INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung Seite 3
II. Die Entstehung der „Gruppe 47“ Seite 4
III. Die Literaturkritik der „Gruppe 47“ in der Konstitutionsperiode (1947-1949) Seite 5
IV. Die Literaturkritik der „Gruppe 47“ in der Aufstiegsperiode (1950-1957) Seite 8
V. Feststellbare Entwicklungen der Literaturkritik von der Anfangsperiode Seite 11
bis zur Hochperiode
VI. Die Literaturkritik der „Gruppe 47“ in den Medien Seite 13
VII. Beispielanalyse: „Die Blechtrommel“ von Günter Grass Seite 14
VII. A: „Eine Diktatur, die wir befürworten“ Seite 14
VII. B. „Auf gut Glück getrommelt“ Seite15
VIII. Literaturverzeichnis Seite 20
IX. Anhang Seite 21
„Auf gut Glück getrommelt“ von Marcel Reich - Ranicki Seite 21
2
I. EINLEITUNG
Keine andere kulturelle Einrichtung prägte die Literatur nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland so entscheidend mit wie ein spontaner Zusammenschluss junger, engagierter Autoren: die „Gruppe 47“. Ihre Mitglieder waren erfüllt und getrieben von unbändiger Motivation und Liebe zur Sprache und Schrift und sahen ihre Aufgabe darin, in der zerstörten, trostlosen Heimat eine neue Form von Literatur zu schaffen. In einem wählerischen Rezensionsverfahren trennten sie zwischen „gut“ und „schlecht“ die Spreu vom Weizen. Somit besaß die „Gruppe 47“ von Anfang die Funktion der Literaturkritik. In ihrer Ausübung beeinflusste sie die Neuentstehung und Entwicklung der Nachkriegsliteratur und gestaltete sie richtungsweisend mit. Die „Gruppe 47“ verwendete auf ihren Sitzungen eine ganz besondere Form von Literaturkritik und bediente sich neuer, außergewöhnlicher Mitteln. Vom traditionellen Verfahren, den Text alleine zu lesen und schriftlich zu beurteilen, verabschiedeten sich ihre Mitglieder gänzlich. Statt dessen rezipierten sie als Kollektivum nur vorgelesene Werke und besprachen diese dann anschließend mit ihrer typischen Form, nämlich der „mündlichen Ad- hoc-Kritik“. Von der Entstehung der Gruppe 1947 bis zu ihrem Zerfall 1967 war die Literaturkritik nie statisch, sondern einem stetigen Wandel unterzogen, der sowohl intern festzustellen war als auch von außen kam. So wirkten sich beispielsweise die Rahmenbedingungen in Deutschland auf die Entwicklung der Gruppe aus - das Land und auch die kulturellen Einrichtungen mussten schließlich neu aufgebaut werden, und nach der langen Unterdrückungsperiode mussten neue Maßstäbe für eine freie, unzensierte Literatur geschaffen werden.
Die Literaturkritik der „Gruppe 47“ ist ein sehr weitläufiges Thema und bietet viele verschiedene Ansatzpunkte. In meiner Hausarbeit habe ich mich auf die wissenschaftliche Untersuchung ihrer Literaturkritik in den ersten zehn Jahren festgelegt. In den folgenden Seiten versuche ich, die interne Kritik auf den Sitzungen und ihre Entwicklung zu beleuchten und zu analysieren. Im zweiten Teil habe ich mich dann auf die Publikationen der Mitglieder in den Printmedien konzentriert und habe als praktisches Beispiel zwei Rezensionen von Marcel Reich-Ranicki untersucht. Ich hoffe, mir ist es in meiner Arbeit gelungen, die besondere Form der Literaturkritik der „Gruppe 47“ für den Leser deutlich und verständlich gemacht zu haben.
