1. Einleitung
Historische Quellen und Dokumentationen geben der heutigen Generation, die bisher weitgehend von direkten Kriegserlebnissen verschont geblieben ist, einen Überblick über die damaligen Geschehnisse. Allerdings erläutern sie diese meist aus einer sachlichen Perspektive, die eine gewisse Distanz mit sich bringt. Autobiografische Werke von Opfern des Holocaus t beleuchten die damalige Situation von einer anderen Seite und helfen, das Verhalten der Menschen zu verstehen.
In dieser Arbeit vergleiche ich die Autobiografien der ehemaligen KZ-Häftlinge Ruth Klüger und Jean Améry. Da die Handlung beider Werke ihren persönlichen Lebensgeschichten entstammt, halte ich es für sinnvoll vor einer näheren Betrachtung einen kurzen Blick auf die Lebensläufe der Autoren zu werfe . In Kapitel 2 gehe ich jedoch nur auf auffällige Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein, die für das Verständnis der Werke wichtig sind. Das 3. Kapitel bildet den Kern dieser Arbeit. Beide Autoren setzten bestimmte Konflikte und Themen in den Mittelpunkt. Ein Vergleich der Ansichten zu Themen wie Judentum und G laube, Sprache und Intellekt deckt die Intentionen der Autobiografen auf. Zu gleichem Ergebnis kommt eine Analyse der Darstellung der Personen und des Sozialverhaltens im Lager. Die Wirkung auf den Leser spielt meines Erachtens eine große Rolle, so dass ich diesen Blickwinkel des Öfteren in die Betrachtung mit einbeziehe. Des Weiteren ist es interessant, ein Augenmerk auf eine „weibliche“ oder „männliche“ Schreibweise zu legen. In einigen Fällen treten Unterschiede auf, die durchaus auf das Geschlecht der Autoren zurückgeführt werden können. Meine Deutung und Interpretationen füge ich direkt in die entsprechenden Kapitel ein, sodass das Schlusswort nur eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Schlussfolgerungen enthält.
2. Die Lebensläufe beider Autoren
In den Lebenswegen beider Autoren gibt es Parallelen und Unterschiede, sich in den Werken wieder finden. Für das Verständnis ist es wichtig zu wissen, dass d ie Autoren aus verschiedenen Generationen stammen. Jean Améry wurde 1912 als Hans Mayer in Wien geboren. Für ihn gab es ein Leben vor der
2
Verhaftung . Er wuchs, wie auch Ruth Klüger, fast ohne Vater auf, studierte, heiratete und kam 1943 als Erwachsener in Gefangenschaft. Die Gestapo inhaftierte und Widerstandorganisation. 1 Er war sich der politischen Lage zumindest zum Teil bewusst und konnte als Erwachsener besser einordnen, was damals geschah. Ruth Klüger hingegen war damals noch ein Kind. Sie wurde 1931, 19 Jahre nach Améry, ebenfalls in Wien geboren. Trotz der gemeinsamen Geburtsstadt haben sie nicht die gleichen Erinnerungen an ihre Kindheit. Klüger lernte das Wien ohne nationalsozialistische Beeinflussung gar nicht mehr kennen. Bereits ihre Schulzeit war geprägt von Antisemitismus , häufigen Schulwechseln und durch Verbote eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung 1942 war sie elf Jahre alt, und somit noch ein Kind, das ein bürgerliches Leben kaum kennen gelernt hat. Gemeinsam mit ihrer Mutter deportierten die Nazis sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft. Beide Autoren durchlebten die Torturen in verschiedenen Konzentrationslagern im Osten, die einzige gemeinsame Station ist das KZ Auschwitz.
Jean Améry blieb bis zur Befreiung durch die Alliierten 1945 in KZ-Haft. Ruth Klüger und ihre Mutter flohen kurz vor Kriegsende während eines Lagertransports im Februar 1945. Nach der Befreiung lebte Ruth Klüger zwei Jahre in Deutschland. Erst 1947 emigrierten sie und ihre Mutter in die USA. Améry hingegen zog sofort nach Belgien. A ls Journalist und Publizist beschäftigte er sich dort mit der Verarbeitung seiner Erlebnisse. 1966 erschien erstmals die Essay-Sammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“ 2 , zu der der hier näher betrachtete Essay „An den Grenzen des Geistes“ stammt. Nach intensiver Beschäftigung mit aktuellen, gesellschaftlichen Problemen, Themen wie Altern und Freitod nimmt er sich 1978 das Leben.
