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I. Mündlichkeit?
Bei der Wahl des Prüfungsthemas war ich davon ausgegangen, dass zu der Frage der Mündlichkeit Grimm’scher Märchen eine große Zahl von Forschungsarbeiten vorliegen würde - und stellte mir vor, dass es ziemlich einfach sein würde, diese zusammenfassend und mit Bezug auf das Thema darzustellen. Meine Überraschung war dann um so größer, als ich feststellen musste, dass die Mündlichkeit Grimm’scher Märchen nun zwar seit etwa 200 Jahren Untersuchungsgegenstand von Philologen und Erzählforschern ist, dass aber zu keiner Zeit davon ausgegangen wurde, dass die Grimm’schen Märchen tatsächlich unter der Kategorie „Mündlichkeit“ - oder wie die modernen Bezeichnungen lauten würden: der oral history, der Erzählforschung, der Narrativistik - zu fassen seien. In all der Deutungs- , Bedeutungs- und Interpretationsforschung war doch eines von Anfang an immer klar: nämlich dass es eine Mündlichkeit Grimm’scher Märchen im Sinne einer authentischen Überlieferung niemals gegeben hat. Darin besteht das erste Paradox, mit dem ich mich also zu befassen hatte: dass die Mündlichkeit der Märchen seit gut 200 Jahren Untersuchungsgegenstand ist, obwohl niemand jemals an sie geglaubt hat; denn es scheint höchst unwahrscheinlich, dass die Grimm’schen Märchen überhaupt jemals mündlich erzählt wurden, bevor die Grimms sie schriftlich fixierten. I.1 Intention der Brüder Grimm
Dass die Brüder Grimm sich nicht in „Spinnstuben, dämmrigen Küchenwinkeln und Kohlenmeilern“ herumgetrieben haben, um verschollenen Märchenresten auf die Schliche zu kommen, sondern dass sie im Gegenteil sogar die alte Dorothea Viehmann dazu bewegten, zu ihnen ins Schreibstüberl anzureisen, bezweifelt heute niemand mehr. Schon den Grimms selbst - wie auch ihren Zeitgenossenwar klar, dass sich Formen der mündlichen Rede und des mündlichen Erzählens nicht verschriftlichen lassen. So stellten sie ihre Sammlung auch nicht unter den Begriff der Folklore, sondern unter den der Mythologie - einer Tradition, um die sie als eine, die verloren gegangen schien, trauerten. Was sie sammelten, waren „Überbleibsel“, denen sie nunmehr eine feste Form geben wollte. Da das Vergangene bereits als verblasst erschien, nicht mehr aus sich selbst heraus lebte, wollten sie es in ihren Geschichten verstärken, um damit einen Beitrag zum Erhalt historischer Formen zu leisten. Die Sammlung war jedoch von Anfang an
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begleitet von politischen, pädagogischen und philologischen Interessen. Zudem galt das Interesse der Grimms nicht der eigentlichen Erzählsituation, nicht dem Vergleich von mündlicher und schriftlicher Erzählweise, sondern einem Phantom, das sie in den Erzählungen ihrer „Informanden“ aufspüren wollten: dem angenommenen Urtyp des Märchens; an dessen Form wollten sie sich herantasten und doch gleichzeitig alles so getreu wie möglich überliefern. Gaben beide Brüder also unverblümt zu, dass ihnen daran gelegen war, die Eigentümlichkeiten, das Charakteristische der Form herauszuarbeiten, so muss man ihnen wohl auch glauben, dass sie der Meinung waren, durch ihre eigene Blickrichtung und Schwerpunktsetzung, die zu zahlreichen formalen und stilistischen Änderungen des Erzählten führte, nicht wesentlich etwas am Märchen als Ausdruck mündlicher Erzählkunst verändert zu haben.
