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I. Fragestellung
Ich befasse mich hier mit der Herkunft des Wortes „Germanistik“, d.h. ich will hier ausdrücklich nicht auf die Geschichte des Faches, sondern die der Namensgebung eingehen. Der Name eines Universitätsfaches ist immer auch Programm, die Namensgebung markiert den Beginn der Institutionalisierung; mein Ziel ist es daher weniger die „Wahrheit“ über den Begriff an sich herauszufinden, als vielmehr zu verstehen, was im 19. Jahrhundert damit „gemeint“ war.
II. Die Phase der Institutionalisierung
Die etymologische Herkunft des Begriffs „Germanistik“ ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die ersten Belege für die Verwendung des Begriffs über die Rechtswissenschaft hinaus, stammen erst aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, während die Anfänge des Faches zum Teil schon ins 16. Jahrhundert datiert werden können, in die Zeit, da sich die deutschen Humanisten Wimpheling und Celtis im Zusammenhang mit der Hinwendung zur Antike auch der Vergangenheit des eigenen Volkes bewusst zu werden begannen, Wimpheling den erstmaligen Versuch einer deutschen Geschichtsschreibung unternahm. In der Person Wimpheling verbindet sich bereits, was den Germanisten des 19. Jahrhunderts auszeichnen wird: das Selbstverständnis, Rechtsgelehrter, Theologe und Poet in einer Person sein zu können und der deutschen Dichtung Anteilhabe an allen drei Wissensbereichen nachzuweisen.
Der Begriff „Germanist“ wurde ursprünglich für den Kenner des germanischen Rechtes verwendet. Er wurde wohl durch H. Conrings Buch „De origine juris Germanici“ (1643) hervorgebracht; weiterhin durch die Vorlesungen des Thomasiusschülers Georg Beyer in Wittenberg über deutsches Privatrecht, nach seinem Tode herausgegeben als „Delineatio juris Germanici“ (1718). 1741 spricht Hauschild vom Germanisten, „ wenn es erlaubt, von dem Scribenten der alten teutschen Rechte sich dergleichen Worte zu bedienen“. Danach taucht der Begriff
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erst 1791 wieder auf, bei J.F. Runde, der vom „ eigentlichen Germanisten“ spricht. 1
Die „Encyclopedie der Wissenschaften und der Künste“ verweist noch 1855 unter dem Stichwort „Germanisten“ auf ein anderes Stichwort, nämlich „Teutsches Recht“; unter „Germania“ auf „Teutschland“. Dennoch befinden wir uns hier schon inmitten jener Phase, in der sich die Germanistik von der geplanten universal- germanischen Rechts-Religions- und Literaturgeschichte zur neueren Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur entwickelt. Was vormals Germanistik war, heißt nun Jura; was altdeutsche Philologie hieß, wird von der jüngeren Forschung reformiert und von der neu organisierten Germanistik säuberlich geschieden.
Die Brüder Grimm haben an diesem Prozess erheblichen Anteil, sind aber, wie Meves nachwies, nicht die Erfinder“ des Begriffs „Germanistik“. 2 Schon bevor Jacob zur Germanistenversammlung nach Frankfurt lud, war die Bezeichnung über die Rechtswissenschaft hinaus gebräuchlich. Lt. Jacob Grimm gilt als Germanist, wer „ sich das deutsche Element erworben hat“. 3 Auf der Versammlung soll der Name dann als bündige Umschreibung des Zusammenschlusses von Rechtswissenschaftler, Philologen und Historikern angewendet werden. Bis heute beruft sich die Germanistik auf dieses historische Ereignis und auf den tönenden Name n der Grimms gern wie auf einen Gründungsmythos. Doch hatte schon sechs Jahre zuvor Karl Wilhelm Eduard Mager den Namen „Germanist“ als Bezeichnung für Fachvertreter der germanischen bzw. Deutschen Philologie verwendet. Mager gebrauchte die Begriffe „Romanist“ und „Germanist“ der Wortbildung nach als Synonyme. Da es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch ungeklärt schien, ob es gelingen konnte, die moderne Philologie in ihrer Ganzheit zu umfassen, werde sich, so Mager, in der Regel der eine auf die romanischen, der andere auf die germanischen Nationen beschränken müssen, und zwar so, dass der Romanist die Resultate des Germanisten kennt und umgekehrt.
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„Germanistik“ und „Romanistik“ werden von Mager also nur aus Gründen der „Machbarkeit“ voneinander geschieden, die Gleichheit in der Wortbildung soll hingegen darauf hinweisen, dass sie im Grunde zusammengehören und als ein Fach die neuere europäische Philologie bilden sollen.
Auf der Frankfurter Versammlung 1846 wird der Begriff allerdings anders verwendet. Reyscher, der eigentliche Initiator spricht von einer „germanistischen Wissenschaft“ als einer Wissenschaft, die zwar nicht nur von Deutschen gepflegt werden solle, die aber das deutsche Volk, Recht, Geschichte und Sprache zum Gegenstande habe: kurz gefasst: das deutsche Wesen. 4 Der Name selbst kann sich zunächst kaum durchsetzen, das Programm aber bleibt bestehen, wird in die Altdeutsche Philologie hineingeholt. Boeckh betont 1850 bei einer Versammlung des Philologenverbandes: „[...] dass wir Philologen und dass w ir Deutsche sind“. 5 Der Begriff „Germanist“ wird dann immer seltener in Analogie und stattdessen im Gegensatz zum Begriff „Romanistik“ verwendet.
Vollends auf das Deutschtum verengt wird die Germanistik dann im Gründungsjahr 1870/71, als man die Erforschung des Germanentums an die engen Grenzen des preußischen Militärstaates band. Mit dem Sieg über Frankreich und vor allem mit der Reichsgründung glaubte man, zentrale Ziele, die Vertreter des Fachs in ihrem Denken beflügelt hatten, erreicht zu haben. Doch es waren nur vorgeblich die gleichen Ziele; denn aus dem Sieg gegen Fremdherrschaft war Kampf um nationale Vorherrschaft geworden. 6
War der Ausdruck „Germania“ als Erscheinungsort anonym verfasster, patriotischer Schriften im 19. Jahrhundert als eine Art geistige Trutzburg gegen Fremdherrschaft verstanden worden, so fing man nun an, die germanische Heimat wirklich in den Tiefen des deutschen Vaterlandes finden zu wollen. Erst zu dieser Zeit werden auch die ersten Germanisten an den Universitäten ansässig. Mit den Germanisten der 40er Jahre haben sie jedoch nur noch die Aneignung des Namens gemein. Denn der Germanist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war kein Heimatkundler, sondern - so meine These - ein „Germaniker“, ein Emigrant, der
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Sabine Walther-Vuskans, 1996, Über die Herkunft des Begriffs "Germanist", München, GRIN Verlag GmbH
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