Inhaltsverzeichnis:
Titel Seiten
1. Einleitung 1-2
1.1. Stalins Fluch 1
1.2. Die Rahmenbedingungen der Diskussion 2
2. Die Diskussion im VDI 2-8
2.1. Der Diskussionsverlauf 2
2.2. Die Streitpunkte der Diskussion 7
2.3. Der Schiedsspruch der Redaktion 8
3. Schlussbetrachtung 9-11
3.1. Die Qualität der Bundeslösung 9
3.2. Das Potenzial des Deutschen Bundes 10
4. Anhang 12
4.1. Literaturliste 12
1
1. Einleitung
1.1. Stalins Fluch
„Die Revolution der Sklaven beseitigte die Sklavenhalter und hob die Sklaverei als Form der Ausbeutung der Werktätigen auf: An die Stelle der Sklavenhalter setzte sie aber Feudalherren und die Leibeigenschaft als Form der Ausbeutung der Werktätigen.“ 1
Diese Worte Stalins, entnommen aus einer Rede vor den Stoßarbeitern der Kollektivwirtschaften aus dem Jahre 1933, stellten den Beginn einer fast vierzig Jahre andauernden Revolutionssuche der sowjetischen Geschichtsforschung dar, an deren Ende die „‚Abschaffung’ der Antike als eigenständiger und eigengesetzlicher sozialökonomischer Formation“ 2 stehen sollte. Die unmittelbaren Folgen, die sich aus diesem für die sowjetische Geschichtsschreibung noch recht unverbindlichen Zitat ergaben, fasste Stalin fünf Jahre später konkreter zusammen:
„Also ist die allererste Aufgabe der Geschichtswissenschaft die Erforschung und Aufdeckung der Gesetze der Produktion, der Entwicklungsgesetze der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, der ökonomischen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft.“ 3
Daran, dass Stalin als Ergebnisse solcher Untersuchungen vor allem der Nachweis dialektischer Übergänge in allen fünf grundlegenden Produktionsverhältnissen 4 vorschwebte, ließ er keinen Zweifel 5 . Somit waren die Rahmenbedingungen für die Alte Geschichte zu Lebzeiten Stalins verbindlich festgelegt, ihre Aufgabe eindeutig formuliert: Es galt, anhand der Erforschung der Geschichte die Wahrheitsansprüche der stalinistischen Ideologie nachzuweisen - konkret stellte dies die Aufforderung an die Althistoriker dar, sich auf die Suche nach einer Sklavenrevolution zu begeben, die das Ende des römischen Reiches besiegelt hätte 6 . Welche Probleme sich aus dieser Vorwegnahme der Ergebnisse, aus dieser Funktionalisierung der Alten Geschichte zu einem bloßen Beweisproduzenten für Stalins Marxinterpretationen ergaben, und in welchem Maße sich die Forscher bemühten, den theoretischen Zwängen zu entfliehen oder auch gerecht zu werden, zeigt die große Diskussion im VDI 7 , in welcher man sich von 1953-1955 8 eingehend mit der Frage nach dem Charakter des Überganges von der Antike zur Feudalordnung befasste, in aller Deutlichkeit, insofern als sie paradigmatisch für den Beginn einer neuen Etappe 9 in der Alten Geschichte der Sowjetunion steht, „in
1 J. W. Stalin, Fragen des Leninismus, Berlin 1951, 498 (künft. zit.: Stalin).
2 W. Backhaus, Marx, Engels und die Sklaverei, Düsseldorf 1974, 13 (künft. zit.: Backhaus)
3 Stalin, 667
4 Ebd. 670.
5 Ebd. 677.
6 F. Vittinghoff, Die Theorie des historischen Materialismus über den antiken Sklavenhalterstaat, Saeculum 11 (1960), 108-111 (künft. zit.: Vittinghoff 1960)
7 Vestnik Drevnej Istorij
8 Backhaus und Koch datieren die Diskussion auf die Jahre 1951-1955, entsprechend der Abhandlungen Seyfarths, der jedoch übersieht, dass die ausdrückliche, von dem VDI angeregte Diskussion erst mit dem Artikel
von Staerman beginnt. Vgl. hierzu: Vitttinghof 1960.
9 Backhaus, 14.
2
der man sich erstmalig ernster mit den Quellen auseinandersetzte und das Problem marxistisch neu durchdachte.“ 10 .
1.2. Die Rahmenbedingungen der Diskussion
Paradoxerweise veranlasste nicht die befreiende Tatsache von Stalins Tod das Zustandekommen der Diskussion. Vielmehr war es gerade dieser Tod Stalins, den die Redaktion des VDI zum Anlass nahm, von ihren Forschern den schon so lange ausstehenden Beweis der Stalinthesen einzufordern. In einem Nachruf auf den Verstorbenen hebt die Redaktion dessen Arbeit „Über den dialektischen und historischen Materialismus“ ausdrücklich hervor und betont deren Bedeutung für die sowjetische Forschung. Stalin habe klar und deutlich die Aufgaben der Geschichtsforschung formuliert und die Historiker gelehrt die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens „von dem Standpunkt der Gesetzmäßigkeit revolutionärer Umwälzungen“ 11 zu betrachten. 12
„Für eine schöpferische Bearbeitung der ökonomischen Fragen der Sklavenhaltergesellschaft“ 13 wirbt die Redaktion im Anschluss an den Nachruf und fordert damit zu einer offenen Diskussion des Problems unter den Vorgaben der Stalindogmatik auf. Dieser habe gezeigt, dass „die grundlegenden Stellungnahmen der Marxschen Theorie der Reproduktion Kraft nicht nur für die kapitalistische, sondern auch für alle anderen Gesellschaftsformen [besäßen]“ 14 .
Wie der Diskussionsverlauf jedoch zeigen sollte, glückte dieser Versuch, Stalins „Revolutionsfluch“ auch über dessen Leben hinaus noch Wirkungsmacht zu verleihen, nicht ganz. Die befreiende Wirkung seines Todes blieb nicht aus und führte zu einer deutlichen Abkehr von den Arbeiten Stalins seitens der Forscher, die sich allein praktisch darin äußerte, dass nur drei der acht Diskussionsteilnehmer Stalin ausdrücklich zitierten und von diesen dreien nur Kowaljow versuchte, dessen grundlegende Vorgaben zur Marxinterpretation in Ansätzen zu übernehmen 15 . Die Diskussion fand in Abwesenheit Stalins statt - im physischen wie im psychischen.
2. Die Diskussion im VDI
2.1. Der Diskussionsverlauf
Die VDI-Diskussion realisierte sich in acht Artikeln, die sich mehr oder weniger konkret mit der übergeordneten Thematik befassten und endete mit einem Schiedsspruch der Redaktion im Jahre 1956, in dem die einzelnen Thesen kritisch betrachtet, die Arbeit der Forscher gerügt und gelobt wurde. Im Folgenden sollen die Hauptstreitpunkte der Diskussion, also die Frage nach der Interpretation der Klassiker, und die
10 F. Vittinghoff, Die Bedeutung der Sklaven für den Übergang von der Antike ins abendländische Mittelalter, HZ 192 (1961), 265 (künft. zit.: Vittinghoff 1961).
11 Pamjati Josifa Wissarionowitscha Stalina (Josif Wissarionowitsch Stalin zum Gedenken), VDI, 1953/1,11.
12 „Es gibt keine hochachtungsvollere und ehrwürdigere Aufgabe für sowjetische Historiker, als die Aufgabe tiefsten Studiums und schöpferischer Aneignung der Arbeiten J. W. Stalins, der Verwirklichung seines großartigen
Vermächtnisses.“, ebd.13.
13 Sa twortscheskuju rasrabotku woprosow ekonomiki rabowladeltscheskogo stroja (Für eine schöpferische Bearbeitung der ökonomischen Fragen der Sklavenhaltergesellschaft), VDI, 1953/1, 14-21.
14 Ebd. 20.
15 Schtajerman (57, 62), Kashdan (77.79,84) und Kowaljow (35).
3
Frage nach deren Vereinbarkeit mit den historischen Fakten, der Erscheinungsform des Kolonats, dem Charakter der Sklaverei und diversen Massenbewegungen, genauer beleuchtet werden. Im ersten Artikel 16 über „Das Problem des Niederganges der Sklavenhalterordnung“ datiert J. M. Schtajerman den Beginn feudaler Beziehungen und das Ende der Sklavenhaltergesellschaft auf das 3. Jahrhundert n. Chr. und setzt es in Beziehung zu dem Beginn der Dominatszeit.
„Die Krise des 3. Jh. endete mit der Niederlage der alten Gruppen der Sklavenhalter. Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Strukturen löste der Kolone den Sklaven ab, im Hinblick auf die politischen folgte dem Imperium, das von einem breiten Block der Sklavenhalter repräsentiert wurde (Prinzipat), ein Imperium, welches zum Organ der Großgrundbesitzer geworden war (Dominat).“ 17
Sie sieht also im Kolonat das feudale Konkurrenzmodell zur Sklaverei und folglich in dessen Vorherrschaft den Beginn feudaler Beziehungen. Revolutionäre Massenbewegungen sieht sie erst im Anschluss an den Sieg der Großgrundbesitzer gegeben, welche sie zum Teil als antifeudal, zum Teil gegen die Reste der Sklavenhaltergesellschaft gerichtet sieht:
„Demzufolge beginnt die allgemeine Krise der Sklavenhalterordnung mit der Zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts, im 3. Jahrhundert herrscht bereits der Krieg zwischen alten und neuen Wirtschaftsformen, welcher mit einem Sieg der letzteren endet. Vom Beginn des 4. Jahrhunderts an ist es schon nicht mehr möglich von dem Bestehen der Sklavenhalterordnung, von den Klassen der Sklaven und Sklavenhalter als grundlegenden, bestimmenden Klassen zu sprechen. Es beginnt eine Übergangsperiode, die voll ist von revolutionären Bewegungen der Massen, geprägt vom Krieg mit den Überbleibseln der Sklaverei, die die Entwicklung der neuen Ordnung hemmen, und endet mit der Entstehung früher feudaler Verhältnisse in bestimmter Form konkret-historischer Bedingungen für jedes Gebiet der römischen Welt.“ 18
Gegen die Ausführungen Schtajermans richtet sich A. P. Kashdan in seinem Artikel über „Einige Streitfragen der Entstehungsgeschichte der Feudalbeziehungen im römischen Imperium“ 19 . Die Sklavenhalterordnung habe über das dritte Jahrhundert hinaus existiert:
„Wir können nur sagen, dass es keine genügenden Grundlagen gibt für die Vermutung, die Sklaverei habe sich schon im 3. Jahrhundert überlebt und aufgehört, Grundlage der Produktion zu sein. Bis ins fünfte und sechste Jahrhundert hinein spielte die Sklavenarbeit eine existentielle Rolle.“ 20
16 J. M. Schtajerman, Problema padenija rabowladeltscheskogo stroja (Das Problem des Niederganges der Sklavenhalterordnung), VDI 1953/2, 51-79 (künft. zit.: Schtajerman).
17 Ebd. 77.
18 Ebd. 79.
19 A. P. Kashdan, O nekotorych spornych woprosach istorii stanowlenija feodalnyx otnoscheni w rimskoj imperii (Einige Streitfragen der Entstehungsgeschichte der Feudalbeziehungen im römischen Imperium), VDI, 1953/4,
76-106 (künft. zit.: Kashdan).
20 Ebd. 88.
Arbeit zitieren:
Mattis List, 2003, Do svidanja Stalinu! Die Absage sowjetischer Historiker an stalinistische Dogmatik der Marxinterpretation, dargestellt am Beispiel der VDI-Diskussion in den Jahren 1953-1955, München, GRIN Verlag GmbH
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