Inhaltsverzeichnis:
Titel Seiten
1. Einleitung 1 3
1.1. Die Frage nach der Rezeptionswürdigkeit der ersten Rhetorik 1
1.2. Historischer Überblick - Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der
Rhetoriken 2
2. Das System der ersten lomonosov’schen Rhetorik 4 10
2.1. „Über das Erfinden von Ideen“ Lomonosovs inventio 5
2.2. „Über das Schmücken“ Lomonosovs elocutio 8
2.3. „Über das Anordnen“ Lomonosovs dispositio 9
2.4. „Über das Vortragen“ Lomonosovs pronuntiatio 10
3. Besonderheiten der ersten lomonosov’schen Rhetorik 10 14
3.1. Signifikantenorientierte Erweiterung von Gottsched und Wolff 10
3.2. Autobiographische Dimensionen des Rhetorikkonzepts 12
3.3. Charakter der lomonosov’schen Rezeption antiker Rhetorik 13
4. Schlussbetrachtung: Indizien einer erweiterten Rhetorikkonzeption in der
„Kurzen Anleitung zur Rhetorik“ 14
5. Anhang 16 29
5.1. Literaturverzeichnis 16
5.2. Übersetzung der „Kurzen Anleitung zur Rhetorik“ 17
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1. Einleitung
1.1. Die Frage nach der Rezeptionswürdigkeit der ersten Rhetorik
Lomonosovs erste Abhandlung über die Wissenschaft der Rhetorik, die „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ als kleinen Bruder der umfassenden zweiten rhetorischen „Kurzen Anleitung zur Redekunst“ zu bezeichnen, würde das Maß tolerierbaren Schmeichelns und verträglicher Schönfärberei in jedem Falle übersteigen. Die erste Rhetorik Lomonosovs lässt sich wohl eher als uneheliches Kind - oder treffender noch: als beklagenswert missbrauchtes Versuchskaninchen der zweiten Rhetorik bezeichnen, zeichnet sie sich in Bezug auf diese doch durch ein dermaßen hohes Maß an Inkonsequenz in Struktur und Logik aus, dass man sie als nichterwähnenswert abtun müsste, gäbe es nicht ihre erwähnte große Nachfolgerin, mit deren Hilfe es möglich ist, auch dem ersten Rhetorikentwurf einiges Nennenswertes zu entlocken. Und dies soll mit der vorliegenden Arbeit auch versucht werden: darzulegen, inwiefern schon die erste Rhetorik des russischen Workaholics Lomonosov bemerkenswerte Tendenzen und Aspekte einer Rhetorikdefinition aufweist, die dessen zweitem Rhetorikversuch zu der vielbeachteten Resonanz verhalfen. Lomonosovs „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ verweist neben der Vielzahl an inhaltlichen Mängeln auf ein vielschichtiges, umfassendes Rhetorikverständnis, das neben autobiographischen und der russischen Sprache spezifischen Prägungen auch die kulturellen Strömungen des Barock 1 und die beachtlichen Auswirkungen der russischen Diglossie auf Denken und Weltsicht russischer Wissenschaft in sich vereinigt und verteidigt 2 . So lassen sich die unübersehbaren Mängel des ersten rhetorischen Werks mitunter gerade auf das bei Lomonosov bereits vorgeformte um vieles umfassendere, aber noch nicht bis in alle Konsequenzen entwickelte Rhetorikkonzept zurückführen. Der gescheiterte erste Versuch des Dichters, eine hochwertige und der russischen Sprache spezifische Rhetorik auszuarbeiten, hat seinen Ursprung in dem schon zu Zeiten des ersten Werkes viel tiefer gehenden Rhetorikverständnis, welches der Redekunst einen universalen Zuständigkeitsbereich einräumt, der sich auf Prosa und Poesie bezieht. Was wie inhaltliche Mängel, definitorische Inkonsequenzen und unpräzise Gedankengänge wirkt, ist Folge einer binären Konzeptualität
1 Vgl. F. Gaede: Poetik und Logik. Zu den Grundlagen der literaturtheoretischen Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert. Bern, München, 1978, S. 56 ff.
