INHALT
0. Einleitung 2
Der Literaturbericht. 4
1. Ernst Cassirer und Aby Warburg. 5
1.1 Literaturlage zum Thema 10
1.2 Selbstaussagen von Cassirer und Warburg zum Thema. 11
2. Methodisches Vorgehen 15
2.1 Grundlage der Bibliographie zum Forschungsstand und Kriterien der Literaturauswahl. 15
2.2 Einteilung der Publikationsaktivitäten in zeitliche Phasen 16
2.3 Gang der Analyse und Maßstäbe der Kritik 18
3. Aussagen und Quellengrundlage der Sekundärlitera-tur zur Beziehung zwischen Cassirer
und Warburg 20
Die Natur einer wissenschaftlichen Beziehung 20
3.1 Aussagen in der Sekundärliteratur 1920 - 1929 und 1930 - 1945. 21
3.2 Aussagen in der Sekundärliteratur 1946 - 1973. 23
3.3 Aussagen in der Sekundärliteratur 1974 - 1989 und 1990 - 2000. 27
3.4 Lexikonartikel. 42
3.5 Auswertung. 44
4. Kritische Betrachtung 48
4.1 Umgang der Sekundärliteratur mit ihren Grundlagentexten 48
4.2 Die Bedeutung Aby Warburgs und seiner Bibliothek für Cassirer 50
4.2.1 Hilfe der Bibliothek bei der Bücherbeschaffung D 50
4.2.2 Cassirers Kulturphilosophie und der mögliche Einfluß der Bibliothek A, F, G, H 51
4.2.3 Die Systematik der Bibliothek Warburg H, I 56
4.2.4 Die Arbeitsgemeinschaft’ im Umkreis der Bibliothek Warburg C 58
4.2.5 Ziele der Bibliothek Warburg und Ziele Cassirers B 61
4.2.6 Cassirers Einfluß auf Warburg und Wissenschaftler im Umfeld der Bibliothek E, J, L 65
4.2.7 Persönliche Freundschaft zwischen Cassirer und Warburg 68
4.3 Der Stand der Forschung: Kritik und Bewertung. 69
5. Konstruktion von Wissenschaftsgeschichte und ihre Motive. 71
5.1 Wissenschaftsgeschichtsschreibung: der Fall Cassirer-Warburg 71
5.2 Akteure, Motive und Ziele. 75
Bibliographie. 79
Abteilung A: Schriften von Ernst Cassirer und Aby Warburg 79
Abteilung B: Sekundärliteratur zur Beziehung zwischen Cassirer und Warburg 82
Abteilung C: Lexikonartikel. 88
Abteilung :D Sonstige Literatur. 90
Abteilung E: Quellen. 95
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0. EINLEITUNG
Philosophiegeschichtsschreibung ist ein schwieriges Pflaster. In dieser Arbeit soll es - aus der Perspektive der Kulturphilosophie - um die Beziehung zwischen zwei Wissenschaftlern, dem Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) und dem Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866-1929) gehen; ein Kapitel der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, das in der Weimarer Republik seinen Ausgang nimmt. In der Form des Literaturberichts zum Stand der Forschung ist diese wissenschaftliche und persönliche Beziehung im Spiegel ihrer Geschichtsschreibung das Thema der Arbeit. Darüber hinaus wird jedoch auch das Medium selbst, die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichtsschreibung, zum Thema werden müssen. Wie die Geschichte der Beziehung Cassirer-Warburg geschrieben wurde und wird, ist auch ein Beispiel für die Historiographie der Geisteswissen-
schaften 1 und ihre Probleme und Unzulänglichkeiten.
In einem großen Teil der Sekundärliteratur, und das vor allem in den letzten zehn Jahren, entstand und entsteht noch ein Bild der fachlich-wissenschaftlichen Beziehung zwischen Cassirer und Warburg, das, oft ohne kritische Überprüfung von Quellen und Fakten, zu Schlüssen kommt, die bei näherer Betrachtung in sich widersprüchlich und z.T. nicht haltbar sind. Dabei stellt sich heraus, daß die Wurzeln einer Entwicklung hin zur Legendenbildung ohne wissenschaftliche Grundlage schon zu Lebzeiten beider angelegt sind. Bereits kurz nach Cassirers Tod und dem Ende des zweiten Weltkriegs kristallisiert sich in der Debatte über die Art der wissenschaftlichen Beziehung zwischen Cassirer und Warburg eine Kernfrage heraus: war die Entstehung von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, allgemein als sein kulturphilosophisches Hauptwerk betrachtet, von Warburg und seiner
1 Auch wenn diese Arbeit vom Standpunkt der Kulturphilosophie ausgeht, stammt doch die dem Literaturbericht zugrundeliegende Literatur sowohl aus der Cassirer-Forschung innerhalb der Philosophie, als auch aus der Warburg-Forschung, die meist ausgehend von der Kunstgeschichte betrieben wird. Wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, betrifft das Problem über die beiden Einzelwissenschaften hinaus auch die Geschichte einer disziplinenübergreifenden Kulturwissenschaft; vgl. Kap. 5.2.
Technische Anmerkung: die Bibliographie der dem Literaturbericht zugrundeliegenden Publikationen (vgl. Bibliographie, Abt. B) verzeichnet die einzelnen Titel in der Reihenfolge ihres Ersterscheinens. Die für diese Titel durchgängig verwendeten Kurzzitationen bestehen aus AUTORENNAMEN und Ersterscheinungsjahr, so daß jeder Titel innerhalb der chronologischen Bibliographie leicht aufgefunden werden kann. Im Unterschied zu den dem Literaturbericht zugrundegelegten Titeln werden sonstige Sekundärliteraturtitel (vgl. Bibliographie, Abt. D) ab zweiter Nennung nur als ‚AUTORENNAME‘ zitiert; falls von einem Autor mehrere Titel innerhalb der Arbeit zitiert werden, wird der AUTORENNAME noch um ein TITELSCHLAGWORT ergänzt (AUTOR: TITEL), so daß in jedem Fall klar ersichtlich ist, ob der zitierte Titel Bestandteil des Literaturberichts ist oder zur sonstigen Sekundärliteratur zählt. Kurzzitationen von Artikeln aus Fachlexika zu Cassirer und Warburg (vgl. Bibliographie, Abt. C) bestehen aus einem KURZTITEL des Lexikons, Erscheinungsjahr und AUTOREN- NAME (LEXIKONJAHR (AUTOR)). Die zur Zitierung aus Werken Cassirers und Warburgs verwendeten SIGELN lassen sich ebenfalls der Bibliographie (Abt. A) entnehmen.
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„Kulturwissenschaftlichen Bibliothek“ beeinflußt, und wenn ja, inwiefern? Diese Frage zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die gesamte Sekundärliteratur; vor allem in den neunziger Jahren wird sie in weit überwiegendem Maße in der Sekundärliteratur bejaht, bis hin zur der (allerdings singulären) Behauptung, Aby Warburg habe schon um die Jahr-hundertwende an einem „Entwurf zu einem umfassenden System der ›symbolischen For-
men‹“ gearbeitet. 2 Dabei geht es v.a. in den neunziger Jahren nicht mehr nur um die Frage nach dem Einfluß des einen Wissenschaftlers auf den anderen, sondern auch um eine Bewertung beider innerhalb einer ‚Tradition‘ der Kulturwissenschaften, auf die heutige Autoren eigene Ansätze von Kulturwissenschaft zu gründen versuchen. Wird die Frage nach einem eventuellen Einfluß Warburgs auf Cassirers Kulturphilosophie positiv beantwortet, so impliziert dies im Extremfall, daß Warburg als der originäre Kulturwissenschaftler anzusehen wäre, auf dessen Arbeit Cassirers Philosophie aufbaute.
Die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte erweist sich jedoch als komplizierter; die simple These vom Einfluß Warburgs auf Cassirer ist, wie zu zeigen sein wird, nicht aufrechtzuerhalten. Dennoch verfestigt sich in den letzten zehn Jahren in der Sekundärliteratur mit Vehemenz ein Kanon an Aussagen zur Beziehung Cassirer - Warburg, dessen Kern eben der Einfluß Warburgs und seiner Bibliothek auf Cassirer ist.
Im Verlauf der Arbeit wird sich das Augenmerk vor allem auf die Rekonstruktion der Entstehung und Behandlung dieser Kernfrage nach dem ‚Einfluß’ in der Sekundärliteratur richten; angesichts der ‚Kulmination‘ der Debatte in den neunziger Jahren, die sich vielfach durch eine unkritische Übernahme einschlägiger Aussagen aus früheren Texten auszeichnet, wird am Schluß der Arbeit die Frage stehen, was Wissenschaftsgeschichtsschreibung dazu veranlaßt, anstelle von methodisch fundiertem Handwerk Konstruktion von Wissenschaftsgeschichte zu betreiben.
