen. KERNBERG weist explizit darauf hin, dass es die Affektqualitäten sind, um die sich die verschiedenen Erfahrungen sammeln und die auf diese Weise organisierend
- 15 -wirken (vgl. 1985, S. 65). Der Abschluss des dritten Stadiums beginnt im letzten Ab-schnitt des dritten Lebensjahres. In diesem Entwicklungsschritt ist die Gut- und Böse-konstellation zu überwinden. Um ein neues Element zu bilden, ist es notwendig, die `guten` und `bösen` Elemente so zu veredeln, dass am Ende ein neues Element entsteht. Dieses neue Element lässt dann auf der Selbstseite die Ich-Identität und auf der Objekt-seite die Objektkonstanz entstehen (siehe Abb. 1, S. 13 (4) Ich-Identität / Objektkon-stanz); (vgl. KERNBERG 1985, S. 68). Die Entwicklung zu einer ausgereiften Ich-Identi-tät ist abhängig von den Interaktionserfahrungen, die das Kind im Laufe seines Lebens macht. Für die Objektkonstanz gilt das gleiche. Diese ist erreicht, wenn das Kind in der Lage ist, sich im Anderen zu erleben und zu tolerieren (vgl. KERNBERG 1985, S. 66). Ich-Identität und Objektkonstanz schließlich sind die Vorraussetzungen für die Ent-wicklung einer ausgereiften dreiteiligen, psychischen Struktur aus Es, Ich und Über-Ich (vgl. KERNBERG 1985, S. 68), in welcher der Vorgang der Verdrängung den, der Spal-tung als Hauptabwehrmechanismus weitgehend abgelöst hat (vgl. KERNBERG 1985, S. 70). In Abb. 1 ist der dritte Bereich (Borderline Bereich) besonders bedeutsam für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation und damit für die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung.
2.1.2.1 Borderline Bereich in der kindlichen Entwicklung
Die ersten Lebensjahre des Kindes sind nach Kernberg (1998) durch schwere Frustrationen geprägt. Daraus resultieren prägenitale und insbesondere orale Aggression. Inwieweit diese Frustrationen traumatisierend sind führt Kernberg nicht genauer aus. Auf der einen Seite existieren die libidinös besetzten guten Selbst- und Objektbilder, auf der anderen Seite aggressiv determinierte böse Objektbilder, die aus paranoid verzerrten Elternimagines, verursacht durch frühe Frustrationen, resultieren. Die Integration der guten und bösen Objektvorstellungen misslingen bei dem Kind. Infolge der Projektion eigener oral-sadistischer aber auch anal-sadistischer aggressiver, Impulse in Verbindung mit den paranoiden Verzerrungen erlebt das Kind die Mutter als denkbar gefährlich. Das Kind hasst die Mutter und weitet diese Vorstellung auf den Vater aus. Dies ist möglich, weil das Kind aufgrund der übermäßigen Spaltungsprozesse zwischen Vater und Mutter nicht oder nur mangelhaft differenzieren kann. Sowohl die Eltern als auch
- 16 -spätere Sexualpartner werden als beunruhigend und aggressiv durchsetzt wahrgenom-men (vgl. KERNBERG 1998, S. 63f.). Die aggressive Tönung der Eltern und dann später bei den Sexualpartnern folgt aus den Bemühungen, von den oralen Ängsten und der oralen Wut loszukommen. Das Produkt dieser Bemühungen ist das vorzeitige Einsetzen der genitalen Triebstrebungen. Die Triebstrebungen sind durchsetzt von prägenitaler Aggression und das führt dazu, dass eine pathologische Entwicklung angestoßen wird (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird überwie-gend bei Frauen diagnostiziert. Ich möchte daher die von Kernberg (1998) beschriebene pathologische Entwicklung von Jungen im Folgenden vernachlässigen und stattdessen die von Mädchen beschreiben. Die beschriebene orale Störung löst eine vorzeitige Ent-wicklung positiv-ödipaler Triebstrebungen aus, um den Konflikt zu lösen. Demnach begehrt das Mädchen frühzeitig in erotischer Weise den Vater. Das Verhalten gegen-über diesem dient der Ersatzbefriedigung. Das Mädchen ist von der Mutter, die auf-grund mangelnder oraler Bedürfnisbefriedigung gehasst und als gefährlich erlebt wird, frustriert worden (vgl. KERNBERG 1998, S. 65). „Problematischer wird dieser Lösungs-versuch dann, wenn die Vaterimago mit prägenitaler, von der Mutter abgelenkter und auf den Vater projizierte Aggressionen durchsetzt wird; er ist aber auch schon deshalb problematisch, weil orale Wut, [...] den Penisneid bei Frauen enorm verstärkt“ (ebd.). Dann nämlich erlebt das Mädchen eine Mutter, die nicht nur das an sie gerichtete eroti-sche Begehren der Tochter ablehnt, sondern auch das an den Vater gerichtete (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). KERNBERG fasst zusammen:
„Daß eine übermäßige Ausprägung prägenitaler und vor allem oraler Aggressionen bei [Mädchen] eine vorzeitige Entwicklung ödipaler Triebstrebungen auslösen kann, so daß eine pathologische Verschränkung prägenitaler und genitaler Triebziele unter dem dominierenden Einfluß aggressiver Bedürfnisse entsteht. Als Ergebnis einer solchen Fixierung fassen wir unter anderem eine Reihe pathologischer Kompromissbildungen auf, die für die typisch polymorph-perversen Fixierungen bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstruktur verantwortlich sind“ (1998, S. 66).