2 Vgl. Murasov, Juri: Jenseits der Mimesis. Russische Literaturtheorie im 18. und 19. Jahrhundert. Von M.V. Lomonosov zu V.G. Belinskij. München, 1993, S. 38-48, (künftigk zitiert: Murasov).
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des Werkes, welches sich einerseits auf die reine „Oratorie“ 3 , die Rhetorik der Prosa zu beziehen vorgibt, dieses Konzept aber andererseits schon überwunden hat. Um diese bereits enthaltenen Aspekte der ersten Rhetorik Lomonosovs aufzuzeigen, soll zunächst deren System kurz erläutert und daraufhin anhand prägnanter Beispiele das übergeordnete Rhetorikkonzept vor dem Hintergrund des Bezugs zur antiken Rhetorik, der autobiographischen Dimension, der Rezeption Wolffs und Gottscheds und der „Kurzen Anleitung zur Redekunst“ (der umfassenden zweiten Rhetorik des Dichters und Physikers) dargelegt werden. Vorangehen soll dem ganzen ein kurzer historischer Überblick über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Rhetoriken Lomonosovs.
1.2. Historischer Überblick - Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Rhetoriken
Die erste „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ geht auf das Jahr 1743 zurück. In diesem Werk verwertete Lomonosov nach seinem Auslandsaufenthalt in Deutschland die neuen Erkenntnisse, die sich aus einer umfassenden Lektüre deutscher Wissenschaftler, insbesondere aus einer fruchtbaren Rezeption des deutschen Logikers Christian Wolff und des Verfassers der „Ausführlichen Redekunst“, Johann Christoph Gottsched, ergaben 4 . Schon in seiner Zeit als Student an der Moskauer Universität hatte er eine Rhetorik in russischer Sprache erarbeitet, die Erkenntnisse antiker rhetorischer Schriften verwertete. Die Petersburger Akademie nahm die „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ jedoch nicht an, sondern bat Lomonosov um eine erweiternde Überarbeitung des Konzepts. Im Jahre 1748 ging dann die erweiterte Rhetorik, die „Kurze Anleitung zur Redekunst“ in Druck 5 . Lomonosov hatte die ursprüngliche Fassung stark überarbeitet, insbesondere viele Beispiele aus griechischer, lateinischer, französischer, deutscher und russischer Literatur angeführt. Auch lag der neuen Rhetorik jetzt eine ursprüngliche Dreiteilung zugrunde, deren Teile die „Rhetorik“, die „Oratorie“ und die „Poesie“ umfassen sollten. Die letzen beiden Teile wurden jedoch nie angefertigt, weil Lomonosov von Arbeiten im Bereich anderer Wissenschaften zu stark beansprucht wurde 6 . Das neue Konzept mit seiner Dreiteilung weist jedoch auf ein Zugeständnis an die Redekunst hin, das Lomonosov der Rhetorik prinzipiell schon im ersten Entwurf gemacht hatte: die
3 Vgl. Lomonosov, M.V.: Kratkoje rukovodstvo k ritorike, in: ders.: Trudy po filologii. 1739-1758. Hg. von der Akademie der Wissenschaften, Moskau, 1952: «Риторика учит сочинять слова прозаические. Ф о сложении поэм предлагает поэзия.» („Die Rhetorik lehrt, Prosaworte zu verfassen, aber über die Erstellung von Gedichten lehrt die Poesie.“), (künftig zitiert: Lomonosov, Kratkoje rukovodstvo).
4 Vgl. Murasov, S. 27ff.
5 Vgl. Grasshoff, Helmut: Michail Lomonossow. Der Begründer der neueren russischen Literatur, Halle, 1902, S. 69ff.
6 Vgl. Kurylew, I. W., in: Ocerky po istorii russkogo jasyka i literatury XVIII veka. Lomonosovskyje ctenija, hg. von W. M Markow, Kasan, 1969, S. 57-63.