Daß es im Folgenden vor allem um die Philosophie Cassirers geht, und weniger um theoretische Ansätze Aby Warburgs, liegt weniger an der gewählten Perspektive als vielmehr an der Art der Aussagen der Sekundärliteratur, die in der wissenschaftlichen Beziehung zwischen Cassirer und Warburg fast ausschließlich Auswirkungen auf Cassirers Philosophie thematisiert; da die Aufgabe des Literaturberichts in einer kritischen Bestandsaufnahme und Bewertung der vorhandenen Literatur zum Thema besteht, wird vorwiegend reaktiv auf das von der vorhandenen Literatur Ausgesagte eingegangen werden.
2 NABER, CLAUDIA: Pompeji in Neu-Mexico. Aby Warburgs amerikanische Reise. In: Freibeuter 38 (1988), S.
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Der Literaturbericht
Diese Arbeit ist untertitelt „Ein Literaturbericht“. Der Literaturbericht hat die Aufgabe, dem Leser kursorisch einen Überblick über die zu einem bestimmten Forschungsthema in einem gewissen Zeitraum publizierte Literatur zu verschaffen. Sie soll ihn in den Stand setzen, aus diesem zunächst quantitativen Überblick (dokumentiert mit einer umfassenden Bibliographie) durch eine im Literaturbericht geleistete kritische Betrachtung und Bewertung der vorhandenen Forschungsliteratur auch qualitative Aussagen über den Stand der Forschung zu treffen.
Der Gattung des Literaturberichts ist eine eigene deutsche DIN-Norm gewidmet worden. DIN 1426 nennt als Merkmal eines Literaturberichts, daß er sowohl indikative und infor-
mative Darstellungen als auch Wertungen enthalten solle. 3 Darüber hinaus soll der Literaturbericht die Literatur zum Forschungsthema im behandelten Zeitraum möglichst vollständig erfassen, dabei darstellen, auf welcher Grundlage die Bibliographie der relevanten Forschungsliteratur erstellt wurde, sowie die Kriterien für die getroffene Auswahl aus der Masse der vorhandenen Forschungsliteratur darlegen. In der Bewertung der behandelten Literatur soll der Literaturbericht „aus den untersuchten Dokumenten Trends erkennen, wesentliche Entwicklungen aufzeigen, Fehler und Irrtümer darstellen, Lücken in der Forschungstätigkeit nachweisen“ und kritisch „bestimmte Entwicklungen hervorheben, andere verwerfen, Dokumente empfehlen, Triviales zurückweisen.“ Deshalb müsse der Literatur-bericht „auch die Maßstäbe der Kritik, die er anlegt, deutlich machen.“ 4
Im Übrigen kann ich nur die treffende Aussage von Klaus Poenicke im Duden-Leitfaden ‚Wie verfaßt man wissenschaftliche Arbeiten?‘ unterstreichen, die dieser Arbeit als Motto und, im Sinne Poenickes, als ‚Leitfaden‘ dienen soll:
„Abschließend ist festzuhalten, daß angesichts des erdrückenden Überangebotes an In-formation heute jeder wissenschaftlich Arbeitende zunehmend auf die hier skizzierten Aufbereitungsformen von Dokumenten angewiesen ist, und zwar ebenso bezüglich der Darstellung von Inhalten wie bezüglich der Wertung und systematischen oder historischen Zuordnung. Das zusammenfassende Referieren setzt ebenso wie das kritische Auswerten ein hohes Maß an Urteilsvermögen und wissenschaftlichem Verantwortungsgefühl voraus. Es ist heute mehr denn je als eigenständige und unentbehrliche wissenschaftliche Leistung zu werten.“ 5
88-97 (im Folgenden zitiert als ‚NABER: POMPEJI’), darin S. 94; vgl. auch Kap. 3.3.
3 DIN 1426: ‚Inhaltsangaben von Dokumenten. Kurzreferate, Literaturberichte‘ (Oktober 1988). DIN, Deutsches Institut für Normung. Berlin [u.a.]: Beuth 1988, S. 2.
4 Ebda., S. 5f.
5 POENICKE, KLAUS: Duden ‚Wie verfaßt man wissenschaftliche Arbeiten?‘ Ein Leitfaden vom ersten Studiensemester bis zur Promotion. 2., neu bearb. Aufl. Mannheim [u.a.]: Dudenverlag 1988 (Die Duden-Taschenbücher; 21), S. 104.
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1. ERNST CASSIRER UND ABY WARBURG
Die wissenschaftlichen Biographien von Ernst Cassirer und Aby Warburg zeigen eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten, aber auch gravierende Unterschiede. In verschiedenen Disziplinen sozialisiert und promoviert - Warburg in der Kunstgeschichte, Cassirer in der Philosophie - verfolgten beide schon im Studium breitgefächerte Interessen: Warburg studierte in Bonn Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie unter anderem bei dem Altphilologen und Religionswissenschaftler Hermann Usener, dem Kulturhistoriker Karl Lamprecht
und dem Kunsthistoriker Carl Justi. 6 Nach der Dissertation zu einem klassischen Werk der Kunstgeschichte - Boticellis ‚Venus‘ und ‚Frühling‘ 7 - versuchte sich Warburg noch in Berlin an einem Medizinstudium. 8 1895/96 reiste er anläßlich einer Familienhochzeit in den USA auch mit großem ethnologischen Interesse zu den Pueblo-Indianern Neu-Mexikos und
studierte deren Kulte und Riten. 9
Cassirer dagegen bewegte sich eher in konzentrischen Kreisen auf die Philosophie hin: nach eigenen Angaben studierte er „zunächst an den Universitäten Berlin und Leipzig Jurisprudenz; später an den Universitäten Heidelberg, Berlin und München Germanistik und neuere Litteraturgeschichte“, um dann, auf Hermann Cohen aufmerksam gemacht, ab 1896 in Marburg „hauptsächlich Philosophie und Mathematik“ u.a. bei Cohen zu studieren und
bei ihm 1899 mit einer Dissertation zu Descartes zu promovieren. 10 Cassirer galt nach Studium und Promotion bei Cohen als dessen hervorragendster Schüler und somit als Neukantianer.
6 Zu Warburgs akademischem Werdegang, seinen Lehrern und anderen Einflüssen vgl. GOMBRICH, ERNST H.: Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt 1981. Dieses Werk wird im Folgenden zitiert als ‚GOMBRICH: WARBURG’.
7 WARBURG, ABY: Sandro Botticellis »Geburt der Venus« und »Frühling«. Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance. Hamburg und Leipzig: Voss 1893. Doktorvater war Hubert Janitschek in Straßburg, da Warburgs Lehrer Justi dem Thema eher ablehnend gegenüber-stand; vgl. GOMBRICH: WARBURG, S. 73ff.
8 Vgl. Verzeichnis der Archivmaterialien zu Warburg in WUTTKE, DIETER: Aby M. Warburg-Bibliographie 1866 bis 1995. Werk und Wirkung. Mit Annotationen. Baden-Baden: Koerner 1998 (Bibliotheca bibliographica Aureliana; 163), S. 372: „Berlin: .... Matrikeleinträge, Aby Warburg als Medizinstudent betreffend, SS 1892.“ (Dieses Werk wird im Folgenden zitiert als ‚WUTTKE‘.)
9 Nach seiner Rückkehr hielt Warburg in zwei photographischen Gesellschaften Vorträge über die Reise; zu einem wissenschaftlichen Vortrag arbeitete er die Erfahrung bei den Pueblos aber erst 1923 im Kreuzlinger Sanatorium um; vgl. NABER: POMPEJI, S. 96, Anm. 22 und 24, sowie WARBURG, ABY M.: Schlangenritual. Ein Reisebericht. Mit einem Nachwort von Ulrich Raulff. Berlin: Wagenbach 1988 [SCHLANGENRITUAL].
10 CASSIRER, ERNST: Descartes’ Kritik der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen philosophischen Facultät der Universität Marburg. Marburg 1899, Lebenslauf im Anhang, S. 103. Der Liste der in diesem Lebenslauf genannten Professoren, bei denen Cassirer nach eigenen Angaben studierte, läßt sich entnehmen, daß seine Interessen noch über diese Fächer hinausgingen: so befaßte er sich innerhalb der Germanistik stark mit Sprachgeschichte (in Heidelberg beim Junggrammatiker Hermann Osthoff und in München bei Hermann Paul); in Leipzig hörte Cassirer Völkerpsychologie bei Wilhelm Wundt und in München Psychologie bei Theodor Lipps.
