1 Einleitung
Bedingt durch den Verlust internationaler Netzwerke in Folge des Zweiten Weltkrieges sowie die starke Unterbewertung der DM während der ersten zwei Nachkriegsjahrzente verfolgten deutsche Unternehmen lange Zeit eine überwiegend exportorientierte Strategie bezüglich des Auslandsabsatzes ihrer Produkte. So avancierte Westdeutschland bestärkt durch beachtliche Produktivitätsfortschritte im Inland und anhaltende Exporterfolge unter dem Gütesiegel „Made in Germany“ 1 während der 80er Jahre sogar mehrmals zum weltweit exportintensivsten Land. 2
Aufgrund des „schwächelnden“ Wirtschaftsstandortes Deutschland und der fortschreitenden Globalisierung stellt sich nun aber für viele Unternehmen die Frage, ausländische Märkte nicht wie bislang durch Export, sondern mittels Produktion vor Ort zu versorgen. Laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelkammertages (DIHK) plant diesen Schritt der Produktionsverlagerung ins Ausland fast jedes vierte deutsche Industrieunternehmen in den nächsten drei Jahren. 3
In dem vorliegenden Aufsatz werden die wirtschaftlichen Motive für oder gegen eine Produktionsverlagerung ins Ausland ebenso wie gesellschaftliche Gesichtspunkte, z.B. Fragestellungen zur Auswirkung auf die Inlandsarbeitslosigkeit, analysiert und Implikationen für den Standort Deutschland gefolgert.
2 Gründe für eine Produktionsverlagerung
Die Gründe für eine Produktionsverlagerung beruhen häufig auf 4
• kostenorientierten Argumenten,
• absatzorientierten Argumenten,
• beschaffungsorientierten Argumenten sowie
• wettbewerbsorientierten Argumenten.
Bei den Kostenargumenten sind zuallererst die hohen Arbeitskosten (insbesondere die Lohnnebenkosten) sowie die beträchtlichen Steuerausgaben in Deutschland zu nennen. Laut DIHK benennen 83% der befragten Unternehmen einen dieser beiden Punkte als Hauptmotiv
1 Vgl. Büchtemann/Kuhlmann (1996), S. 58
2 Vgl. Lane (1994)
3 Vgl. DIHK (2003), S. 1
4 Vgl. Hardock (2000), S. 27
2
für eine Produktionsverlagerung. 5 Bei der Betrachtung geringerer Arbeitskosten in anderen Ländern ist aber ebenfalls die dortige möglicherweise niedrigere Arbeitsproduktivität (z.B. durch fehlende Qualifikation der dortigen Mitarbeiter) zu beachten. 6 So standen in den 90er Jahren fast ausschließlich lohnintensive Unternehmensteile mit vorwiegend einfachen Tätigkeiten im Mittelpunkt von Verlagerungen, wobei inzwischen zunehmend auch andere, kapital- und wissensintensive Unternehmensbereiche wie die Verwaltung, Forschung, Entwicklung und sogar die Unternehmensführung auf dem Prüfstand stehen. 7 Ein Beispiel für Lohnkostendifferenzen als Ursache für Produktionsverlagerung sind die fast 4000 „Maquiladoras“, Produktionsstätten im nördlichen Mexiko, in denen mehr als eine Million Mexikaner Teile oder Komponenten für die weitere Verarbeitung in den USA produzieren. In den meisten Fällen werden die Vorprodukte aus den USA nach Mexiko transportiert und dann nach der Bewältigung von lohnkostenintensiven Produktionsstufen zurück in die USA gebracht. Den Auftraggebern kommen neben den niedrigeren Lohnkosten in Mexiko Begünstigungen bei Zöllen und Steuern entgegen. 8
Neben den Arbeitskosten und Steueraufwendungen können zudem durch lokale Produktion Transportkosten erheblich gesenkt werden, indem man jene Fertigungsstätten, die große Stückzahlen produzieren, nahe beim Kunden ansiedelt. Bei transportkostenempfindlichen Massengütern (z.B. Waschmitteln, Zement) können die Transportkosten die Wettbewerbsfähigkeit des Anbieters so beeinträchtigen, dass ein Export praktisch vereitelt und der Aufbau einer Auslandsproduktion im Zielmarkt notwendig wird. Auch Sicherheitsaspekte beim Transport (z.B. von Chemikalien) können hier eine Rolle spielen. Änderungen im Wechselkurs können die Entscheidung zu Gunsten einer Auslandsproduktion ebenfalls beeinflussen. Die aktuelle Aufwertung des Euro hat i.d.R. einen höheren Absatzpreis der Exportgüter im Auslandsmarkt zur Folge, was zu Einnahmenseinbußen führen kann. 9 So musste z.B. Porsche Ende der 80er Jahre durch die starke Abwertung des US-$ gegenüber der DM einen dramatischen Umsatzeinbruch auf dem für sie überaus wichtigen US-Markt hinnehmen und geriet somit in eine ernste Unternehmenskrise. 10
Neben kostenorientierten Argumenten können auch absatzpolitische Argumente bei einer Entscheidung für eine Produktionsverlagerung eine Rolle spielen. Dabei stehen die
