Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort 2
II. Allgemeines zur ersten Ratsszene im mittelhoch-
deutschen und altfranzösischen Rolandslied 2
III. Die erste Ratszene 4
III. A: Kaiser Karls Ansprache 4
III. B: Die Ratschläge der Fürsten 6
III. B. 1: Roland 6
III. C: Einfügungen Konrads, die in der Chanson fehlen 8
III. C 1: Olivier 9
III. C 2: Turpin 10
III. C 3: Naimes (siehe Seite 15) 10
III. C 4: Johannes 10
III. B 2: Genelun 12
III. B 3: Naimes 15
III. B 4: Rolands Reaktion 17
IV. Fokussierung meiner Untersuchung auf Roland und Genelun 18
IV. A: Chanson 18
IV. B: Rolandslied 19
V. Literaturverzeichnis 21
V. A: Quellen 21
V. B: Forschung 21
1
I. Vorwort
In meiner Hausarbeit habe ich die erste Ratsszene im mittelhochdeutschen „Rolandslied des Pfaffen Konrad“ (kurz: Rolandslied) mit der im altfranzösischen Rolandslied (kurz: Chanson) verglichen.
Der Schwerpunkt meiner Untersuchung liegt im genauen Textvergleich der beiden Werke. Mit Hilfe der Gegenüberstellung der behandelten Textabschnitte habe ich versucht, sowohl die Unterschiede als auch die gravierenden Abweichungen des Rolandsliedes vom Original, der Chanson, herauszuarbeiten. Ich habe die Argumente und Positionen der jeweiligen Redner herausgefiltert, die Dramaturgie des Ablaufs der Beratung ermittelt und mich auf eventuell vorhandene Beeinflussung oder Einschaltung des Erzählers konzentriert. Neben dem Vergleich der Argumente habe ich die Sympathielenkung des Erzählers hinsichtlich der beiden Meinungsanführer, Genelun und Roland, herausgearbeitet. Wie argumentieren beide in ihren Reden und wie hat der Erzähler die beiden dargestellt? Diese Fragen habe ich mir bei der Untersuchung gestellt.
Zudem möchte ich noch hinzufügen, dass ich mich ausschließlich mit der Chanson als Vorlage des deutschen Rolandsliedes auseinandergesetzt habe. Wenn ich also von „Einfügungen“ des Pfaffen Konrads schreibe, meine ich diese nur in Bezug auf die altfranzösische Fassung. Ich habe keinen Beweis dafür, dass Konrad die von mir bezeichneten Erfindungen nicht doch aus einer anderen Quelle bezogen hat.
II. Allgemeines zur ersten Ratsszene im mittelhochdeutschen und altfranzösischen Rolandslied
Der Beginn der ersten Ratsszenen ist in beiden Werken deutlich erkennbar. Wo die Beratung jedoch endet, ist nicht klar feststellbar. Es kommt auf die Sicht des Betrachters an, wo die Konferenz am Hofe des Kaisers aufhört. Die Besprechung Karls mit seinen Fürsten lässt sich in vier Abschnitte unterteilen: 1. Karl erläutert den Grund der Versammlung, danach folgt die allgemeine Beratung der Fürsten. Jeder äußert einzeln seine Meinung (in der Chanson sind es drei, im Rolandslied sind es sechs Ratgeber).
2
2. Der Pfaffe Konrad schiebt eine Beratung der Fürsten ohne Karl ein, um Einigung zu erzielen. Diese Szene dauert von Zeile 1166-1245 und fehlt im Original vollkommen.
3. Die Fürsten schlagen sich selber vor, um als Bote zu Marsilie zu gehen und seine Absicht herauszufinden.
4. Roland schlägt Genelun als Bote vor. Die Reaktion Geneluns, der Konflikt zwischen Roland und seinem Stiefvater bis zum Abgang des Gewählten.
Zur besseren Veranschaulichung der Abschnitte habe ich folgende Tabelle erstellt, die die beiden Texte in der Gegenüberstellung zeigt:
Ich habe mich bei meiner Untersuchung im Rolandslied auf den ersten Teil der Ratsszene beschränkt. Man könnte die Textanalyse natürlich noch weiter fortsetzen, da auch die Beratung, wer denn nun als Bote in Frage kommt sehr interessant ist. Die beiden Werke ähneln sich in diesem Abschnitt sehr. In ihr werden die Konflikte zwischen Roland und Genelun besonders deutlich, doch das würde den Rahmen meiner Hausarbeit sprengen. Meine untersuchten Textstellen sind also die folgenden: Im Rolandslied von Zeile 891-1165 und in der Chanson die Laissen 12-16.
