Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Mögliche ethnische und soziale Ursprünge der Sinti und Roma. 6
3. Die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland 8
4. Die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma 16
5. Einwanderung der Sinti und Roma nach Deutschland 19
6. Kultur und Sprache der Sinti und Roma in Deutschland 23
7. Fazit 27
8. Literaturverzeichnis 30
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„Von Ziegänern und fremden Bettlern, auch Handwerksburschen.
Nachdem durch Uns als des Landes-Fürsten beschlossen, daß in allen unseren
Landen kei(n)e Zigäner noch fremde Bettler sollen gelitten werden; So soll
Unsern Städten frey stehen, wann die Zigäner unsere Landesgrentzen berühren, dieselben zu
1. Einleitung
Die Sinti und Roma gehören zur so genannten Rom- Gruppe, die sich über eine gemeinsame Kultur, Sprache und Herkunft definiert. Roma, was auf deutsch so viel wie Mensch bedeutet, nennen sich etwa zehn Millionen Angehörige des Volkes weltweit, die uns unter den Namen „Zigeuner“ besser bekannt sind. 1 Sie selbst lehnen diese Bezeichnung ab, da sie bis heute mit der Assoziation „ziehende Gauner“ gleichgesetzt wird. Ihre Herkunft liegt im Punjab, dem Nordwesten des indischen Subkontinents. Nach Sindh (Ableitung Sinti), einer Punjab-Provinz, bezeichnen sich die Roma, deren Vorfahren bereits im Mittelalter nach Deutschland eingewanderten. Die heute in Deutschland lebenden Roma sind zu großen Teilen erst im vergangenen Jahrhundert emigriert.
Die Sinti sind in Deutschland eine autochthone, also eine alteingesessene Minderheit. Sie werden nach dem Gesetz erst seit 1995 als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt. Darüber hinaus bilden sie eine überstaatliche Gemeinschaft, die sich über ganz Europa erstreckt. Nur die wenigsten der in Deutschland lebenden Sinti und Roma sind deutsche Staatsbürger, die Mehrzahl gilt als „staatenlos“. 2
1969 forderte der Europarat die Länder auf, jegliche Diskriminierung von Sinti und Roma zu unterbinden und sie in die soziale Gemeinschaft einzugliedern. Daraus erwuchs ihnen in Deutschland das Recht auf Sozialhilfe, die mit dem Beginn der Emanzipationsbewegung für die Sinti und Roma einherging. 3 Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kämpfen die Sinti und Roma mit der Unterstützung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ für die Vertretung ihrer Rechte in Deutschland. Der größte Erfolg ihrer Arbeit besteht unzweifelhaft darin, dass die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern auf das Schicksal dieser Volksgruppe aufmerksam wurde. 4 Das Thema der Hausarbeit ist in vielerlei Hinsicht sehr komplex und kann daher nur oberflächlich angerissen werden. Eine Ursache dafür sind die unterschiedlichen Wissenschaftsgebiete die bei der Beschäftigung mit diesem Thema nicht voneinander losgelöst betrachtet werden können. So lassen sich die geographischen Wanderbewegungen der Sinti und Roma nur erläutern, wenn man die dazugehörige Historie mit berücksichtigt. Ebenso erklären sich die unterschiedlichen Dialekte der Roma nur durch die räumliche
1 Vgl. Schmalz-Jakobsen, C./ Hansen,G. (Hrsg.), Kleines Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland, Bonn 1997, S. 131.
2 Ludwig, C., Ethnische Minderheiten in Europa. Ein Lexikon, München 1995, S. 97 ff.
3 Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 143 f.
4 Vgl. Gesellschaft für bedrohte Völker, Menschenrechtsarbeit für Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland, in: Hohmann, J. S. (Hrsg.), Studien zur Tsiganologie und Folkloristik. Sinti und Roma in Deutschland, Frankfurt/Main 1995, S. 278 f.
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Ausbreitung des Volkes in den vergangenen Jahrhunderten. Insofern fließen historische, kulturhistorische, ethnologische, geographische und sprachwissenschaftliche Aspekte bei der Bearbeitung des Themas in meine Hausarbeit mit ein.
