Die Interpretationsaufgabe im Literaturunterricht
von: Sabine Stellamanns
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Was bedeutet interpretieren? Warum ist es notwendig? 2
2. Die hermeneutische Erschließung eines Textes 4
3. Die Interpretation als Aufgabe im Deutschunterricht 6
4. Im Vergleich: „typisch deutsche“ und Aufgaben der PISA-Studie
4.1. Konzepte im Vergleich 7
4.2. Formulierungen im Vergleich 9
5. Anregungen für den Deutschunterricht 11
6. Literaturverzeichnis 13
Einleitung
In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Interpretationsaufgabe im Deutschunterricht. Ausgehend von der Frage „Warum ist interpretieren überhaupt nötig?“ stelle ich die Probleme der Interpretation im Allgemeinen dar. Im 2. Kapitel beschreibe ich das theoretische Grundmodell einer hermeneutischen Erschließung eines Textes. Dieses bildet die Basis der Interpretationsaufgaben im typischen Deutschunterricht, was jedoch umstritten ist. Die Diskussion wirkt sich auf die Praxis aus, wie Kapitel 3 kurz erläutert. Die Kritik am deutschen Konzept macht einen Vergleich mit einem anderen Konzept nahe liegend. Die PISA-Studie, bei der deutsche Schüler überraschend schlecht abschnitten, bietet sich an. Im Vergleich von „typisch deutschen“ und Aufgaben aus der PISA-Studie kristallisieren sich zwei unterschiedliche Typen von Interpretaionsaufgaben heraus (Kap. 4.). In Kapitel 5 werde ich aus der Kritik zwar keine neuen Leitlinien des umstrittenen Interpretationsunterrichts bilden, jedoch Ideen zur Verbesserung der Aufgabenstellung ableiten.
1. Was bedeutet interpretieren? Warum ist es notwendig?
In der Alltagssprache verstehen wir unter dem Begriff „interpretieren“ die Gestaltung und Deutung von allen wahrgenommenen Dingen, seien es Äußerungen, Verhaltensweisen, Texte oder Filme. Wir sehen im Theater Interpretationen eines klassischen Dramas, dass wir in der modernen Fassung nicht sofort verstehen und versuchen das Gesehene zu verstehen und damit zu interpretieren. Oder wir fragen uns, was der Gesprächspartner mit seinem zynischen Kommentar erreichen will. In den Fachwissenschaften wird das alltägliche erlernte und geübte Verstehen methodisch kontrolliert und selbst sprachlich dargelegt.1
In der Literaturwissenschaft bezeichnet die Interpretation ein bestimmtes Verfahren, in dem durch die Anwendung erlernter Methoden ein Text, seine Struktur und sein Umfeld ausgelegt und gedeutet werden. Zugrunde liegt die Annahme, das hinter dem reinen Wortsinn weitere Bedeutungen stecken, die sich erst durch einen zweiten Blick bzw. nach der Erfassung des Gesamten erschließen lassen. 2 Die gesuchte Bedeutung eines Textes, also das, was der Autor sagen will, lässt sich nicht immer sofort erschließen und kann zu Verstehensproblemen führen. Der Leser kann einen Text z. B. nur halb-verstehen: Er liest die Worte, erschließt aber nicht den dahinter liegenden Gedanken. Das Missverstehen kann semantische Gründe haben, wenn der Autor und der Leser die benutzten Worte nicht mit gleichen Bedeutungen verbinden oder aus pragmatischen Differenzen entstehen: Autor und Rezipient sehen nicht den gleichen Handlungssinn in einer Äußerung.3
Begründet liegen die Differenzen in der Tatsache, dass „weniger Wörter als Sachen“4 gibt, wie der englische Philosoph John Locke feststellte. Wir müssen in der deutschen Sprache vergleichen und mehrdeutiges verwenden, um alles darstellen zu können. Literarische Texte nutzen diese Mehrdeutigkeit der Sprache, arbeiten mit ihr und verstärken ihre Wirkung durch den gezielten, bewussten Einsatz. Die Möglichkeit, eine mehrdeutige Äußerung anders als der Autor zu verstehen, ist dementsprechend groß. Im Gegensatz zu einer direkten Kommunikationssituation ist der Rezipient auf sich allein gestellt. Er kann keine Rückfrage an den Autor stellen oder sich etwas Nichtverstandenes mit anderen Worten erklären lassen. Diese Funktion kann die Lesergemeinschaft übernehmen. Leser erläutern gegenseitig ihr jeweiliges Verständnis und vergleichen die eigene Interpretation mit der eines anderen. Während des Gesprächs treffen unterschiedliche Deutungen aufeinander. Wie Enzensberger feststellt „kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren, wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen“5. Er plädiert gegen die Festlegung der einen richtigen, fixen Interpretation. Viele verschiedene Faktoren beeinflussen eine Interpretation, sodass keiner Version ein höherer Geltungswert als einer anderen zugesprochen werden kann. Unausweichlich bringt der Leser seine eigenen Erfahrungen mit ein, die individuell und kollektiv geprägt sind. Das aktuelle Umfeld in einer Gesellschaft, der Wissensstand bezüglich bestimmter Themen uvm. beeinflusst das Problembewusstsein einer Person. Infolgedessen verstehen z. B. zeitgenössische Leser einen Zusammenhang besser, da auf Bekanntes verwiesen wird.
Meistens beschäftigt man sich mit Literatur, zu der keine direkte Beziehung besteht. In dem Fall helfen Kenntnisse über die politischen, situativen und autobiografischen Hintergründe des Autors, sich in die Lage des Autors zum Zeitpunkt der Entstehung eines Textes hineinzuversetzen.
[...]
1 Vgl. Vogt, Jochen: S. 55.
2 Vgl. www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/einladung.htm. Stichwort: Interpretation.
3 Fritzsche, Joachim: S. 230f.
4 Vogt, Jochen: S. 63.
5 Enzensberger, Hans-Magnus: S. 33.
Quote paper:
Sabine Stellamanns, 2004, Die Interpretationsaufgabe im Literaturunterricht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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