1. Einleitung
Afrika ist der zweitgrößte Kontinent der Erde. Eine große Bandbreite an Klimazonen und Ökosystemen begünstigt einen tierischen und pflanzlichen Artenreichtum, der in dieser Ausprägung in kaum einer anderen Region der Erde zu finden ist. Afrika weist allerdings nicht nur eine große Naturvielfalt auf, sondern eine entsprechende Variationsbreite bezüglich seiner Kulturen und Sprachen. Ca. 675 Millionen Menschen, die mittels über 1.200 verschiedenen Sprachen kommunizieren, leben hier. 1
Thema meiner Arbeit ist die Darstellung der Sprachenvielfalt in Afrika, die daraus resultierenden Probleme und die kritische Betrachtung der Sprachpolitik seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten. Auf Grundlage der Arbeit von Mechthild Rehe und Bernd Heine 2 erörtere ich die Frage, wie Sprache in Afrika eingesetzt worden ist, um Probleme der nationalstaatlichen Entwicklung zu lösen. 3 Aus dem Kontext ergibt sich, dass eine isolierte linguistische Betrachtung unzureichend wäre. Die politischen und geschichtlichen Hintergründe müssen aufgenommen werden, um die Zusammenhänge annähernd realistisch darzustellen.
Die Geschichte des Kontinentes ist geprägt von der Ausbeutung und Ausnutzung durch fremde Völker. Politische Veränderungen beeinflussten die jeweilige Sprache, sei es durch die Vermischung von zwei aufeinandertreffenden Sprachen und der Entstehung von Pidginsprachen oder durch sprachpolitische Verordnungen. Eroberungen durch römische, germanische und islamische Armeen in den ersten 1000 Jahren der Zeitrechnung, der Sklavenha ndel mit Nord- und Südamerika im 17. Jahrhundert und die systematische Besetzung Afrikas durch europäische Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflussten die Entwicklung der sprachlichen Landschaft in Afrika.
1 Vgl. Microsoft Encarta Professional 2002. CD-Rom: Afrika.
2 Mechthild Reh, Bernd Heine: Sprachpolitik in Afrika. Hamburg: Helmut Buske Verlag 1982.
3 Ebd. S.8.
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2. Verbreitung der indigenen Sprachfamilien
2.1 Allgemeine Vorstellung
Die Anzahl afrikanischer Sprachen ist enorm. Über 1.200 bis 2.000 verschiedene Sprachen werden auf dem Kontinent gesprochen. Präzisere Angaben sind aus zwei Gründen nicht möglich. Zum einen sind viele der afrikanischen Sprachen noch nicht erforscht, zum anderen erschwert der fließende Übergang zwischen Sprache und Dialekt, der zwei Sprachen miteinander verbindet, eine Grenzziehung.
Der Verbreitungsgrad und die Relevanz einzelner Sprachen variieren stark. Swahili und Haussa sind mit über 10 Mio. Sprechern am weitesten verbreitet (abgesehen vom Arabischen, dass über Afrika hinausgeht). Andererseits gibt es auch Sprachen, die nur von wenigen tausend Menschen gesprochen werden. 4 Bedingt durch diese Vielfalt ist Afrika ein Kontinent der Verkehrssprachen. Im Norden und Nordosten dient das Arabische als Lingua franca, in Ostafrika das Suaheli und in den ehemaligen Kolonien Englisch oder Französisch. 5 Bis auf wenige Ausnahmen sind die afrikanischen Sprachen Tonsprachen. Unterschiede in der Tonhöhe einer einzelnen Silbe geben dem Wort eine andere Bedeutung oder grammatikalische Funktion. 6 Die Erforschung der einheimischen Sprachen gestaltet sich schwierig. Zwar wird eine lange Tradition mündlicher Überlieferungen gepflegt, doch in den wenigsten afrikanischen Sprachen gibt es schriftlich festgehaltene Literatur. Ausreichende schriftliche Überlieferungen aus früheren Sprachstufen fehlen, sodass eine genaue genealogische Gliederung der Sprachfamilien problematisch ist.