Insgesamt lässt sich folgern: Der Hauptfaktor für die Ätiologie bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation und der daraus resultierenden Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung ist das Vorherrschen negativer Affekte und damit auch negativer Introjekte (vgl. KERNBERG 1968 zit. nach OSOFSKY 2000, S. 743).
- 17 - 2.1.2.2Relevanz für die Borderline-Persönlichkeitsstörung
ROHDE-DACHSER beschreibt, dass die Erklärungsversuche eine zentrale Bedeutung haben, wenn die Diagnose nach den Merkmalen des DSM IV gestellt wurde, an die Kernberg sein Borderline-Konzept annäherte. Zusammenfassend lässt sich stark vereinfacht sagen, dass es den Betroffenen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht gelingt, ihre früheren Vorstellungen wichtiger Bezugspersonen in reifere Beziehungsvorstellungen umzuwandeln. Menschen mit dieser Diagnose nehmen die anderen weiterhin als Personen wahr, die ausschließlich zu ihrer Bedürfnisbefriedigung dienen und nicht als Menschen mit eigenen Rechten, Gefühlen und Bedürfnissen. Das hat einen prägenden Einfluss auf die Bildung des Selbst, da ihrem Gegenüber und folglich sich selbst entweder nur gute oder nur schlechte Eigenschaften eingeräumt werden, verbunden mit der Intention die Bedürfnisse des Selbst oder des Anderen zu befriedigen. Nuancen oder Grautöne zwischen schwarz oder weiß gibt es in ihrer Wahrnehmung nicht. Die Vorstellungen über sich Selbst sind zwar hinreichend von den Vorstellungen über den anderen differenziert, aber die Spaltung dieser im inneren vorgestellten Bilder wird aufrechterhalten. Diese ambivalenten Vorstellungen, die genährt sind von Phantasien über sich selbst und über den anderen, werden von ihnen als real erlebt und in verschiedenen Situationen neu inszeniert, da diese Vorstellungen aufgrund mangelnder Integration von den Betroffenen nicht in Beziehung gesetzt werden können. Die dadurch aufrechterhaltene Desintegration gegensätzlicher internalisierter Vorstellungen wird so über den altersangemessenen Zeitraum hinaus durch den primitiven Abwehrmechanismus der Spaltung beibehalten. Das Ergebnis ist häufig inneres Chaos und Identitätsdiffusion. Die Spaltung wird als Schutz bewahrt, weil Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung davon ausgehen, dass die innerlich als gut abgebildeten Personen oder deren gute Anteile durch die innerlich als schlecht abgebildeten Personen oder deren schlechte Anteile zerstört werden. Die schlechten Vorstellungen über sich selbst und über den anderen erscheinen den Betroffenen als Furcht erregend, so dass diese abgewehrt werden und erneut mit Aggressionen aufgeladen werden müssen. Die sogenannte Hilfsmechanismen der Spaltung wie z.B. projektive Identifizierung, Verleugnung usw. werden dann herangezogen, um die Spaltung zu festigen (vgl. ROHDE-DACHSER 2001, S. 13f.).