5 Vgl. DIHK (2003), S. 6
6 Vgl. Zentes/Swoboda/Morschett (2004), S. 392
7 Vgl. DIHK (2003), o.S.
8 Vgl. Environmental Health Coalition; http://www.coalitionforjustice.net
9 Vgl. Zentes/Swoboda/Morschett (2004), S. 393
10 Vgl. Pausenberger (1992), S. 204
3
Erschließung und Sicherung des Marktes des Gastlandes im Vordergrund. 11 So verspricht eine größere Nähe zum Abnehmer eine schnellere Reaktion auf veränderte Kundenwünsche. Länderspezifische Kundenbedürfnisse werden besser erkannt und damit schneller und zuverlässiger in Produkt- und Serviceeigenschaften umgesetzt. 12 Gerade in der Automobilindustrie, in der die kurzfristige Bereitstellung von Ersatzteilen für eine Kundenbindung elementar ist, zeigt sich dies durch die deutliche Erhöhung des Absatzes deutscher Automobilhersteller in den USA seit dem Aufbau eigener Werke vor Ort. 13 Pausenberger erwartet zudem weniger emotional- nationa listische Vorbehalte seitens der Kunden, wenn die Güter im Gastland produziert werden. Außerdem weist er auf die positive Wirkung auf den Export von Erzeugnissen aus anderen Produktsparten des Stammhauses hin. 14
Ein weiteres Anliegen einer absatzorientierten Ressourcenverlegung bildet die Umgehung von Handelshemmnissen, wie z.B. einer hinhaltenden Zollabfertigung, nichtfunktionelle und schikanöse Qualitätsanforderungen, hohe Zollbarrieren bis hin zum definitiven Importverbot. 15
Des Weiteren vermag man mit einer Produktionsverlagerung auch Beschaffungsziele zu realisieren. So lässt sich mit einer Verlagerung der Zugang zu bestimmten Rohstoffen sichern, die in Deutschland nicht oder nur schwer zu erhalten sind.
Verlagerungsprojekte wettbewerbsstrategischer Natur werden unter anderem durch das Verhalten von Konkurrenten ausgelöst. Um keine Marktanteile zu verlieren, müssen Unternehmen es ihren Wettbewerbern, die ihre Produktion ins Ausland verlegen, gleich tun. Die risikoreduzierende Wirkung durch eine internationale Streuung der Produktionsstandorte gehört ebenfalls in diese Kategorie. 16 Dies geschieht insbesondere dadurch, dass sich die Anfälligkeit gegenüber landesspezifischen Störungen verringert, wenn die Produktion auf mehrere Länder verteilt ist. Neben politischen Risiken wie Streik, Enteignung oder Importrestriktionen werden auch ökonomische Risiken wie die bereits erwähnten Wechselkursschwankungen gemildert. 17
11 Vgl. Hardock (2000), S. 28
12 Vgl. Flaherty (1989), S. 102; Weber (1995), S. 157; Dichtl (1991), S. 86; Schlüchtermann (1999), S. 54
13 Vgl. o.V. (1996), S. 14; Dichtl (1994), S. 83
14 Vgl. Pausenberger (1992), S. 205
15 Vgl. Pausenberger (1992), S. 205
16 Vgl. Hardock (2000), S. 29
17 Vgl. Zentes/Swoboda/Morschett (2004), S. 395
4
Abbildung 1 spiegelt die Überlegungen anhand einer empirischen Studie über die Maschinenbau-, Metall- und Elektroindustrie wider:
3 Hemmnisse einer Produktionsverlagerung
3.1 Ökonomisch-organisatorische Hemmnisse
Ökono mische Verlagerungsbarrieren entstehen in Gestalt von Wechselkosten, d.h. alle Anstrengungen und Risiken, die bei einem Kapazitätstransfer entstehen. Eine Spielart stellen Austrittskosten aus dem bisherigen Standort dar. So können unter Umständen frühere Investitionen in lokale Ressourcen als Hemmnis wirken, wenn sich die Fertigungsanlagen nicht anderweitig nutzen bzw. ohne großen Wertverlust veräußern lassen. 18
Dies belegt auch eine Untersuchung des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU), in der 23% der Befragten bekundeten, dass sie Schwierigkeiten bei der Verwertung inländischer Unternehmensteile, die durch Auslandsproduktion überflüssig werden würden, von einem grenzüberschreitenden Engagement abhalten. 19
18 Vgl. Jungnickel (1995), S. 67; Sabathil (1969), S. 195f.
19 Vgl. BDU (1997), o.S.
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Christoph Da-Cruz, 2004, Produktion in Deutschland oder Verlagerung ins Ausland - Unternehmen im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und wirtschaftlichen Anforderungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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