5
Sowohl Cassirer als auch Warburg bekamen erst spät den Professorentitel, konnten sich jedoch ein Leben als Privatdozent bzw. Privatgelehrter leisten, bevor sie, unter Bedingun-
gen, die sie selbst akzeptieren konnten, Professor wurden. 11 Warburg hatte als Sohn einer Bankiersfamilie die finanziellen Möglichkeiten, sich völlig auf seine Studien zu konzentrieren, ohne sich akademischen Qualifizierungsprozeduren zu unterwerfen, die auch wegen des latenten akademischen Antisemitismus (Warburg war wie Cassirer Jude) für ihn ein Problem darstellten. Die Mittel seiner Familie nutzte er dazu, seine eigene Bibliothek und mit ihr ein eigenes Forschungsinstitut aufzubauen. Auch Cassirer war durch die Finanzmit-
tel seiner Familie in der Lage, seinen Lebensunterhalt als Privatdozent zu bestreiten. 12 Erst die Neugründung der liberaleren Hamburger Universität verhalf beiden zum akademischen Durchbruch: Cassirer wurde 1919, direkt nach Gründung der Hamburger Universität, im
Alter von 46 Jahren als Ordinarius für Philosophie berufen; 13 Warburg bekam den Profes-sorentitel schon 1912 aufgrund seiner Verdienste für die Hamburger Universitätsfrage ehrenhalber verliehen, wurde 1921 Honorarprofessor der Hamburger Universität und blieb es
bis zu seinem Tode 1929. 14
Cassirer gelangte auch gegen die Widerstände, die ihm als Jude und Cohen-Schüler entgegentraten, durch seine Arbeiten bald zu wissenschaftlichem Ansehen; neben der Publikation mehrerer eigener Monographien edierte er die Werke Kants und Leibniz’ und schrieb eine
11 Beide versuchten (in Cassirers Fall nur zeitweilig) erfolglos, sich zu habilitieren. Warburg unternahm 1906 Anstrengungen, sich in Bonn zu habilitieren, gab diese jedoch auf, als die Fakultät ihn unter Zeitdruck setzte. Ein Extraordinariat in Breslau schlug er im selben Jahr aus. 1912 sagte er, als ihm die Nachfolge Adolph Goldschmidts in Halle offeriert wurde, ebenfalls ab; wohl, weil ihm die Entwicklung in der Debatte um eine Hamburger Universitätsgründung für seine Ziele günstig schien. Als die Bürgerschaft diese Gründung hinauszögerte, machte er 1915 einen letzten Versuch, sich für ein Ordinariat zu bewerben. In allen diesen Fällen waren für ihn die Bedingungen, unter denen er sich in den akademischen Betrieb hätte eingliedern können, nicht akzeptabel. Zu Warburgs entsprechenden Versuchen vgl. RAULFF 1997, S. 30ff. Cassirers Habilitationsversuche gingen nach Angabe seiner Frau vor allem auf die Initiative Cohens zurück; Cassirer selbst hatte seiner Frau zufolge angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten als Jude und Cohen-Schüler wenig Ambitionen. Toni Cassirer berichtet von vor 1906 gescheiterten Versuchen u.a. in Berlin, Straßburg, Göttingen und Marburg (TONI CASSIRER: Mein Leben mit Ernst Cassirer. Hildesheim: Gerstenberg 1981 (im Folgenden zitiert als ‚TONI CASSIRER’), S. 39-56; zu Cassirers Widerstreben angesichts der Schwierigkeiten vgl. besonders den ebda., S. 47f. abgedruckten Brief von 1901 an seine Frau, in dem er schreibt: „Cohen stellt es mir unaufhörlich als Pflicht vor, den Kampf für meine Tätigkeit und meinen Beruf aufzunehmen, - auch ich will ihm wahrhaftig nicht aus dem Wege gehen, - nur auf den Kampf gegen unsachliche Vorurteile, den ich mit unsachlichen Mitteln führen müßte, verzichte ich von Anfang an...“).
12 Vgl. TONI CASSIRER, S. 40.
13 RECKI 1999A, S. 20: „Gut einen Monat nach der offiziellen Gründung der Hamburgischen Universität ernennt am 18. Juni 1919 der Senat der Stadt den Philosophen Ernst Cassirer zum ordentlichen Professor. [Anm. Recki: St[aats- und Universtitäts]A[rchiv] H[ansestadt]H[amburg] [Bestand] Hochschulwesen. Dozenten- und Personalakten I.146 Bd.1]“.
14 Warburg bekam den Professorentitel 1912 vom Hamburger Senat ehrenhalber verliehen, als er 1912 einen Ruf nach Halle ablehnte (GOMBRICH: WARBURG, S. 254); zur späteren Honorarprofessur vgl. WUTTKE, Abt. A, Nr. 335: „1921 [anonym]: Hamburgische Universität. Neue Professoren. In: Hamburgischer Correspondent vom 30. Juli 1921, Abendausgabe, S. 3 [Aby Warburg zum Honorarprofessor ernannt.]“
6
Kant-Biographie. 15 Im Laufe des ersten Weltkriegs beschäftigte er sich zunehmend mit geisteswissenschaftlichen Themen und legte in den zwanziger Jahren mit der dreibändigen
Philosophie der symbolischen Formen 16 eine umfassende Theorie des symbolischen Weltverständnisses vor, die als Hauptwerk seiner Kulturphilosophie angesehen wird.
Dagegen war Warburgs Arbeit durch eine 1918 ausbrechende psychische Krankheit in Frage gestellt. Nach Aufenthalten in verschiedenen Kliniken wurde er 1921 nach Kreuzlingen in das psychiatrische Sanatorium Ludwig Binswangers eingewiesen, das er erst 1924 wieder verlassen konnte. Während dieser sechs Krankheitsjahre war zeitweilig unklar, ob er überhaupt jemals wieder würde arbeiten können; er bezeichnete sich selbst nach 1924 als
„Revenant“. 17
Eine der wissenschaftsgeschichtlich größten Leistungen Aby Warburgs war die Gründung einer kulturwissenschaftlichen Privatbibliothek von außergewöhnlichem Umfang, die als privat finanzierte wissenschaftliche Institution nicht nur als Bibliothek arbeitete, sondern auch Vortrags- und Studienreihen initiierte und publizierte, Stipendien für Gelehrte anbot und junge Wissenschaftler (meist Doktoranden) durch Hilfskraftstellen an der Bibliothek förderte. Bereits im Jahre 1900 unterbreitete Warburg seiner Familie „die Idee einer Warburg-Bibliothek für Kulturwissenschaften“; ein Bibliotheksstatut wurde entworfen und eine
Familienstiftung geschaffen. 18 1905 war die Bibliothek als „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ (kurz K.B.W.) „dem Auskunftsbüro deutscher Bibliotheken angeschlos- 15 TONICASSIRER, S. 107: „Im In- und Ausland war Ernst schon seit Erscheinen des ersten Bandes des Erkenntnisproblems ein anerkannter Gelehrter. Weshalb er trotzdem bis zum Jahre 1919 keine Berufung .... erhielt, bedarf keiner besonderen Erklärung.“ Cassirers erstem großen systematischen Werk, Substanzbegriff und Funktionsbegriff [SUF], widmete beispielsweise Hönigswald eine großangelegte Rezension (HÖNIGS- WALD, RICHARD:[Rez.] Substanzbegriff und Funktionsbegriff; in: Deutsche Literaturzeitung 33 (1912), S. 2821-2843 und S. 2885-2902); 1913 wurde Cassirer von der Harvard University eine Gastprofessur angeboten, die er, wohl auch in Unkenntnis der Bedeutung dieser Einladung, ablehnte, weil er sich nicht von der Familie trennen wollte (TONI CASSIRER, S. 108f.); 1917 bedachte Hermann Bahr Cassirer mit einem wahren ‚Huldigungsartikel‘ (BAHR, HERMANN: Über Ernst Cassirer; in: Die neue Rundschau. XXVIIIter Jahrgang der freien Bühne (1917), S. 1483-1499).
16 CASSIRER, ERNST: Philosophie der symbolischen Formen. Berlin: Bruno Cassirer. Bd. I: Die Sprache, 1923; Bd. 2: Das mythische Denken; 1925; Bd. III: Phänomenologie der wissenschaftlichen Erkenntnis; 1929. Index; bearb. von Hermann Noack, 1931. 2. Aufl.: Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1957 u.ö. [PSF I - III, INDEX].
17 TONI CASSIRER, S. 152. Zur Diagnose des behandelnden Psychiaters Ludwig Binswanger vgl. einen Brief Binswangers an Sigmund Freud, der sich nach Warburgs Genesungschancen erkundigt hatte, in dem Binswanger äußert, daß zunächst nicht an eine Wiederherstellung des Zustandes „ante quo“ zu denken sei; in: KÖNIGSEDER, KARL: Warburg im ‚Bellevue‘; in: GALITZ, ROBERT und BRITA REIMERS (Hg.): Aby M. Warburg: ‚Ekstatische Nymphe ... trauernder Flußgott‘ - Portrait eines Gelehrten. Hamburg: Dölling und Galitz 1995, S. 74-98; darin S. 85f. (im Folgenden zitiert als ‚KÖNIGSEDER’).
