Sophie von La Roche: die sich selbst erfindende Mutter Alle mütterlich deutsche Literatur des behandelten Zeitraums muss zunächst von einem Namen ausgehen: Sophie von La Roche. Sophie, von der Germanisten bis in das 20. Jahrhundert hinein schwärmten, die sie lobend in einem Atemzug mit den Freunden „ einer genügende, umfassenderen Bildung unserer weiblichen La Roche hat drei Töchtern, zwei Söhnen und einem Teil der Schriftstellergeneration ihrer Zeit Leben und Lebendigkeit gewidmet und geschenkt. Mutter den Kindern, Mutterersatz den Schreibern, Gefährtin dem Ehemann, Geliebte dem fernen Wieland, Gesellschaftsdame - und was sonst mag sie gewesen sein außer der einen, die uns ü berliefert ist, der Schriftstellerin, Sophie von La Roche. Wie soll ich, ein „moderner Single“, eine solche überlieferte Sophie, Nabel einer Welt, die sie selbst geschaffen, genährt, unterhalten und beschrieben hat, bloß lesen. Wie soll ich es verstehen, wenn sie selbst ihre schriftstellerische Tätigkeit nur als „Frucht der Schmerzen“ betrachtet, aus dem Umstand geboren, die eigenen Töchter nicht selbst erziehen zu dürfen? 2 Ich will also versuchen, mich einer Dame anzunähern, der „alle Türen offen stehen“ und die doch gern bereit wäre, sie zuzuschlagen, dürfte sie darum nur Mutter sein. Und sollte es mich Kopf und Kragen kosten: ich will einmal versuchen, meine feministisch trainierte Urteilskraft zurückzuhalten, um zu lesen, zu hören, zu verstehen, was La Roche wohl in Aussicht stand, wenn sie auf dem Wunsch, zumindest ersatzweise eine „papierne Tochter“ erziehen zu dürfen, beharrte. Ich setze also voraus, dass es sich weder um eine „Identifikation mit dem männlichen Unterdrücker“ handelt, noch um den Tribut, den sie der Konvention zu zahlen bereit ist , wenn Sophie so klar zu verstehen gibt, dass sie die Tugend des Mutter-Seins im Grunde über alle Freuden und Pflichten ihres Lebens stellte. Einen Roman wollte sie schreiben, in dem die Grundsätze ihrer eigenen Erziehung gezeigt würden, beweisen wollte sie, dass „ wenn das Schicksal uns auch alles nähme, was mit dem Gepräge des Glücks, der Vorzüge und des Vergnügens
1
Vgl. die Einleitung zur Neuauflage von: La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim.
2 Vgl.: Maurer, M.: Ich bin mehr Herz als Kopf.
3 La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim.
4 Mauer, M. (Hg.): Ich bin mehr Herz als Kopf.
Angezogen-Seins zu überwinden vermag also nur eine Heuchlerin? Ist sie eine jener bürgerlichen Damen mit den gespaltenen Zungen, die einer scheinheiligen Doppel-Moral verfallen sind? Die alte, arme, ergebene Freundin - außen hui und
Das Fräulein von Sternheim: die nacheifernde Tochter-Mutter Was La Roche, als Mutter am lebendigen Leibe ist, und was nicht, soll schärfere Konturen aus einem Vergleich mit ihrer literarisch abgebildeten Tochter, der Sternheim, gewinnen. Neun glückliche Jahre zählt die Sternheim, als die Mutter aus dem Leben scheidet. Vom kleinen Mädchen nun zum Trost des Vaters gekürt, „ihm die einzige Freude auf Erden“, hat sie das zwölfte Jahr kaum erreicht und der im Schmerz ausdauernde Vater nimmt sie „bey der Hand zum Bildniß ihrer Mutter und sprach von ihrer Tugend und Güte des Herzens mit solcher Rührung, daß das junge Fräulein knieend bey ihm schluchzte, und oft zu sterben wünschte,
Vier weitere Jahre dauert es bis das Fräulein die Führung des ganzen Hauses übernimmt, „wobey ihr die Tag= und Rechnungsbücher ihrer Frau Mutter zum Muster gegeben wurden. Angebohrne Liebe zur Ordnung und zum thätigen Leben, erhöht durch eine enthusiastische Anhänglichkeit für das Andenken ihrer Mutter, deren Bild sie in sich erneuern wollte, brachten sie auch in diesem Stücke zu der Mit diesem harten Schicksal und der angeborenen Liebe zum Nacheifern, wird die Sternheim in der deutschen Literatur vor, um und nach 1800 nicht lang allein bleiben. Lotte (1774) wäre da natürlich zu nennen, die im Kreise der Lieben Werther in ein kataleptisches Entzücken fallen lässt, sodass beide schließlich nur noch „Klopstock“ stammeln können; Ottilie (1809), ihre späte Nachfolgerin tritt hinzu, die aus der Bahn getreten auf die Spur der toten Mutter gerät; und auch die Laurenburger Els aus Brentanos „Chronika“ (1818) gehört in diese Reihe, scheint der Sternheim nahezu von der Seite weg abgedruckt. Hier wie dort gilt es für die Protagonistinnen, den frühen Tod der Mutter zu beklagen, geht die Tochter als einziger Trost des Vaters im gänzlichen Bemühen auf, der Mutter gleich zu werden, ganzer noch als diese, tugendhafter, liebevoller, eindeutiger.
Arbeit zitieren:
Sabine Walther-Vuskans, 1996, Mütter um 1800. Oder: Von der ambivalenten zur biologischen Mutter. Versuch einer Annäherung, München, GRIN Verlag GmbH
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