Ruth Klüger brauchte länger, um ihre Erlebnisse literarisch verarbeiten zu können. Erst 47 Jahre nach der Befreiung aus dem KZ erschien 1992 ihr autobiografisches Werk „weiter leben. Eine Jugend“ 3 in Deutschland.
1 Dießenbacher (1994), S. 71.
2 Améry (2002)
3 Klüger (1994)
3
3. Sprache und Aufbau
Der Leser der einen wie auch der anderen Biografie wird sich angesprochen fühlen. Beide Autoren bauen eine dialogische Grundhaltung auf. Wie Ruth Klüger diesen Effekt bewirkt, zeigen die folgenden Ausführungen. Sie bezieht den Leser in ihrem Denkprozess mit ein. Sie stellt ihm direkte Fragen wie z.B. ob „ es gar keine Brücke gibt von [ihren] Erinnerungen zu [unseren]“ 4 oder rechnet ständig mit möglichen Einwänden der Leserschaft, die sie sofort überdenkt und entkräftet, so als rechtfertige sie ihren Standpunkt. Die gleiche Funktion übernehmen wiedergegebene Gespräche mit Freunden. Mit der Figur „Gisela“, einer Bekannten aus dem aktuellen Umfeld von Ruth Klüger, installierte die Autorin eine permanente Dialogpartnerin. Gisela verkörpert die aktuelle Grundhaltung vieler Menschen der heutigen Zeit. Sie vertritt unreflektierte Ansichten über die Opfer des Holocausts, reagiert phrasenhaft sentimental oder abgeklärt. Aber nicht nur die direkten Fragen und Streitgespräche lassen den Text dialogisch wirken, im Allgemeinen bettet Klüger ihre Überlegungen in Frage-Antwort-Konstellationen ein. „ Für wen schreib ich hier eigentlich?“ 5 fragt sie und leitet damit Überlegungen ein, die mit einem direkten Appell Auseinandersetzung.“ 6 . Die direkte Aufforderung an den Leser zeigt, wie gering die Distanz zwischen Autor und Rezipient ist und wie unmittelbar der Leser in ihren Denkprozess einbezogen wird.
Ihre Ausführungen bewegen sich immer in die gleiche Richtung: Sie thematisiert Variationen der Frage nach dem ungemessenen Umgang mit dem Holocaust und kritisiert Vorurteile und Verallgemeinerungen. Dabei ist es nicht ihr Ziel, andere von einer festen Meinung zu überzeugen, vielmehr steht der Dialog mit sich und mit den Lesern im Vordergrund. Der Leser soll sie und ihre Meinung verstehen können. Ihre Erfahrungen werden nicht als fertige Vergangenheit, sondern als noch andauernder Prozess dargestellt, an dem der Leser sich beteiligen soll. Deshalb erläutert sie ihren Schreibprozess und scheut nicht davor zurück Unsicherheiten zuzugeben, wie z.B. „gestern schrieb ich diese Sätze, heute scheinen sie falsch, verquer. Ich will sie löschen,
4 Klüger (2004), S. 111.
5 Ebd. S. 142.
6 Ebd.
4
zögere.“ 7 Neben ihrer Unsicherheit drückt sie aus, welche Einwände sie mitbedachte und ausräumen konnte. Die Reflexion der eigenen Meinung unter Einbeziehung von Selbstzweifeln und Fremdsichten erweitert ihre Deutungsebene beträchtlich. 8 Insgesamt gewinnt der Leser den Eindruck, als präsentiere Klüger ihm ihre gesamten Erinnerungen und ihren Gedankenfluss, ungeschönt und ungeordnet.
Dabei stellt der Holocaust für sie nicht nur ein Denk- sondern zugleich ein Darstellungsproblem dar. Das Darstellungsproblem ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen Erinnerungsbildern und der Phantasie. Sie würde sich gern „ das Gedächtnis ihrer Mutter zu eigen machen, […] um [ihr] eigenes, unvollständiges zu ergänzen“ 9 . Neben diesem psychologischen Problem spricht sie auch die erzählerischen Schwierigkeiten an, die die lückenhafte eigene Erinnerung mit sich bringt.