Dennoch versucht die moderne komparative Linguistik Sprachfamilien in Afrika zu erarbeiten. Sie vergleicht heutige Sprachen anhand ihrer syntaktischen Strukturen und grammatischen Kategorien (wie Sprachen mit Sexus- oder Nominalklassen-Systemen) miteinander. Mit dieser vergleichenden Forschung wird versucht, die Bandbreite der möglichen Laut-, Struktur- und
4 Vgl. Microsoft Encarta Professional 2002, CD-Rom: Afrikanische Sprachen.
5 Vgl. D. Chrystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprachen. 2. A. Cambridge: 1997, S. 314.
6 Vgl. Micosoft Encarta Professional 2002, CD-Rom: Afrikanische Sprachen.
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Semantiksysteme der Sprachen der Welt zu entdecken. 7 Der amerikanische Linguist und Ethnologe Joseph H. Greenberg überarbeitete frühere Gruppierungen der afrikanischen Sprachen und revidierte sie in seiner Arbeit von 1963 entscheidend.
Nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die afrikanischen Sprachen in vier Sprachgruppen eingeteilt. Eine Sprachgruppe bilden mehrere Sprachen, von denen angenommen wird, dass sie einen gemeinsamen Ursprung haben. Eine Gruppe lässt sich in Zweige aufteilen, die aus näher verwandten Sprachen bestehen. Über die Abgrenzung innerhalb eines Zweiges und die Zuordnung einiger Sprachen gibt es grundlegende Meinungsverschiedenheiten.
Dies zeigt sich auch in der verwandten Literatur, die mit unterschiedlichen Unterteilungen arbeitet. Folgende Angaben erheben also keinen Wahrheitsanspruch, sie verschaffen einen ordnenden Überblick.
2.2 Die hamito-semitische Gruppe
Die hamito-semitischen Sprachen (auch afroasiatische) stellen in Nordafrika die wichtigste Sprachgruppe dar. Der semitische Zweig der Familie enthält Sprachen, die sowohl in Asien als auch in Afrika gesprochen werden. Die arabische Sprache, das wichtigste Mitglied dieses Zweiges (80 Mio. Sprecher), ist die Hauptsprache in Nordafrika und im Sudan. Amharisch, das von über 8 Mio. Menschen gesprochen wird, ist die offizielle Sprache in Äthiopien. Zu den anderen semitischen Sprachen Nordafrikas zählen Tigrinya und Tigre in Eritrea. Nach der Eroberung Nordafrikas von Ägypten im Osten bis Marokko im Westen durch die Araber im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. wurden die Berbersprachen der ursprünglich ansässigen Bevölkerung weitgehend zurückgedrängt. Die Berbersprachen, die einen weiteren Zweig der hamito-semitischen Familie darstellen, werden von einem beträchtlichen Bevölkerungsteil (10 Mio.) in Marokko, Algerien und Tunesien gesprochen, z. B. von den Tuareg. Sie finden sich außerdem in verstreuten Regionen Nordafrikas sowie am Südrand der Sahara wieder.
7 Ebd. Stichwort: komparative Linguistik.
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Zum kuschitischen Zweig, dessen Verbreitungsgebiet Äthiopien, Somalia und die Küste des Roten Meeres ist, gehören insgesamt 20 Sprachen, von denen Oromo und Somali am bedeutendesten sind.
Die alte ägyptische koptische Sprache, die heute ausgestorben ist, stellte einen weiteren Zweig der hamito-semitischen Familie dar.
Mehrere Sprachen, die hauptsächlich im nördlichen Nigeria gesprochen werden, bilden einen weiteren Zweig dieser Sprachfamilie, das Tschadische. Die weitaus wichtigste tschadische Sprache ist das Haussa, mit 30-35 Mio. Sprechern eine der zwei gebräuchlichsten Sprachen südlich der Sahara. Haussa ist sehr verbreitet im Erziehungswesen und im Handel, und das weit über sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet h inaus. Es erscheinen mehrere Zeitungen in Haussa und der Bestand an Literatur in dieser Sprache wird ständig größer.
2.3 Die Khoisan-Gruppe
Die Khoisan-Sprachen bilden die weitaus kleinste Familie der afrikanischen Sprachen und werden insgesamt von etwa 250 000 Menschen gesprochen. Die meisten dieser Sprachen sind unter den Khoekhoe und den San (Buschleute) im südlichen Afrika verbreitet. Nama wird von circa 125 000 Menschen gesprochen und ist damit das stärkste Mitglied der Familie. Es ist die standardisierte Schriftsprache für 12 % der Namibier. Zwei weitere Vertreter finden sich in Tansania im Osten Afrikas: Sandawe, das von circa 35 000 Menschen gesprochen wird und Hadza, mit einer weitaus geringeren Verbreitung. Die meisten Khoisan-Sprachen weisen ein typisches Merkmal auf, für das sie bekannt geworden sind: ihre ungewöhnlichen geschnalzten Konsonanten.
2.4 Die nilo-saharanische Gruppe
Die nilo-saharanischen Sprachen finden sich in einer unterbrochenen Kette von der großen Biegung des Niger in Westafrika bis hin nach Äthiopien, beinahe überall im oberen Niltal und in Teilen von Uganda und Kenia. Das westlichste Mitglied dieser Familie ist das Songhai, eine wichtige Sprache (1 Mio. Sprecher)
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ohne enge Verwandte, die in Mali und Niger in weiten Teilen entlang des oberen Niger gesprochen wird.
Zum saharanischen Zweig dieser Familie gehören Sprachen, die im nordöstlichen Nigeria gesprochen werden und sich nach Osten über den Tschad hinaus und nach Norden in die libyschen Oasen erstrecken. Verbreitete Sprachen des saharanischen Zweiges sind Kanuri, Tubu (je 0,2 Mio. Sprecher) und Zaghawa.
Die Sprachen des Chari-Nil-Zweiges werden im Norden des Tschads, im Sudan, in weiten Teilen Ugandas und Kenias und in der nordöstlichen Ecke des Kongos gesprochen. Zwar ist ihre Subklassifikation noch sehr umstritten, doch diese drei Zweige werden allgemein postuliert.
Zum Chari-Nil-Zweig gehört die Sprachengruppe des Westnilotischen im Süden des Sudan und im Norden und Osten Ugandas und in Westkenia. Wichtige Vertreter sind die Sprachen Dinka (2 Mio.), Akoli (0,5 Mio.), Lango (0,5 Mio.), Nuer, Schillak, Lwo (2 Mio.) und Luo (2 Mio. Sprecher). Sprachen, die in Richtung Südosten verbreitet sind, darunter das Maasai in Kenia, werden als Ostnilotisch bezeichnet. Teso mit 1 Mio. Sprecher, Turkana und Bari gehören auch zur Gruppe der Ostnilotischen Sprachen. Kalenjin (2 Mio. Sprecher) und Teso (1 Mio. Sprecher) zählen zum Süd-Nilotischen.
Entlang des Nils nahe der Südgrenze Ägyptens und in verstreuten Regionen nach Südwesten finden sich die nubischen Sprachen, die zur Chari-Nil-Gruppe gehören und von etwa 1 Mio. Menschen gesprochen werden.
Ebenfalls zum Nilosaharanischen gehören die sehr kleinen Gruppen des Mabanischen im Tschad und des Komanischen an der Grenze zwischen Äthiopien und dem Sudan sowie die Einzelsprache Fur.
2.5 Die Niger-Kongo Gruppe
Das Sprachgebiet der Niger-Kongo-Sprachen erstreckt sich beinahe über den gesamten afrikanischen Kontinent südlich der Sahara. Drei von vier gebürtigen Afrikanern sprechen eine Sprache aus der Niger-Kongo-Gruppe.
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Sabine Stellamanns, 2002, Afrikanische Sprachen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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