Besonders Wilhelm sieht sich zum poetischen Schreiben aus sich selbst heraus getrieben, aber auch als von einer höheren Gewalt berufen. Dass er der Überlieferung gegenüber dabei selbst des Öfteren als höhere Gewalt auftrat, zeigen auch Äußerungen, wie sie z.B. von den Kollegen der Grimms überliefert sind. Kritisierte Brentano an der ersten Ausgabe der Märchen noch die kunstlose, „liederlich treue“ Erzählweise, so konnte Arnim dem zweiten Band bereits mit folgenden Worten Bewunderung zollen:
„Du hast glücklich gesammelt, hast manchmal recht glücklich nachgeholfen, was Du dem Jacob freilich nicht sagst, aber Du hättest es noch öfter tun sollen, und mancher Märchenschluß wäre mehr befriedigend ausgefallen.“ 1 Die Grimms sahen sich also als Überlieferer einer aussterbenden Form, der sie eine Gesetzmäßigkeit unterstellten, die sie dort, wo sie in den gesammelten Erzählungen nicht zum Ausdruck kam, durch Überformungen herzustellen suchten. Dabei kam es ihnen lt. Nissen darauf an, die „ bedeutenden Eigentümlichkeiten des Originals“ auch in scheinbaren Nebendingen durchblicken zu lassen und infolgedessen auch „ein wenig Zwang“ in Kauf zu nehmen. 2 Die Grimms sammelten also nicht Volkspoesie, sondern brachten ihre Vorstellungen davon zu Papier, was eine solche sein sollte.
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I.2 Grimms Märchen als Forschungsgegenstand
Grimms Märchen sind Gegenstand zweier wissenschaftlicher Disziplinen: sie werden zum einen von der literaturwissenschaftlichen Textkritik untersucht, die bei dem vorhandenen Textcorpus und dem Vergleich der Handschriften untereinander ansetzt; sie sind zum anderen Gegenstand der Erzählforschung, die sich jedoch von den Grimm’schen Märchen mehr und mehr abwendet und nunmehr ausgehend von der Erzählsituation deren Untauglichkeit für die Darstellung mündlicher Traditionen herausstellt. Denn tatsächlich haben die Brüder Grimm hier Texte geschaffen, die kein Muster für die mündliche Erzählsituation liefern können; allein der Akt des Aufzeichnens steht dem bereits entgegen, da zur Mündlichkeit wesentlich die Situationsgebundenheit und die Anwesenheit von Sprecher und Hörer gehört, während die Grundsituation der Schriftlichkeit die ist - wie Giesecke so treffend formuliert hat - dass es sich um ein Gespräch unter Abwesenden handelt. 3 Die Abwesenheit des Gesprächspartners aber verlangt nach einer Metasprache, nach einem „System gemeinsamer Unterstellungen“, das typische Elemente der Mündlichkeit, wie z.B. Einbezug von Intonation, Gestik und Mimik kompensieren kann.
Insgesamt haben die Grimms mit ihrer Märchensammlung also keinen Beitrag zur Mündlichkeit von Volkspoesie geschaffen. Sie haben hingegen dazu beigetragen, dass
1. man lange Zeit davon ausging, dass sich eine Volksgattung „Märchen“ mit den formelhaften Elementen, wie die Grimms sie geschaffen haben, in die Vergangenheit hinein projizieren ließe;
2. dass die Möglichkeit und auch die Notwend igkeit einer wissenschaftlichen Aufzeichnung und Deutung dieser angenommenen Gattung bestehe. Was den zweiten Punkt anbelangt, so lassen sich bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein zwei Forschungsrichtungen unterscheiden:
1. eine philologische, textkritische Untersuchung der Grimm’schen Märchen;
2. eine ideologische Märchenkritik, die die Vorgehensweise der Grimms kritisch begutachtete und den Märchen mit verschiedenen Theorien und Methoden „Wahrheiten“ oder „wirklich Wissbares“ abgewinnen wollte.
Arbeit zitieren:
Sabine Walther-Vuskans, 1996, Zur Mündlichkeit Grimm'scher Märchen, München, GRIN Verlag GmbH
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