Inhalt Seite
1. Hinführung 3
2. Vorbemerkung: Anthropologie 4
3. Der Marquis de Sade
3.1. Das Leben 5
3.2. Das Werk und Denken 6
3.3. Exkurs: Das Beispiel Mord 13
4. Richard Herzinger
4.1. Das Leben 15
4.2. Herzingers Denken in „Die Tyrannei des Gemeinsinns“ 16
5. Herzinger und de Sade in der Gegenüberstellung 23
6. Rückblick und Ausblick: Ernst Haeckel und Adolf Hitler 26
7. Fazit 28
8. Quellen 30
2
1. Hinführung
„Es gibt zwei Klassen von Menschen - die Löwen und die Lämmer. Wenn du zu den Lämmern gehörst, wirst auch du einst, wie Gray oder Jane Galbraith, [tot] auf diesem Tisch liegen. Bist du aber Löwe, so wirst du leben und dein Pferd lenken, wie ich, wie K., wie alle in der Welt, die Witz und Mut besitzen“ (Stevenson 1999, 103). Mit diesen Worten begründet die literarische Figur Macfarlane in der Geschichte »Der Leichenräuber« von R. L. Stevenson ihre skrupellosen Verbrechen und fordert gleichzeitig den angesprochenen literarischen Kumpanen auf, ihm zu folgen und es ihm gleichzutun: Die von der Natur gegebenen Eigenschaften zu nutzen und andere Menschen zu dominieren, zu missbrauchen und zu unterjochen. So unfassbar diese Begründung auch erscheinen mag und so unglaublich sie auf zivilisierte Menschen wirken soll - es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie auf wahren Tatsachen beruhen könnte.
Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte der Marquis de Sade eine Theorie über den Menschen als freies Individuum und propagierte und praktizierte die egoistischen Tendenzen seines Menschenbildes, was ihn zum eine n als »sadistisch« in das Wörterbuch brachte, zunächst aber als Gefangenen in die Bastille. Nach zwei aufgeklärten Jahrhunderten der vernunftgeleiteten Gesellschaftstheorien und verschiedensten lustabgewandten Ethiken von Immanuel Kant über John Stuart Mill bis Karl Marx tritt nun wieder eine egoistisch-hedonistisch anmutende Richtung hervor, die beispielsweise von Richard Herzinger vertreten wird. Ob dieser erneute Richtungswechsel nur rein äußerlich oder auch inhaltlich auf die alten Thesen des Marquis de Sade verweist, soll auf den folgenden Seiten geklärt werden. Dabei stellt sich die Frage, nach welchen Gesichtspunkten und aus welchen Quellen beide Autoren ihre Erkenntnisse gewinnen und ob nicht Richard Herzingers Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft das lang versteckte Erbe des Marquis de Sade sein könnte.
3
2. Vorbemerkung: Anthropologie
Um den Menschen, der seine Menschlichkeit aus seinem Wesen zu schöpfen scheint
- weswegen eine Entfremdung ja auch den schlimmsten aller Frevel darstelltbesser kennen zu lernen, ist ein Exkurs in die Anthropologie unumgehbar. Mit der im 17. Jahrhundert beginnenden Aufklärung gewinnt die Frage nach dem Wesen des natürlichen Menschen an Bedeutung. Nach Jahrhunderten der Erklärung durch eine göttliche Schöpfung folgt nun, wenn auch manchmal recht zögerlich und oft auch mit fatalen Folgen, eine Erklärung der menschlichen Natur über die Natur selbst oder aber aus sich allein heraus. Dabei entstehen unterschiedlichste Kontroversen und bilden lange eine Wissenschaft der Mutmaßung, indem man Biologie und Philosophie zu vereinen sucht. Hobbes und Rousseau untersuchen, zeitlich und geographisch unabhängig voneinander, den Menschen »von Natur aus« und kommen zu immensen Unterschieden. Während Jean-Jacques Rousseau den Menschen als natürlich mitleidig beschreibt, die Gesellschaft zum Pfuhl des Übels macht und die Vernunft, wie Luther, als Hure beschimpft, entdeckt Thomas Hobbes, dass die menschliche Natur böse ist und „dort, wo es keine Ordnungsgewalt gibt, zur wechselseitigen Vernichtung führt“ (Hobbes 1965, 98). Historisch folgen ähnliche oder angelehnte Konzepte.
