Inhaltsverzeichnis
Seite
1 Einleitung 2
1.1 Phantastik 3
2 Figuren 4
3 Erzählstrategie und -struktur 5
3.1 Erzählstrategie 5
3.2 Erzählstruktur 7
4 Handlung 8
4.1 Innere Struktur 8
5 Momente der Hésitation 9
5.1 Verhalten des Erzählers 9
5.2 Verhalten des Alten 9
5.3 Das 'Sich- zu-erkennen geben' des Gluck 11
6 Interpretationsansatz 12
6.1 Wer sind Sie? 12
6.2 Was ist das? 13
7 Traumdeutung 14
Literaturverzeichnis 16
1
1 Einleitung
Ritter Gluck ist die älteste der grotest-humoristischen Erzählungen in E.T.A. Hoffmanns "Fantasiestücke in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuch eines reisenden Enthusiasten". Sie wurde 1809 in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, die seinerzeit die bedeutendste deutsche Musikfachzeitschrift war, erstveröffentlicht, was darauf zurückzuführen ist, dass Hoffmann selbst Musiker war und viele seine Erzählungen, so auch Ritter Gluck, neben dem Phantastischen, für das Hoffmann bekannt ist, Musik thematisieren. Ritter Gluck erschien dann 1814 als zweiter Text in der oben aufgeführte Erzählungssammlung. Der Subtitel Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809 wurde bei der Aufnahme in die Fantasiestücke als Referenz für die Erstveröffentlichung zugesetzt.
In der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden, durch welche Mittel der Leser verunsichert wird beziehungsweise welche erzählerischen Elemente zur Unaufklärbarkeit der Erzählung führen.
1.1 Phantastik
Der Begriff der Phantastik galt im 18. Jahrhundert als bezeichnend für die schöpferische beziehungsweise künstlerische Einbildungskraft. Er wurde bereits ab dem 16. Jahrhundert in der Musik für ebendiese, aber auch für das musikalische Improvisationstalent benutzt. Außerdem behandelt Hoffmann, Kremer (2003) zufolge, die Musik nicht als "identitätsstiftendes Medium", sondern "als Fluchtraum, in dem Alltagsidentität abgelegt werden kann". Demzufolge ist sowohl dem Erzähler, der seine künstlerische Einbildungskraft mehr als zweifelhaft zum Ausdruck bringt (man weiß schließlich nicht, ob seine Einbildungskraft nicht sogar mit ihm durch geht), als auch dem Fremden, der unbestritten ein improvisierendes Musikgenie ist (er spielt schließlich ohne Noten), das Phantastisch-Anhaftende kaum abzusprechen.
Die Verunsicherung des Lesers, das Prinzip der Destabilisierung, das Unvermögen, rational mit der Sache umzugehen, ist das, was Preisendanz (1992) zufolge phantastische Literatur ausmacht. Zur näheren Erklärung beruft er sich in seinen Ausführungen dazu auf Todorov, der als konstitutives Merkmal der Phantastik das Moment der hésitation sieht. Dieses sei das Moment
"der Unschlüssigkeit über die Deutbarkeit, den referentiellen Status und den Geltungsfond des Dargestellten. [...] Aufgrund des Vergewisserungsentzugs, der Irritation des Vergewisserungs-
2
bedürfnisses verweigert sich das Phantastische einer Integration in Begründungs- und Geltungskontexte, der Vereinnahmung in diskursiv organisierte Verstehensmuster." (Zitat Preisendanz, 1992)
Diese "Erzeugung von Unschlüssigkeiten [...], die der Text selbst nicht ausräumt", liegen auch im Ritter Gluck zugrunde, so dass also ein eindeutige Zuordnung der Erzählung zur Gattung der phantastischen Literatur vorgenommen werden kann. (vgl. Preisendanz, 1992)
Da man während des Lesens der Auffassung ist, durch das Weiterlesen Aufklärung über die Umstände zu erla ngen, nimmt man freilich einige Ungereimtheiten in Kauf. Ist man jedoch bei der letzten Zeile angelangt, stellt sich heraus, dass überhaupt nichts aufgeklärt wurde, sondern ganz im Gegenteil, noch alle Fragen offen sind. Es besteht eine
Vernunft und Wahnsinn arbeiten Hand in Hand, was unter anderem auch durch die Verwirrung der Identitäten der Protagonisten erreicht wird, die im Gegensatz zu den realistische Details der Anfangsszene im Biergarten steht.
2 Figuren
Die Erzählung arbeitet mit nur zwei Figuren. Zum einen mit dem Ich-Erzähler, der dem Subtitel der Erzählungssammlung zufolge als der reisende Enthusiast angesehen werden kann. Die Figur ist laut Steinecke (1993) an Hoffmann selbst angelehnt, trägt dessen eigene Züge und vermittelt dessen Ansichten und Vorlieben.