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umfassende Bedeutung der Rhetorik, nicht nur für Prosatexte, sondern auch für die Poesie. Zur Verschiedenheit der beiden Werke äußerte sich I. W. Kurylew wie folgt: „Wenn man die Rhetorik des Jahres 1743 mit der späteren, bei weitem umfassenderen Ausgabe der ‚Kurzen Anleitung zur Redekunst’ vergleicht, dann wird klar, das Lomonosov die prinzipiellen Thesen weiterentwickelt und das Buch in eine umfassende Begründung seiner Ansichten im Bereich der Literaturtheorie verwandelt hat.“ 7 Die zweite Rhetorik Lomonosovs erfreute sich in Russland einer überaus großen Beliebtheit, sie wurde zum „Handbuch des russischen Lesers im Zeitraum des gesamten 18. und zu Beginn des
19. Jahrhunderts“ 8 und machte ihren Verfasser zum „anerkannten Vater der russischen Redekunst“ 9 . Aber auch in Bezug auf die Entwicklung der russischen Schriftsprache kam dem Werk, wie auch den übrigen literarischen Arbeiten Lomonosovs, eine große Rolle zu, die Schuvalov in Worte zu fassen versuchte:
„Er eröffnete uns die Schönheiten und Reichtümer unserer Sprache, ließ uns ihre Harmonie spüren, zeigte uns ihre Anmut und beseitigte ihre Grobheit.“ 10 Auch wird den literaturtheoretischen Arbeiten Lomonosovs heute ein nachhaltiger Einfluss auf das Zustandekommen der materialistischen Ästhetik attestiert 11 . Die Rolle der Rhetorik als spezifisch „russische“, was die Weigerung Lomonosovs, das Werk ins Lateinische zu übersetzen, unterstrich, war sicherlich mit ein Grund für ihren grundlegenden Erfolg und den Einfluss, den sie auf die Entwicklung der russischen Schriftsprache ausübte. Die Tatsache, dass Lomonosov das Werk in einfacher russischer Sprache verfasste und so einem breiten Leserkreis zugänglich machte, stellte auch den ersten Schritt einer Demokratisierung von Bildung in Russland dar 12 :
„Es ist schwer, sich die Entwicklung einer Literatursprache, einer Poetik und letztendlich einer Grammatik in Russland vorzustellen, ohne die grundlegenden Arbeiten Lomonosovs.“ 13
7 Ebd. S. 58.
8 Morosov, A.A., in: Lomonosov. Sbornik statjej i materialov. hg. von V. L. Cenakal. Moskau, Leningrad, 1965, S. 273.
9 Koltunova, M. V.: Jasyk i djelovoje obschenije. Normy, ritorika, etiket, Moskau, 2002, S.172.
10 Zit. nach: ebd. S. 172.
11 Kuryljev, I.V., in: Otscherku po istorii russkogo jasyka i literatury XVIII veka, hg. von V.M. Markov, Kasan, 1969, S. 57-63.
12 Vgl.: Velichov, J.P.: Michail Vasiljevitsch Lomonosov. 1711-1765. Moskau, 1965, S. 378 ff.
13 Ebd. S. 378.
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2. Das System der ersten Lomonosov’schen Rhetorik
Die erste Rhetorik Lomonosovs kommt dem Anspruch, eine „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ zu sein, relativ nahe: Auf rund 50 Seiten in 140 Paragraphen wird eine Anleitung zum Verfassen von öffentlichen und privaten Reden, schriftlicher und gesprochener Art geliefert, die sich in vier Aspekte der Produktion unterteilt, die jedoch nicht als Produktionsstadien bezeichnet werden können, da eine Unterteilung in zeitlich aufeinander folgende Abläufe oft nicht möglich ist: Erfindung (изовретение), Schmückung (украшение), Anordnung (расположение) und Vortrag (произношение) 14 . Ausgangspunkt ist die Rhetorikdefinition Lomonosovs, die der Rhetorik zwei wichtige Eigenschaften, die universale Kompetenz hinsichtlich des Stoffs und das rhetorische Ziel der Persuasion attestiert:
„Die Rhetorik ist die Wissenschaft, über jeden vorgelegten Stoff schön zu sprechen und zu schreiben, das heißt, oben genannten mit ausgewählten Reden vorzustellen und mit angemessenen Worten darzulegen, zu dem Zwecke, die Zuhörer und die Leser von der Richtigkeit desselben zu überzeugen.“ 15