III. Die erste Ratszene
III. A: Kaiser Karls Ansprache
Zu Beginn der ersten Ratsszene ruft Kaiser Karl in beiden Werken seine Berater zu sich, um über das Angebot des heidnischen Königs in Spanien zu reden. Die Versammlung hat den Zweck, Karl bei seiner Entscheidungsfindung zu unterstützen und um ihm zu raten, wie er sich Marsilie gegenüber verhalten soll. Dazu möchte ich Folgendes bemerken: Dass Karl bei seinen Fürsten Rat sucht, spiegelt seinen tugendhaften Charakter als Herrscher wider. Er ist weise und trifft keine voreiligen Entscheidungen. Bevor er etwas beschließt, wartet er ab, bis er alle Fürsten angehört hat. Ott-Meimbergs allgemeine Beschreibung des „starken Königs“ reflektiert Karls Verhalten:
„Nur der schwache König lässt sich nicht beraten und ist hochmütig; der starke hört auf den Rat seiner Freunde, denn aus ihnen spricht, was seine eigene Kraft ausmacht: ein Rechtsempfinden, das sich in keiner Person oder Gruppe verkörpert und nicht auf Geschriebenes pocht, sondern sich in der Beratung aller stets neu herausbildet und durch eine Kette der Geschlechter weitergereicht wird.“ 1
Im Mittelalter war der Rat eine Form der Rechtssuche und der Rechtsfindung. Die Beratenden stellten eine helfende Funktion dar, doch die entgültige Entscheidung lag letztlich in der Hand des Regierenden.
1 Ott-Meimberg, S. 122.
4
Das Ratgeben war also nicht nur ein Recht der Fürsten, sondern ebenso eine der wichtigsten Pflichten, um ihrem Herrscher beizustehen und um sich an der Reichsregierung zu beteiligen.
In der Chanson werden die „Edlen“, die zum Ratsbeschluss gekommen sind, vom Erzähler aufgezählt:
„Den Herzog Oger und den Erzbischof Turpin, / Richard den Alten und seinen Neffen Henri / Und den tapferen Grafen Acelin aus der Gascogne, / Thibaud von Reims und seinen Vetter Milun, / Gérier und Gérin waren auch dort; / Zusammen mit ihnen kam Graf Roland dorthin / Und Olivier der tapfere und edle; / Es waren dort mehr als 1000 Franken aus Frankreich; / Ganelon kam dorthin, der den Verrat beging.“ 2
Unter ihnen befinden sich auch die Fürsten, die der Erzähler später zu Wort kommen lässt.
Der Protagonist, Roland, wird erst an zehnter Stelle genannt und neben „1000 Franken aus Frankreich“ bildet Genelun als zwölfter Berater das Schlusslicht. Der Erzähler greift an dieser Stelle direkt ein, indem er dem Leser verrät, dass Genelun ein Denunziant ist und nimmt damit gleichzeitig vorweg, dass der Schwager Karls im Laufe der Geschichte einen Verrat begehen wird. Mit dieser Äußerung beeinflusst er stark die Antipathiebildung des Lesers Geneluns gegenüber, da die negative Assoziation „Genelun = Verrat“ nun an ihm haften bleibt. Zusätzlich rückt der Erzähler die kommende Versammlung dadurch in ein schlechtes Licht, dass er das kommende Unheil ankündigt: „Nun beginnt die Ratsversammlung, die Karl unglücklicherweise einberief.“ 3 Der Kaiser beginnt seine Ansprache zu den „edlen Herren“ und unterrichtet sie von Marsilies Absicht. Karl bemerkt, dass er nicht weiß, wie es „in seinem Herzen aussieht“ und äußert damit, dass er an der Ehrlichkeit des Heidenkönigs zweifelt. Die sofortige zustimmende Reaktion der Franken ist: „Wir müssen auf der Hut sein“, was ebenso zeigt, dass sie von Marsilies Aufrichtigkeit nicht überzeugt sind und Misstrauen gegen ihn hegen.
2 „Das altfranzösische Rolandslied.“ Laisse 12, Zeilen 170- 178.
3 „Das altfranzösische Rolandslied.“ Laisse 12, Zeile 179.
5
Arbeit zitieren:
Annina Müller, 2002, Die erste Ratszene im mittelhochdeutschen und altfranzösischen Rolandslied im Vergleich - Mit Gewichtung auf Roland und Genelun, München, GRIN Verlag GmbH
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