- 18 -Die polymorph-perversen Tendenzen äußern sich bei den Betroffenen, durch verschie-dene pathologische Kompromisslösungen (vgl. KERNBERG 1998, S. 66). Zum Beispiel trifft häufig zu, dass die heterosexuelle Liebe scheitert. Der Grund liegt darin, dass die durch die frühe pathologische Entwicklung entstandenen Aggressionen nicht ständig verleugnet werden können. Einerseits gibt es die Flucht in die Promiskuität, um die Abhängigkeit von Männern zu verleugnen. Andererseits bleibt die Wahl, auf Heterose-xualität zu verzichten. Diese Lösung hat ihren Grund zum einen in der Suche nach z.B. fehlender Wärme und Zuneigung (orale Bedürfnisse), die durch die Wahrnehmung eines idealisierten Mutterbildes unter völliger Abspaltung des als bedrohlich und ge-fährlich erlebten Mutterbildes endet. Zum anderen wird durch den Verzicht auf Männer eine Angleichung an den internalisierten Teil der Mutter angestrebt, die das erotische Begehren zum Mann (Vater) ablehnt. Beide Annahmen sind die Ursprünge weiblicher Homosexualität, die sich häufig bei Frauen mit der Diagnose Borderline-Persönlich-keitsstörung finden lässt (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). Fazit meiner Meinung nach ist, dass die Sichtweise von M. Klein und Kernberg „Jeder Mensch ist Täter seines Erlebens und seiner Wahrnehmung“ (KERNBERG zit. nach REDDEMANN / SACHSSE 1999, S. 17) durch die Erörterung der entwicklungspsychologisch-genetischen Grundannahmen Kernbergs, die sich aus den Erkenntnissen von M. Mahler und M. Klein speisen, deut-lich machen, warum Kernberg (1998) in seinen Ausführungen das Realtrauma vernachlässigen konnte. Ebenso wird deutlich, dass diese Grundannahmen durch gesellschaftliche Moralvorstellung geprägt sind, die die Mutter dem Grunde nach alleinverantwortlich für die kindliche Entwicklung macht. Überdies möchte ich nach WINTERFELD noch anfügen, dass es nicht erstaunlich ist, dass Frauen in ihrer Beziehung zu anderen Personen nie frei von Ambivalenzen sind, wenn gemäß der Theorie von Kernberg (1998) davon ausgegangen werden muss, dass die Ambivalenzen zwischen Mutter und Tochter die Beziehung zueinander bedingen (vgl. WINTERFELD 1995, S. 372 ). Die entwicklungspsychologisch-genetische Entwicklung beinhaltet u.a., wie bereits eingeführt, die Bedingungen für die Entwicklung einer innerpsychischen Struktur, die Kernberg (1998) Borderline-Persönlichkeitsorganisation nennt. Diese psychische Organisation geht mit einer so genannten Ich-Schwäche einher, die sich in mangelnder Angsttoleranz, mangelnder Impulskontrolle, mangelnder Sublimierungsfähigkeit und einer Nähe zum primärprozesshaften Denken manifestiert (vgl. Kernberg 1998, S.
- 19 -41ff.). Eine Folge dieser Ich-Schwäche ist auf struktureller Ebene der Hauptabwehrmechanismus Spaltung mit seinen Hilfsmechanismen primitive Idealisierung, projektive Identifizierung, Verleugnung und Allmacht mit einhergehender Entwertung (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 62). Diese strukturellen Abwehrmechanismen sollen im Folgenden erörtert werden.