Lomonosov weist der Rhetorik somit einen breiten Wirkungsbereich zu, wenn er nicht nur schriftlich verfasstes und wörtlich gesprochenes in diesen Wirkungsbereich der Rhetorik einbezieht, sondern auch den rhetorischen Stoff als alles das charakterisiert, über was zu sprechen sich lohnt:
Der rhetorische Stoff umfasst alles, worüber man reden und schreiben kann, das heißt alle bekannten Sachen auf der Welt, woraus sich klar ersehen lässt, dass ein Redner, der großes Wissen der gegenwärtigen und vergangenen Welt besitzt - also in vielen Wissenschaften bewandert ist - reichhaltige Stoffe besitzt für seine Redekunst. Und wer ein vollendeter Redner sein möchte, der muss sich bilden in allen Erkenntnissen und Wissenschaften, aber besonders in Geschichte und moralischer Philosophie. 16 Rhetorik ist Lomonosov zufolge ein in Rede oder Text gebannter Stoff, der in Rede oder Text gebannt wurde, um Hörer oder Leser von seiner Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Diesem Konzept folgen die Aspekte rhetorischer Produktion, die Lomonosov mithilfe der vier Teile, in die sich die Rhetorik unterteilen lasse, darlegt. Die Erfindung bezieht sich dabei auf die Stoffproduktion und kann als das Kernstück der Lomonosov’schen Rhetorik bezeichnet werden. Die anderen Produktionsaspekte, Schmückung, Anordnung und Vortrag, stellen im Kern eine Verarbeitung antiker Rhetoriktheorie im Mantel der russischen Sprache dar.
14 Vgl. Lomonosov, Kratkoje rukovodstvo, S. 24.
15 Vgl. ebd. S. 23.
16 Vgl. ebd. S. 23.
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Der Bezug zur klassischen Rhetoriktheorie ist offensichtlicher Natur: die vier Produktionsaspekte Lomonosovs verkörpern das antike Konzept von inventio, dispositio, elocutio, memoria und pronuntiatio, wobei die memoria von Lomonosov als nicht erwähnenswertes Konzept verworfen wird, weil es offensichtlich sei, dass „der […] schneller und mehr auswendig lernen [könne], der häufig seine und fremde Reden auswendig lernt“ 17 . Der Grund, warum im Folgenden, wie erwähnt, nicht von Produktionsstadien bei Lomonosov gesprochen werden soll, liegt an der besonderen Konzeption der Rhetorik, die sich größtenteils nicht auf einen zeitlichen Rahmen beziehen lässt, was auch die umgekehrte Abfolge von dispositio und elocutio (Schmückung und Anordnung) deutlich macht. Die bekannte Schwierigkeit, inventio, dispositio und elocutio scharf voneinander abzugrenzen 18 , war wohl auch Lomonosov bewusst, weshalb er auf ein Produktionsstadienkonzept von Anfang an verzichtete.
2.1. „Über das Erfinden von Ideen“ - Lomonosovs inventio
Die inventio Lomonosovs kann mit Sicherheit als der wichtigste Teil seiner Rhetorik, im Hinblick auf Kreativität wie auf Originalität, bezeichnet werden. Ihr liegt, wie Juri Murasov darlegte, eine äußerst produktive Rezeption des deutschen Logikers Christian Wolff, seines Schülers Johann Christoph Gottsched, sowie der Rhetorik Pomeys zugrunde 19 . Ausgangspunkt ist die Definition des Ideebegriffes, der die gesamte inventio dominiert: „Die Erfindung ist das Sammeln verschiedener Ideen, welche angemessen sind zum vorgelegten Stoff, über den der Redner sprechen oder schreiben möchte. Ideen heißen die Vorstellungen von Dingen in unserem Geist, z.B.: Wir haben eine Idee über Uhren, wenn wir uns sie selbst oder die Gestalt obengenannter ohne sie im Geiste vorstellen.“ 20 Die einfache Idee stellt die kleinste mögliche Einheit eines Gedankens dar, der dem rhetorischen Stoff angemessen ist, aus einfachen Ideen lassen sich verbundene - komplexe Ideen erstellen:
„Die Idee kann einfach oder verbunden sein: eine einfache besteht aus einer Vorstellung, eine verbundene aus zweien oder vielen, untereinander in Verbindung stehenden.“ 21 Um also den vorerst leeren Stoff mit Hilfe der Erfindung zu füllen, müssen zunächst einfache Ideen gesucht werden, die dann gemäß gewissen Regeln erweitert und verbunden werden.