Erst mit der Kulturkritik Friedrich Nietzsches gelingt die »Verschmelzung« der menschlichen Natur und Kultur; Arnold Gehlen schließlich formuliert die »Unspezialisiertheit« des Menschen als seine Natur und erkennt die Kultur als rettende Kompensation des Mängelwesens Mensch.
Somit ist der Mensch bis heute - durch verschiedenste Theorien be- oder entkräftigt
- ein Wesen der Natur und doch eines der Kultur. In seiner Unspezialisiertheit, unfähig den Gefahren und Problemen der ihn umgebenden und ihm eigenen Natur zu trotzen, flüchtet er sich in die Kultur, seine einzige Rettung. Folglich ist auch der Naturzustand (in der Anthropologie Gehlens) nicht erstrebenswert: „Es muss heißen: Zurück zur Kultur! Denn vorwärts geht es offenbar mit schnellen Schritten [wieder] der Natur entgegen [...]“ (Gehlen in: Zugänge zur Philosophie 1995, 131). Zur Zeit des Marquis de Sade herrscht jedoch noch die reine und oftmals radikale Aufklärung. Den Menschen zu erkennen und zu definieren, untersuchen er und viele
4
andere die offensichtliche und scheinbare Natur des Wesens, das - an der Schwelle zum Mittelalter - gestern noch ein Geschöpf Gottes war.
3. Der Marquis de Sade
3.1. Das Leben
Der Marquis de Sade, bisher eher als Schreiber wenig gesellschaftsfähiger sexueller und gewaltverherrlichender Bücher bekannt, kann als Philosoph - selbst wenn dies nur recht selten gern gesehen wird - komplexe Gedankengänge zum Problem des menschlichen I ndividuums und seiner Entfremdung aus seiner wahren Natur beitragen.
Geboren 1740 im vorrevolutionären Paris durchlebt er die typischen Ereignisse eines Libertins aus dem alteingesessenen Landadel. Seine glänzende Karriere in der Armee und die vielen erotischen Abenteuer vertragen sich jedoch nicht lange, was ihm viele Jahre Kerker einbringt. Durch die Gitter diverser Anstalten beobachtet de Sade die Revolution, die ihn zwar kurz auf freien Fuß lässt und ihm die Möglichkeit gibt, seine in der Gefängniszeit zahlreich geschriebenen Bücher zu veröffentlichen, ihn dann jedoch, wegen seiner Zugehörigkeit zum Adel, wieder inhaftiert und zum Tode verurteilt. Nur durch einige Zufälle überlebt der Marquis die Revolution und kommt wieder frei, wirkt schriftstellerisch und schreibt den berühmten »Aufruf an die Franzosen«, bis ihn die Rache der eigenen Familie einholt. Verletzt über seine Untreue der Ehefrau gegenüber, schockiert über die Skandale, die nun auf ewig auf dem Hause de Sade lasten, wird er in ein Irrenhaus in Charenton einquartiert, wo er 1814 stirbt.
Sein Leben und Werk widmete er, auch wenn es noch nicht vollkommen akademisch anerkannt ist, der Philosophie, der radikalsten französischen Aufklärung und der Befriedigung seiner eigenen Lust. Dass dies nicht widersprüchlich sein muss, soll auf den folgenden Seiten gezeigt werden.
3.2. Das Werk und Denken
Als de Sade 1777 zum ersten Mal wegen seiner Orgien verhaftet wurde, rechtfertigte er diese mit seinem gängigsten Argument; man müsse die Natur gegen die Lügen der Kultur endlich zur Geltung bringen. Dass diese Einstellung nicht aus einer Laune heraus entstanden ist und eine bloße Entschuldigung darstellt, zeigt ein ähnliches Phänomen, das jedoch wesentlich bravere Züge trägt, als die sexuelle Ausschweifung de Sades: Johann Wolfgang Goethes »Werther« tritt seinen Siegesfeldzug in Europa an. „Man feierte dieses Werk als Triumph der natürlichen Empfindungen über das konventionelle Leben. Wir haben es hier mit der hellen, harmloseren Seite desselben Motivs zu tun, das auch den Marquis umtrieb“ (Safranski 1999, 197).