18 Vgl. GOMBRICH: WARBURG, S. 167f.
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sen“, 19 bis Mitte der zwanziger Jahre aber weiterhin in Warburgs Wohnhaus untergebracht. Aufgrund der wachsenden Büchermengen (20.000 im Jahre 1920) 20 entschloß sich die Familie nach Warburgs Rückkehr aus Kreuzlingen zu einem Neubau neben dem Privathaus, der am 1. Mai 1926 u.a. mit einem Vortrag Cassirers feierlich eingeweiht wurde.
Warburg und Cassirer begegneten sich das erste Mal 1924, als Cassirer auf einer Reise in
die Schweiz Warburg im Sanatorium besuchte. 21 Dieser Besuch ging auf die Initiative von Warburgs Mitarbeiter Fritz Saxl zurück, der während dessen Krankheit und Abwesenheit die Bibliothek kommissarisch leitete und der Ansicht war, Cassirer könne der Genesung in
wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht förderlich sein. 22 Nach Aussage beider ent-stand schon nach dieser ersten Begegnung eine enge persönliche Freundschaft. 23
Cassirer war ein Vielschreiber, der in einem Jahr manchmal zwei Monographien veröffent-lichte; 24 Warburg dagegen publizierte nach seiner Dissertation nur noch einige Aufsätze, allesamt detailreiche Einzelstudien. Das große systematische Werk, das er gegen Ende sei-nes Lebens plante - ein ‚Atlas der menschlichen Gebärdensprache‘ 25 - blieb unvollendet. Dennoch wird Warburg immer wieder auch als Begründer einer kulturwissenschaftlichen
19 So Warburg in einem Fragebogen zu seiner Bibliothek 1917; vgl. DIERS, MICHAEL: Warburg aus Briefen. Kommentare zu den Kopierbüchern der Jahre 1905-1918. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1991, S. 30, sowie den entspr. Nachweis ebda., Anm. 33, S. 217.
20 Vgl. SAXL, FRITZ: Die Geschichte der Bibliothek Aby Warburgs (1886-1944); mit einem Epilog von E.H. Gombrich. Zuerst in: GOMBRICH, ERNST H.: Aby Warburg. An Intellectual Biography. London: The Warburg Institute, University of London 1970, S. 325-336; hier zitiert nach: WUTTKE, DIETER (Hg.): Aby M. Warburg: Ausgewählte Schriften und Würdigungen. Baden-Baden: Koerner 1979 (Saecvla Spritialia; 1), S. 335-346, darin S. 341; diese letzte Ausgabe wird im Folgenden zitiert als ‚SAXL: GESCHICHTE’. (Die von Wuttke herausgegebenen ‚Ausgewählten Schriften und Würdigungen‘ werden im Folgenden zitiert als ‚ASW‘.)
21 Dies berichtet Cassirer selbst (CASSIRER, ERNST: Worte zur Beisetzung von Prof. Dr. Aby M. Warburg. In: Aby M. Warburg zum Gedächtnis, Privatdruck o.O. u. J. [Darmstadt 1929]. Zuletzt in: Mnemosyne. Beiträge zum 50. Todestag von Aby M. Warburg. Hrsg. von Stephan Füssel. Göttingen: Gratia 1979 (GRATIA. Bamberger Schriften zur Renaissanceforschung; 7), S. 15-22 [GRABREDE], darin S. 17); Toni Cassirer dagegen meint, Cassirer habe den bereits erkrankten Warburg noch 1920 vor seiner Einweisung ins Sanatorium in Hamburg kennengelernt (TONI CASSIRER, S. 125); für diese Behauptung lassen sich jedoch bislang keinerlei anderweitige Belege finden.
22 TONI CASSIRER, S. 150.
23 Vgl. GRABREDE, S. 17, sowie einen bei TONI CASSIRER, S. 166f., abgedruckten Brief Warburgs an den Kurator der Frankfurter Universität (anläßlich der Berufung Cassirers nach Frankfurt a.M. 1928), in dem er Cassirer als seinen „hochverehrten Freund“ bezeichnet.
24 So z.B. 1921 Idee und Gestalt und Zur Einstein’schen Relativitätstheorie, oder 1932 gleich drei Monographien: Goethe und die geschichtliche Welt, Die Philosophie der Aufklärung und Die Platonische Renaissance in England und die Schule von Cambridge (vgl. Bibliographie, Abt. A).
25 Die Bildertafeln zu diesem Atlas und die Einleitung Warburgs wurden posthum publiziert; vgl. WARBURG, ABY M.: Einleitung zum Mnemosyne-Atlas (1929). In: BARTA-FLIEDL, ILSEBILL und CHRISTOPH GEISSMAR (Hg.): Rhetorik der Leidenschaft: zur Bildsprache der Kunst im Abendland. Meisterwerke aus der Graphischen Sammlung Albertina und aus der Portraitsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Hamburg: Dölling und Galitz 1999, S. 225-228; sowie WARBURG, ABY M.: Gesammelte Schriften. 2. Abt., Bd. 1: Der Bilderatlas Mnemosyne. Hrsg. von Martin Warnke. Berlin: Akademie Verlag 2000 (Gesammelte Schriften. Studienausgabe; hrsg. von Horst Bredekamp u.a.; II.1).
8
Methodik angesehen - diese Methodik kann in Hinsicht auf ihre theoretischen Grundlagen jedoch nur aus verstreuten Äußerungen in seinen Werken und Notizen im Nachlaß rekonstruiert werden und ist, nur schwer auf wenige grundsätzliche Thesen festlegbar, immer
noch Gegenstand der Diskussion in der Warburg-Forschung. 26
Warburgs Spezialgebiet war die florentinische Renaissance, und innerhalb dessen interessierte ihn v.a. die Übernahme „antikisierender Elemente“ in bildlichen und plastischen Darstellungen. Seine z.T. minutiöse Aufschlüsselung der ‚Wanderwege‘ von Bildelementen (so prägte er den Begriff ‚Pathosformeln‘ für aus der klassischen Antike übernommene Darstel-lungsformen emotionaler Erregungszustände) sollte dabei auch Ansatzpunkt sein, um einem ‚allgemein menschlichen Verhalten zum Bild‘ auf die Spur zu kommen. In seinen späten Lebensjahren taucht in diesem Zusammenhang auch der Begriff ‚soziales Gedächtnis‘
in seinen Schriften auf, den er, neben einer nachweisbaren Durkheim-Rezeption, 27 v.a. auf die ‚Mneme‘-Theorien Ewald Herings und Richard Semons aufbaute, deren eher physiologischer Ansatz als Vorläufer einer Theorie des ‚sozialen‘ oder ‚kulturellen‘ Gedächtnisses
angesehen werden kann. 28 Im Vergleich mit der sich gerade etablierenden akademischen Kunstgeschichte, die v.a. von Heinrich Wölfflin dominiert war, der sich nurmehr für das reine künstlerische Sehen interessierte, bezog Warburg jede Art von Bildwerken, so z.B. auch Briefmarken, in seine Analysen mit ein und ergänzte sie mit Dokumenten verschiedenster Art, um das Bild in seinem kulturgeschichtlichen Zusammenhang zu betrachten. So
26 Wuttke stellt z.B. schon im Anhang der ‚Ausgewählten Schriften und Würdigungen‘ eine Kompilation vereinzelter theoretischer Äußerungen Warburgs zusammen (ASW, S. 614ff.). Bezeichnend ist, daß dabei nur acht von 28 Zitaten aus von Warburg selbst veröffentlichten Texten stammen.
27 In seinen Notizen zum Kreuzlinger Vortrag formulierte Warburg: „Die Frage ist: Wie entstehen die sprachlichen und bildförmigen Ausdrücke, nach welchem Gefühl oder Gesichtspunkt, bewußt oder unbewußt, werden sie im Archiv des Gedächtnisses aufbewahrt und gibt es Gesetze, nach denen sie sich niederschlagen und wieder herausdringen?“; vgl. GOMBRICH: WARBURG, S. 301. Den Begriff ‚soziales Gedächtnis‘ verwendet er erstmals 1926; vgl. WARBURG, A[BY].: Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Bibliothek Warburg. 2 Bde. Unter Mitarbeit von Fritz Rougemont hrsg. von Gertrud Bing: Die Erneuerung der heidnischen Antike. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der europäischen Renaissance. Mit einem Anhang unveröffentlichter Zusätze. Leipzig und Berlin: Teubner 1932 [GS I / II], Bd. II, S. 559-565, darin S. 564. In diesem Vortrag (‚Orientalisierende Astrologie‘) taucht auf S. 561 auch der Begriff einer „europäische[n] Mentalität“ auf. Die Notizen zum Schlangenritual-Vortrag lassen auf eine Rezeption Durkheims schließen; vgl. GOM- BRICH: WARBURG,S. 298.
