Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Entwicklung der Geiselnahme aus strafrechtlicher und
sozialwissenschaftlicher Sicht 2
3. Täter-Opfer-Beziehungen 3
3.1 Stockholm-Syndrom 6
3.2 Ursachen für die Entwicklung emotionaler Beziehungen
Erkl ärungsansätze 7
3.2.1 Traumatisierung der Opfer 7
3.2.2 Weiterführende Erklärungsansätze 9
3.2.3 Reflektion und kritische Auseinandersetzung
mit dem Stockholm-Syndrom 12
4. Folgen für Opfer von Geiselnahmen 13
4.1 Primäre Viktimisierung und Posttraumatische
Belastungsst örungen (PTBS) 13
4.2 Sekundäre Viktimisierung 14
4.3 Bewältigung der Erlebnisse von Geiselnahmen 16
5. Auswirkungen der medialen Berichterstattungen auf die Geiselnahme 17
5.1 Pressekodex 17
5.2 Medienshow bei Geiselnahmen 18
5.2.1 Gladbeck 18
5.2.1 Jolo 19
6. Fazit 21
Literaturverzeichnis 22
Erkl ärung 24
II
1. Einleitung
Geiselnahmen, insbesondere von Kindern oder Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, erregen in besonderem Maße die Gesellschaft. Sie fokussieren das öffentliche Interesse auf sich und sind Fixpunkt medialer Arbeit; durchgeführt von Tätern, die nicht nach bloßer Aufmerksamkeit streben, sondern durch ihre Tat bestimmte Ziele verfolgen, sei es Geld, politisches Gehör oder Amnestie.
Geiselnahmen stellen die betroffenen Opfer vor große Probleme. Ihre Existenz wird von fremden Menschen bedroht, die sich ihrem Dasein bemächtigen, um es als Nötigungsmittel einzusetzen. Abgeschottet von der Außenwelt, auf die Gutmütigkeit der Täter angewiesen, unwissend, was im nächsten Augenblick passieren wird, durchleiden sie Todesängste. Viele ehemalige Geiseln versuchen, sofern es ihnen möglich ist, das Trauma Geiselnahme zu verarbeiten, indem sie Bücher über die Zeit während und nach der Geiselnahme verfassen. Inhalt dieser Traumabewältigung ist nicht nur lediglich eine chronologische Nacherzählung der Ereignisse. Die Opfer beschäftigen sich meist ausführlich mit vielen Komponenten, die die Geiselnahmen ausmachten. Sie berichten über angebliche Solidarisierungen mit ihren Peinigern. Sie hinterfragen kritisch ihr eigenes Verhalten während der Geiselnahme. Mitunter tadeln sie die mediale Berichterstattung während und nach der Geiselnahme, sprechen von Diffamierungen in der Gesellschaft durch die falsche Berichterstattung. Diese Hausarbeit wird nach einem kurzen geschichtlichen Abriss über die Entwicklung von Geiselnahmen aus strafrechtlicher Sicht den Schwerpunkt auf die Täter-Opfer Beziehungen legen, die bei Geiselnahmen vermehrt auftreten. Es werden unter Berücksichtigung des Stockholm-Syndroms die möglichen Ursachen für Solidarisie-rungseffekte, emotionale Hinwendungen und die mitunter auftretende Ablehnung der Polizei durch die Geiseln erörtert. Es folgt eine Abhandlung über die Verarbeitung traumatischer Ereignisse der Geiseln. Dabei wird untersucht, welchen Einfluss die mediale Berichterstattung auf die Viktimisierung der Geiseln und die Verarbeitung der Erfahrungen durch die Geiseln hat. Darauf aufbauend wird dargestellt, inwieweit Pressearbeit auf den Ablauf der Geschehnisse Einfluss haben kann.
Als Illustration dafür werden die Erlebnisberichte von ehemaligen Geiseln herangezogen. 2. Entwicklung der Geiselnahme aus strafrechtlicher und sozialwissen- schaftlicher Sicht
Die Geiselnahme zählt zu den Archetypen des Rechts und reicht bis in die Frühgeschichte zurück.
1
In der früheren Privatrechtsgeschichte wurden die Geiseln als Pfand angesehen, die mit ihrem Leib und ihrem Leben für Verbindlichkeiten hafteten. Grundlage der Vergeiselung waren meist freiwillige Verträge zwischen den betreffenden Personen. Die Folge eines Nichteinhalten von vertraglichen Verbindlichkeiten war, dass die Geisel dem Gläubiger verfiel. Hierbei spielte es keine Rolle, ob die Geisel für ein eigenes oder für ein drittes Rechtsgut bürgte.
Diese Garantie mit dem Leib oder Leben für eine Forderung verlor im Mittelalter an Bedeutung. Die sich dort entwickelte Bürgschaft könnte Folge der freiwilligen Vergeiselung gewesen sein.
Im Kriegs- und Völkerrecht hingegen behielt die Geiselnahme ihre Rolle noch bis zum 18. Jahrhundert bei. Hier dienten die Geiseln als Sicherheit, die für die Einhaltung von politischen Vereinbarungen bürgen sollten. Letztmals wurden politische Geiseln beim Friedensvertrag von Aachen im Jahre 1748 zwischen Frankreich und Großbritannien gestellt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts verdrängten die einseitigen Geiselnahmen die vertraglichen zunehmend. Besonders exzessiv vollzogen dies die deutschen Besatzungstruppen im zweiten Weltkrieg in der Balkanregion, geduldet von der herrschenden Meinung im Völkerrecht.
In der heutigen Zeit spielt die Geiselnahme im internationalen Terrorismus, auf den gewissen kriegerischen Charakter reflektiert, eine bedeutende Rolle. Auf die exemplarisch ausgewählten Fallbeispiele wie unter anderen die Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer im Jahre 1977 durch die R.A.F. und die Geiselnahme von mehreren Europäern in Jolo werde ich im Verlaufe meiner Ausführungen näher eingehen. Die „klassische“ Geiselnahme, die Geiselnahme im Zwei-Personen-Verhä ltnis, bekam erst im letzten Jahrhundert ihre gesellschaftliche und somit auch strafrechtliche Würdigung. Grundlage für die gesellschaftliche Ächtung waren stets spektakuläre Bemächtigungen anderer Personen wie 1932 die Entführung des Lindbergh Kindes (Grundlage für die Einführung des § 239a StGB) und dessen anschließende Tötung sowie die Einführung des § 239b StGB mit Blick auf das Münchener Geiseldrama. 1
3. Täter-Opfer Beziehungen
Bei Geiselnahmen besteht zwingender Weise eine räumliche Nähe zwischen Geiselnehmer und Opfer. Die Personen, deren Situationen unterschiedlicher nicht sein können, treten zwangsläufig in eine Interaktion, sei es auf verbaler, kommunikativer Ebene oder lediglich
1 Vgl. dazu Zschieschack, Geiselnahmen und erpresserischer Menschenraub. S 19ff
2
nonverbal. Diese Interaktion legt den Grundstein für das Herausbilden von Verhaltensmustern. Schon häufig wurde bei Geiselnahmen, die über einen längeren Zeitraum hinausgingen festgestellt, dass Täter und Opfer plötzlich harmonieren, sich solidarisieren und sogar eine emotionale Bindung aufbauen. Eine Verhaltensweise, die für den außenstehenden Rezipienten auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar ist. Im Folgenden sollen, anhand von Berichterstattungen ehemaliger Geiseln, die Facetten solcher Täter-Opfer-Beziehungen dargestellt und die möglichen Ursachen für die sich entwickelnde Beziehungsdynamik erörtert werden.
Jan Philipp Reemtsma
Der Soziologe und Zigarettenerbe Jan Philipp Reemtsma wurde am 25.März 1996 vor seinem Haus niedergeschlagen und verschleppt. Die folgende Geiselnahme dauerte 33 Tage. In dieser Zeit hielten ihn die Täter ausschließlich in einem Keller, angekettet an einer Wand, fest. Die Entführer forderten erst 20 Millionen, später gar 30 Millionen D-Mark Lösegeld. Während seiner Zeit im Keller schrieb Jan Philipp Reemtsma ein kleines Tagebuch, welches die Grundlage für sein nach der Freilassung verfasstes Buch sein sollte 2 . Er schreibt in diesem Buch, dass die Geiselnehmer ihm täglich frisches Wasser brachten, ihn mit regelmäßigen Mahlzeiten versorgten und auf sein Bitten ihm sogar Bücher zum Lesen gaben. Die Täter bezeichneten diese Entführung immer wieder als „Deluxe-Entführung“. Sie achteten während der Geiselnahme regelmäßig darauf, dass die „Außenwelt“ Lebensbeweise von Reemtsma erhielt, indem sie ihn aufforderten, Briefe an seine Frau zu verfassen. Reemtsma fühlte sich in seinem Keller wie aus dem Leben gefallen 3 . Mit jedem Tag länger in der Isolation litt seine Psyche. Da die Entführer bei den ersten drei Versuchen der Geldübergabe vermuteten, dass die Polizei, deren Mitwirken sie ausdrücklich untersagt hatten, sich in der Nähe des Ortes der Geldübergabe befand, scheiterten diese. Reemtsma glaubte, dass der vierte Versuch der letzte sein könnte und wies seine Ehefrau in einem weiteren Brief an, die Polizei aus deren Wohnhaus zu schicken und Bekannte mit der Geldübergabe zu beauftragen. Er begann sogar damit, eigene Pläne für die Geldübergabe zu entwickeln 4 . Doch die Geldübergabe glückte und Reemtsma wurde zwei Tage später aus seiner Gefangenschaft entlassen und kehrte zu seiner Frau zurück. Während der Gefangenschaft stellte sich bei ihm ein merkwürdiges Phänomen ein. Obwohl er tiefsten Hass und Abneigung nach der Freilassung gegenüber seinen Peinigern empfand und