2.1.3 Strukturelle Abwehrmechanismen
Abwehrmechanismen sind intrapsychische Vorgänge, die das psychische Gleichgewicht schützen. Diese werden in der Regel dann eingesetzt, wenn Menschen unter seelischer Belastung stehen oder sich in Extremsituationen befinden. Abwehrmechanismen sind kein Indikator für eine pathologische Entwicklung. Vielmehr gilt es zu untersuchen, mit welcher Intensität und Qualität Abwehrmechanismen von Menschen eingesetzt werden. So nutzen `gesunde` Menschen in Augenblicken der seelischen Belastung reifere Abwehrmechanismen wie z.B. Verdrängung und Sublimierung. Nur in Extremsituationen kommt es zum Gebrauch so genannter primitiver Abwehrmechanismen wie Spaltung, Verleugnung, Abwertung, usw. (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 33f.). Im Vergleich hierzu kommt es bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung zu einer Fixierung der Abwehrformationen auf dem Niveau der frühen Entwicklungsstufen. Diese frühen Abwehrformationen dienen den Betroffenen als Schutzfunktion, deren Erschütterung eine direkte Bedrohung auslöst (vgl. ROHDE-DACHSER 1989, S. 90). „Der Patient klammert sich aus diesem Grunde an seine archaischen Abwehrreaktionen, mit der Konsequenz, dass entscheidende Entwicklungsschritte, die die Voraussetzung für die Fähigkeit der Verdrängung bilden würden, unterbleiben“ (ebd.). Bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung bezieht sich der Begriff der Abwehr demnach nicht nur auf die klassische Sichtweise, nämlich auf „Mechanismen, die gegen die Triebe und innere Repräsentanzen arbeiten“ (ROHDE-DACHSER 1989, S. 91), sondern die Abwehr richtet sich auch gegen die drohende Fragmentierung des Ichs, die als bedrohlich empfunden wird und mit dem Gefühl einhergeht, seine Existenz zu verlieren (vgl. ROHDE-DACHSER 1989, S. 91). Dieser drohenden Fragmentierung wird demnach mit den anschließend dargestellten Abwehrmechanismen begegnet.
- 20 - 2.1.3.1Hauptabwehrmechanismus Spaltung
Spaltung ist das Auseinanderhalten entgegengesetzter Introjektion und Identifizierungen; beides sind Formen der Verinnerlichung. SCHAFER (1968) führt dazu aus: „Jene Prozesse, durch die das Subjekt tatsächliche oder vorgestellte regulatorische Interaktionen mit seiner Umwelt und tatsächliche oder vorgestellte Eigenschaften seiner Umwelt in innere Regulationen und Eigenschaften transformiert (zit. nach CHODOROW 1985, S. 61).
Die Integration der konträren Introjekte und Identifizierung ist nach KERNBERG „wichtigste Quelle für die Neutralisierung von Aggressionen (und zwar insofern als hierbei libidinöse und aggressive Triebabkömmlinge miteinender legiert und im Rahmen dieser Integration neu organisiert werden)“ (1998, S. 49). Diese Neutralisierung ist bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht in ausreichendem Maße geschehen. Somit entfällt ein entscheidender Aspekt für die Entwicklung eines ausgereiften Ichs mit einem Selbstbild auf der einen und der Objektkonstanz auf der anderen Seite (vgl. ebd.). Die Betroffenen erleben extreme Positionen, ohne Zwischentöne zuzulassen. Genau gesagt sind sie nicht fähig, Extreme wie z.B. Liebe und Hass zu integrieren. Das Erleben der Ambivalenzen löst in ihnen Schuldgefühle aus, so sind sie bemüht, die Extreme gar nicht erst zuzulassen. Daraus resultiert dann, dass sie ihre Umgebung in diese beiden Pole einteilen. Die Betroffenen spalten ihre nähere Umgebung in `total gut` und `total böse` auf, so dass z.B. Behandlungsteams innerhalb des klinischen Settings genauso polar wahrgenommen werden. In der Regel sind die abwesenden Menschen diejenigen, die als `total gut` wahrgenommen werden, während die Menschen, die sich in der Nähe der Betroffenen befinden, als kontrollierend, beherrschend und eindringend gehasst werden (vgl. STAUSS 1993, S. 75). Ein Klinikbeispiel von DULZ / SCHNEIDER:
„Herr K. berichtete in einer Sitzung - nachdem wir bereits viele Monate miteinander gearbeitet hatten - davon, daß er in sich mehrere Schubladen habe. Jede Person, mit der er zu tun habe, werde von ihm in eine Schublade gepackt und bleibe dort, bis er gezwungen sei, sie aufgrund ihres Verhaltens ihm oder anderen gegenüber umzupacken. Er habe zwei Schubladen für Menschen, die er als gut empfinde. Es sei allerdings möglich, von diesen wenigen guten in eine der zahlreicheren bösen Schubladen hinabgestoßen zu werden. Den Weg von den bösen zu den guten gebe es nicht oder nur ausnahmsweise. Mit den Menschen in den bösen Schubladen sei er im Grunde für alle Zeiten fertig. Wir Therapeuten seien in den guten Schubladen und sollten bloß aufpas-
Arbeit zitieren:
Petra Flick, 2002, Borderline - Persönlichkeitsstörung oder Traumafolge?, München, GRIN Verlag GmbH
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