28 SEMON, RICHARD: Die Mneme als erhaltendes Princip im Wechsel des organischen Geschehens. Leipzig: Engelmann 1904; 2., verb. Aufl. ebda. 1908. Warburg erwarb dieses Buch 1908. Ebenso las er nachweislich HERING, EWALD: Über das Gedächtnis als allgemeine Funktion der organisierten Materie. Vortrag gehalten in der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien am 30. Mai 1870. Leipzig: Engelmann 1905; vgl. GOMBRICH: WARBURG, S. 325f. Hering war ein Schüler Semons.
9
waren dann auch Jacob Burckhardts kulturgeschichtliche Arbeiten eines der wichtigsten
Vorbilder seiner kunstgeschichtlichen Kulturwissenschaft. 29
1.1 Literaturlage zum Thema
Die Literatur zu Ernst Cassirer und Aby Warburg ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren explosionsartig angewachsen. Nachlaß und Gesammelte Schriften beider werden seit kurzer Zeit sukzessive publiziert bzw. neu herausgegeben; dabei ist die Cassirer-Werkausgabe auf
25 Bände, die Nachlaßausgabe auf 21 Bände, 30 und die Ausgabe der Werke und Nachlaßschriften Warburgs auf sieben Bände (in vierzehn Teilbänden) 31 angelegt. Allein auf dem deutschen Buchmarkt sind im Moment 35 Titel der Sekundärliteratur zu Cassirer
und/oder Warburg lieferbar. 32 Hier kann man wohl zu Recht von einer ‚Renaissance‘ beider Autoren sprechen, die auch im Kontext des neuen Interesses an den ‚Kulturwissenschaften‘ zu sehen ist, welche, in unterschiedlichen Richtungen, beide als ‚Referenzautoren‘ anse-
hen. 33 All dies führt zu einem gesteigerten und auch künftig wohl noch zunehmenden Forschungsinteresse und dementsprechend anschwellenden Publikationsmengen.
Nach einer Monographie zur Beziehung zwischen Cassirer und Warburg sucht man jedoch vergeblich; eine zu diesem Thema in der Sekundärliteratur angekündigte Dissertation liegt
bis heute nicht vor. 34 Dementsprechend findet man Äußerungen zur Beziehung beider bis
29 Warburg erwähnt Burckhardt mehrfach als eines seiner Vorbilder, so in: Bildniskunst und florentinisches Bürgertum. I. Domenico Ghirlandaio in Santa Trinita. Die Bildnisse des Lorenzo de’ Medici und seiner Angehörigen. Leipzig: Seemann 1902, S. 5f. Zuletzt in: ASW, S. 65-102, darin S. 67f.
30 Beides erscheint beim Meiner Verlag in Hamburg; vgl. die entsprechenden Sonderprospekte des Verlages.
31 Vgl. den Prospectus auf der Internetseite des heutigen ‚Warburg-Hauses‘: www.warburg-haus.hamburg.de .
32 Vgl. Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB). Abfrage unter www.buchhandel.de am 10. Oktober 2000. Zu Cassirer waren zu diesem Zeitpunkt 21 Sekundärliteraturtitel lieferbar, zu Warburg vierzehn.
33 Vgl. dazu unten, Kap. 5.2.
34 Bei einem Warburg-Symposium in Hamburg hielt Claudia Naber einen Vortrag zum Thema „Aby Warburg und Ernst Cassirer“ (vgl. ABY WARBURG - AKTEN DES INTERNATIONALEN SYMPOSIONS, Hamburg 1990. Hrsg. von Horst Bredekamp, Michael Diers und Charlotte Schoell-Glass. Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1991 (Schriften des Warburg-Archivs im Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; 1), Anm. am Ende des Vorworts, S. XII), der jedoch nicht im Tagungsband, sondern im Begleitband zur Ausstellung ‚400 Jahre Juden in Hamburg‘ veröffentlicht wurde (NABER 1991). Die Kurzbiographie Nabers im Anhang des Bandes erwähnt eine laufende „Promotion in Philosophie an der FU Berlin mit einer Arbeit über Warburgs kunst- und kulturtheoretischen Nachlaß“ (Die Juden in Hamburg 1590 bis 1990: wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung ‚Vierhundert Jahre Juden in Hamburg‘; hrsg. von Arno Herzig. Hamburg: Dölling und Galitz 1991, S. 728). In einer Arbeit zur Bibliothek Warburg wird als Thema dieser geplanten Dissertation die Beziehung Cassirer-Warburg genannt: „Zum Verhältnis Aby Warburg -Ernst Cassirer arbeitet Claudia Naber an einer Dissertation; erste Ergebnisse ihrer Arbeit finden sich in dem Katalog der... Ausstellung ‚400 Jahre Juden in Hamburg‘.“ (STOCKHAUSEN, TILMANN VON: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg: Architektur, Einrichtung und Organisation. Hamburg: Dölling und Galitz 1992, S. 15; im Folgenden zitiert als ‚STOCKHAUSEN’). Diesen Andeutungen ist also nicht schlüssig zu entnehmen, wie das Dissertationsthema genau lautet. WUTTKE, S. 403, enthält diesbezüglich in der Aufstellung der Archivalien im Warburg Institute London eine recht kryptische Bemerkung: „d) Briefe von Edmund Hus-
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1990 meist in Aufsätzen oder Monographien, die dieses Thema eher am Rande abhandeln. In den achtziger Jahren sind drei Monographien zu verzeichnen, die sich explizit mit dem
Kreis von Wissenschaftlern um die Bibliothek Warburg beschäftigen, 35 meist mit Warburg, Cassirer und Panofsky. In den letzten zehn Jahren wächst offenbar das Interesse am Thema, und es erscheinen auch größere Aufsätze, die die Beziehung Cassirer-Warburg zum allei-
nigen Gegenstand haben, 36 so daß v.a. für diesen jüngsten Zeitraum eine doch relativ breite Literaturgrundlage vorliegt.
1.2 Selbstaussagen von Cassirer und Warburg zum Thema
Ernst Cassirer, der mehrere Werke in den Publikationsreihen der Bibliothek Warburg veröffentlichte, äußerte sich in seinen Schriften mehrfach zu dieser Bibliothek, meist in Einleitung oder Vorwort. Die erste solche Schrift ist Die Begriffsform im mythischen Denken, deren Vorwort eine Danksagung an die Bibliothek und ihren damaligen Leiter Fritz Saxl enthält, die Cassirer „bei der Beschaffung der oft schwer zugänglichen Quellen“ behilflich
war. 37 Im ersten in der Reihe der Bibliothek gehaltenen Vortrag begründete Cassirer sein „nicht speziell-kulturwissenschaftliche[s], sondern systematisch-philosophische[s]“ Thema mit dem Eindruck, den die Bibliothek auf ihn bei der ersten Besichtigung gemacht habe: „Die Fragen, die ich... behandeln möchte, hatten mich damals seit langem beschäftigt: aber nun schienen sie gleichsam verkörpert vor mir zu stehen. Ich empfand aufs stärkste, was in dem Einführungsvortrag dieses Zyklus 38 gesagt worden ist: daß es sich hier nicht um eine bloße Sammlung von Büchern, sondern um eine Sammlung von Problemen handle. Nicht das Stoffgebiet der Bibliothek war es, das diesen Eindruck in mir erweckte; sondern stärker als der Stoff wirkte das Prinzip ihres Aufbaus. Denn hier waren die Kunstgeschichte, die Religions- und Mythengeschichte, die Sprach- und Kulturgeschichte offenbar nicht nur nebeneinandergestellt, sondern sie waren aufeinander und auf einen gemeinsamen ideellen Mittelpunkt bezogen.
Diese Beziehung selbst scheint freilich auf den ersten Blick rein geschichtlicher Art zu sein: es ist das Problem vom Nachleben der Antike, das - wie der einleitende Vortrag entwickelt hat - den Gesamtaufbau der Bibliothek beherrscht und das ihr ihr charakteris-
serlund Ernst Cassirer an Warburg, die Claudia Naber 1983 in den [Notiz]Kästen... fand und zu publizieren beabsichtigt; e) Negativ-Mikrofilm mit weiterem Material für Claudia Naber. 1 Ringordner.“.
35 Die Beschäftigung setzt zuerst außerhalb des deutschen Sprachraums ein: in Italien FERRETTI 1984 (engl. Übersetzung FERRETTI 1989), in den USA LANDAUER 1984, sowie dann im deutschen Sprachraum JESING- HAUSEN-LAUSTER 1985.