Die Natürlichkeit, die Rückbesinnung auf selbige und die Verleugnung der »guten Kultur« liegt im Europa des 18. Jahrhunderts »im Trend«. Ob in der Aufklärung, im folgenden deutschen Sturm und Drang oder im englischen Pietismus - die Natur ist der Mittelpunkt des Denkens. Lediglich die Schwerpunkte des Denkens ändern sich je nach Epoche. Während im Sturm und Drang die Gefühle und Empfindungen den Menschen und den Künstler leiten sollen, kämpfen die Aufklärer mit der Vernunft und dem Verstand - Dinge die dem Menschen ebenso von der Natur gegeben sind und ihn letztlich per Definition vom Tier (homo sapiens) unterscheiden. Dieser Kampf endet schließlich in den Wirren verschiedener Revolutionen und
Revolutionsbestrebungen, reformiert das feudale System Europas zwar nicht grundlegend, erschüttert es jedoch nachhaltig.
Ein Mitstreiter dieser Epoche, deren Auswirkungen den heutigen aufgeklärten Menschen zu einem sehr großen Teil ausmachen, i st der Marquis de Sade. Auch sein Denken liegt im genannten »Trend« der Zeit, ist jedoch an Radikalität nicht zu übertreffen.
Die »Mutter Natur«, die die verklärten Pietisten Jahrzehnte später entdecken wollen, ist ihm fremd. Zwar sieht er die Natur als gerechte und einzige Instanz an, die über das Leben und Sein auf der Erde zu richten hat, aber selbst in dieser Position scheinen ihm ihre Kompetenzen zu weit zu reichen: „Sie ist dafür verantwortlich, dass das unglückselige Individuum namens Mensch ohne seine Einwilligung in
6
dieses triste Universum geworfen wurde. Sie lässt ihn leben und wird ihn wieder verschlingen“ (Safranski 1999, 198). Der Marquis de Sade möchte sein Leben in der Philosophie wie auch in der Realität vollkommen allein in der Hand haben. Niemand soll sich ihm in den Weg stellen oder Regeln für ihn schreiben - dass die Natur es getan hat, ist schlimm und nur durch den Tod änderbar. Bis zu diesem ist der Mensch (und folglich auch de Sade) ein Gefangener der Erde. Die einzige Möglichkeit, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, ist die Annahme der Lust. „Die Lust gehört zur Innenausstattung eines Asyls. Inmitten eines kalten, gleichgültigen Universums gibt es den sicheren Tod, ein Leben voller Qualen und, wenn man klug und skrupellos zu Werke geht, einige Augenblicke der Lust. Mehr nicht“ (Safranski 1999, 198). Für den Marquis besteht Lust im Geschlechtsakt in allen denkbaren Variationen, letztlich steigert sich sein Lustverlangen von einer sexuellen Orgie in eine »Psychopathia sexualis«.
Die Begründung seines für Zeitgenossen * wenig tugendhaften Lebens erscheint auf den ersten Blick plausibel und enthält die typischen Merkmale eines Denkers der Aufklärung. Ausgezeichnet durch Bestrebungen des Materialismus und des Atheismus mündet s eine schriftliche Arbeit schließlich in flammenden Revolutionsreden und bringt ihm während der Französischen Revolution schließlich für kurze Zeit einen Richterposten ein.
Der Marquis de Sade argumentiert, typisch für seine aufklärerische Zeit, mit Beispielen aus der Natur. In der Annahme, dass der Mensch lediglich ein Teil der lebenden Natur ist und kein Wesen, das einen göttlichen Hauch oder dergleichen zur Belebung seines Geistes erhalten hat, trifft er den Nerv der Zeit und findet ebenfalls eine Lösung für all seine moralischen Probleme. Ohne einen Gott im Ensemble der Natur fehlt auch die moralische Normgröße, die die in der Bibel festgelegten moralischen Gebote überwacht und nach dem Tod den Menschen richtet - wovon das mittelalterliche Feudal- und Gla ubenssystem noch lebte. Die Moral, Ethik und folglich die Humanität wird ohne einen Gott, ohne durch eine höchste Instanz festgelegte Norm fraglich und scheinbar überflüssig: „Humanität ist leerer Wahn. Eine Schwäche, die der Natur vollkommen fremd ist. Sobald wir wissen, dass wir nicht zur Rechenschaft gezogen werden, hören wir auf, human zu sein“ (P.M. 2002, 58), stellt
* Die Moralvorstellungen mögen sich bis heute zwar wenig verändert haben, durch weltweite Anpassung dieser,
die modernen Kommunikationsmöglichkeiten und das undurchschaubare Internet sind sexuelle Praktiken, deren
Bestrafung den Marquis de Sade das Leben gekostet hätte, heute als Dienstleistung weltweit zur Verfügung -selbst wenn sie noch heute gesellschaftlich verachtet und sanktioniert werden.
