Hermann Hesse
Stufen
1 Wie jede Blüte welkt und jede Jugend 2 Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, 3 Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend 4 Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 5 Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe 6 Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, 7 Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern 8 In andre, neue Bindungen zu geben. 9 Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 10 Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
11 Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, 12 An keinem wie an einer Heimat hängen., 13 Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, 14 Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten. 15 Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise 16 Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, 17 Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, 18 Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
19 Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde 20 Uns neuen Räumen jung entgegen senden, 21 Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... 22 Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
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Einleitung
Hermann Hesses Gedicht 'Stufen', bei dem es mir nicht möglich ist, es einer Gedichtart zuzuordnen, entstand 1941 und wurde erst 20 Jahre später in der gleichnamigen Gedichtsammlung veröffentlicht. Es handelt sich um ein Gedankengedicht, welches eine weltanschauliche bzw. philosophische Thematik reflektiert. Es entstand in der Zeit des Expressionismus, wobei Salzer/von Tunk (Erscheinungsjahr unbekannt) über Hesse sagen: "Nie zwar neigte er zum entfesselten Schrei der Expressionisten, aber gedacht hat er wie sie..."
Hesse beschreibt in seinem Gedicht das Leben und die einzelnen Lebensabschnitte eines jeden Menschen und welche Veränderungen mit dem Übergang von einem zum anderen Abschnitt einhergehen.
Vordergründig erscheint das Gedicht lediglich eine Abhandlung über das Älterwerden. Im zweiten Abschnitt kommt jedoch ein spiritueller Aspekt hinzu, der im dritten Abschnitt gar die Thematik 'Leben nach dem Tod' angeht. Zur Thematik seines Gedichtes sagte Hesse selbst:
"Ich habe [...] an Fortleben und Neubeginn nach den Tode gedacht, wenn ich auch keineswegs kraß und materiell an Reincarnationen glaube." (Hahn, 2000)
Salzer/von Tunk nennen Hesse einen "aus subjektivem Erleben schaffenden Dichter", so dass davon ausgegangen werden kann, dass Hesses innere Veranlassung zum Verfassen des Gedichts, der Aussprache von Gedanken und Empfindungen diente. Bei den verarbeiteten Gedankengängen und Betrachtungen handelt sich um unmittelbare Erkenntnisse, welche ihm durch die missionarischen Kreise seines Elternhauses mitgegeben wurden und welche er – im Kontrast - auf der Bereisung des Heimatlandes seiner Mutter, Indien, sammelte.
Der Titel Stufen suggeriert eine Bewegung, eine Auf- oder Abbewegung, da Stufen entweder nach oben oder nach unten führen. Nach bereits einmaliger Lektüre des Werkes ist sofort zu erkennen, dass es sich im vorliegenden Fall inhaltlich um eine Aufwärtsbewegung handelt, da von Weitung des Geistes, Aufbruch und gesundendem Geist die Rede ist, was willkürlich eine positive Assoziation bewirkt, die mit Abstieg nicht einhergehen kann.
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1 Formale Aspekte
Obwohl das Gedicht durchweg ein und dasselbe metrische Schema verfolgt, die Verse also isometrisch, d.h. gleich aufgebaut sind, besteht es aus ungleich langen Abschnitten, die aus diesem Grunde also nicht als Strophen bezeichnet werden können. Es handelt sich um einen sogenannten 'Elfsilber' mit steigendem, alternierendem Metrum: einen fünfhebigen Jambus mit unbetontem Auftakt und weiblicher Kadenz, also einer unbetonten letzten Silbe.
Das strophenbildende Merkmal ist durch einen weiblichen Endreim gekennzeichnet. D ie reimenden Verse stimmen somit im Vokal der letzten betonten Silbe und in der folgenden Endsilbe überein.
Das Reimschema des ersten, zehnversigen Abschnittes der Dreigliederung dieses Gedichts stellt sich wie folgt dar: a b a c b d c e d e. Die Reimpaare, die sich dem Prinzip des Kreuzreims anschließen, jedoch fünffach miteinander verwoben sind, lauten a: Jugend – Tugend (zweisilbiger Reim), b: Lebensstufe – Lebensrufe (viersilbig Reim), c: dauern - Trauern (zweisilbig Reim), d: Neubeginne – inne (zweisilbig) und e: geben - leben (zweisilbig).
Der zweite, achtversige Abschnitt beginnt mit einem umschließenden Reim nach dem Schema a b b a mit den Reimpaaren a: durchschreiten – weiten (zweisilbiger Reim) und b: hängen – engen (zweisilbig), gefolgt von einem Kreuzreim des Schemas a b a b mit den Reimpaaren a: Lebenskreise – Reise (zweisilbig) und b: Erschlaffen – entraffen (dreisilbig). Den letzten, vierversigen Abschnitt macht ein umschließender Reim nach dem Schema a b b a aus, dessen Reimpaare a: Todesstunde – gesunde (dreisilbig) und b: senden - enden (zweisilbig) sind.
Binnen-, Anfangs- oder Schlagreim können in dem vorliegenden Gedicht nicht nachgewiesen werden.
2 Sprachliche Aspekte
Es besteht ein ausgewogenes Verhältnis von Vorgangs- (engen – Vers 13, weiten – Vers 14) und Tätigkeitsverben (geben – Vers 8, senden – Vers 20). Zustandsverben (dauern – Vers 4, leben – Vers 10) wurden seltener verwendet.
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Quote paper:
Corinna Schücke, 2003, Hermann Hesse: Stufen - Gedichtinterpretation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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