36 FERRARI 1986, PINTO 1990; im deutschen Sprachraum NABER 1991, HAJEN/JANSSEN 1995, RAULFF 1995, RAULFF 1997, HABERMAS 1997, WIEBERS 1999.
37 CASSIRER, ERNST: Die Begriffsform im mythischen Denken. Leipzig und Berlin: Teubner 1922 (Studien der Bibliothek Warburg; 1.) [BMD]; hier zitiert nach: ders.: Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1957 u.ö. [WWS], S. 2.
38 SAXL, FRITZ: Die Bibliothek Warburg und ihr Ziel; in: Vorträge der Bibliothek Warburg (Vorträge 1921/22). Leipzig und Berlin: Teubner 1923, S. 1-10; im Folgenden zitiert als ‚SAXL: ZIEL’. Cassirers Vortrag folgt direkt auf diese einleitenden Ausführungen Saxls.
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tisches Gepräge verleiht. Aber jedes geistesgeschichtliche Problem birgt, wenn es in wirklicher Weite und Tiefe gestellt wird, zugleich ein allgemeines systematisches Problem der Philosophie des Geistigen in sich.“ 39
Im Vorwort zum zweiten Band der Philosophie der symbolischen Formen stattete Cassirer abermals der Bibliothek seinen Dank ab und skizziert deren Bedeutung für seine Arbeit: „Die Entwürfe und Vorarbeiten für diesen Band waren bereits weit fortgeschritten, als ich durch meine Berufung nach Hamburg in nähere Berührung mit der Bibliothek Warburg kam. Hier fand ich auf dem Gebiet der Mythenforschung und der allgemeinen Religionsgeschichte nicht nur ein reiches, in seiner Fülle und Eigenart fast unvergleichliches Material vor - sondern dieses Material erschien in seiner Gliederung und Sichtung, in der geistigen Prägung, die es durch Warburg erhalten hat, auf ein einheitliches und zentrales Problem bezogen, das sich mit dem Grundproblem meiner eigenen Arbeit aufs nächste berührte. Diese Übereinstimmung ist mir immer wieder zum Ansporn geworden, auf dem einmal beschrittenen Wege fortzugehen - schien sich doch daraus zu ergeben, daß die systematische Aufgabe, die dieses Buch sich stellt, innerlich zusammenhängt mit Tendenzen und Forderungen, die aus der konkreten Arbeit der Geisteswissenschaften selber und aus der Bemühung um ihre geschichtliche Fundierung und Vertiefung erwachsen sind. Bei der Benutzung der Bibliothek Warburg erwies sich mir Fritz Saxl als ein stets hilfsbereiter und sachkundiger Führer. Ich bin mir bewußt, daß ohne seine tatkräftige Hilfe und ohne die lebendige persönliche Teilnahme, die er meiner Arbeit von Anfang an entgegengebracht hat, sich viele Schwierigkeiten in der Beschaffung und Durchdringung des Materials kaum hätten bewältigen lassen. Dieses Buch soll nicht hinausgehen, ohne daß ich dafür auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank ausspreche.“ 40
1927 widmete Cassirer sein Werk zur Philosophie der Renaissance, Individuum und Kosmos, Warburg zum 60. Geburtstag: „Lieber und verehrter Freund!
Die Schrift, die ich Ihnen zu Ihrem sechzigsten Geburtstag überreiche, sollte ursprünglich ein rein persönlicher Ausdruck meiner herzlichen Freundschaft und Verehrung für Sie sein. Aber ich hätte die Arbeit an dieser Schrift nicht durchführen können, hätte ich mich nicht beständig der Anregung und Förderung durch jene Arbeitsgemeinschaft zu erfreuen gehabt, die in Ihrer Bibliothek ihren geistigen Mittelpunkt besitzt. Heute darf ich daher nicht mehr allein im eigenen Namen sprechen, sondern im Namen dieser Arbeitsgemeinschaft - im Namen all derer, die in Ihnen seit langem einen Führer der geistesgeschichtlichen Forschung verehren. In stiller und beharrlicher Arbeit hat die Bibliothek Warburg seit drei Jahrzehnten das Material für die geistesgeschichtliche und für die kulturwissenschaftliche Forschung bereitzustellen gesucht. Aber sie hat zugleich mehr als dies getan, indem sie uns mit einer Eindringlichkeit, wie selten zuvor, die Maxime vor Augen gestellt hat, unter der diese Forschung stehen muß. In ihrem Aufbau und in ihrer geistigen Struktur hat sie den Gedanken der methodischen Einheit und des metho-
39 CASSIRER;ERNST: Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften; in: Vorträge der Bibliothek Warburg. Vorträge 1921/22. Leipzig und Berlin: Teubner 1923, S. 11-39; hier zitiert nach: WWS, S. 171.
40 PSF II, S. XIII.
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dischen Zusammenschlusses aller Gebiete und aller Richtungen der Geistesgeschichte verkörpert.“ 41
Als Warburg 1929 starb, hielt Cassirer eine sehr emotionale Rede an seinem Grab: „Das Bild dieses Menschen - es trat mir entgegen, lange bevor ich Warburg selbst kannte. Ich fühlte es auf mich eindringen, als ich vor nunmehr acht Jahren unter der Führung meines Freundes Fritz Saxl zum ersten Male die Bücherräume der Bibliothek Warburg durchschritt. Damals empfand und begriff ich wie mit einem Schlage: in diesen Bücherreihen, die nicht enden zu wollen schienen, die bis in die entlegensten Winkel das Ganze des alten Hauses erfüllten - in ihnen handelte es sich nicht um ein Werk, das der geduldige Sammelfleiß eines Bibliophilen oder die emsige Arbeit eines bloßen Gelehrten zusammengebracht hatte. Wie von einem Zauberhauch schien mir dieser nicht abbrechende Zug der Bücher umwittert; wie ein magischer Bann lag es über ihnen. Und je mehr ich mich sodann in Inhalt und Gehalt dieser Bibliothek versenkte, um so mehr verstärkte und bestätigte sich mir dieses erste Gefühl. Aus der Reihe der Bücher löste sich immer klarer eine Reihe von Bildern, von bestimmten geistigen Urmotiven und Urgestaltungen, und hinter der Mannigfaltigkeit dieser Gestaltungen stand für mich zuletzt klar und bezwingend die eine Gestalt des Mannes da, der an die Gründung und an den Ausbau dieser Bibliothek den besten Teil seiner Lebens dahingegeben hatte. Und als es dann zu der ersten Begegnung zwischen uns kam, die ich mit ihm vor 5 Jahren in Kreuzlingen hatte, da war das Band zwischen uns schon fest geknüpft. Nach den ersten Sätzen hatten wir einander kennen und einander verstehen gelernt, wie man sich sonst nur nach Jahren gemeinsamer Arbeit versteht.“ 42
1936 schließlich, zehn Jahre nach Eröffnung des Bibliotheksneubaus und im Jahr von Warburgs 70. Geburtstag, hielt Cassirer nochmals einen Vortrag in der Bibliothek, nun an ihrem Exilort in London. In diesem ‚Jubiläumsvortrag‘ vor dem Hintergrund des Exils und der unsicheren Zukunft aller Beteiligten kam er noch einmal auf die Bibliothek zu sprechen und erinnerte an ihren verstorbenen Gründer:
„I can give no better proof for the reality and the significance of what I have called the grammar of art, and the grammar of religion, than to ask you to have a glance at the library of this institute. By such a glance you will be convinced in a much shorter time and in a much more convincing way of the thesis I wish to maintain here, of the thesis that art and religion have their special language, their special forms of symbolic thought and symbolic representation, but that, in spite of this difference, there exists a profound and intimate connection between both of them. The problems involved in this correlation and cooperation of art and religion may be, as it were, read off the shelves of this library. If you look at the work of the founder of this library, if you study the essays of Aby Warburg that a few years ago were collected and republished by Dr. Gertrude Bing, you will immediately become aware of the fact that this work is not exclusively the work of an historian of art or of an historian of human civilization. It is based on an amazing and tremendous knowledge of empirical facts, but at the same time it is directed toward a general philosophical aim and it is inspired by a rare energy of philosophical thought. It
41 CASSIRER, ERNST: Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance. Leipzig und Berlin: Teubner 1927 (Studien der Bibliothek Warburg; 10) [IUK], Brief mit Dedikation des Werkes zum 60. Geburtstag Warburgs auf zwei unpaginierten Seiten vor dem Inhaltsverzeichnis; hier erste unpaginierte Seite.