7
de Sade folglich fest. Gleichzeitig bekommt das Handeln des Menschen (ein Wesen der Natur) eine neue Wertedimension: Keine!
Menschen (und Tiere und Pflanzen) können gar nichts richtig oder falsch machen in ihrem Leben, da die Natur vollkommen wertneutral ist. Selbst durch Taten, die anderen Wesen schaden, folgt man nur den Gesetzen der Natur: „Da nun aber in den Augen der Natur alle Individuen gleich sind, ist [...] eine Tat, die dem einen nützt, indem sie dem anderen schadet, [...] für die Natur völlig wertfrei“ (de Sade 2001, 173). Verbrechen sind undenkbar, da es keine Festlegung von Straftaten gibt; was man auch tut, es ist die Natur im Menschen, die es tut...! Mit diesem Argument leitet der Marquis geschickt über in eine zweite Problematik des Menschen in der Gesellschaft und der Natur. Offensichtlich besteht der Mensch nicht nur aus Bestrebungen seiner natürlichen Empfindungen, sondern hat sich im Laufe der Jahrtausende auch so etwas wie Geist erarbeitet - schließt man die Idee Gottes, wie de Sade, einmal aus. Der Mensch ist sapiens, er kann denken und besitzt die Einzigartigkeit der Problemlösekompetenz, das wohl wichtigste Unterscheidungskriterium zwischen Menschen und Tieren * . Wenn man nun aber seinen Geist anstrengt und (wie I. Kant zum Beispiel) bemerkt, dass ein Zusammenleben des Menschen nur dann funktionieren kann, wenn man vernünftig miteinander umgeht und sich an kategorische moralische Prinzipien zu halten hat, um das Fortbestehen des Menschen zu gewährleisten, ist fraglich, warum man auf seine niederen natürlichen Triebe schauen soll und diese vorrangig zu befriedigen sind. Die Lösung de Sades ist so einfach wie vorauszusehen. Der Verfechter des uneingeschränkten Individualismus zieht seine Schlüsse aus der Natur, in der alle Wesen vollkommen frei und sich selbst überlassen sind: „[...] die Gesetze, die gut für die Gesellschaft sind, sind sehr schlecht für die Individuen, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt; denn wenn sie das Individuum einmal begünstigen oder beschützen, so benachteiligen und fesseln sie es Dreiviertel seines Lebens [...]“ (de Sade 2001, 182).
Freiheit, unendliche Freiheit, wird gefordert. Keine Gesetze sollen den Menschen einschränken, keine moralischen Normen schrecken und keine Befriedigung der natürlichen Triebe abartig genug erscheinen. Der Freiheitstraum des Marquis de Sade sieht paradiesisch aus. Jeder kann tun, was er will, keine Einschränkungen
* Zumindest in populärwissenschaftlicher Sicht. Mit Erscheinung der Tierethik in der Philosophie sind Menschen
und Tiere wieder wesentlich näher zueinandergerückt (siehe auch P. Singer oder J. S. Ach). Gleichzeitig stellt
auch die moderne Biologie Problemlösekompetenzen bei Tieren wie Riesenkraken, Menschenaffen oder
Schweinen fest...!
8
Arbeit zitieren:
Christian Klager, 2004, Das Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft oder Richard Herzinger: Der Erbe des Marquis de Sade?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Altruismus und Egoismus: "Ethik" als Regelungssystem
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Fremdkulturelles Lachen verstehen - Am Beispiel Afrika und Südamerika
Seminararbeit, 21 Seiten
Aggressionstheorien unter besonderer Berücksichtigung des Buches ,,Das...
Facharbeit (Schule), 12 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Altruismus, Fairness und Eigennutz - Welche Faktoren bestimmen das Han...
Hausarbeit, 21 Seiten
Das Stufenmodell von Erik H. Erikson
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Wissenschaftlicher Aufsatz, 28 Seiten
Die Merkmale der Selbstverwirklichung nach A. Maslow und C. Rogers
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Christian Klager hat den Text Das Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft oder Richard Herzinger: Der Erbe des Marquis de Sade? veröffentlicht
Christian Klager hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare