Euripides
1. Einleitung
Ich möchte Euch zum Vortrag über das Euripides-Porträt Typus Rieti, welches heute im Archäologischen Museum i n Zürich mit der Inventarnummer 4821 zu bewundern ist, begrüssen.
Der folgende Vortrag gliedert sich in die Einleitung, dann wird übergegangen in eine kurze Biographie von Euripides, sodann folgt ein Gang ins nebengelegene Museum, wo das Euripides-Porträt beschrieben werden soll. Die Reise geht dann weiter in die Abgusssammlung. Dort wird der 2. bekannte Euripides-Typus vorgestellt, nämlich der Typus Farnese. Übersichtshalber wird wärmstens empfohlen das Handout mitzunehmen.
Wenn wir uns wieder hier oben versammelt haben, werden einige Interpretations-und Deutungsansätze vorgestellt.
Wenn dann alle konfus geworden sind, wird vielleicht die Zusammenfassung wieder zur allgemeinen Aufhellung beitragen.
2. Biographie
Euripides ist nach einer Überlieferung sehr wahrscheinlich 485/84 v. Chr. auf der Insel Salamis geboren. Sein Vater, Mnesarchos, war Kaufmann, seine Mutter hiess Kleito. In seiner Jugend soll Euripides ein erfolgreicher Athlet, dann soll er noch als Maler tätig gewesen sein. Schliesslich wurde er zum Tragiker. Nebst Aischylos und Sophokles war er der wichtigste attische Tragiker überhaupt, wobei seine Stücke erst postmortem mehrheitlich gewürdigt wurden. So gewann er einen ersten Preis für die Aufführung eines seiner Stücke erstmals 428 mit dem Theaterstück „ Hippolytos“. Insgesamt soll Euripides 92 Stücke geschrieben haben, wovon uns aber nur 18 erhalten geblieben sind. Bei den Athener war er nicht sonderlich beliebt, so dass er um 408 freiwillig ins Exil nach Makedonien ging, und dort auch verstarb. Pausanias berichtet uns in seinem ersten Buch der Beschreibungen Griechenlands über die Todesursache von Euripides folgendes: „ ..., die Art seines Todes, sie ist nämlich von vielen erzählt worden, mag so sein, wie man sagt ...“
Weiters hat uns Pausanias noch überliefert, dass die Athener für Euripides ein Kenotaph errichtet haben. Das wird später noch von Relevanz sein. Über seinen Charakter ist uns durch antike Autoren erhalten geblieben, dass er ein Einzelgänger war, die Menschenmasse mied, nie zu Scherzen, nicht einmal beim Weingenuss, aufgelegt war und die Frauen hasste. Trotzdem hatte er das Glück, zweimal verheiratet gewesen zu sein. Aus diesen beiden Ehen sind drei Söhne entsprossen. Der jüngste dieser Söhne, welcher auch Euripides hiess, führte die noch nicht dargebotenen Stücke seines Vaters auf.
3. Beschreibung des Zürcher Euripides-Porträts, Typus Rieti
Dieses 30,4 cm hohe marmorne Porträt eines bärtigen Mannes gesetzteren Alters weist folgende Beschädigungen auf:
Nebst der einst restaurierten und nun wieder entfernten Nase, ist auch der Halsansatz modern überarbeitet worden, um den Kopf auf eine moderne Büste stellen zu können. Daher ist es auch nicht mehr möglich zu beurteilen, ob das Porträt von einer Herme stammt oder von einer Statue. Beide, die Büste und die Nase, wurden also entfernt. Bei der Nase wurde noch ein Dübelloch, das zwecks Einpassung für die moderne Nase angebracht wurde, nun wieder zugefüllt. Grössere Beschädigungen weisen auch noch das linke Ohrläppchen auf, ebenso ist eine Locke am Hinterkopf malträtiert. Gleich ist es dem Schnurrbart auf der linken Seite ergangen.
Kleinere Beschädigungen sind wohl die über den ganzen Kopf verteilten Verwitterungsspuren, gut zu sehen auf der linken Wange, auf der rechten Stirnseite und am Oberkopf (Richtung Stirn laufend). Kleinere Bestossungen erkennt man gut an der linken Augenbraue, wie auch am Bartrand links unten.
Wenn man das Porträt von vorne betrachtet ist besonders prägnant, dass ungefähr auf Höhe der Ohren bzw. leicht oberhalb von diesen, sich das Haar wie staut, sich eine Haarmasse bildet. Auch fällt der wuchtige Bart auf, der fast einen Drittel der gesamten Vorderansicht in Anspruch nimmt. Insgesamt scheint die Haaranordnung
wild und ungepflegt. Der Schnurrbart ist asymmetrisch, l inks läuft er fast in einer
Horizontalen in den Bart über, rechts hingegen kann man eine Rundung erkennen. Vom Mund lässt sich praktisch nur die Unterlippe ausmachen, die Oberlippe ist abgesehen von einem kleinen Mittelteil verdeckt. Er kommt tief zu liegen, was man besonders von der Seitenansicht gut sehen kann.
Der Bart wölbt sich nach vorne, läuft in einer Rundung zum Mund hin. Von der Seite sieht man die Unterlippe nur ganz leicht angedeutet. Der wiederum hervortretende Schnurrbart unterstreicht dann diese „S“-Form.
Die Nasolabialfalten sind leicht angedeutet, treten nicht übermässig hervor, gleich verhält es sich mit den schwach gebildeten Backenknochen bei dieser Replik. Die kontraktierten Augenbrauen, verbunden mit den kleinen, tiefliegenden Augen ergeben den wohl von vielen Archäologen schon beschrieben „düsteren“ oder „mürrischen“ Ausdruck., wahrscheinlicher ist aber, wie wir schon im letzten Proseminar gehört haben, dass damit ein Nachdenken, eine Intellektualität zum Ausdruck gebracht werden soll. Sofort ins Auge sticht das relativ weite Überhängen der Augenbrauen über die Augen. Die zwei Stirnfalten, die hier schon fast in einer langen Paralelle verlaufen, unterstreichen die Stirn. Sie sind markant in den Marmor eingeschnitten worden.
In der Stirnmitte springen die beiden zueinander gerichteten Locken ins Auge, die fast bis zur ersten Stirnfalte hinabreichen. Links davon befindet sich eine weitere grössere Locke, welche sich der linken in der Bewegung anschliesst. Dank diesen langen, in die Stirn fallenden Locken wird die ansonsten hohe Stirn begrenzt. Die hohe Stirn ist gut auf der rechten Seite sichtbar, da wo sich zwei grosse Locken teilen.
Betrachtet man das Porträt von der linken Seite, erkennt man sofort die vielen Lockenbündel, die sich über das Ohr ergiessen. Die Locken verlieren sich an den Enden in Kringel.
Das linke Ohr wird bis zur Hälfte von dieser Haarmasse verdeckt. Am Übergang der Haarmasse zum Gesichtsteil schwingt sich eine dicke Locke von der Schläfe kommend und verleiht dem linken Teil mitunter eine gewisse Bewegung. Der Bartansatz von der Wange aus ist markiert durch kleine Locken, die dann in grössere und breitere übergehen. Dynamisch ist weiters die wirre Anordnung der Locken.
In der unteren Hälfte des Bartes laufen die Locken auf eine von der Mittelachse des Gesichts leicht versetzte Achse zusammen, nur um dann gleich wieder darunter auseinander zu dividieren.
Rechts spielt sich das gleiche Verwirrspiel ab, die Locken bilden oberhalb und auf Höhe des Ohres eine Masse, verdecken hier aber das Ohr soweit, dass nur noch das Ohrläppchen sichtbar ist. Auch hier enden die Locken in Kringel. Am oberen Teil des Hinterkopfes können wir, so scheint es, dann den Ursprung der meisten Locken ausmachen. Hier befindet sich ein grosser Wirbel, von dem alle grösseren Locken wegführen.
Der Nacken ist ausgespart, am Ende befinden sich zwei Lockensträhnen, die voneinander wegzeigen und die anderen Strähnen anzuordnen scheinen. Diese Replik wurde in iulisch-claudischer Zeit angefertigt, so schreibt jedenfalls Isler. Warum sie in diese Zeit datiert wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Dieses Stück stammt aus einer englischen Sammlung und wurde vom Arch. Mus. Zürich vor 2 Jahren angekauft.
Vom Typus Rieti sind insgesamt 7 Repliken bekannt, worunter auch eine Doppelherme miteingeschlossen ist und eine Variante des Typus Rieti, nämlich die Replik in München, die sich von den anderen eigentlich nur durch die Stirnglatze unterscheidet. Um diesen Typus etwas genauer herauszuarbeiten und dem Original auf die stilistische Spur zu kommen, soll im Folgenden ein Vergleich mit 2 Repliken vorgenommen werden.
4. Replikenvergleich
a) mit dem Londoner Euripidesporträt
Diese Replik steht heute in London im British Museum. Die Höhe des Porträts einschliesslich des Halses beträgt 35 cm, der Kopf alleine ist 31,3cm hoch. Speziell an dieser Replik ist, dass sie als einzige der bekannten Repliken die originale Nase besitzt, aus diesem Grund habe ich sie als Vergleichsstück genommen. Betrachtet man vorerst das Haupthaar, so fällt auf der Stirnmitte die Haarzange auf. Beide Lockenglieder sind bei den zwei Porträts ungefähr gleich lang. Weiters reichen sie bei den beiden Repliken fast bis zur ersten Stirnfalte. Die Haarzangen werden
jeweils rechts abgelöst durch die gleiche Lockenanordnung, nämlich diesen zwei bzw. drei Locken. Sie unterscheiden sich zwar in der Länge, so sind sie beim Zürcher Kopf gleich lang, beim Londoner Kopf unterscheiden sie sich. Doch das dürfte auf Kosten der Kopisten zurückzuführen sein. Auf jeden Fall ist das Grundmuster das Gleiche. Verstärkt wird dieser Eindruck von der seitlich sich befindlichen Haaraussparung, sowie der daran anschliessenden relativ grossen Locke. Verfolgt man weiter die Haargestaltung am rechten Gesichtsrand, so sieht man die folgende Locke, wie sie gegen das Gesicht hin ausläuft, die nächste dann zeigt nach unten. Ebenso wie auf dem Zürcher Stück ist auf dem Londoner Porträt das Ohr bis aufs Ohrläppchen verdeckt. Oberhalb dessen erkennt man drei charakteristische Locken, die erste lappt noch mit dem gekringelten Ende übers Ohrläppchen, von der zweiten ist nur noch das Ende ersichtlich, sie zeigt vom Ohr weg, die dritte läuft in die zweite Locke hinein. Besonders schön lässt sich die schon erwähnte „S“-Form am Profil des Bartes bis zum Schnurrbart vergleichen. Der mächtige Kinnbart springt deutlich hervor und läuft dann zurück zum Mund, von dem nur gerade die Unterlippe bei genauem Hinsehen sichtbar ist. Aber auch die tiefliegenden Augen mit dem schwach angedeutetem Oberlid sind bei beiden Repliken ähnlich herausgearbeitet worden. Weiters ist der Schnitt der Nackenhaare und besonders ihr Abschluss ähnlich, nämlich die Haare verlaufen nach unten bzw. Richtung Gesicht hin. Der Hauptwirbel am oberen Hinterkopf sowie die einzelnen von diesem ausgehenden Locken lassen sich weiters vergleichen.
Auch auf der rechten Profilseite finden sich einige interessante Analogien. Nebst dem fast identischen Umriss, weisen wiederum die Lockengestaltung oberhalb des Ohres und die der daran anschliessenden Gestaltung der Bartmasse eine frappante Ähnlichkeit auf. So z.B. die Zangenstruktur der beiden hinter dem Ohr zu liegen kommenden Strähnen. Oberhalb des Ohres schlängelt sich eine Locke über das Ohr und wird von einer anderen verdeckt, die den Beginn der an der linken Seite heraustretenden Haarmasse bildet. Bei beiden Repliken wird das linke Ohr etwa bis zur Mitte vom Haar verdeckt. Das Haar von der Schläfe ausgehend bündelt sich in einer geschwungenen Locke, wobei der Kopist beim Zürcher Stück sie mächtiger in Szene stetzt. Unterhalb des Ohres und dieser Locke reihen sich vier kompositorisch ähnlich angeordnete Haarsträhnen aneinander, die alle in die gleiche Richtung verlaufen.
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Roger Minikus, 2000, Das Porträt des Euripides Typus Rieti im Archäologischen Museum Zürich, Inv. 4821, Munich, GRIN Publishing GmbH
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