42 GRABREDE, S. 16f.
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is true that even as a philosopher Warburg did not deviate from his own way which, in the main, always remained the way of an historian and of an anthropologist. [...] I remember very well the day on which, years ago, I made, under the guidance of my friend Dr. Saxl, the first walk through the library of this Institute. I was strongly impressed by this first inspection; and it was by this impression that I was encouraged to pursue a study that I had been planning for many years - to give a systematic analysis of the problem I have attempted to treat in this lecture.“ 43
Von Aby Warburg gibt es nur eine zu Lebzeiten publizierte Äußerung zu Cassirer: 44 als dieser 1928 einen lukrativen Ruf nach Frankfurt am Main erhielt, schrieb Warburg einen Zeitungsartikel, der die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit überzeugen sollte, Cassirer in Hamburg zu halten. Vor allem das gemeinsam Geschaffene, die gemeinsame Schülerschaft, nannte Warburg als Argument für den Verbleib Cassirers, ohne den für ihn die Arbeit der Bibliothek ernsthaft gefährdet schien:
„Für jeden, der an den Vorstoß-Versuchen dieses Instituts [d.i. der K.B.W.; JF] Anteil nimmt, kann es nicht zweifelhaft sein, daß der Weggang Cassirers dieses junge Organ auf das Empfindlichste in seiner Weiterentwicklung beeinträchtigen würde. Ganz abgesehen von der Ermutigung, die durch seine unmittelbare autoritative Gegenwart der Bibliothek zuteil wird, würde durch seinen Fortgang derjenige Teil der Studenten zu leiden haben, die jetzt nach Hamburg kommen und die Wurzel ihre Forschertums in den zwiefachen Boden begrifflicher Scheidungskraft und visuell = kritischer Aufnahme des bildhaften Elements senken wollen. Wenn erhoft [sic] werden kann, daß eine spätere Generation begriffliche Logik und phantasiemäßige Ursachensetzung als Funktion eines einheitlichen Orientierungsvermögens zu erfassen bereit sein wird, so wäre schon allein aus dieser Hoffnung heraus begründet, daß man unbedingt fordern muß, daß Professor Cassirer auf seinem Posten im Norden bleibt.“ 45
43 CASSIRER, ERNST: Critical Idealism as a Philosophy of Culture; in: VERENE, DONALD P. (Hg.): Symbol, Myth, and Culture. Essays and Lectures of Ernst Cassirer 1935-1945. New Haven und London: Yale University Press 1979, S. 64-91 [CIPC], S. 77f., S. 90f. Die Ausgabe mit Nachlaßschriften, der dieser Vortrag entstammt, ist jedoch mit Vorsicht zu lesen; wie der Herausgeber der französischen Cassirer-Werkausgabe konstatiert, hat Verene die zugrundeliegenden Manuskripte stellenweise falsch gelesen; vgl. ERNST CASSIRER: Écrits sur l’art. Édition et postface par Fabien Capeillères. Présentation par John M. Krois. Paris: Les Éditions du Cerf 1995; Nachwort, S. 193-253; darin werden Belege für falsche und z.T. sinnentstellende Lesarten in einigen der von Verene edierten Texte gegeben; Capeillères Fazit lautet, S. 202: „Ceci revient à dire que l’édition américaine de ces conférences ne peut être considérée comme texte de réference.“
44 Warburgs veröffentlichte Werke enthalten keine Spur von Cassirer und können dies auch kaum, da nach 1920 nurmehr Miszellen erschienen. In den Gesammelten Schriften (GS) sind vier Titel nach 1920 enthalten; zwei davon sind jedoch nur Berichte dritter über Vorträge Warburgs, ein weiterer eine Eröffnungsrede; der vierte und eigentliche wissenschaftliche Text aus den zwanziger Jahren (Orientalisierende Astrologie [1926], S. 559-565) enthält ebenfalls nichts, was auf Cassirer verweisen könnte, ebenso der posthum publizierte Kreuzlinger Vortrag (SCHLANGENRITUAL).
45 WARBURG, ABY: Ernst Cassirer. Warum Hamburg den Philosophen Cassirer nicht verlieren darf. In: Hamburger Fremdenblatt Nr. 173 vom 23. Juni 1928 (Abendausgabe), S. 1. [WARBURG: CASSIRER].
14
2. METHODISCHES VORGEHEN
Da beide Wissenschaftler erstmals Anfang der zwanziger Jahren voneinander erfuhren, 46 d.h. eine Beziehung zwischen beiden erst ab diesem Zeitpunkt möglich ist, liegt dem Literaturbericht der Zeitraum von 1920 bis 1999, der sämtliche zu diesem Thema publizierte Literatur umfassen dürfte, zugrunde. Die vollständige Darstellung aller Äußerungen zum Thema kann jedoch nur erstrebt, aber wohl nie erreicht werden. Auch die vorliegende Arbeit ist lediglich eine Näherung mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln.
2.1 Grundlage der Bibliographie zum Forschungsstand und Kriterien
der Literaturauswahl
Zu beiden Autoren liegen Bibliographien der Sekundärliteratur vor, jedoch in unterschiedlichem Umfang. Die maßgebliche Bibliographie der Sekundärliteratur zu Ernst Cassirer stammt aus dem Jahre 1988 und ist daher mindestens um die letzten zwölf Jahre zu ergän-
zen. 47 Zu Aby Warburg erstellte Dieter Wuttke eine umfangreiche, vor kurzem aktualisierte Bibliographie mit einem gewissen Anspruch auf Vollständigkeit, 48 sie umfaßt nach Wuttkes Angaben 3184 Titel. 49 Es ist daher sinnvoll, sich zunächst an Wuttke zu orientieren, da er den Anspruch erhebt, sämtliche bekannte Literatur, in der Warburg oder dessen Bibliothek auch nur dem Namen nach erwähnt ist, zu erfassen, und damit auch Literatur, in der Cassirer in Beziehung zu Warburg oder der Bibliothek gesetzt wird, enthalten sollte. Darüber hinaus wurde anhand elektronischer Kataloge in sämtlichen deutschen Bibliotheksverbünden sowie in der deutschen Nationalbibliographie (DNB, in elektronischer Form ab 1945 zugänglich) nach den Stich- und Schlagworten ‚Ernst Cassirer‘ und ‚Aby Warburg‘ recherchiert, sowohl einzeln als auch als Schlagwortkette.
Zur Ermittlung der relevanten Forschungsliteratur wurden per Autopsie alle Titel in Betracht gezogen, 1) die laut den verfügbaren Bibliographien dem Titel nach sich mit Cassirer oder Warburg beschäftigen (d.h. alles, was sich entweder direkt auf Cassirer und Warburg
46 In der Vorrede zu PSF II sagt Cassirer, daß er erst durch seine „Berufung nach Hamburg in nähere Berührung mit der Bib lio th ek Wa rburg kam.“ (PSF II, S. XIII), was TONI CASSIRER, S. 125, bestätigt.
47 EGGERS, WALTER und SIGRID MAYER: Ernst Cassirer. An Annotated Bibliography. New York und London: Garland 1988 (Garland Bibliographies of Modern Critics and Critical Schools; 13) (im Folgenden zitiert als ‚EGGERS/MAYER’). EGGERS/MAYER geben kein Datum an, bis zu dem Publikationen vollständig berücksichtigt werden; die Bibliographie enthält aber auch Schriften aus dem Jahr 1988.
48 Zu seinem Anspruch bemerkt WUTTKE, S. XV: „Ob einem anderen Autor bereits einmal eine so mikrologisch angelegte Wirkungsbibliographie zuteil wurde, weiß ich nicht. Sie strebt mit einem gewissen Ehrgeiz nach Vollständigkeit, nachdem die frühere, wie ich immer wieder lesen konnte, schon als vollständig galt.“
49 WUTTKE, S. XIV.
15
oder aber auf die wissenschaftlichen Publikationen und die Arbeit der Bibliothek Warburg bezieht), und 2) auf die von Autoren der Sekundärliteratur als über das Thema Aufschluß gebende Arbeiten verwiesen wird. Aus Gründen der notwendigen Beschränkung, aber auch der Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Rezeption fremdsprachiger Literatur liegt der Schwerpunkt der Arbeit vorwiegend auf deutschsprachigen Publikationen. Dabei sollen aber solche fremdsprachigen Titel, auf die wiederholt von deutschen Autoren als maßgeblich für die Darstellung des Themas verwiesen wird, mit einbezogen werden. Darüber hinaus wurde auch das Internet als Publikationsort von wissenschaftlichen Texten berücksichtigt und mit gängigen Suchmaschinen nach den Begriffen ‚Ernst Cassirer‘ und ‚Aby Warburg‘ durchsucht; vier der behandelten Titel sind lediglich dort und nicht in Papierform publiziert.