Eine weitere Ursache für die grobe Skizzierung der Thematik besteht in dem Fehlen von Quellen, die direkt von den Roma stammen. Noch heute wird das kulturelle Erbe der Sinti in Deutschland nur mündlich an die Nachfahren weitergegeben. In der Zeit des Nationalsozialismus wäre deshalb die Kultur der Sinti beinahe völlig ausgerottet worden, da die damals lebenden Angehörigen der Volksgruppe systematisch verfolgt und ermordet wurden. Dadurch sind viele wichtige historische Quellen und kulturelle Zeugnisse für immer verloren gegangen.
Die Jahrhunderte langen Anfeindungen der deutschen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Sinti und Roma sind eine weitere Ursache für den spärlichen Informationsfluss seitens der so genannten Rom- Gruppen. Durch die vorherrschenden Klischees und Verfolgungen über die Jahrhunderte stigmatisiert, lehnen sie zum Teil aus Verbitterung und Enttäuschung eine Annährung an ihre Kultur ab. Zum anderen fürchten sie auch den Identitätsverlust bei der Öffnung ihrer Kultur gegenüber der Mehrheitsbevölkerung.
Das Interesse an den Sinti und Roma und ihrer Kultur ist schon sehr lange vorhanden, jedoch liegt der Beginn der ernsthaften Erforschung erst 30 Jahre zurück. Besonders auffällig ist eine Publikationsflut ab der Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt auch das Werk, das den roten Faden durch meine Arbeit bildet. Es ist das Buch „Sinti und Roma. Kultur, Geschichte und Gegenwart“ von Katrin Reemtsma. Sie gehört der bereits eingangs erwähnten „Gesellschaft für bedrohte Völker“ an, deren Wirken ich im Hauptteil näher beleuchte. Daneben existieren die „Studien zur Tsiganologie und Folkloristik“ der Universität Gießen, die mit der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in einem wissenschaftlichen Disput liegt, auf den ich ebenfalls nur kurz im Hauptteil eingehen werde.
Meine wissenschaftliche Hausarbeit geht zu Beginn auf den möglichen Ursprung der Roma ein, um sich dann detailliert mit der Geschichte der Volksgruppe in Deutschland zu beschäftigen. Im Anschluss erläutere ich die Lage der Sinti und Roma in Deutschland im ausgehenden 20. Jahrhundert näher. Bedauerlicherweise gibt es nur sehr wenig aktuelle Literatur zum Thema, so dass der Schwerpunkt meiner Betrachtung auf den Jahren kurz nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik liegt. Das Ziel meiner Arbeit soll eine in diesem Rahmen aussagekräftige Darstellung des Lebens dieser nationalen Minderheit in Deutschland sein.
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2. Mögliche ethnische und soziale Ursprünge der Sinti und Roma
Der Ursprung der Roma lässt sich auf den Nordwesten Indiens eingrenzen. Diese Erkenntnis beruht auf sprachwissenschaftlichen Untersuchungen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Die genaue Zuordnung der Roma und die Suche nach den nächsten Verwandten unter zu Hilfenahme von arabischen und indischen Quellen gestaltet sich weiterhin als schwierig, da keine schriftlichen Aufzeichnungen der Roma selbst existieren. Aufgrund der Wissenslücken bezüglich der ethnischen und sozialen Zugehörigkeit der Roma gibt es unterschiedliche Hypothesen über ihre kulturelle Verwandtschaft. Der einstmals im Nordwesten Indiens lebende Volksstamm der Jat (arab. Zott), so eine der verbreitetsten Auffassungen unter den Wissenschaftlern, könnte ein Vorfahre der Roma sein. 5 Diese haben die Region nachweislich in mehreren Etappen und aus unterschiedlichen Gründen verlassen.