17 Vgl. ebd. S. 79.
18 Vgl. Lausberg, Heinrich: Elemente der literarischen Rhetorik. 10. Auflage, München, 1963, S. 27f.
19 Vgl. Murasov, S. 27-38.
20 Vgl. Lomonosov, Kratkoje rukovodstvo, S. 25.
21 Vgl. ebd. S. 25.
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Diesem Zwecke dienen die Lomonosov’schen rhetorischen Topoi, die er wie folgt charakterisiert:
„Die zu findenden Sachen gibt es an sogenannten rhetorischen Orten, welche da sind: 1) Gattung und Art, 2) Ganzes und Teile, 3) leblose Eigenschaften, 4) lebendige Eigenschaften, 5) Name, 6) Handeln und Erleiden, 7) Ort, 8) Zeit, 9) Ursprung, 10) Grund, 11) Vorangegangenes und Nachfolgendes, 12) Merkmale, 13) Umstände, 14) Ähnlichkeiten, 15) Unähnliche und gegensätzliche Sachen, 16) Vergleiche.“ 22 Zur Anwendung dieser „rhetorischen Orte“ empfiehlt Lomonosov, zunächst den Stoff, das rhetorische Thema, in wichtige und offensichtliche Teile aufzuspalten, die es enthalte, die sogenannten Termini. Zu jedem dieser Termini sollten die genannten Topoi assoziativ befragt werden, woraus sich erste sogenannte primäre, weil dem Terminus unmittelbar zugrundeliegende Ideen ergäben. Diese könnten jede für sich nach dem gleichen Schema weiterbefragt und somit beliebig vervielfältigt werden, woraus sich sekundäre und sogar tertiäre Ideen ergeben.
In einem zweiten, grammatischen Schritt werden die gefundenen Ideen zu Sätzen, sogenannten Perioden, verbunden, die bis zu vier Glieder 23 erreichen können, wobei für jedes Glied die normale Satzform, bestehend aus Subjekt und Prädikat vorausgesetzt wird. Verbunden werden diese Perioden jeweils durch Verwendung verschiedener Konjunktionen .
Ein dritter Schritt erfüllt die schon zu Beginn der Rhetorik geforderte persuasive Qualität des Gesagten oder Geschriebenen, der Lomonosov schon in seiner inventio Tribut zollt: „Weiter muss der Redner Zuhörer und Leser von der Richtigkeit des dargelegten Themas überzeugen, deshalb ist es vonnöten, 1) dass sein Wort klar ist, 2) dass das Thema stichhaltig bewiesen wird, 3) dass bei den Hörern und Lesern Leidenschaft geweckt wird, [...]. Dem ersten Punkt dienen Erweiterung, dem zweiten Beweise, dem dritten gewundene Gedanken.“ 24
Entsprechend dem assoziativen Prinzip der Erfindung einfacher Ideen stellt Lomonosov ein Regelwerk vor, mit dessen Hilfe sich die einfachen Ideen beliebig erweitern lassen („Drittes Kapitel: Über das Erfinden von Erweiterungen“), Beweise erfunden werden können („Viertes Kapitel: Über das Erfinden von Beweisen“) und scharfsinnige Gedankengänge („Fünftes Kapitel: Über das Erfinden gewundener Reden und ausgeklügelter Gedanken“) entwickelt werden können. Dabei ändert sich die Vorgehensweise nicht: Weiterhin steht die assoziierende
22 Vgl. ebd. S. 27.
23 Lomonosov schließt längergliedrige Sätze nicht grundsätzlich aus, sieht sie aber auch nicht als den Regelfall an.
24 Vgl. ebd. S. 26f.
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Mattis List, 2003, Lomonosovs 'Kurze Anleitung zur Rhetorik' - Ansätze einer erweiterten Rhetorikdefinition, Munich, GRIN Publishing GmbH
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