2.2 Einteilung der Publikationsaktivitäten in zeitliche Phasen
Um die Mengen an Publiziertem, die sich zum Thema ausmachen lassen, einigermaßen handhaben zu können, aber auch um historisch bedingte Spezifika der Darstellung sichtbar machen zu können, empfiehlt sich eine vorgängige Einteilung der Literatur in zeitliche Phasen. Zur ersten Phase wird von 1920 (dem Zeitpunkt der ersten Begegnung Cassirers mit
der Bibliothek Warburg) 50 bis zum Tode Warburgs, d.h. bis Oktober 1929, publizierte Literatur gezählt; einer zweiten Phase wird die Literatur von 1930 bis zum Tode Cassirers zugerechnet, was hier grobgesehen (er starb am 13. April 1945) mit dem Ende des zweiten Weltkriegs gleichgesetzt wird, das auch sonst eine Zäsur v.a. in der deutschsprachigen Literaturproduktion darstellt.
Die Nachkriegszeit wird in weniger klar abzugrenzende Perioden eingeteilt: bei Aby Warburg kann man den Beginn einer ‚Renaissance‘ der Beschäftigung mit ihm ungefähr mit dem Erscheinen der maßgeblichen und bis heute einzigen Biographie von E.H. Gombrich
50 TONI CASSIRER, S. 125, präzisiert das Datum nicht, sagt aber, daß Warburg bereits nicht mehr in Hamburg war, als Cassirer die Bibliothek das erste Mal besuchte. Auch SAXL 1949, S. 47, berichtet, daß er Cassirer durch die Bibliothek führte, weil Warburg Hamburg verlassen hatte. Warburg ging im Herbst 1920 in ein Sanatorium in Jena (STOCKHAUSEN, S. 30), also muß der Besuch danach stattgefunden haben. NABER 1991, S. 395, nennt den November 1920 als Datum, was anscheinend auf entsprechendem Archivmaterial beruht, aber nicht belegt wird. Cassirer spricht in seiner Grabrede auf Warburg davon, daß er die Bibliothek zuerst „vor nunmehr acht Jahren“ - dies wäre, da Warburg im Herbst 1929 starb, der Herbst 1921 - betreten habe (GRABREDE, S. 16). Da das Datum ohne Einsicht in Archivmaterial nicht genauer verifizierbar ist, wird hier nach NABER 1991 (was mit TONI CASSIRER und SAXL 1949 konform geht), der Herbst 1920 als Datum des ersten Bibliotheksbesuchs angenommen.
16
1970 51 ansetzen (deutsche Übersetzung 1981) 52 , die im deutschen Sprachraum durch die Herausgabe ausgewählter Schriften und Würdigungen 1979, fünfzig Jahre nach Warburgs
Tod, erheblich verstärkt wurde. 53 Im Falle Cassirers ist die Bestimmung eines konkreten Zeitpunkts des wiedererstarkenden Interesses schwieriger, kann aber ungefähr im gleichen
Zeitraum angesiedelt werden: 1974, anläßlich seines hundertsten Geburtstags, 54 fand in Hamburg eine Konferenz zum Thema ‚Symbolische Formen‘ statt 55 und widmete Hans Blumenberg seine Rede bei der Entgegennahme der Kuno-Fischer-Medaille ebenfalls Cas-sirer. 56 1979 wurden von Donald P. Verene erstmals Texte aus dem Nachlaß publiziert, dessen Existenz überhaupt erst ab diesem Zeitpunkt ins Bewußtsein der philosophischen
Öffentlichkeit rückte. 57 Somit wird hier für die Literatur, die beide Wissenschaftler in Bezug zueinander setzt, der Zeitpunkt von 1974 als Beginn einer langsamen ‚Renaissance‘ angesetzt. Die veränderte Perspektive einer Neubeschäftigung mit beiden Autoren nach der Zäsur des Nationalsozialismus sowie die dadurch ab diesem Zeitpunkt bis heute beträchtlich steigende Menge an publizierter Sekundärliteratur erfordert eine solche Zweiteilung der ab 1945 erschienenen Literatur m.E. unbedingt.
Wie sich im Verlauf der Analyse herausstellte, ist eine weitere Unterteilung des Publikationszeitraums 1974-1999 sinnvoll. In den neunziger Jahren, beginnend 1991 mit der ersten deutschsprachigen Publikation ausschließlich zur Beziehung Cassirer-Warburg (sowie mit einer französischen Publikation 1990 zum gleichen Thema), ist ein nochmaliger starker Anstieg der Literatur zu beiden Autoren zu beobachten, v.a. aber ein zahlenmäßig starker
51 GOMBRICH, ERNST H.: Aby Warburg. An Intellectual Biography. London: The Warburg Institute, University of London 1970.
52 GOMBRICH: WARBURG.
53 ASW.
54 Auch die ‚Revue Internationale de Philosophie‘ widmete Cassirer 1974 eine eigene Nummer; Bd. 28, Nr. 110 (1974) mit vier Beiträgen zu Cassirer (BLUMENBERG 1974, S. 456-463; LANGER, SUSAN K.: De Profondis, S. 449-455; ROTENSTREICH, NATHAN: Schematism and Freedom, S. 464-474; SMITH, JOHN E.: Some Comments on Cassirer’s Interpretation of Religion, S. 475-491) und einer Bibliographie der Sekundärliteratur von ROBERT NADEAU, S. 492-510.
55 Dort gehaltene Vorträge wurden jedoch nur z.T. publiziert, so LÜBBE, HERMANN: ‚Cassirer und die Mythen des 20. Jahrhunderts‘. Festvortrag anläßlich der Tagung „Symbolische Formen“ gehalten am 20.10.1974 in Hamburg. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1975. Die Veranstaltung vom 20.-22. Oktober 1974 wurde organisiert vom Philosophischen Seminar der Universität Hamburg in Zusammenarbeit mit der Joachim Jungius-Gesellschaft e.V. und dem Warburg Institute London (ebda., S. 3, Anm. 1). Nach VERENE 1979 (S. 23), der das Programm des Symposiums zitiert, trugen u.a. im Kolloquium ‚Symboltheorie und Kunsttheorie‘ vor: E. H. Gombrich: ‚Zeichen und Zahl‘ und Nelson Goodman: ‚Words, Works, Worlds‘, sowie im Kolloquium ‚Zur Logik der Sprechhandlungen‘ Karl-Otto Apel: ‚Zur Idee einer transzendentalen Sprachgrammatik‘ und John R. Searle: ‚Meaning, Communication, and Representation‘. Einen Tagungsband gab es nicht; einige der anderen Beiträge sind separat erschienen: GOODMAN, NELSON: Words, Works, Worlds; in: Erkenntnis 9 (1975), S. 57-73. Für die restlichen Beiträge konnte kein Publikationsort ausfindig gemacht werden.
56 BLUMENBERG 1974.
57 VERENE 1979.
17
Anstieg derjenigen Literatur, die Aussagen zur Beziehung zwischen beiden enthält. Im Vergleich mit den siebziger Jahren, in denen sieben, und den achtziger Jahren, in denen acht Publikationen mit Aussagen zur Beziehung Cassirer-Warburg auszumachen sind, sind es in der neunziger Jahren mehr als dreimal so viel, nämlich 25 (mehr als sämtliche nach Kriegsende bis einschließlich 1989 erschienenen 24 Titel); vgl. TAFEL 1.
Daher wird der Zeitraum 1974-1999 nochmals unterteilt in die Abschnitte 1974-1989 und 1990-1999; die neunziger Jahre werden als sich quantitativ und qualitativ von den vorangegangenen Dekaden abhebender Zeitabschnitt separat behandelt. Ob sich diese vorgenommene Einteilung auch durch einen feststellbaren Perspektivenwechsel in den Aussagen der Sekundärliteratur als berechtigt erweist, wird im Weiteren zu prüfen sein.
2.3 Gang der Analyse und Maßstäbe der Kritik
Naturgemäß ist für den Literaturbericht vor allem ein aktueller ‚Stand der Forschung‘ von Interesse, so daß als ein erstes Ziel der Analyse die historische Genese des Forschungsstandes herausgearbeitet werden soll. Dabei erweist sich, wie schon angedeutet, die Frage nach einem Einfluß Aby Warburgs und seiner Bibliothek auf Cassirer als entscheidend für die Sichtweise und Bewertung der wissenschaftlichen Beziehung zwischen beiden. Die historische Entwicklung der Sichtweise auf diese wissenschaftliche Beziehung wird daher mit Schwerpunkt auf der Genese dieser Frage nachgezeichnet werden, um v.a. retrospektiv erklären zu können, wie der heutige ‚Stand der Forschung‘, der im Wesentlichen um ebendiese Frage kreist, entstanden ist.
Zentraler Punkt ist es hierbei, die Grundlagen zu bestimmen, auf die sich wesentliche Aussagen der Sekundärliteratur in ihrer historischen Entwicklung stützen. Konkret bedeutet dies, daß die Synthese, die ein betreffender Autor zur Erzielung des dargestellten For-
18
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Jutta Faehndrich, 2000, Ernst Cassirer und Aby Warburg - Ein Literaturbericht, München, GRIN Verlag GmbH
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