Nach Jahrhunderte langen Auseinandersetzungen mit den Arabern und der Gefangennahme durch die Byzantiner verliert sich die Spur dieses Volksstammes. Die Anhä nger dieser These gehen davon aus, dass die Jat mit der Ausbreitung der Seldschuken 6 im 12. Jahrhundert nach Südosteuropa gelangt seien. Die Beweislage anhand der Quellen für diese Theorie ist jedoch sehr vage.
Eine andere Hypothese geht davon aus, die Luri seien die Vorfahren der Roma. Die Luri wurden um 500 n. Chr. von einem persischen Herrscherhaus aus Indien geholt. Sowohl die arabischen als auch die persischen Quellen bestätigen die Schickung von 10.000 Luri-Musikern durch den indischen König an den König der Sassaniden. Aufgrund ihres unbescheidenen Auftretens gegenüber dem König, so die Quellen, gerieten sie in dessen Ungnade und später in die Verbannung. Dennoch gilt auch die Verwandtschaft der Luri mit den Roma als nicht gesichert. Die Sprachwissenschaftler sehen im englischen Wort „Gypsies“ eine Verknüpfung der Luri mit den „Zigeunern“, die beide inhaltlich gleichsetzt. 7 Eine weitere Hypothese entfernt sich von der kulturellen Ähnlichkeit und bezieht sich auf die Kastenzugehörigkeit der Vorfahren der Roma. Diese Annahme geht davon aus, dass die Roma mit den Dom verwandt seien. Die Dom, ein nomadisch lebendes Volk, gehören einer niederen Kaste an und sind im Nordwesten Indiens beheimatet. Reemtsma sieht in der Selbstbezeichnung des Volkes die Verwandtschaft mit den Roma: „Die Selbstbezeichnung
5 Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 13.
6 Seldschuken: Stamm der so genannten Türk-Völker.
7 Vgl. Ebenda, S. 14.
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Dom (Mensch, Mann; pl.: Domba) fände ihre Entsprechung in Lom des armenischen Romanes und in Rom (Mann, Mensch; pl. Roma) des europäischen Romanes.“ 8 Das Siedlungsgebiet der Dom befindet sich heute noch in Syrien, Ägypten und Israel. Ein direkter Bezug zu den Roma konnte aber auch hier bisher noch nicht nachgewiesen werden. 9 Das Gegenstück zu dieser These ist die Theorie, dass die Roma von den Rajputs, den Kriegern der zweithöchsten Kaste, abstammen. Die Anhänger der These erklären die Abwanderung, die zwischen 1000 und 1200 stattgefunden haben muss, mit dem Eindringen osmanischer 10 und afghanischer Stämme nach Indien. Dabei wurden die Rajputs vernichtend geschlagen. Neben linguistischen Gemeinsamkeiten spricht für diese Theorie die Vielfalt im Erscheinungsbild, denn insbesondere die Existenz von Roma mit heller und dunkler Hautfarbe und die Blutgruppenzugehörigkeit zu anderen Völkern lassen sich durch die Mitgliedschaft ostafrikanische Stämme bei den Rajputs erklären. Darüber hinaus verwenden einzelne Rom- Gruppen Symbole, die denen der Rajputs stark ähneln. Gegen diese These richtet sich vor allem die sprachwissenschaftliche Sichtweise, die es als unwahrscheinlich ansieht, dass die europäischen Roma in weniger als 200 Jahren vom Nordwesten Indiens bis nach Südosteuropa wandern und einen kollektiven Stammwortschatz entwickeln konnten, der je zu einem Drittel persische, armenische und griechische Worte enthält. Darüber hinaus ist unter anthropologischen Gesichtspunkten eine Zuordnung der Roma zum Nordwesten Indiens zwar möglich, nicht aber zu einem spezifischem Volk oder einer Kaste. Bis auf die erwähnte Ausnahme deutet kulturell also nicht viel auf eine frühere Zugehörigkeit der Roma zu einer Kriegerkaste hin. 11
Anhand dieser Beispiele offenbart sich das Dilemma der Historie der Roma; sie ist nirgendwo vollständig verzeichnet, noch ist sie mündlich überliefert. Die Roma selbst haben ihre Geschichte bis dato noch nicht niedergeschrieben und die wenigen indischen und arabischen Quellen ermöglichen nur eine lückenhafte Rekonstruktion des Gewesenen. Insofern sind Herkunft, Zeitpunkt und Ursache der Abwanderung der Vorfahren der Roma noch immer unklar. 12
Einigkeit herrscht darüber, dass die Vorfahren der Roma den Nordwesten Indiens in kleinen, voneinander unabhängigen Gruppen aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben und sich auf ihrer Wanderung längere Zeit in Persien, Armenien und im Byzantinischen Reich