Jean Améry wählt ebenso wie Klüger eine dialogische Erzählhaltung. Gleich im ersten Satz gibt er den wohlmeinenden Ratschlag eines Freundes wieder und bezweifelt, dass er sich dessen Meinung annehmen kann. 10 Die Eröffnung mit einem umstrittenen Punkt regt den Leser gleich zu Beginn an, sich ebenfalls mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Allerdings ist dieser Einstieg bei weitem nicht so unmittelbar wie in „weiter leben“. Der Autor führt die Unterhaltung über die Zielsetzung des Werkes an, stellt vor, was er erläutern wird und setzt erst nachdem Voraussetzungen geklärt sind nach drei Seiten mit seinen Erlebnisberichten an. Die langsame Hinführung zu Beginn ist typisch für Autoren, wohingegen AutorInnen eine erhöhte Initiationsgeschwindigkeit bevorzugen. 11 Bereits mit der erste Satz ihrer Autobiografie „Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis.“ 12 spricht das Schrecklichste an und macht so von vornherein deutlich, wie stark sich die Umgebung ihrer Kindheit von der des durchschnittlichen Lesers unterscheidet. Sie bringt ihn „in medias res“ in das heimische Wohnzimmer von Personen, die erst im weiteren Verlauf vorgestellt werden. Die „weibliche“ Sichtweise zeigt sich bei der Wahl des Handlungsortes. Ihre Geschichte beginnt im Wohnzimmer, was nach einer Studie typisch ist. Ein
7 Ebd. S. 167.
8 Vgl. van der Lühe (1997), S. 37.
9 Klüger (2004), S. 34.
10 Vgl. Améry (2002), S. 23.
11 Vgl. Schafer Scherrer (1998), S. 273.
12 Klüger (2004), S. 9.
5
Grossteil der von Frauen verfassten Literatur beginnt im Hausinnern, der immer noch der typisch weiblichen Domäne. 13 Doch zurück zur dialogischen Erzählhaltung von Jean Améry. Der Einstieg stellte den Leser vor die Frage, ob die Gesellschaft für Holocaust-Themen empfänglich ist. Neben dem dialogischen Einstieg ist es vor allem der in Frageform gekleidete Vorwurf an den Leser, der provoziert. Er kann nicht in gesicherter Entfernung betrachten und unbeteiligt die Erzählung verfolgen. Den Eindruck einer unterhaltsamen Erzählung wird der Leser auch im weiteren Verlauf nicht bekommen, denn Jean Améry gibt nicht einfach seine Geschichte wieder. Er geht vom konkreten Ereignis aus, verliert sich dort aber nicht, sondern nimmt es zum Anlass für weitergehende Reflexionen. Zum einen steckt er gleich zu Beginn sein Ziel fest, er „will keinen Dokumentarbericht geben“ 14 und wird somit keine detailgenauen Beschreibungen geben. In essayistischen Einschüben, die den Fortlauf der Beschreibung ständig unterbrechen, analysiert er Geschehnisse und führt seine Gedanken auf einer allgemeinen Ebene weiter. Er bedient sich dabei einer wissenschaftlich-literarischen Sprache, mit deren Hilfe er versucht, konkrete Erlebnisse zu abstrahieren. Sein Ziel ist es, dass Grundsätzliche herauszufinden. Dazu beschäftigt er sich mit Fragen, indem er sie „ auf ihre bündigste Form reduziert“ 15 oder vergleicht seine Erlebnisse mit den Berichten anderer Schicksalsgenossen wie Nico Rost oder Primo Levi. In ausführlichen Passagen, in denen die erzählte Zeit still steht, überdenkt er seine Eindrücke und versucht zu abstrahieren. Durch die Verallgemeinerung seiner Gedankengänge werden sie übertragbar auf aktuelle Probleme. Im Vorwort seines Werkes bezieht er sich auf schreckliche Situationen in Chile oder der Tschechoslowakei 16 und legitimiert die Aussage seiner Arbeit damit aufs Neue. Hier zeigt sich Amérys typischer Charakter. Seine Texte sind Teil seines reflektierten Lebensweges, aber zugleich bezieht er aktuelles politisches und gesellschaftliches Geschehen mit ein. Angeregt durch seine Überlegungen soll der Leser „aufgeklärt“ und zum Weiterdenken angeregt werden, was „Empathie“ ebenso beinhaltet wie eine “Annäherung an die Grenzen der Ratio“ 17 . Da Aufklärung nur funktionieren kann, wenn sie
13 Vgl. Schafer Scherrer (1998), S. 303.
14 Améry (2002), S. 23.
15 Ebd. S. 29.
16 Vgl. Ebd. S. 11.
17 Ebd. S. 18.
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Sabine Stellamanns, 2004, Autobiografien von Überlebenden des Holocaust. Amerys "An den Grenzen des Geistes" und Klügers "weiter leben", Munich, GRIN Publishing GmbH
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