Den Enthusiasten als Erzählfigur macht Steinecke (1993) zufolge aus, dass sie "durch ihre Einstellung zur Kunst charakterisiert wird". Er ist selbst kein Kunstausübender, sondern jemand der sich für die Kunst anderer begeistern kann. Enthusiasmus ist Begeisterung. Allerdings ist diese bis zum Überschwang möglich, was dann eher als überspannt, grotesk/bizarr oder gar wahnsinnig angesehen werden kann. Der Schritt vom grotesken/bizarren hin zum wahnsinnigen ist nicht mehr groß und führt dann in den medizinischen Bereich, nämlich in die Psychologie oder vielmehr Psychatrie. Hier wird Euphorie als krankhaft übersteigerte Erregung angesehen. Dieser letzte Ansatzpunkt, wie ich später ausführen werde, ist in Hinblick auf die Erzählung nicht ganz von der Hand zu weisen, da doch berechtigte Zweifel, sowohl am Zustand des Erzählers als auch an dem des Alten,
3
aufkommen. Hoffmanns Einbringen des reisenden Enthusiasten in die Erzählung kann daher wohl als weiteres Mittel der Verdichtung des Phantastischen angesehen werden. (vlg. Steinecke, 1993)
Zum zweiten agiert ein merkwürdiger Alter, über den nichts bekannt ist, außer das, was die Darstellung des Erzählers wiedergibt. Dieser stellt sich am Ende der Erzählung als Ritter Gluck vor und ist somit der zeitlich verschobene Doppelgänger des gleichnamigen Komponisten. Diese Darstellung der Figur dient Oesterle (1992) zufolge jedoch nicht der historischen Rekonstruktion des Komponisten, sondern sie wurde nach den seinerzeit publizierten Legenden um selbigen 'entworfen'.
Gemeint ist der deutsche Komponist Christoph Willibald Ritter von Gluck (1714 - 1787), der wegen seiner großen Opernformen bekannt wurde. Er versuchte, die Oper zu reformieren, was seinerzeit jedoch nicht gebührend gewürdigt wurde. J. N. Forkel, heute als Gründer der Musikwissenschaft bekannt, kritisierte Glucks Neuerungen als "Reduktion der Musik auf dekadente musikalische Deklamation". Er stelle ihn mit einem Kneipenmusiker gleich. (vlg. Oesterle, 1992). Auf Ablehnung gestoßen sein könnte er unter anderem auch wegen seiner Vorliebe für den seinerzeit sehr umstrittenen Euphon, auf den ich später näher eingehen werden.
Die Erzählung spielt im Spätherbst (Seite 19, 1. Zeile). Aufgrund des Jahres der Erstveröffentlichung (1809) kann davon ausgegangen werden, dass sich die in der Erzählung erwähnten Streitgespräche über Krieg und Frieden (Seite 19, Zeile 15) auf die Napoleonischen Kriege beziehen. Die tatsächliche Zeit wird auf das Jahr 1807 vermutet, da die in der Erzählung auftretenden Opern-Werke in diesem Jahr ihre Aufführung in Berlin hatten, wo die Erzählung angesiedelt ist. (vgl. Steinecke, 1993)
3 Erzählstrategie und -struktur
3.1 Erzählstrategie
Nach Orozs (2001) erleben Hoffmanns Künstlerfiguren generell einen Verlust der Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnendem und sind damit der Willkür oder gar Bedeutungslosigkeit des Kunstwerkes ausgesetzt, was im Gegensatz zur romantischen
4
Quote paper:
Corinna Schücke, 2005, E.T.A. Hoffmanns Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das romantische Kunstmärchen am Beispiel von E.T.A. Hoffmann
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Gesellschaftliche Normen und Werte - Leiden Jugendliche unter einem We...
Sociology - Children and Youth
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 15 Pages
Ein kurzer Überblick
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Kaiser Konstantin der Große - bekehrter Christ oder kühler Machtstrate...
History - World History - Early and Ancient History
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Dissent in the Soviet Union: The Role of Andrei Sakharov in the Human ...
Politics - International Politics - Region: Russia
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Ökonomie als Identitätsstifter in Adalbert von Chamissos "Peter S...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 23 Pages
'Sind es Blicke? - sind es Worte? - ist es Gesang?' Wahrnehmun...
German Studies - Literature of History, Eras
Intermediate Examination Paper, 52 Pages
Bildwelten zu E.T.A. Hoffmann "Nussknacker und Mausekönig"
Modelle und Materialien für de...
Leonore Jahn, Karin Richter
Der Goldne Topf. Textanalyse und Interpretation zu E.T.A. Hoffmann
Alle erforderlichen Infos für ...
E. T. A. Hoffmann
Les Contes d'Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen
Fantastische Oper in fünf Akte...
Jacques Offenbach, Josef Heinzelmann
E. T. A. Hoffmann and the Serapiontic Principle: Critique and Creativi...
Hilda Meldrum Brown
E. T. A. Hoffmann's Musical Writings: Kreisleriana; The Poet and the C...
E. T. A. Hoffmann, David Charlton, Martyn Clarke
0 comments