2 Siehe Reemtsma, Im Ke ller, S.206
3 Hierzu Reemtsma, Im Keller S.73ff
4 Vgl. Reemtsma, Im Keller S. 139 ff
3
auch während der Gefangenschaft hätte empfinden müssen gab es Momente während der Zeit in der Gefangenschaft, in denen er sich nichts Sehnlicheres gewünscht hatte, als die Stimmen seiner Peiniger zu hören. Es ging sogar so weit, dass er insgeheim danach verlangte, dass der Brite (so nennt Reemtsma einen seiner Entführer in seinem Buch) zu ihm komme, um dessen Hand auf seine Schulter zu legen und ihn zu trösten. Zu dem Briten hatte Reemtsma eine besondere „Beziehung aufgebaut“. Er war der Einzige, der sich mit Reemtsma unterhielt. Ein Gespräch empfand Reemtsma sogar als das Angenehmste, was er in dem Keller erfahren hatte 5 .
Susanne Siegfried und Nicola Fleuchaus
Die Entführung der beiden Frauen fand am 1. Januar 1996 auf Costa Rica statt. Zusammen mit Freunden feierten sie Sylvester, als mehrere Befreiungskämpfer auftauchten und sie entführten. Es folgte eine Odyssee von 72 Tagen. Die beiden Frauen zogen mit ihren Geiselnehmern in dieser Zeit durch den Urwald, von Camp zu Camp, immer auf der Flucht vor der Armee, die die Frauen befreien sollte. In dieser Zeit, geprägt von vielen Gesprächen entwickelte sich eine Art „Beziehung“ zwischen Nicola Fleuchaus und einem der Entführer (Talamanca). Kurz nach deren Freilassung tauchte ein Foto in der Presse auf, das um die Welt ging. Nicola Fleuchaus küsste einen ihren Entführer 6 .
Susanne Siegfried beschreibt in ihrem Buch chronologisch und detailliert deren Entführung. Wie sie von Camp zu Camp zogen, mithalfen, die Lagerplätze zu säubern, um keine Spuren zu hinterlassen. „Wir waren über jede Handreichung dankbar“ 7 , so Siegfried. Nach einiger Zeit begannen beide zu Talamanca Vertrauen aufzubauen, sie betrachteten ihn als Beschützer, fühlten sich bei ihm sicher. Immer wenn Talamanca eines der Camps verlassen musste, um Nahrung zu besorgen, hofften sie, dass er zurückkommen würde. Talamanca selbst fühlte sich zu Nicola Fleuchaus ebenfalls hingezogen. Er machte ihr Komplimente und bezirzte sie. Es entwickelte sich eine Romanze zwischen den beiden.
Auch nach der Festnahme ihrer Entführer empfinden beide Opfer keinen Hass und schwelgen auch nicht in Rachegedanken gegenüber ihren Peinigern.
Paradoxe Phänomene
In beiden Berichterstattungen werden Phänomene geschildert, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Reemtsma fühlt sich plötzlich zu seinem Peiniger hingezogen, möchte
5 Siehe Reemtsma, Im Keller, S.170
6 Siehe Siegfried/Siegfried, Entführung in Costa Rica, S 210
7 Zitat aus: Siegfried/Siegfried, Entführung in Costa Rica, S 84
4
Arbeit zitieren:
Till Maurer, 2005, Täter-Opfer Beziehungen und die Rolle der Presse bei Geiselnahmen, München, GRIN Verlag GmbH
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Till Maurer
Aktueller Anlass.
Die verfasste Arbeit stellt aus aktuellem Anlass eine aus meiner Sicht wichtige Wissenergänzung im Bereich der Geiselnahmen dar.
Auszüge dieser Arbeit können nahezu identisch auf gewisse Verhaltensweisen der in dem Irak verschleppten Geisel Susanne Osthoff reflektiert werden.
Rückblickend auf das Ergebnis der Arbeit habe auch ich Erklärungsansätze für das mitunter paradox wirkende Verhalten der "Geisel" Osthoff gefunden.
Die weitläufige Unverständnis in der Bevölkerung kann durch die Kenntnis über das "Stockholm-Syndrom" in gewisser Weise relativiert werden.
Viel Spaß beim Lesen.
am Tuesday, February 28, 2006-