INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 3
1. Methoden der Autoren 4
2. Einheit und Gleichheit der Freunde
Engelhard und Dietrich 5
3. Liebesbeziehung vs Freundschaftsmodell 8
4. Rollentausch als Rettung 12
5. Krankheit als wiedervereinigendes
Element 15
6. Bewältigung oder Scheitern der Adoleszenz 15
7. Bedeutung der Psychologie in der Mediävistik 18
LITERATURVERZEICHNIS 20
2 NA
Einleitung
Die Pubertät, die damit verbundenen Verstrickungen auf dem Weg in das Erwachsenendasein werden im „Engelhard“ von Konrad von Würzburg anhand der Jünglinge Engelhard und Dietrich thematisiert. Bis heute gab es die unterschiedlichsten Interpretationsansätze. Einer der ungewöhnlichsten davon ist der psychologische Interpretationsansatz.
Die Frage stellt sich nun, inwiefern eine so neue Wissenschaft, wie die Psychologie, für die Interpretation und das Verständnis mittelalterlicher Texte von Nutzen sein kann. Ulrich Müller beantwortet diese Frage in dem Vorwort zu dem Buch „Psychologie in der Mediävistik“. Hier führt er an, dass sich die Mediävistik selbst als Kulturwissenschaft versteht. Aus diesem Grund darf sie auch Erkenntnisse der Psychologie über historische Verhaltensweisen und die Psyche des mittelalterlichen Menschen in ihrer eigenen Forschung nicht mehr vernachlässigen. 1 Dietmar Peschel und Elisabeth Schmid versuchten sich dem mittelalterlichen Werk Konrads von Würzburg auf der Grundlage von Sigmund Freud und dem Ethnopsychologen Mario Erdheim zu nähern.
Ihre beiden Aufsätze, die den „Engelhard“ unter diesem neuen Gesichtspunkt betrachten, bilden den Hauptgegenstand dieser Arbeit.
Anhand des Handlungsstranges des „Engelhard“ sollen die Positionen Peschels und Schmids näher erläutert und gleichzeitig einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Letztendlich soll sich der Frage gewidmet werden, ob der psychologische Interpretationsansatz in der Mediävistik wirklich anwendbar ist.
1
Vgl. Psychologie in der Mediävistik. Gesammelte Beiträge des Steinheimer Symposions. Hrsg. von Jürgen Kühnel, Hans-Dieter Mück, Ursula Müller, Ulrich Müller. Göppingen : Kümmerle Verlag 1985. S. 5
1. Methoden der Autoren
Vor der eigentlichen Analyse der Argumente Peschels und Schmids, soll noch ein Blick auf die Grundlagen ihrer psychologischen Interpretation geworfen werden, die einerseits wichtig für das Verständnis sind, andererseits aber auch Ansätze zur Kritik liefern. Dietmar Peschel stützt seine Erkenntnisse auf die entwicklungspsychologischen Theorien Sigmund Freuds, genauer gesagt auf sein Phasenmodell. Besonders geht er auf die Latenzphase und die Adoleszenz bzw. Pubertät ein. Freud versteht unter der Latenz die Entwicklungsphase zwischen dem sechsten und elften Lebensjahr, während der die sexuelle Entwicklung ruht und das Leben bestimmt ist vom Fleiß und Stolz auf erreichte Leistunge n. Das Über-Ich, d.h. die Instanz der Psyche, die das Gewissen, Gebote, Verbote und gesellschaftliche Normen enthält und nach dem Moralitätsprinzip handelt, nimmt eine beherrschende Position ein.
Die Adoleszenz, oder auch Jugendalter beginnt, nach Freud, ca. mit dem elften Lebensjahr und beinhaltet das Erwachen der erogenen Zonen. Die Adoleszenz ist die Zeit der Konfusion, was bedeutet, dass sich der Jugendliche auf der Suche nach Idealen, Werten und vor allem seiner eigenen Identität befindet. Mit der körperlichen Veränderungen gehen auch Veränderungen der sozialen Einstellungen und des Verhaltens einher. Peschel verwendet weiterhin für seine Interpretation das mythologische Motiv des Narzissmus. In der griechischen Mythologie handelt es sich dabei um den Jüngling Narziss, der damit bestraft wird, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Außerhalb der Mythologie bezeichnet Narzissmus (=Autoerotismus) eine sexuell unterlegte Verliebtheit in den eigenen Körper.
Elisabeth Schmid bedient sich ebenfalls der Termini „Latenzphase“ und „Adoleszenz“, sieht dabei aber das Letztere eher unter den Gesichtspunkten des Ethnopsychologen Mario Erdheim, der in seinem Buch „Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit“ die spezielle Bedeutung der Adoleszenz für die kulturelle Entwicklung hervorhebt. Erdheim sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Dynamik der Adoleszenz und dem Kulturwandel, weil der Adoleszente sich von den Elternerfahrungen loslösen muß und dadurch in eine Experimentierphase gestürzt wird, die ihn dazu zwingt, alles was die Kultur ihm bietet einer Prüfung zu unterziehen. Auf Grund dessen können neue Anpassungs- und Kulturformen entwickelt werden. In der Adoleszenz liegt somit die Chance der Kulturerneuerung.