II. DIE ENTSTEHUNG DER „GRUPPE 47“
Nach dem Verbot der Zeitschrift „Der Ruf“ im April 1947 von der amerikanischen Besatzung arbeitete ihr ehemaliger Herausgeber, Hans Werner Richter, an einem neuen, literarischen Blatt, dem „Skorpion“. Für seine Vorbereitung lud Richter im August 1947 die einstigen Mitarbeiter des „Ruf“ zu einer Zusammenkunft in Bannwaldsee bei Füssen ein. Sein Ziel bestand darin, in der zukünftigen Zeitung neue Literatur entstehen zu lassen, aber keine „neue Schule, die nur die Formexperimente der alten fortsetzte.“ Nach Richters Vorstellungen musste das zukünftige Schrifttum „realitätsnah, realitätsbezogen“ sein, „ähnlich dem Neo - Verismus, der zu dieser Zeit in Italien entstand, eine Literatur also, die dem politischen Engagement und der Wahrheit dienen sollte.“ 1 Richters Gäste brachten zu dem Treffen eigene Skripte mit, die sie später im „Skorpion“ veröffentlichen wollten. In vertrauter Runde lasen sie diese am Bannwaldsee vor, um von den Übrigen eine Resonanz auf das Geschriebene zu erhalten. Wolfdietrich Schnurre begann die „Vorleserunde“ mit dem Werk „Das Begräbnis“. Nach Beendigung des letzten Satzes forderte er die Anwesenden zur Kritik auf, die sogleich voller Elan und Temperament darauf eingingen, als hätten sie nur auf seinen Startschuss gewartet. Richter beschreibt die Szene folgendermaßen:
Und dann beginnt etwas, was keiner in dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen
Äußerung ist rau, die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor
den Mund. Jedes vorgelesene Wort wird gewogen, ob es noch verwendbar ist, oder vielleicht
veraltet, verbraucht in den Jahren der Diktatur, der Zeit der großen Sprachabnutzung. Jeder
Satz wird [...] abgeklopft. Jeder unnötige Schnörkel wird gerügt. Verworfen werden die
großen Worte, die nichts besagen und nach Ansicht der Kritisierenden ihren Inhalt verloren
haben: Herz, Schmerz, Lust, Leid. Was Bestand hat vor den Ohren der Teilnehmer sind die
knappen Aussagesätze. 2
Das harsche und ehrliche „Feedback“ auf Schnurres Text kam selbst für Richter überraschend. Woher kam diese Lust am Kritisieren, diese Radikalität, diese Rücksichtslosigkeit gegenüber dem engsten Freund? Keiner der Gäste war zu dem Zeitpunkt ein bekannter Autor oder gar ein berühmter Kritiker, alle waren literarische Anfänger und Neulinge in der Kunst des Schreibens. Doch was die Gruppe gemeinsam hatte, war ihre Begeisterung für die Literatur, ihre Begeisterung über den Aufbruch in eine neue Zeit, die so anders sein sollte als die verhasste Vergangenheit.
1 Neunzig, Hans A. (Hg.): Hans Werner Richter und die „Gruppe 47“, S. 76.
2 Neunzig, Hans A. (Hg.): Hans Werner Richter und die „Gruppe 47“, S. 80 / 81.
Die Freiheit nach den langen Jahren der Zensur im Dritten Reich war endlich wiedererlangt und ihr Appetit auf Worte, Sätze, Aussagen und Formulierungen nach der literarischen Monotonie schien unersättlich. Nach drei langen Tagen und Nächten der Literaturrezeption und -besprechung verabschiedeten sich die Leute schließlich mit der Aufforderung „Das müssen Sie unbedingt wieder machen“ von Richter, die er auch befolgte. Aber das nächste Mal fand das Treffen unter dem bewusst neutralen, aber offiziellen Namen, „Die Gruppe 47“, statt. Wie die Schilderung ze igt, liegt ihre erste Auffälligkeit bereits in ihrer „Geburt“. Sie wurde nicht vorsätzlich gegründet, wie es bei anderen literarischen oder kulturellen Vereinen oder Institutionen üblich ist, sondern sie hat sich aus einer kuriosen Eigendynamik heraus eher selbständig ins Rollen gebracht und war von da an nicht mehr aufzuhalten.
III. DIE LITERATURKRITIK DER „GRUPPE 47“ IN DER
KONSTITUTIONSPERIODE (1947-1949)
Zu den Sitzungen lud Hans Werner Richter ein. Er war zwar der Initiator der Gruppe, sah sich jedoch nicht als Ranghöchsten an - eine Hierarchie gab es nicht. Er verschickte formlose, handschriftliche Postkarten mit Ort und Datum der Treffen und lud bis auf „begabte Ausnahmen“ ein, wen er einladen wollte. Die Ausgewählten waren immer junge, unbekannte Autoren, die noch nichts veröffentlicht haben. Prominente Schriftsteller, etwa der zwanziger Jahre, ganz gleich ob Emigranten oder nicht, sparte Richter aus. Mit der „Gruppe 47“ wollte er neu anfangen, ohne die Hilfe schon bekannter und berühmter Literaten. Er wollte eine Zäsur zwischen den Generationen und den Zeiten schaffen, um neuen Talenten Platz zu machen.