8 Vgl. Ebenda, S. 15.
9 Vgl. Ebenda, S. 15.
10 Osmanen: Stamm der so genannten Türk-Völker.
11 Wippermann, W., Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Darstellungen und Dokumente, Berlin
1993, S. 10.
12 Vgl. Ebenda, S. 11 ff.
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aufgehalten haben müssen. Über den Sammelbegriff „Zigeuner“ herrscht bei den Forschern heute ebenfalls Einigkeit; so leitet sich das Wort zum einen von „athinganoi“ (bulgarisch: Acigan; Rumänisch: tigan; Polnisch: Cigan; Russisch: Cygan; Türkisch: Tschingiane) und zum anderen von „Ägypter“ (engl. Gypsies, Gitans) he r. 13 Einer der frühesten schriftlichen Berichte über die Roma stammt von Symon Simeones, einem Pilger, der von Dublin ins Heilige Land reiste und in Kreta mit Roma zusammentraf: “Sie blieben selten oder nie länger als dreißig Tage an einem Platz, sondern ziehen dahin, ständig umherirrend und flüchtig, als seien sie von Gott verflucht. Nach dreißig Tagen wandern sie mit ihren kleinen rechteckigen Zelten, schwarz und ärmlich wie die Araber, von Feld zu Feld und von Höhle zu Höhle“. 14
Die meisten frühen Quellen, die über die Roma berichten, stammen aus Griechenland. In ihnen wird berichtet, dass die so genannten „Suyginer“ als Schmiede, Handwerker, Schuhmacher und Schuhflicker arbeiteten. Die Aufzeichnungen weisen schon damals auf zwei unterschiedliche Gruppen von Roma, die Reisenden und die Sesshaften, hin. 15 Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ziehen die ersten Zigeuner nach Deutschland, dazu heißt es in der Chronik von Eger aus dem Jahr 1418: „Die Zigeuner kommen das erste Mal nach Deutschland und Eger.“ 16
3. Die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland
In den ersten Quellen aus Deutschland werden die Roma als Vagabunden und „böse Buben“ bezeichnet, die die Städte für die Türken ausspionierten, dazu heißt es: „30 böse Häuslein, darin lauter Zigeuner wohnen, die sich aus Ägypten fälschlich nennen.“ 17 Wie bereits angedeutet, geht die Zuwanderung der Roma nach Westeuropa mit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches einher. Die Schlussfolgerung, dass die Osmanen die Roma vertrieben hätten bzw. vor sich her trieben, ist nicht richtig. Die Mehrzahl der Roma blieb weiterhin in den nun türkisch besetzten Balkanländern. Während der Besetzung des Balkans durch die Türken konvertierten viele Roma zum Islam, blieben aber dennoch hinter den Osmanen Menschen zweiter Klasse. Teile der Roma wurden in das Heer der Türken und in die osmanische Gesellschaft eingegliedert. 18
13 Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma . Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 18.
14 Gilsenbach, R., Weltchronik der Zigeuner, Teil 1. Von den Anfängen bis 1599, Frankfurt 1994, S. 33.
15 Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 22 f.
16 Gilsenbach, R., Weltchronik der Zigeuner, Teil 1. Von den Anfängen bis 1599, Frankfurt 1994, S. 48.
17 Ebenda, S. 130.
18 Vgl. Reemtsma, K., Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 23.
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Arbeit zitieren:
Daniel Wewetzer, 2005, Die deutschen Sinti und Roma, München, GRIN Verlag GmbH
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