2. Einheit und Gleichheit der Freunde Engelhard und Dietrich
Engelhard entstammt der Familie eines freiadligen Herrn aus Burgund, die zwar sehr tugendhaft, leider aber auch mittellos ist. Neben ihm gibt es noch neun weitere Geschwister, was die materielle Situation weiter verschlechtert. Von den zehn Söhnen agiert Engelhard als der tugendhafteste und wird von allen auf Grund seiner Schönheit bewundert. Viele Frauen sehnen sich nach seiner Liebe, die von ihm allerdings unerwidert bleibt.
Dietmar Peschel vermutet, dass Engelhard der älteste Sohn der Familie sein könnte, was er mit folgender Textstelle treffend begründet :
„ wan swaz mîn vater geldes kann geleisten und diu mouter mîn, des dürfens unde ir kindelîn âne mich ze rehter nôt.“ 2 Die familiäre Situation läßt Engelhard beschließen, in die Fremde zu gehen, damit er „gewinnen müge lop daz mînen êren tüge“. 3 Sein Weg führt ihn zu König Fruote von Dänemark, der als großzügiger Herrscher bekannt ist und dem Engelhard seine Dienste als Knappe anbieten möchte. Unterwegs begegnet Engelhard einem Jüngling, der ihm bis ins kleinste Detail gleicht. Selbst ihre Gesten und ihre Art zu Reden unterscheiden sich nicht im Geringsten. Nicht einmal eineiige Zwillinge können sich so sehr ähneln, wie Engelhard und dieser Jüngling namens Dietrich (seinen Namen verrät er erst später). Sie entschließen sich, gemeinsam ihren Weg fortzusetzen, der, wie sich im Gespräch ergibt, derselbe ist. Den Apfel-Test zur Überprüfung der Treue, der Engelhard von seinem Vater empfohlen wurde, besteht Dietrich – er reicht seinem neuen Begleiter eine der beiden Hälften. Die Freundschaft der beiden wird sogleich mit einem Eid besiegelt.
An dieser Stelle weist Dietmar Peschel auf das „Motiv der Gleichheit“ hin, welches hier Verwendung fand. Die Begegnung der beiden Jünglinge, der eine arm und mit vielen Geschwistern, der andere wohlhabend und vermutlich Einzelkind (so nimmt es Peschel
2
Konrad von Würzburg, Engelhard. Hrsg. von Ingo Reiffenstein. 3.Aufl. Tübingen : Max Niemeyer Verlag 1982. S. 16 / 298-301
3
Ebd. S. 16 / 295-296
an), erinnert in der Wortwahl Konrads an eine „homo-erotische Liebe“ 4 . Vor ihrem Zusammentreffen interessieren sich viele Frauen für die beiden schönen und tugendhaften Jünglinge, was von diesen aber nicht bemerkt wird. Peschel sieht hier eine Verbindung zum griechischen Mythos vom Jüngling Narziss. Ihr Zusammentreffen bewirkt, dass sie sich im jeweils anderen erkennen, nicht nur als Spiege lbild, sondern sogar als „Eben- und Eigenbild“ 5 , d.h. sie sehen im Anderen ein Abbild von sich selbst, allerdings mit dem unbewußten Gefühl, dass der Andere ein eigenständig handelndes Individuum ist. Peschel zufolge liegt die „Spiegelphase“ 6 bereits hinter Engelhard und Dietrich, jetzt beginnt für beide die Phase der Entwicklung ihrer eigenständigen Persönlichkeit. Elisabeth Schmid interpretiert das Wiedererkennen im Anderen als das Erblicken des jeweiligen „Ich-Ideals“ 7 . Das Idealselbst bezeichnet das Selbst, welches das Individuum gerne besitzen würde.
Am Hofe von König Fruote angekommen, erhalten sie einen prunkvollen Empfang, ihre Gleichheit wird als wahres Wunder angesehen und der König nimmt beide gern in seinen Dienst, läßt sie aber unterschiedliche Kleidung tragen, um sie auseinanderhalten zu können.
Engelhard und Dietrich erfreuen sich größter Beliebtheit am Hofe, da sie großes Talent bei höfischen Aktivitäten, wie dem Bogenschießen, Tanzen, Singen, Rezitieren und Spielen von Instrumenten zeigen. Überdies versuchen die beiden ihre Freundschaft noch weiter zu vertiefen.
Die Freundschaft zwischen Engelhard und Dietrich ist laut Dietmar Peschel mit platonischer Liebe gleichzusetzen, sie hat also keinen Bezug zur Sexualität, was durchaus plausibel ersche int, da sich die beiden Jünglinge in der Latenzphase befinden, in der die Sexualität ruht.
Die Beiden erkennen sich selbst im Anderen, sehen sich aber als Eins, so wie sie auch „[...] Liebe, Leben und Tod[...]“ 8 als Eins begreifen. Peschel hebt hervor, dass die
4
Peschel, Dietmar : Geglückte Pubertät ? Diet-rîch, Rîch-hart, Engel-hart, Engel-trût. Vom Erwachsenwerden eines jungen Adligen in der Erzählung
Engelhart
Konrads von Würzburg. In : Jahrbuch für Internationale Germanistik 33 (2001). S. 12
5
Ebd. S. 12
6
Ebd. S. 12
7
Schmid, Elisabeth : Engelhard und Dietrich : Perpetuierung der Adoleszenz. In : Jahrbuch für Internationale Germanistik 33 (2001). S. 33
8
Peschel, D. : Geglückte Pubertät ? S. 14
Quote paper:
Susanne Hartung, 2003, Verschiedene psychologische Interpretationen des "Engelhard" von Konrad von Würzburg, Munich, GRIN Publishing GmbH
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