Die Lesungen fanden nach einfachen Spielregeln statt: Lesen aus unveröffentlichten Arbeiten und Verbot für den Autor, sich an der anschließenden, kritischen Diskussion zu beteiligen. Die Besucher durften keine Fragen stellen, auch nicht, wenn sie etwas aus akustischen Gründen gar nicht oder falsch verstanden haben. Mit diesen „Nebenwirkungen“ der Mündlichkeit mussten die Anwesenden rechnen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Textrezeption, nämlich dem Lesen, konnten die Mitglieder keine Zeile zwei Mal hören. Verpasst war verpasst.
Die „Gruppe 47“ war ihr eigener Chef und musste sich keinen Vorschriften „von oben“ unterwerfen. So konnten ihre Mitglieder die Texte nach eigenem Belieben beurteilen. Dafür entwarfen sie persönliche, geschmackliche Richtlinien und forderten die „Kahlschlagliteratur“:
eine auf Aussage zielende Sprache, ihre Reduzierung auf das Notwendige, eine Hinwendung zu ihrem unmittelbaren Realitätsbezug und die Abkehr von den schönen Worten. Sie schufen neue Wertmaßstäbe und befürworteten in ihrer Kritik folglich eine Literatur mit ehrlicher, authentischer und schnörkelloser Sprache. Richter:
Bewusst war allen, was sie ablehnten, verpönt war die bürgerliche Kunstsprache. Alles
erschien veraltet, verrostet, verlogen: der schöne Satz, die gepflegte Sprache, ja, die
stilisierte Schönschreibkunst in all ihren Variationen. Nichts hatte mehr Bestand vor der
Wirklichkeit, in der wir lebten. Eine neue Sprache war notwendig, um diese Wirklichkeit
transparent zu machen, eine Sprache der direkten Aussage, klar, eindeutig, präzise. 3
Die Besprechungsform war die „mündliche Sofortkritik“ und spiegelte die spontane, unzensierte Reaktion der Anwesenden auf das Werk wider. Der Akzent der Kritik lag auf der Schreibweise. Es ging der Gruppe nicht um inhaltliche Auseinandersetzungen über die Interpretationen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Kritik war emotional und durch eine produktive Rücksichtslosigkeit gekennzeichnet. Auch erregte Zwischenrufe, die aus Ungeduld nicht zurückgehalten wurden, kamen in den ersten Jahren auf den Tagungen vor. In negativer Form konnten diese in ihrer Unbedachtheit den Autor besonders hart treffen. So empörte Rudolf Krämer-Badoni zum Beispiel ein kritischer Einwurf auf der Sitzung am Bannwaldsee derart, dass er nach der Lesung sofort wegen angeblicher „Magenkrämpfe“ abreiste und in späteren Publikationen ein erklärter Gruppengegner wurde. Dass die Kritik in den ersten Jahren der Tagungen „aus dem Bauch heraus“ gefällt wurde und nicht wissenschaftlich begründet wurde, zeigt auch eine verwendete Gestik, die aus den Berichten der dritten Tagung in Jugenheim hervorgeht. Wenn die Teilnehmer mit einem Werk nicht einverstanden waren, drehten sie lediglich ihre Daumen nach unten und verlangten den Abbruch der Lesung. Die Kritisierenden urteilten vom „Schreibtisch-Standpunkt“ aus, und das anti-akademische Klima reflektierte den Geist des „Kahlschlags“. Die Kritik der „Gruppe 47“ war stark subjektbezogen. Der Kritiker urteilte rein nach Lust oder Unlust, nach Gefallen oder Missfallen. Er äußerte sein Gefühl, wie es ihm in dem Moment einfiel, und ohne einen wissenschaftliche Beleg für die in ihm wachgerufene Empfindung zu nennen. Diese Art der „interkollegialen Kritik“, wie Kröll sie nannte, hatte „Werkstattcharakter“ und war nur im Rahmen „freundschaftlicher Intimität“ möglich, „die nicht durch die Einflüsse einer Konkurrenz stiftenden, gruppenexternen literarischen Öffentlichkeit gestört wurde“. 4
3 Neunzig, Hans A. (Hg.): Hans Werner Richter und die „Gruppe 47“, S. 85.
4 Kröll, Friedhelm: „Gruppe 47“, S. 30.
Arbeit zitieren:
Annina Müller, 2004, Die Literaturkritik der Gruppe 47 und ihre Entwicklung, München, GRIN Verlag GmbH
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